Gastautor / 09.05.2014 / 09:24 / 11 / Seite ausdrucken

Nicht das Geschlecht, sondern Judith Butler ist ein soziales Konstrukt

Oliver Jeges

In einer Episode der Sitcom “Friends” kommt Rachel, verkörpert von Jennifer Aniston, völlig aufgewühlt nach Hause, um ihren Freundinnen Monica und Phoebe von ihrem letzten Date zu erzählen. Rachel hat noch nicht einmal ihre Jacke ausgezogen, schon rückt sie mit den Fakten raus: “Ross hat mich geküsst”. Phoebe und Monica sind vollkommen aus dem Häuschen. Zur Feier des Tages köpfen sie eine Flasche Rotwein und wollen jedes Detail hören, wie der Kuss abgelaufen ist. Darauf entspinnt sich folgender Dialog:

Phoebe: “Wie war das mit dem Kuss? War das eher so eine sanfte Brise auf deinen Lippen, oder gehörte der Kuss doch mehr in die leidenschaftliche Kategorie?”
Rachel: “Wisst ihr, am Anfang war er ganz, gaaanz intensiv, und dann sind wir einfach ganz tief darin versunken.”
Phoebe: “Gut, okay, und hat er dich festgehalten, also wo genau waren seine Hände? Auf deinem Rücken oder wo?”
Rachel: “Also ganz am Anfang waren seine Hände an meiner Hüfte, ja, aber dann glitten sie langsam nach oben und strichen mir durch meine Haare.”

Phoebe und Monica sind hin und weg von so viel beschriebener Zärtlichkeit. Währenddessen verschlingen Ross und seine Kumpels Chandler und Joey in der Küche Pizza. Dabei schildert Ross den Kuss mit Rachel aus seiner Sicht:

Ross: “Und dann hab ich sie geküsst.”
Joey: “Zunge?”
Ross: “Ja.”

In dieser kurzen Szene kann man mehr über Natur, Geschlecht und soziales Verhalten lernen, als in zwanzig Semestern “Gender Studies”. Allein schon deswegen, weil die Aufgabe einer Fernsehserie nicht das Negieren, sondern das Abbilden von Wirklichkeit ist.

Bei Judith Butler würde jene Szene wohl zu Schnappatmung, Herzrasen und Hautausschlag führen. Für “Denker” ihres Schlages handelt es sich bei der zuvor geschilderten Situationskomik vermutlich um die Darstellung von Diskriminierung, Unterdrückung und Rollenzwang. Denn seit Anfang der Neunziger Jahre, als Judith Butler ihr Buch “Das Unbehagen der Geschlechter” veröffentlichte, sickert die These vom Geschlecht als “sozialem Konstrukt” immer tiefer in das kollektive Bewusstsein der westlichen Gesellschaften ein. Ein kultureller Trickle-Down-Effekt.

Judith Butler ist Philosophin, Professorin, Feministin. Vor allem aber ist sie die Verkörperung ihrer eigenen These. Wer sie sieht, sieht ein geschlechtsloses, asexuelles, konturloses Wesen mit einer Stimme, die weder männlich noch weiblich, einer Figur, die weder maskulin noch feminin ist, und einem Habitus, an dem jede Zuschreibung von Geschlechterstereotypen abprallt. Insofern scheint Butler damit ihre These an der eigenen Person zu bestätigen, dass das Geschlecht nur eine Erfindung sei. Dass Gesellschaft, Staat und Kultur die Menschen in die Geschlechterrollen “Mann und Frau” pressen würden.

Butler sagt, sie “möchte das Geschlechter-Kontinuum entpathologisieren”, sie sei aber nicht für die “Abschaffung der Geschlechterkategorien”. Zum Glück gibt es im Netz das Gender-Glossar (http://www.gender-glossar.de), wo man sofort nachschlagen kann, wenn einem an der Geschlechterfront vor lauter “Konstrukten” nicht unmittelbar klar ist, worum es bei dem philosophischen Aufriss eigentlich geht. Dort kann man lesen, womit Butler sich den ganzen Tag beschäftigt:

“Die Philosophin Judith Butler öffnet Derridas Iterabilitätskonzept für kultur- und insbesondere gendertheoretische Überlegungen. Sie weist jedoch mit Austin darauf hin, dass manche ‘Kontexte mit bestimmten Sprechakten in einer Weise zusammenhängen, die nur schwer zu erschüttern ist’, da sie sich als ‚das Gewöhnliche‘ sedimentiert haben. Performativität ist für Butler ein wiederholtes (sprachliches) Tun, das eine produktive und generative Wirkung auf die soziosymbolische Realität entfaltet, gerade weil es auf kontingenten sozialen Grundlagen operiert. Das Sein oder So-Sein eines Geschlechtes ist demnach kein ontologischer Status, der aus einer vordiskursiven Wirklichkeit schöpft, sondern das Ergebnis performativer Inszenierungen, die sich selbst erfolgreich als Sein darstellen, d.h. ihre Konstruiertheit verschleiern und einen Naturalisierungseffekt hervorrufen. Geschlechtsidentität erscheint damit als das Ergebnis einer rituellen Wiederholungspraxis.”  - Auf gut deutsch: Du bist nur Mann oder Frau, weil man es dir ständig einredet. In Wahrheit könntest du ganz anders sein, nämlich frei und ungenormt.

Dazu muss man sagen: Judith Butler verkörpert nicht nur den Status Quo der Gendertheorie am eigenen Leibe, sondern auch die Hybris der intellektuellen Klasse. Nicht nur Migranten bilden Parallelgesellschaften, auch Intellektuelle. Und sie haben einiges gemein. Während Migranten kaum aus ihrem Ghetto herauskommen, verabschieden sich Intellektuelle in ihren Elfenbeinturm. Sowohl Migranten als auch Intellektuelle haben erhebliche Sprachprobleme. Die einen versteht keiner, weil sie einen zu kleinen Wortschatz, die anderen keiner, weil sie einen zu großen haben. Beide Gruppen haben gemein, dass sie mit keinen sozialen Schichten zu tun haben, außer der eigenen. Und dass beide Gruppen zeitgleich sowohl in der Realität, als auch an dieser vorbeileben.

Während manche Migranten mühsam daran arbeiten, ihre eigene Integration zu verhindern, arbeiten manche Intellektuelle an der Abschaffung beziehungsweise der Ausweitung der Geschlechter – ein Zeitvertreib für abgehobene Geistestheoretiker, die versuchen ihre gesellschaftliche Irrelevanz durch schräge Theorien und Thesen auszugleichen.

Aber Butler ist die Ausnahme. Ihre Theorien tragen erste Früchte. Sie ziehen aus dem Exil der “Scientific-Community” aus, und wandern hinein in die “Mainstream-Society”. Ein prominentes Beispiel: In der englischen Variante von Facebook gibt es seit Anfang des Jahres nicht mehr nur Mann oder Frau, sondern 56 weitere Geschlechter, aus denen man wählen kann. Man könnte meinen, Mark Zuckerberg habe Butler höchstpersönlich als “Gender Advisor” in die Facebook-Zentrale nach Kalifornien eingeladen, um von dort aus der Diskriminierung den finalen Kampf anzusagen. Auf ihren Profilen können Facebook-Nutzer nun unter den Geschlechtern “Agender”, “Androgyne”, “Bigender”, “Cis”, “Cisgender”, “Cis Female”, “Cis Male”, “Cis Man”, “Cis Woman” und vielen mehr wählen. Wobei der Unterschied zwischen “Cis Male” und “Cis Man” vermutlich selbst so manchen Genderforscher überfordert. “Es ist kompliziert” kann man demnach in Zukunft nicht mehr nur beim aktuellen Beziehungsstatus notieren, sondern auch beim Geschlecht. Nach dem Motto: wenn man schon nicht überzeugen kann, sollte man zumindest Verwirrung stiften.

Früher galt im zwischenmeinschlichen Verhalten noch die Devise: Männer lieben Frauen und Frauen lieben Schuhe. Doch das ist graue Vorzeit. Aus zwei Geschlechtern wurden 58. Und für Judith Butler gibt es alles oder nichts. Vielleicht war Einsteins berühmter Satz “Alles ist relativ” gar nicht als Feststellung gemeint, sondern als Warnung. Vielleicht haben wir nur das Ausrufezeichen überlesen: “Alles ist relativ!” Vielleicht wollte er die Welt vor körper-, geschlechts- und geistlosen Wesen wie Judith Butler warnen, die alles relativieren, differenzieren und negieren bis am Ende nichts mehr übrig bleibt.

Man kann darüber streiten, ob die Karotte ein Obst oder ein Gemüse ist. Ob es sich bei Pluto um einen Planeten, einen Zwergplaneten, einen Asteroiden oder lediglich um ein “transneptunisches Objekt” handelt. Man kann zur Diskussion stellen, ob Woody Allen eher ein Dramatiker oder ein Komödiant ist (oder beides zugleich). Es bleibt ein ewiges Rätsel der Menschheit, ob man seinen Zeitgenossen nach einer Niesattacke nun Gesundheit wünscht, oder ob sich nicht vielmehr der Niesende für sein unangebrachtes Verhalten entschuldigen sollte. Das ist von Kniggeausgabe zu Kniggeausgabe verschieden, also “situationsabhängig”.

Diskussionen befruchten die Debatte wie den Fortschritt. Aber eine Diskussion darüber, ob es nun kein Geschlecht oder aber unzählige gibt, ist so sinnlos wie der Versuch, ohne technische Hilfsmittel die Schwerkraft zu überwinden. Es gibt Mann und Frau, wie es Yin und Yang gibt. Es gibt nicht auch noch Yim, Yong, Yung, und Yeng. Die einen nennen diese Haltung abfällig Schwarz-Weiß-Denken, die anderen den Dualismus allen Seins. Warm und kalt, Tag und Nacht, dick und dünn, groß und klein, oben und unten, links und rechts, jung und alt, reich und arm, schön und hässlich. Dionysos und Apollon, Romeo und Julia, Bud Spencer und Terrence Hill. Und eben Mann und Frau.

Ich habe nichts gegen soziale Konstrukte, die meisten weiß ich sogar sehr zu schätzen. Wo wäre die Menschheit heute ohne soziale Konstrukte? Wir hätten keine Liebesheirat, keine Tischmanieren, kein Speed-Dating und keine Hygienevorschriften, um einige positive zu nennen. Andererseits wären uns so lästige Konstrukte wie Sippenhaft, Ehrenmorde und Monogamie erspart geblieben.

Wenn es so etwas wie ein soziales Konstrukt gibt, dann ist Judith Butler ein solches. Sie, er oder es ist der Ausdruck einer Wohlstandsgesellschaft, die es sich leisten kann, mehr Gedanken über Petitessen wie “soziale Konstrukte” zu verschwenden, als über den Fortschritt der Gesellschaft zu befeuern. Ja, womöglich ist das Geschlecht nur eine Konstruktion, eine Erfindung. Die Thesen Judith Butlers sind es genauso.

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Leserpost

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Manfred Haferburg / 09.05.2014

Nichts Neues unter der Sonne. Der geniale Stanislav Lem beschreibt in seinem Roman “Ijon Tichy” viele wunderbare Dinge, unter anderem einen Planeten, auf dem fünfgeschlechtliche Wesen wohnen. Für die Fortpflanzung werden Dada, Mama, Gaga, Haha und Fafa gebraucht. Kommen nur vier zusammen, ist das eine unglückliche Liebe. Bei Lem konnte man über solche Einfälle noch herzlich lachen. Bei “Wissenschaftlern” vom Schlage der/des Judith Butler zweifelt man am klaren Verstand derselben. Also lieber nochmal Lem lesen und kichern, anstatt die Genderspinner ernst zu nehmen.

Klaus Kalweit / 09.05.2014

Hatte ich noch nie etwas für pseudointellektuelles Geschwätz übrig, so konnte ich mir doch nicht vorstellen, wie weit man das treiben kann. Merke, Frau Butler: Intellektuelle erkennt man am Inhalt ihrer Botschaften, nicht an der Formulierung oder verbalen Vernebelung.

Thorsten Hammbuch / 09.05.2014

Dieses ganze Gendergedöns darf man nicht als Wissenschaft betrachten, sondern als Kunst. 1. Die genderistische Sprachumgestaltung ist eine Zumutung ersten Grades, wenn sie als politische Implikation einer Wissenschaft daherkommt. Wenn der “gegendata” Text nun aber als Kunstobjekt daherkommt - voila - sehr avantgardistisch! 2. Die sog. Genderkunst ist eine autonom durchgeführte Psychotherapie der Betroffenen. Die Genderergüsse in aller Musen Richtung stehen Therapiemalen, Mandala finden und Gefühle tanzen in nichts nach, sondern helfen den Betroffenen jenseits der althergebrachten Muster zu sich selbst zu finden. Man müsste die Arbeiten eigentlich in ein Museum stellen. 3. Die Abkapselung der Genderisten hinein ins Metaphysische und ihre offensive Ablehnung rationaler und naturalistischer/evolutorischer Erklärungsansätze schreit geradezu nach Kunst. Naja, also entweder Kunst oder Religion. Die würde auch passen;p

Benedikt Wolf / 09.05.2014

Vielleicht mal Butler lesen und nicht den Gender-Glossar. Eine Kritik an Butler wird erst dann sinnvoll (und sie ist sicher sehr nötig), wenn sie auch tatsächlich Butler kritisiert und nicht das, was aus Butlers Denken im Internet oder in der Presse kolportiert wird.

Tim Heitkamp / 09.05.2014

Es gibt nur zwei Geschlechter, alles andere ist nur eingebildet. Geschlecherrollen sind genetisch und nicht konstruiert, deswegen kann man eh nix daran ändern. Also brauchen wir es auch gar nicht erst versuchen. Kann man das so zusammenfassen?

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