Von Marcella Zulla.
Behrang Gholamdoust (32) malt nackte Frauen und Männer. Das wäre hierzulande kein Problem, im Iran ist es undenkbar. Nacktheit darzustellen unterliegt dem islamischen Vermeidungsgebot. Der Iraner ist einer von vielen iranischen Künstlern, die im Exil leben. Er erinnert die Europäer daran, was eigentlich auf dem Spiel steht.
Viele junge Iraner, die die Enge des Systems nicht mehr aushalten, orientieren sich nach Aserbaidschan, Armenien oder Georgien. Dort können sie sich legal ohne Hijab in der Öffentlichkeit zeigen, feiern und Alkohol trinken – wahrscheinlich werden sie gerade deshalb etwa im konservativen, christlichen Armenien kritisch beäugt. Auch Behrang Gholamdoust hat sich entschieden, nach Armenien zu gehen und an der Academy of Fine Arts in Yerevan Kunst zu studieren.
Inzwischen hat er sich noch ein Stück weiter nach Westen orientiert und lebt heute in Schweden. „Hier kann ich meine Bilder bedenkenlos in Cafés ausstellen.“ Die iranische Regierung hingegen habe erwirkt, seine persischsprachigen Internetpräsenzen zu sperren. In Armenien wäre seine Kunst vermutlich ebenfalls auf Unverständnis gestoßen: Nacktdarstellungen und sexuelle Posen bringt er in Zusammenhang mit religiöser Symbolik. Dabei gehe es ihm in seinen Werken nicht nur um die Freiheit des Körpers, sondern auch um die Freiheit des Denkens. Beides gebe es im Iran nicht.
Als ich Behrang zum ersten Mal in Yerevan begegne, teste ich meine rudimentären Persischkenntnisse. Er wechselt ins Englische. Er sagt, er würde sich eher erhängen als in den Iran zurückzukehren. Der überzeugte Atheist ist nicht der einzige iranische Künstler, der in Europa ein neues Zuhause gefunden hat: Der Cartoonist Mana Neyestani sowie die Sänger Mohsen Namjoo, Shahin Najafi und viele weitere haben ihr Land unter dem Druck der Regierung verlassen.
Seine Bilder hat er jahrelang versteckt
Auf die Frage, ob sein Klarname wirklich in diesem Beitrag auftauchen solle, reagiert Behrang trotzig, fast ein wenig beleidigt. „Es is eine Chance für mich als Künstler das zu tun, was ich möchte.“ In den Iran könne er sowieso schon lange nicht mehr. Der quirlige 32-Jährige wirkt wie einer, der in der Schule immer der Störenfried war. Der, der den Lehrer immer herausgefordert hat. Solche Menschen passen nicht in einen autoritären Staat. Seine Bilder hat er jahrelang versteckt. Später ist er dazu übergegangen, sie in Kleinstformaten vorzuzeichnen – stets in der Hoffnung, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem er sie ausarbeiten könnte.
Mal zeigen seine Werke einen Ayatollah, der von Putin an die Leine genommen wird, mal einen einsamen Penis, aus dem Blut mit der Aufschrift „Allah“ tropft – eine Anspielung auf die strenge Reglementierung des Sexuallebens durch den religiösen Staat. Behrang findet: „Ich muss keine Religion praktizieren, um moralische Werte zu besitzen.“ Sein Vater, ein Schriftsteller, ist wütend. „Du wirst niemals zurückkommen können“, sagt er. „Das ist mir egal“, entgegnet sein Sohn. Die Europäer nähmen Ihre Freiheit seiner Meinung nach viel zu selbstverständlich. In nur wenigen Bildern findet er das wieder, was zur Zeit die Welt bewege. Dabei sei es doch Aufgabe der Kunst, so Gholamdoust, kritisch auf diese Dinge hinzuweisen und sie zu hinterfragen. „Jeder kann malen“, schließt er. Aber nicht jeder könne sehen.
Marcella Zulla ist Ethnologin und lebt in Köln