Eran Yardeni, Gastautor / 02.03.2013 / 22:20 / 0 / Seite ausdrucken

Noch nie war es so einfach, ein Faschist zu werden

Eran Yardeni

In meinem ständig kleiner werdenden Freundeskreis galt ich seit eh und je als mittelmäßige Persönlichkeit mit einer unbeherrschbaren Zwangsneigung zum quasi-intellektuellen Sensationalismus. Am letzten Dienstag wurde ich aber herabgestuft. Jetzt bin ich abartig, närrisch, töricht, bösartig, gefährlich, moralisch völlig korrupt und dumm genug, um aus der traurigen Geschichte des deutschen Volkes gar nichts zu lernen. Nicht einmal die Tatsache, dass ich jüdisch bin und aus Israel stamme, konnte mich aus den Krallen des im Namen der Moral schreienden Mobs retten: Ich wurde als Faschist getauft.

Es scheint, dass es noch nie in der Geschichte der Menschheit so leicht war, Faschist zu werden, wie es heute in Deutschland der Fall ist. Man muss eigentlich nicht viel tun. Sogar ein Bekenntnis zu den Grundideen des Faschismus ist nicht nötig. Man soll sich keinem Führer hingeben und keinen Duce verehren; Eine kleine harmlose Herausforderung des Ökofaschismus reicht völlig aus.

Am letzten Dienstag wagte ich einen demokratischen Versuch. Ich sagte, das deutsche Erziehungswesen mache sich, bewusst oder unbewusst, zum politischen Organ der Ökoparteien, in dem es Schüler und Schülerinnen ständig zu Ökoprojekten schickt, in denen sich die Kinder anhören müssen, wie schlimm z.B. die Atomenergie sei, während die positiven Aspekte dieser Energiequelle verschwiegen werden. Eine solche einseitige Darstellung des Energieproblems, sagte ich weiter, unterminiere die Idee einer freien demokratischen Gesellschaft und verhindere die Entwicklung einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Zum Schluss erklärte ich mich bereit, für solche Projekte zur Verfügung zu stehen

Es scheint, dass ich ein tief verankertes gesellschaftliches Tabu gebrochen habe. Der bloße Gedanke, die nächste Generation des deutschen Volks in die Kompliziertheit und Vielseitigkeit des Thema einzuweihen, kam meinen Freunden verblüffend, ungeheuerlich und verräterisch vor. Um Missverständnisse zu vermeiden, habe ich immer wieder betont, dass ich mich nicht unbedingt für die Atomenergie einsetzen will, viel mehr aber für den Pluralismus des öffentlichen Diskurses. Es half nicht. Ich wurde zu einem Verräter gestempelt, der ein streng gehütetes Geheimnis verraten will.

Dieses Geheimnis ist aber kein echtes Geheimnis, sondern ein öffentliches Geheimnis. Jeder weiß, dass unser Erziehungswesen eine neue Generation von Umweltschutz-Neurotikern erzeugt. Wir bleiben gleichgültig, weil wir noch nicht verstanden haben, dass es hier um eine politische Erziehung par-excellence geht. In der Politisierung des Erziehungswesens an sich liegt das Problem nicht, weil Erziehung, und zwar jede Erziehung, an sich politisch ist.

Die Förderung demokratischer Werte im Rahmen der Schule ist eine klare politische Aussage zugunsten einer bestimmten politischen Tagesordnung. Die pädagogische Förderung von Werten wie „Gleichberechtigung von Mann und Frau“, „Gleichheit“ oder „Toleranz“ ist nicht minder politisch wie die politische Diskussion über „Frauenquote“,  „Mindestlohn“ oder den Islam in Europa. Dass politische Veränderungen einen Wandel im Erziehungswesen mit sich bringen, ist nicht neu und soll keinen überraschen. Erziehung bedeutet eine organisierte Gestaltung der öffentlichen und privaten Weltanschauung. Demokratische Weltanschauung muss, wie jede andere, gestaltet und gefördert werden.

Das Problem mit der Ökoerziehung liegt woanders - in dem Versuch, bestimmte Stimmen oder Ansichten einfach zu ersticken. Dann agiert man nicht gegen die Atomenergie, sondern gegen die demokratische Basis unserer Gesellschaft.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Eran Yardeni, Gastautor / 20.05.2020 / 06:15 / 27

Der Hund muss bellen wollen und beißen können

Jede Debatte über die Funktion der Presse in demokratischen Regimen kann kaum das so oft benutzte Klischee, die erstere sei der Wachhund der letzteren, vermeiden. Eine…/ mehr

Eran Yardeni, Gastautor / 06.05.2018 / 17:30 / 3

Und warum haben Sie nichts unternommen?

Von Eran Yardeni Im Jahr 2013 führte The European Union Agency for Fundamental Rights (FRA) in acht verschiedenen EU-Mitgliedstaaten (Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Lettland, Schweden, Ungarn…/ mehr

Eran Yardeni, Gastautor / 30.04.2018 / 17:04 / 19

Auf dem Weg zu einem judenreinen Europa

Von Eran Yardeni.  Es ist eine schleichende ethnische Säuberung. Nicht koordiniert, nicht zentral gesteuert. Ohne kaltblütige Generäle, skrupellose Lokaloffiziere und Schreibtischtäter, die man später vor…/ mehr

Eran Yardeni, Gastautor / 21.02.2016 / 14:00 / 22

Die AfD - Das Thermometer der deutschen Politik

Eran Yardeni In dem Kasperletheater der deutschen Politik fallen im Moment zwei Puppen besonders auf: Klöckner und Oppermann. Die eine unterstützt „ausdrücklich“ die Flüchtlingspolitik von…/ mehr

Eran Yardeni, Gastautor / 29.10.2015 / 13:48 / 5

Frau Groth lügt wie gedruckt

Manchmal denke ich, ich lese einfach nicht richtig. Auf ihrer Webseite veröffentlicht die Bundestagsabgeordnete Annette Groth (Die Linke) einen Beitrag zum aktuellen Stand des Konflikts…/ mehr

Eran Yardeni, Gastautor / 26.10.2015 / 17:50 / 3

Soli oder Sex on the Beach

Wer verstehen will, worum es eigentlich in der Flüchtlingskrise geht, der lese, was Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles der Tageszeitung Passauer Neue Presse anvertraut hat. Sie hat…/ mehr

Eran Yardeni, Gastautor / 18.10.2015 / 20:15 / 1

Viel Spaß, Herr Wendt!

Und jetzt ist der Chef der Polzeigewerksaft dran. Viel Spaß, Herr Wendt! Nachdem die Bundeskanzlerin die Bundesrepublik in eine 357.340 km² groß Transitzone verwandelt hatte,…/ mehr

Eran Yardeni, Gastautor / 10.10.2015 / 20:41 / 3

Rocky Angie Horror Show

Alles in Butter, oder? Die Kommunen kollabieren, die Zahl der Notunterkünfte reicht nicht aus, vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin erinnern die…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com