Viele Journalisten verstehen sich nicht als Lieferanten von Realität, sondern als deren Bewerter. Unentwegt möchten sie Medienkonsumenten verklickern, was in den Nachrichten wichtig ist und was weg kann. Die Kundschaft zeigt sich von derlei Fürsorge eher genervt.
Ein Wiesel bringt angeblich das Kunststück zuwege, ein Ei komplett auszusaugen, ohne dass man dies der leeren Schale ansieht. Im Amerikanischen ist daraus der Begriff Wiesel-Wort entstanden, laut Wikipedia ein Wort „mit vager und unscharfer Bedeutung“.
Für den österreichischen Ökonomen und Sozialphilosophen Friedrich August von Hayek war der Prototyp dafür das Adjektiv „sozial“. Eine Worthülse, nach Gusto befüllbar. „Soziale Ungerechtigkeit“ ist vielleicht noch wieseliger. Die empfindet ja nicht nur der Hartzer, sondern auch der eine oder andere Spitzensteuersatzabdrücker.
Seit einigen Jahren ist das Verb einordnen schwer en vogue. Journalisten, zumal solche in den Ressorts Politik, Wirtschaft, Ausland, betrachten es als ihre vornehmste Aufgabe, nicht bloß zu recherchieren und darüber zu berichten, sondern Nachrichten auszuwählen, um sie sodann einzuordnen. Vom Staatsfunker bis zum Käseblattmacher, vom grünen Speckgürtelbespieler über die Süddeutsche bis hin zum Zeugen Coronas – alle möchten einordnen. Der MDR die Winnetou-Filme, der BR die Bilder zum Ukraine-Krieg, der Deutschlandfunk die Kompetenz bestimmter (Sie ahnen, welcher?) Wissenschaftler.
Und wenn sich die Chefredakteure des nur mehr knapp 100.000 Exemplare verkaufenden Berliner Tagesspiegels ihren Abstieg ins piefige Tabloid-Format sowie die ersatzlose Streichung der Medienseite als „Investition in die Zukunft“ schönlabern, dann tun sie das mit dem feierlichen Gelöbnis: „Wir informieren, wir erklären und wir ordnen ein.“ Was vonseiten des grünlinken Tagesspiegel, der im Frühjahr seinen einzigen Freigeist vergraulte, irgendwie putzig klingt.
Einnorden, und zwar den Rezipienten
Tatsächlich sind beim beschworenen Einordnen bloß ein paar Buchstaben durcheinandergeraten. Gemeint ist vielmehr einnorden, und zwar den Rezipienten. Dieser Dummbasel ist bekanntlich außerstande, die wahre Bedeutung einer Meldung zu blicken. Er bedarf deshalb der kundigen Führung eines Redakteurs – besser noch einer Redakteurin – durch das Nachrichtendickicht.
Warum etwa der Mord eines Rechtsextremisten an dem Kasseler Politiker Walter Lübcke eine „Zäsur“ darstellte, erklärte ein ARD-Redakteur auf tagesschau.de ausführlich („…wurde zum ersten Mal ein politischer Repräsentant des Staates aus rechtsextremistischen Motiven getötet“). Über den Fall wurde in den Medien – staatlichen und privaten – so ausführlich berichtet wie über kaum ein anderes Kapitalverbrechen der jüngeren Zeit.
Drei Jahre zuvor hatte die Tagesschau entschieden, über die grauenhafte Vergewaltigung und den Mord an der Freiburger Studentin Maria L. durch einen 17-jährigen afghanischen Asylbewerber nicht zu berichten. Der Täter war 2015 im Zuge vom Merkels Grenzöffnung nach Deutschland gekommen. Sein Verbrechen stellte, anders als der Mord an Walter Lübcke, tatsächlich keine „Zäsur“ dar. Dass Mädchen und Frauen – Deutsche wie Migrantinnen – von Migranten getötet wurden, war kein Novum.
Mit diesem Umstand erklärte der ausgebuffte Tagesschau-Chef Kai Gniffke nach Zuschauerprotesten damals das beredte Schweigen seines Senders. Man habe geprüft, ob sich der Mordfall in Freiburg von anderen abhebe. „Dies haben wir nicht so gesehen und deshalb den Tod der jungen Frau nicht gemeldet.“ Zuvor hatte Gniffke in einem Statement erklärt, dass der Fall nur „regionale Bedeutung“ habe und damit nicht die „Relevanzkriterien“ der Tagesschau erfülle.
Genau das ist es, was Journalisten meinen, wenn sie ihrem Publikum die Einordnung der Dinge androhen. Was auf die Titelseite oder in die Tagesschau kommt, was unter Vermischtes läuft und was gänzlich entfällt, wird von ihnen sorgsam kuratiert. Auf dass da nichts in den falschen Hals gerate.
Nachrichten zensieren, zurechtbiegen, framen...
„Journalisten, die recherchieren und einordnen, sind in dieser Zeit unverzichtbar“, erklärte der damalige Bundesfinanzminister bei einem Kongress des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger. Sie seien „Abgeordnete der Gesellschaft“, zwar ohne demokratische Legitimation, aber mit der Aufgabe, „hinzusehen, zu bündeln und zu urteilen.“ Schäubles Hinseh-Appell an die Abgeordneten fand drei Wochen nach dem Mord an Maria L. statt.
Das Wiesel-Wort einordnen lautet übersetzt: Nachrichten zensieren, zurechtbiegen, framen, im Zweifelsfall canceln. Also, nach dem Brand in einer Flüchtlingsunterkunft wird sofort in großer Aufmachung ein rechtsextremistischer Hintergrund insinuiert, da in einem derartigen Fall routinemäßig der Staatsschutz ermittelt. Stellt sich wenig später heraus, dass das Gebäude von einem Feuerwehrmann angezündet wurde, und zwar ohne politische Motivation, erscheint diese Nachricht nicht mehr sehr prominent. Wenn überhaupt.
Warum spielen sich viele Journalisten als Einordnungskräfte auf? Weshalb lesen sich ihre Stücke wie Leitartikel, parteiisch bis in die Bildunterschriften? Manche meinen, es läge daran, dass die Interessen der Mächtigen und der über sie Berichtenden immer identischer geworden seien. Dass sich über Jahrzehnte hinweg eine „politisch-mediale Klasse“ ausgebildet habe. Journos als Groupies, vor allem der Grünen.
Tatsächlich neigt die Medienmeute, wie unterschiedliche Befragungen und Untersuchungen ergaben, mit großer Mehrheit zu den grünroten Parteien und ihren ungezählten Vorfeldorganisationen, NGOs, Stiftungen, Instituten, Studienfabriken. Da lässt sich auch hübsch was dazuverdienen. Etwa mit Vorträgen, Jurytätigkeiten und diversen journalistischen Handreichungen – zum Beispiel gegen missliebige Medien gerichtete „Faktenchecks“ oder das Erstellen von Dossiers über konkurrierende Politiker.
Eine Schippe Bedeutung bei seiner täglichen Verrichtung
Das haben nicht wenige auch nötig. Ein festangestellter Journalist verdient im Durchschnitt 3.800 Euro, sogenannte Freie verdienen meistens erheblich weniger. Wie man gutdotierte Förderungen, Preise oder Stipendien abgreift, beim Staatsfunk, in staatlichen Pressestellen oder in staatlich gepamperten Institutionen unterkommt, ist daher ein immergrünes Thema der – zumeist grün gesinnten – Medienmagazine.
Aber reicht das aus, um die fixe Idee vieler Journos zu erklären, sie müssten unentwegt Dinge einordnen? Also der doofen Kundschaft gouvernantenhaft verklickern, wie die Geschehnisse der Welt zu bewerten sind? Und woher, bitte, stammt die verwegene Vorstellung, ausgerechnet sie, Schreibkräfte mit oftmals mediokrer Ausbildung, seien dazu befähigt?
Mein Verdacht: Wer einen Beruf wählt, in dem er mit einiger statistischer Sicherheit nicht über das Gehalt eines, sagen wir, Teamleiters in der Sanitär-, Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechniksparte hinauskommen wird, im Gegensatz zu Letzterem aber alles andere als einen krisenfesten Job besetzt, der braucht wenigstens eine Schippe Bedeutung bei seiner täglichen Verrichtung.
Umso mehr, da er im gesellschaftlichen Ansehen tief wie die Wintersonne steht. Laut einer Studie der Konrad Adenauer Stiftung genießen Journalisten unter zwölf ausgewählten Berufsgruppen die zweitgeringste Wertschätzung (32 Prozent). Nur Politiker werden noch weniger geachtet (25 Prozent). Spitze: Hausärzte (75 Prozent).
Betreutes Denken ist das Letzte, was wir benötigen
Eine Bitte, liebe Journos: Unterlasst diesen Einordnungsquatsch. Die Zeit der Erklärbären ist vorbei. Selbst auf die Ikonen dieser Gattung hat sich der Schimmel der Geschichte gelegt. Peter Scholl-Latour und Helmut Schmidt lagen etwa mit ihrer Einschätzung über die Ukraine ziemlich daneben, wie man mittlerweile weiß. Auch Sebastian Haffner kann uns nicht mehr verstehen helfen. Und die zweite Garde der Erklärer, wie Arnulf Baring oder Hanns Joachim Friedrichs, ist ebenfalls schon lange weggetreten.
Ihr, liebe Journos, müsst uns überhaupt nichts einordnen. Betreutes Denken ist das Letzte, was wir benötigen. Schön wäre es hingegen, wenn ihr euch ein paar Grundkenntnisse der Physik aneignen würdet, bevor ihr über „Energiewende“ und „Verkehrswende“ schwurbelt. Ebenso, wenn ihr mal unbefangen ein paar Fragen stelltet, die mit Verantwortlichkeiten für die bleierne Coronazeit zusammenhängen. Oder mit Zuständen, die in bestimmten Vierteln der Städte eingerissen sind. Oder, oder.
Am besten, ihr macht künftig einfach euren Job. Der per definitionem darin besteht, die Herrschenden zu kritisieren, nicht die Kritiker der Herrschenden. Womöglich hört die Kundschaft dann auf, euch massenhaft davonzulaufen?