Walter Schmidt / 09.05.2007 / 17:49 / 0 / Seite ausdrucken

Nicolas Sarkozy - Ein neuer kleiner Satan im Elysée-Palast?

Der Sieg Nicolas Sarkozys bei den französischen Präsidentschaftswahlen hat die Altachtundsechziger in den deutschen Medien offenbar dermaßen aufgeschreckt, entsetzt und zugleich beglückt, daß sie jetzt auf jeden Fall ein neues, dankbares Feindbild haben, an dem sie sich fast schon “aufgeilen” können, einen neuen kleinen Satan sozusagen, mit dem allein ein gewisser George W. Bush es gerade eben noch aufnehmen kann, doch letzterer ist aufgrund seiner zu Ende gehenden Amtszeit schließlich nur noch eine “lahme Ente”, während ersterer seine gesamte Amtszeit leider noch vor sich hat.

Wie kann es sein, daß ausgerechnet unser bester Verbündeter im Kampf gegen den völkerrechtswidrigen Irak-Krieg sowie ein entscheidender Eckpfeiler der berühmt-berüchtigten Achse “Paris-Berlin-Moskau”, nämlich Frankreich, auf einmal quasi mir nichts dir nichts einen wirtschaftsliberalen Transatlantiker zum Staatspräsidenten wählt, der noch dazu die armen, benachteiligten Vorstadtjugendlichen als “Gesindel” bezeichnet und am liebsten mit dem “Kärcher” aus eben diesen Vorstädten vertreiben möchte?…

Waren die Franzosen nicht bis vor kurzem noch entschiedene Gegner der “Globalisierung” und hatten ähnliche Schwierigkeiten mit der Modernisierung ihrer Wirtschaft wie die Deutschen? Hatten sie nicht geradezu panische Angst vor einem Anpassungsprozeß, der das Land möglicherweise von der 35-Stunden-Woche und einer extrem hohen Staatsquote zu befreien drohte? Und gab es da nicht mit Nicolas Sarkozy einen Kandidaten, der bewußt und konsequent im extrem rechten Lager der französischen Wählerschaft um Stimmen buhlte und wie selbstverständlich im zweiten Wahlgang auf die Stimmen Jean-Marie Le Pens und des Front National zählen durfte?

Obwohl fast nichts von den o.g. Befürchtungen bzw. Vorurteilen eingetreten ist, üben sich die von den Altachtundsechzigern durchsetzten deutschen Medien seit gestern in einer Anti-Sarkozy-Kampagne, die nur noch mit dem Bush-Bashing in den Hochzeiten des Irak-Konflikts vergleichbar ist.

Anstatt Sarkozy als Musterbeispiel für eine erfolgreiche Integration von “Menschen mit Migrationshintergrund” in die französische Gesellschaft zu präsentieren - Sarkozy ist der Sohn einer jüdischen Mutter und eines ungarischen Vaters - wirft man ihm Ausländerfeindlichkeit vor, nur weil er der Meinung ist, die Einführung der Burka und der Scharia in den französischen Vorstädten sei mit dem Wertesystem des Landes unvereinbar.

Anstatt seine Äußerung, derzufolge es sich bei den randalierenden Vorstadtjugendlichen, die sich offen und ungeniert durch das Vorbild der palästinensischen Intifada inspirieren lassen und sich einen Spaß daraus machen, bei ihren nächtlichen Straßenschlachten u.a. auch einige Synagogen abzufackeln, um “Gesindel” handelt, auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen pflegen sie das Vorurteil, es handele sich bei den marodierenden, verhaltensauffälligen Jugendlichen “mit Migrationshintergrund” eher um sozial ausgegrenzte, perspektivlose Jugendliche, an deren Schicksal allein “die französische Gesellschaft” schuld sei.

Und anstatt zu hinterfragen, ob nicht eine Wirtschaft wie die französische, die eine noch höhere Staatsquote aufweist als die deutsche, überhaupt fähig und in der Lage sein kann, den vielen arbeitslosen Jugendlichen langfristig eine Perspektive zu bieten, wird die Einführung einer 35-Stunden-Woche verteidigt, die den französischen Mittelstand ruiniert und die die Bürger nicht so lange arbeiten läßt, wie sie es selber gerne wollen.

Und was ist mit den berühmt berüchtigen Stimmen für Sarkozy aus dem rechtsextremen Lager Le Pens im zweiten Wahlgang?

Entgegen allen Erwartungen der deutschen Medien rief Le Pen in der vergangenen Woche eben nicht zur Wahl Sarkozys auf. Seine Begründung: Ein Ungar, sprich ein Einwanderer, der - was Le Pen aus seiner Sicht verständlicherweise verschwieg - noch dazu eine jüdische Mutter hat, sei für das Amt eines französischen Staatspräsidenten denkbar ungeeignet.

Aber schließlich kann nicht sein, was nicht sein darf. Und so gefallen sich die deutschen Medien seit gestern darin, einige hundert randalierende Vorstadtjugendliche gegen ca. 53% Sarkozy-Wähler aufzurechnen, ähnlich wie sie seit Jahren jeden Anschlag im Irak als Beleg für das Scheitern der amerikanischen Demokratisierungsbestrebungen zu feiern bereit sind.

Kurz und gut:

Die Schafe blöken. Die Karawane zieht weiter.

Und während die Altachtundsechziger in den deutschen Medien den Volksaufstand der französischen Vorstadtkinder mit Migrationshintergrund gegen den mit unlauteren Mitteln an die Macht gekommenen Sarkozy abfeiern, geht dieser erstmal am Wahlabend, cool wie er nunmal ist, ins Bistro “Fouquet’s” auf den Champs-Elysées, trinkt einen Apéritif und genehmigt sich hinterher ein Fünf-Gänge-Menu sowie anschließend einen “Kleinen Braunen”, um möglichst exakt dem Klischee vom arroganten Snob aus dem reichen Pariser Vorort Neuilly zu entsprechen.

Schade nur, daß das Klischee offenbar kaum dem Original entspricht, doch wen stört das schon: Hauptsache das Feindbild stimmt!

Und da Nicolas Sarkozy sowohl eine jiddische Mamme hat und noch dazu einen dezidiert proamerikanischen Kurs einzuschlagen gedenkt, kann er einfach nicht ganz koscher sein, es sei denn er wäre zu allem Überfluß auch noch ein Agent des Mossad.

Aber was nicht ist, kann ja noch werden! 

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