Von Marcel Malachowski
Ashton Kutcher ersetzte Charlie Sheen – aber nicht nur Charlie Harper ist tot, sondern auch das alte Amerika
Keine Frage: Ashton Kutcher repräsentiert das neue Hollywood: sauber, frei von Gelüsten, „netzaffin“, politisch korrekt und damit über jeden moralischen Vorwurf erhaben. Außerdem lebt er in Patchwork-Scheidung mit der älteren, erfolgreicheren Demi Moore. Schlimmer hätte es also gar nicht kommen können. Aber mit dem romantisch imaginierten Tod von Charlie Harper wurde nicht nur seine Figur zu Grabe getragen, sondern auch das alte Hollywood, das sich in den 70ern zum progressiven, schmutzigen NuHollywood wandelte und in den 80ern nicht nur mit den Produktionen der Zucker/Zucker/Abrahams-Connection („Die nackte Kanone“) alle Tabus über Bord warf - „Rambo“ zerschoß in den frühen 80ern genauso die Bimoral der Nach-Vietnam-Zeit, wie zuvor schon Sylvester Stallone in „F.I.S.T.“ als desillusionierter Gewerkschafter den individuellsten aller Klassenkämpfe hinlegte.
Das war wirklich Nu, aber wat is nu? Bruce Willis wurde im vierten Teil von „Stirb langsam“ alles Fluchen untersagt, Blaxploitation gibt es nur noch im Ballsaal des Weißen Hauses. Nur Quentin Tarantino versucht noch, seine alte Unverschämtheit aufrechtzuerhalten. Der Generationenwechsel im serialen Junggesellen-Haushalt von Malibu mit seinen „Two and a half men“ ist nicht nur das Ende dieser langjährigen Erfolgsproduktion, sondern auch die Begrüßungsfanfare des ganz modernen Hollywood: politisch korrekt, ökologisch rein, frei von aufregenden Widersprüchen.
In New York sind seit letzten Jahr nicht nur die Parks rauchfrei, sondern auch Limonaden sind mit einer Extra-Steuer belegt. So ist es wohl kein Wunder, daß nun auch Charlie Sheen nicht nur seinen Karriere-Zenit überschritten hat, sondern auch seine Serien-Figur Charlie Harper auserzählt ist. War Sheen in den Stone-Filmen „Platoon“ und „Wall Street“ und in den Erfolgs-Komödien „Scary Movie“ und „Hot Shots“ der Zucker-Brüder noch der jugendliche Newcomer, der das Coming of age als lebenslanges Experiment begriff, so war für ihn in den gereiften Blockbustern der neobürgerlichen 90er kein Platz mehr. Während in den letzten Jahren republikanische Politiker und TV-Pastoren von einem Sex-Skandal zum nächsten lustwandelten, erfand das Filmbusiness Jugend und Familie neu: Kein Cop mehr, der nicht seine widerspenstigen Kids vom Kindergarten abholen muß, kein Charmeur mehr, der nicht auch mit Vorliebe kochen und putzen kann.
Charlie Harper dagegen war das Überbleibsel vom „gescheiterten Helden“ der Italo-Western mit Franco Nero, des düsteren „Miami Vice“-Departments, des coolen, aber sinnesbefeuernden Film Noir der 40er. Deren problembeladene, männliche Charaktere waren nie die „tough guys“, die Adorno einmal angriff, sondern die „einsamen Helden, die es heute nicht mehr gibt“. Träumte das alte Amerika davon, die Steppen fruchtbar zu machen, die lebensfeindliche Wildnis zu erobern und das Versprechen des kleinen Glücks einzulösen, so war Charlie Sheen sein Role model: Als Kind einer egozentrischen Karriere-Mom durch das Schreiben von Werbe-Jingles zu unübersichtlichem Reichtum gelangt, lavierte er sich in seiner Einsamkeit von einem Caipirinha zum nächsten Sex on the beach: Er wußte nicht, wohin das Leben ihn führte, aber er nahm die Herausforderung an. In seiner trotzigen Naivität vereinte er alle Assoziationen der amerikanischen (Kultur-)Vergangenheit: Hipster, Looser, Whiskey-Trinker, Poet, Beach-Boy, Hippie, Yuppie, Couch-potatoe, Draufgänger, Songwriter.
Aber was ist Ashton dagegen für ein Kuscher: Ein oppurtunistischer Langhaariger, durch das Internet über Nacht zum Milliardär geworden, rennt er willenlos seiner alten Liebe hinterher und ergeht sich in verwöhntem Weltschmerz. Er ist nicht mehr als die etwas erfolgreichere Kopie von Charlies Weichei-Serienbruder Alan: hart arbeitend, aber abgekoppelt von der Real-Wirtschaft – uncharmant, aber selbstgerecht. Erzählte Charlie Harper uns noch das ewige Sehnsuchts-Drama des Menschen von Sieg und Niederlage, Gewinn und Verlust, so singt sein Nachfolger Walden uns nur noch das kühle Klagelied der Unternehmensbilanzen. Walden ersäuft seinen Schmerz nicht weltvergessen an der Bar, sondern er findet neue Kraft im Yoga-Seminar. Charlie war die männliche Rache am spießigen Wasp-Amerika, Walden ist seine Entsprechung. Die Tränen, die Charlie während seiner pubertären Hilfeschreie als begütertes White Trash-Unikum vergoss, brachten trotziges Leben in die darniederliegenden Täler der Staaten, die Suizidalität Waldens ist dagegen nur noch dumpfer Ausdruck des Überdrusses der Überflüssigen.
Walden ist sicherlich eine der dümmsten und langweiligsten Serien-Figuren, die Amerika je erschaffen hat. Während Bill Cosby seinen Töchtern den Mini-Rock verbot, so provoziert Walden gerne mit blödsinniger Nacktheit. Die neuen Two and a half men wollen Effekte schaffen, wo keine sein können. Abgründige Neurosen fanden in der Serie mit der Figur Rose zuvor genauso ihren Platz wie Sohnemann mit seinen Freßattacken. Da, wo „Sex and the City“ scheu angefangen hatte, da legte „Two and a half a men“ erst so richtig los. Statt eines neuen Charakters kreierte man die unvollendete Charakterlosigkeit – und mit dem Pantoffelhelden Ashton Kutcher fand man als Besetzung die ausdrucksloseste aller Charaktermasken.