Wir leben in einer Welt der Lüge. Von den frühen Christen bis zum späten Adorno hat sich diese Erkenntnis immer mehr gefestigt. Und heute, am Aussichtspunkt der Postmoderne, begreifen wir erst richtig, was der Alte meine, als er sagte: „Das Ganze ist das Unwahre.“ So stolpern wir durch die Museen und sehen: nichts als Fälschungen. Die Modiglianis, Rembrandts und Van Goghs fallen nur so von den Wänden unter den Entlarvungsblicken der Echtheitsinspektoren; es gibt nicht nur von jedem Künstler weit weniger echte Werke als gestern noch geglaubt, sondern es gibt überhaupt immer mehr falsche Dinge auf der Welt: Hitlers Tagebücher, Pamela Andersons Brüste und die meisten Fuffziger – alles falsch, alles gefälscht. Da wundern wir uns bei Nofretete über jarnischt mehr.
Schon ertappen wir uns bei dem Gedanken, echt oder unecht sei eigentlich egal, denn Nofretete ist sowieso ein Hirngespinst, eine kulturhistorische Chimäre, eine museologische Obsession. Genau wie die Mona Lisa, die andere Weltikone, die uns mit ihrem falschen Lächeln durch Raum und Zeit behext. Das ist schon alles äußerst unwirklich, und Unwirklichkeit ist überhaupt ein Signum unserer Epoche. Die um sich greifende Agonie des Realen hat schon den Menschen selbst erfaßt; ohne biometrischen Paß kann niemand mehr sicher sein, wer er eigentlich ist und wieviele. So weit ist es gekommen, daß wir die ganze Welt als Fälschung zu betrachten haben, auf der wir nur wie Avatare einer fremden, fernen Matrix herumgeistern. Und natürlich gibt es auf einer solchen Schein-Welt kein richtiges Leben im falschen.
Wenn aber alles bloß Schein ist und wir doch wissen, daß der Schein trügt, dann entsteht außer den Wonnen der Virtualität auch eine verzehrende Sehnsucht nach Echtheit. Dann ist dies nicht nur das Zeitalter der Fälschungen und Täuschungen, der Tricks und Effekte, der Hologramme und Prozessoren, sondern auch das Zeitalter der Entzauberungen, das seinen täglichen Tribut fordert. Daß dieser Tribut in Kunstwerken entrichtet wird, versteht sich. Schließlich stehen Artefakte gewissermaßen ontologisch auf der Kippe: sie sind ja ebenso künstlerische Werke wie künstliche Werke, und diese Kluft können sie bloß durch außerordentliche Authentizitäts-Anstrengungen überbrücken.
Daher diese unablässige, gigantische, vorherrschende, alles Eigentliche in den Hintergrund drängende Debatte um Zuschreibungen und Signaturen, um Original und Kopie, um echt und falsch, eine Debatte, die nicht nur in Sammlungen und Ausstellungen tobt, sondern den ganzen Kulturbetrieb erfaßt hat. Und das gilt nicht nur für die Werke, sondern auch die Schöpfer selbst. Denken wir zum Beispiel an Shakespeare, den es bekanntlich gar nicht gab. Seine Dramen und Sonette wurden in Wirklichkeit von einem unbekannten Dichter verfaßt, der nur zufällig Shakespeare hieß.
