Von Katharina Lotter
Malwettbewerbe machen Spaß. Man gönnt Schulkindern ein wenig Kreativität, schöne Preise locken und die unterstützenden Firmen bekommen etwas Publicity. Vielleicht schaut sogar der freundliche Lokalreporter bei der Preisverleihung vorbei und macht ein Foto von den kleinen Nachwuchskünstlern und ihren Werken. Alles hübsch harmlos. Oder?
Vielleicht sollte man genauer hinsehen, etwa auf die preisgekrönten Bilder, die im Rahmen des Internationalen Jugendwettbewerbs der Volksbanken und Raiffeisenbanken im vergangenen Jahr in Grundschulklassen des gesamten Bundesgebiets gemalt wurden.
Was bedeutet es, wenn landesweit viele tausend Kinder im Alter von 6 bis 10 weinende Eisbären, abstürzende Vögel, schwitzende Pinguine am Südpol, ihr eigenes Dorf 20 000 Meilen unter dem Meer und eine mit Kokospalmen zugewucherte Antarktis zeichnen?
2010 war das große Klima-Jahr, da sprangen auch die Ideengeber für Malwettbewerbe mit auf den Zug. Laura aus der 3b zum Beispiel erhielt von der Raiffeisenbank Rupertiwinkel, Berchtesgarden einen 3. Preis für ihr Bild, das sie, weil sie schon schreiben kann, mit vielen Fragen versehen hat: “Klimawandel! Unsere Eisberge! Wie lange gibt es sie noch? Wird unsere Erde zu warm? Wie verändert sich der Lebensraum?”.
Selina aus der 4a bekam sogar einen 1. Preis für ihre Idee, Müll vom Boden aufzusammeln und aus den Flüssen zu fischen. Genaugenommen hat sie das Thema “Mach Dir ein Bild vom Klima!” damit zwar verfehlt, aber das macht nichts. Die Kinder der Pestalozzischule in Uelzen/Niedersachsen überlegten, was man alles verbieten müsste, damit es dem Klima endlich wieder besser geht. Sie kamen zu erstaunlichen Ergebnissen: Autos, Fabriken, tropfende Wasserhähne, konventionelle Glühbirnen, Baumfäller, Dampfloks, Feuer. Und Annike, in der 3. oder 4. Grundschulklasse, überzeugte die Schiedsrichter der Volksbank Wulfsen, ebenfalls Niedersachsen, mit ihrer ganz eigenen Art, das Klima zu schützen und gleichzeitig sogar Kritik an der Globalisierung zu üben - auch so ein Teufelszeug. Sie bekam einen 4. Preis für ihr Bild mit der Aussage: “Ich esse lieber Äpfel aus Deutschland als aus Neuzealand!”. Ein blondbezopftes Mädchen ist darauf zu sehen, umgeben von einem Kreis aus roten Äpfeln. Da staunt selbst der härteste Propagandist.
In Robert Cialdinis, “Die Psychologie des Überzeugens” kann man etwas darüber erfahren, was mit diesen Kindern passiert ist. Im 3. Kapitel findet man eine kleine Anekdote über psychologische Kriegsführung. Amerikanische Soldaten, die während des Koreakrieges in die Hände von Rotchinesen gerieten, wurden nicht mit roher körperlicher Gewalt “auf Spur” gebracht wie ihre bemitleidenswerten Kollegen in nordkoreanischer Gefangenschaft. Hier herrschte eine “Politik der Milde”. Die Chinesen setzten auf das, was Psychologen Konsistenz und Kommitment nannten. Sie fingen harmlos an und steigerten ihre Einflussnahme dann zunehmend. Zunächst brachten sie die Amerikaner dazu, sich nur schwach antiamerikanisch oder prokommunistisch zu äußern: “Die Vereinigten Staaten sind nicht perfekt. In einem kommunistischen Land ist Arbeitslosigkeit kein Problem.” Daran war nichts Falsches. Wer diesen Satz einmal ausgesprochen hatte, wurde dann darum gebeten, sich zu überlegen, inwiefern die USA nicht perfekt waren. Dann sollte er diese Gründe schriftlich niederlegen und unterschreiben. Später vielleicht anderen Gefangenen vorlesen, schließlich einen Aufsatz darüber schreiben, der kurz darauf mit Nennung seines Namens im Radio vorgetragen und auch von den amerikanischen Streitkräften empfangen wurde - und plötzlich war aus dem Kriegsgefangenen ein Kollaborateur geworden, der umso mehr an seinen Aussagen festhielt. Hatte er sich doch öffentlich so geäußert. Ganz ohne Druck. Wer ein öffentliches Bekenntnis zurücknimmt, verliert sein Gesicht. Und wenn man sowieso für einen Kollaborateur gehalten wird, bringt man Selbst- und Fremdbild am besten in Einklang, wenn man sich fortan auch so verhält, wie alles es erwarten.
Genau das hat man offenbar vor, wenn man Kinder dazu anhält, an derartigen Malwettbewerben teilzunehmen. Sie sind ein Opfer psychologischer Kriegsführung im Kampf um die Deutungshoheit über den Klimawandel. Bis sie, wie ihre Eltern, einfach glauben, was behauptet wird. Und weil sie zum Vorzeigeobjekt werden: Schaut her, selbst die Kleinsten sind besorgt! Wir müssen etwas tun, für die Zukunft unserer Kinder!
Ganz falsch. Diese Bilder zeigen nur, was man Grundschülern erzählt und was man ihnen verschweigt Sie beweisen, dass den Pädagogen, die Malwettbewerbe üblicherweise begleiten, nichts besseres einfällt, als Weltuntergangsszenarien zu beschreiben. Sie sind ein wunderbares Beispiel für deutschen Katastrophismus, der jammert und nicht fragt, wie man mit einer Herausforderung konstruktiv umgehen könnte. Welche Fülle von tollen Erfindungen hätten sich die Kinder einfallen lassen können! Schwimmende Städte, umweltfreundliche Fortbewegungsmittel! Statt guter Ideen sehen wir ratlos auf Bilder über Aberglauben, Verbote, pure Angst. Falls auf irgendeinem dieser Bilder die Sonne scheint, ist sie garantiert zu heiß. Ob die ausgelobten Sachpreise und das Foto in der Zeitung diesen Schaden wieder gutmachen können?
Weinender Eisbär http://www.volksbankwulfsen.de/junge_kunden/malwettbewerb_2010/1____2__klasse.-Bildergalerie-0001-Image.Bildergalerieimagegallery.direct.jpg
Ich esse lieber Äpfel aus Deutschland
http://www.volksbankwulfsen.de/junge_kunden/malwettbewerb_2010/1____2__klasse.-Bildergalerie-0004-Image.Bildergalerieimagegallery.direct.jpg
Raiffeisenbank Rupertiwinkel
http://www.rb-rupertiwinkel.de/index.php?menue=00000405
Pestalozzischule Uelzen:
http://www.ps-uelzen.de/index.php?id=136