Vor kurzem erschien in der Berliner Zeitung der Gastbeitrag eines Stadtführers darüber, wie stark Berlin in den letzten Jahren an Anziehungskraft für Besucher verloren hat. Dass vieles, was früher attraktiv war, nicht mehr aufrechterhalten wird, ungepflegt und sanierungsbedürftig ist. Doch vor allem ist mir aufgefallen, dass der Autor Fragen aufwirft, warum denn in Berlin Gedenkstätten und historische Museen so stiefmütterlich behandelt werden.
„Warum gibt es in Berlin kein großes, modernes Museum zum Zweiten Weltkrieg von internationalem Rang – vergleichbar mit dem Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig? Warum wird das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst, wo 1945 die deutsche Kapitulation unterzeichnet wurde, touristisch kaum vermarktet? Warum diskutieren wir über den Abriss des letzten erhaltenen Bunkers der Neuen Reichskanzlei, statt dort ein modernes Museum über Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus einzurichten?“
Auch in Brandenburg fehlt es seit Jahren an Geld für die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen: „Ein durch einen Sturm zerstörter Abschnitt des historischen Wachzauns wurde seit Jahren nicht wieder aufgebaut, Teile der Ausstellungen wirken inzwischen veraltet.“
In einer am 8.9.2026, auf Deutschlandfunkkultur erschienenen Sendung „Sanierung – Warum KZ-Gedenkstätten dringend Geld vom Bund fordern“ geht es um die massiven Defizite für die Aufrechterhaltung von Gedenkstätten deutschlandweit: „Allein die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten hat einen Bedarf von über 150 Millionen Euro errechnet. Sie fordert deshalb gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in Deutschland vom Bund mehr Geld. Aber das wird es nicht geben. Zumindest ist auch im kommenden Haushalt nichts Derartiges vorgesehen.“
„Das Problem an den Gedenkstätten ist, dass sie immer unterfinanziert waren und dass wir immer zu wenig Personal hatten für unsere Aufgaben, dass unsere Aufgaben auch größer geworden sind, auch mit der Digitalisierung, mit anderen Formen der Bildungsarbeit, mit Social Media und Ähnlichem, dass wir aber nicht mehr Personal und mehr Geld haben. Und zudem kommt jetzt auch noch der große Sanierungsbedarf und die generelle Geldknappheit.“
Der Regierungsentwurf zum Bundeshaushalt 2027 sehe zudem kein Sonderinvestitionsprogramm des Bundes für die Sanierung der KZ-Gedenkstätten vor.
Doch gerade in den letzten Jahren scheint Deutschland und speziell Berlin die größten hyperaktiven Kämpfer für „Nie wieder ist jetzt“ zu sein. Millionenschwere Antidiskriminierungs-Projekte, Projekte gegen Rassismus, Hass und Hetze im Internet, „Nie-Wieder ist jetzt“-Initiativen etc. unzählige Demos…Millionen werden in Universitäten und Hochschulen investiert, um zu forschen, was heute alles als rassistisch gelten kann, wie man das bekämpft und wie man die „Unsere Demokratie“ rettet. Besonders „Nie wieder ist jetzt“-Kampagnen der Politiker und Aktivisten fallen in den letzten Jahren auf. Das alles beschäftigt Tausende Arbeitnehmer und unterhält eine voll ausgestattete digitale Infrastruktur mit modernen Internetauftritten, gut frequentierten Social-Media-Kanälen, professionellen Fotos, Apps, interaktiven Spielen, Erklärvideos, Podcasts, Newsletter, Online-Schulungen, Monitoring-Tools, Meldeplattformen, Toolkits gegen Hass und Hetze etc.
Wie soll das zusammenpassen? Was für eine Erinnerungskultur soll das sein, wenn der originale Ort verfällt, aber „Nie wieder ist jetzt“ im 2.0-Format überall auftaucht? Und geht es eigentlich überhaupt noch um die Erinnerungskultur, wenn Gelder für die Sanierung der Massenvernichtungsorte seit Jahren fehlen, Hunderte Millionen aber für den Hochglanz von Kampagnen fließen, die keinen Bezug zu den realen Orten der Erinnerung haben?
„Kontextualisierung“ und „antisemitische Stereotype“
Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt aus der Sendung verrät, wie weit das heutige „Nie wieder“ von dem entfernt ist, was darunter ursprünglich zu verstehen war.
„Heute sind die Holzwände verwittert und die Innenräume durch die vielen Millionen Besucher abgenutzt. Die Ausstellung ist mittlerweile fast 30 Jahre alt. Was man – und das zeigt ein Problem – heute so auf keinen Fall mehr machen würde, ist – wie hier – ein antisemitisches Plakat, in dem Fall der Deutschen Nationalen Volkspartei. Weil wir – das war typisch 1990er Jahre, das so zu tun – aber weil wir heute so sagen würden, wir reproduzieren ja antisemitische Bildgebung und antisemitische Stereotype, indem das einfach mal so hängt und jetzt zumindest nicht auffällig kontextualisiert wird.“
Ein antisemitisches Plakat in einer KZ-Gedenkstätte – einen Beleg für die damaligen Verbrechen des Nationalsozialismus – original nicht hängen lassen dürfen, es mit „Kontextualisierung“ weichzuzeichnen und als „Reproduktion“ antisemitischer Stereotype zu interpretieren, ist beschämend. Was bedeutet es, wenn selbst der Erinnerungsort das Original nicht mehr aushalten kann?
Historische Orte sind unbequem, weil sie genau zeigen, was damals war. Aber modernes „Nie wieder ist jetzt“ lässt sich immer neu befüllen: Mit Hass und Hetze, mit rechtsextremen Codes, mit falscher Haltung etc. Man kann es überhaupt vom Ort des Massenverbrechens lösen und aus ihm eine moralische Lizenz machen – wenn es nicht bereits vollbracht ist. Und ist es nicht politisch sehr brauchbar und bequem? Ein ganzes System zu errichten – unter dem Zeichen einer Erinnerungskultur von dem, was heute als „Nie wieder“ gilt, aber mit dem, was damals passiert ist – wenn überhaupt – nur bedingt etwas zu tun hat? Wie viele Mitarbeiter von solchen Projekten haben eine KZ-Gedenkstätte über ein verpflichtendes Schulprogramm hinaus schon mal besucht? Haben sie denn überhaupt Ahnung, was damals passiert ist? Die Antwort scheint eindeutig zu sein, denn sonst würde die heutige Verharmlosung der Verbrechen des NS-Regimes nicht so gravierend sein.
Ich frage mich, ob hier überhaupt noch erinnert werden soll. Wenn für die Gedenkstätten an den Orten der NS-Massenverbrechen seit Jahren das Geld fehlt und eine Mehrfinanzierung nicht geplant ist, für umfangreiche mehrjährige Projekte aber offenbar immer welches da ist – was hat das dieses „Nie wieder ist jetzt“ überhaupt noch mit damals zu tun?
Foto: Demoplakat nach der Großdemo gegen Rechts, Theresienwiese, München. Imago
Ekaterina Quehl, geboren in St. Petersburg und seit mehr als 20 Jahren in Deutschland, ist Journalistin, Redakteurin und Grafikdesignerin. Sie leitete jahrelang die Redaktion eines großen kritischen journalistischen Portals und schreibt heute auf ihrem eigenen Blog, wo dieser Beitrag zuerst erschien.
„Er sprach den Angehörigen der Opfer auf der Plattform X sein Mitgefühl aus.“ So geht das heute… Textbaustein einfügen… 5 Sekunden…
@Matthes/Broder „Nationalsozialismus posthum besiegen“: Ums Besiegen ging es nie und unmittelbar nach dem letzten verlorenen Krieg ging es vor allem darum, nazistische Strukturen (Preussen-Reich, Wirtschafts- und Sozialsystem) fortzuschreiben und das gut durchgebräunte Staatspersonal zu übernehmen. Zumindest der Herrschaftsapparat mußte damals noch irgendwie funktionieren. Die ganze bizarre Verdrängungskanalisation, deren zweifelos raffiniertestes Produkt die legendäre Erinnerungskultur der 68er darstellt, hat hier ihren Ursprung. Inzwischen derart eingeschleift, daß der gedankenlose Mob, der tagein tagaus deren Parolen skandiert, ob fürs leere Ego oder NGO-Pfründe, keinen blassen Schimmer hat, welches ungeheuerliche Maß an Verharmlosung er da von sich gibt. Grundfehler ist der meist unausgesprochene Ansatz, die NS-Phase in beide Richtungen der Zeitachse zu isolieren anstatt sie als letzte Konsequenz des Preussen-Reiches, seiner Ideologie und inhärenten Dynamik, zu verstehen. Hitlers ideologisches wie politisches „Programm“ etwa war nie viel mehr als eine wilde Kompilation der übelsten WK1-Hetze von Außenamt, OHK usw., deren Inhalte ihm gebündelt in seiner Zeit als V-Mann des Reichswehrgruppenkommandos 4 in dessen „Aufklärungskursen“ eingetrichtert wurde.
Der ganze Nazi-Kram ist ewig her, und für die heutige Zeit ohne Bedeutung.
Es gab viele Diktatoren und Völkermorde in zahlreichen Ländern in den letzten
Jahrhunderten. Die Nazis haben 6 Millionen Tote, Stalin und Mao Tse Tung haben
zusammen etwa 100 Millionen Tote zu verantworten.Und dann gab es noch die
Kolonialmächte, Pol Pot ua.
In der DDR lehrte man uns, das die Nazi-Verbrechen von unseren Vätern und
Großvätern begangen worden, aber nicht von uns. Das ist realistische Sichtweise.
Erinnerung ja, aber keine Übertragung auf heute Lebende!
Nie Wieder! … Nie Wieder ist/war immer. Jeder Konflikt, jeder Krieg, jedes organisierte und bewaffnete Gegeneinander ist ein Immer Wieder, halt menschliche Natur.
Die ganze Welt ist eine tägliche Gedenkstätte dessen. Wir brauchen da keine hervorzuheben.
Die Hysteriker des „Nie wieder ist jetzt“ sind weitgehend identisch mit den Organisatoren der Impfhatz von 2021/22. Der Impuls zur Suche nach einem Sündenbock, die intellektuelle Unfähigkeit zur kritischen Reflexion und das Verlangen, sich einer skrupellosen Obrigkeit anzudienen, eint sie alle. Nie wieder war gestern und könnte sich morgen wiederholen.
Wir waren Erfinder von Automobil und Vergangenheitsbewältigung und diese Begriffe dafür! Mein Gott, was soll aus Deutschland werden, wenn dies ein ganz normales Schland wird?
Die Erinnerungskultur ist lästig geworden und wird ganz bewusst von „ UnsereDemokratie“
vernachlässigt, weil die Nationalsozialisten ebend LINKE waren !