Gastautor / 25.12.2019 / 12:00 / Foto: Gustav-Adolf Schultze / 0 / Seite ausdrucken

Nietzsches frohe Botschaft (2)

Die zweite Unzeitgemässe Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben  (1873) stellt die Frage nach der Zukunft. Was kann überhaupt Neues entworfen werden?

Was ist das Ziel?

 „(…)gemeinsam eine Cultur anzupflanzen, die wahren Bedürfnissen entspricht und die nicht wie die jetzige allgemeine Bildung, nur lehrt, sich über diese Bedürfnisse zu belügen und dadurch zur wandelnden Lüge zu werden.“ 

Wenn Nietzsche auch den Begriff „Volk“ weitgehend unbestimmt lässt, wird klar, was nicht dazu gehört: die Arbeiterschaft, die soziale Frage, die politischen Akteure des Umsturzes. Hier fällt eine Vorentscheidung. Bei aller Kritik an den bürgerlichen Kulturinstitutionen vom Musiktheater bis zur Presse – gegen diese kommt ein Umsturz „von unten“ nicht in Betracht. Der Sozialismus wird als hoffnungsloser Protest der Unterschichten abgelehnt.  Das behandelt der Autor unter dem Stichwort: „die Geschichte vom Standpunkt der M a s s e n  aus zu schreiben und nach jenen Gesetzen in ihr zu suchen, die aus den Bedürfnissen dieser Massen abzuleiten sind, also nach den Bewegungsgesetzen  der niederen Lehm- und Thonschichten der Gesellschaft(…)“

Die unduldsame Rede setzt sich länger fort. Die Massen erscheinen Nietzsche als gefährliche Zerstörer alles Grossen und Bedeutenden. In den sozialen Protesten fürchtet er die Kulturvernichtung. Er unterstellt niedrige Ziele, den Neid und rasenden Egoismus. Worum es hier geht, in der sozialen Frage, das will er nicht sehen. Zum Sozialismus ist er der Meinung:

„Man decretiert: der Egoismus soll unser Gott sein.“ 

Dem Klassengegensatz stellt Nietzsche in der Zweiten Unzeitgemässen Betrachtung den Gegensatz der Generationen gegenüber. Die junge Generation muss sich aus eigener Kraft erneuern, die ihr anerzogene falsche Natur ablegen, um dann zu einer neuen, selbstgeschaffenen, höheren zweiten Natur zu kommen. Da heißt es:

„Zerbröckelt und auseinandergefallen, im Ganzen in ein Inneres und ein Aeusseres halb mechanisch zerlegt, mit Begriffen wie mit Drachenzähnen übersäet, Begriffs-Drachen erzeugend, dazu an der Krankheit der Worte leidend und ohne Vertrauen zu jeder eigenen Empfindung, die noch nicht mit Worten abgestempelt ist: als eine solche unlebendige und doch unheimlich regsame Wort-Fabrik habe ich vielleicht noch das Recht von mir zusagen cogito, ergo sum, nicht aber vivo ergo cogito (…) dass ich ein denkendes, nicht dass ich ein lebendiges Wesen, dass ich kein animal, sondern höchstens ein cogital bin. Schenkt mir erst Leben, dann will ich euch auch eine Cultur daraus schaffen.“

Zwei Kategorien stehen am Schluss der Zweiten Unzeitgemässen Betrachtung gegeneinander: „die Massen“ und „die Jugend“.

Der Begriff Leben richtet sich gegen den Zeitgeist

Einige Konturen werden sichtbar. Der Künstler und die Jugend  haben ein gemeinsames Ziel: das Lebendige erschaffen, Leben weitergeben. Der Begriff Leben richtet sich gegen den Zeitgeist und das heißt gegen eine optimistische und zufriedene Selbsterhöhung des Bürgers. In einer leidenschaftlichen Verteidigung von  Nietzsches Kritik am nationalistischen Deutschtum schreibt Max Horkheimer 1937 in der Zeitschrift für Sozialforschung:

 „Die Idee, die den Übermenschen aus einer undenkbaren, sich selbst widersprechenden Utopie zum substanziellen geschichtlichen Ziel gemacht hätte, der Begriff der klassenlosen Menschheit, war ihm durch ihre Träger verleidet. Er hat nicht Marx, sondern bloss die damalige Sozialdemokratie gekannt; sie hat er gar nicht so verkehrt beurteilt (….) Hinter seinen scheinbar menschenfeindlichen Formulierungen steckt (…) der Hass gegen den geduldigen, sich duckenden, mit der Gegenwart ausgesöhnten, passiven und konformistischen Charakter.“

Man konnte Nietzsche in zwei ganz verschiedene Richtungen auslegen: als Weg zum Ich - oder die dunkle Seite des Grandiositätsphantasmas stand im Zentrum: die Spaltung zwischen Hoch und Niedrig, Wertvoll und Wertlos - Zum Gehorchen geboren die Vielen; zum freien Spiel bestimmt die Wenigen. 

Was ist zu tun in der Welt? fragt der Autor in Vom Nutzen und Nachteil der Historie: Die Bedingungen schaffen für das erscheinen des Großen: „dass wir seine immer neue Erzeugung vorbereiten und fördern, indem wir das ihr Feindselige kennen lernen und aus dem Wege räumen.“

Hier taucht auch der Gedanke auf, für die Außerordentlichen alles zu opfern „die Menschheit soll fortwährend daran arbeiten, einzelne grosse Menschen zu erzeugen.“

„Denn die Frage lautet doch so: wie erhält dein, des Einzelnen Leben den höchsten Werth, die tiefste Bedeutung? Wie ist es am wenigsten verschwendet? Gewiss nur dadurch, dass du zum Vortheile der seltenen und werthvollsten Exemplare lebst, nicht aber zum Vortheile der meisten, das heisst, der einzeln genommen, werthlosesten Exemplare.“

Die Verführung zur elitären sozialen Gewalt

Der antidemokratische Impuls und die Vorstellung einer Selbstperfektionierung in unentwegter Anstrengung, beides tritt deutlich hervor. Die Verführung zur elitären sozialen Gewalt ist angesprochen und diese wird durch einen weiteren Gedankenschritt verstärkt. Die befreiende Kritik falscher Moral richtet sich gegen den Welthass und die Selbstverkleinerung des Menschen, das geistige Erbe des Christentums. Dagegen stehen Selbstbewusstsein und Sinnlichkeit als die guten Gaben, die dem menschlichen Tier gegeben sind. Diese Kritik wird überzogen, wenn Nietzsche alle moralische Verpflichtung als willkürlich, zufällig und revidierbar ansieht. Die Quelle der Moral liegt für ihn allein in physischer Gewalt. Die Ausübung der Vorrechte der Sieger sind Fakt und legitim.

Horkheimer verteidigt Nietzsche auch in diesem Punkt. Er sieht in ihm den, der die verborgene strukturelle Gewalt in der Gesellschaft beim Namen nennt:

„Nietzsche hat den objektiven Geist seiner Zeit, die psychische Verfassung des Bürgertums analysiert. (…) Verwandt mit den repräsentativen Denkern des frühen Bürgertums, wie Hobbes und Mandeville, hat er die Wahrheit der bürgerlichen Ordnung ausgesprochen: ‚Man hat kein Recht weder auf Dasein, noch auf Arbeit, noch gar auf Glück: es steht mit dem einzelnen Menschen nicht anders als mit dem niedrigsten Wurm.’ Das Christentum, vor allem Luther, vaterländische Begeisterung, jede Art, die gegebene Wirklichkeit zu vernebeln, erschien ihm als Vorzeichen einer neuen  Barbarei.“

Max Horkheimer empfand die autoritäre Attraktion nicht. Er konnte sie zugunsten der aufklärerischen Seite bei Nietzsche ignorieren.

Ulrike Prokop ist Professorin em. für Erziehungswissenschaft an der Universität Marburg. Zahlreiche Publikationen zur Kulturtheorie.

 

Den ersten Teil dieser Serie finden Sie hier.

Den dritten Teil dieser Serie finden Sie hier.

Foto: Gustav-Adolf Schultze/ Special:BookSources via Wikimedia Commons

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