Stefan Frank / 22.11.2021 / 06:05 / Foto: Pixabay / 41 / Seite ausdrucken

Newsguard gegen Achgut (5): Türsteher vor der Meinungs-Disko

Eine Instanz, die über die „Wahrheit“ wacht und von Journalisten „Korrekturen“ einfordert, wäre selbst dann schrecklich, wenn sie nur von durch und durch anständigen, weisen, völlig uneigennützigen, unpolitischen, ehrlichen Leuten betrieben würde.

NewsGuard wacht nicht nur über konkrete Artikel, sondern allgemein über die richtige Weltanschauung, ähnlich wie der Wächterrat im Iran. So wollte NewsGuard-„Analystin“ Marie Richter von Dirk Maxeiner etwa wissen:

„Sind Sie jetzt oder waren Sie jemals Mitglied der Kommunistischen Partei?“

Oh, Verzeihung, da sind die Papiere durcheinandergeraten. In Wirklichkeit fragte sie:

„Verfolgt Achgut.com eine politische Agenda oder Orientierung? Unsere Analyse ergab, dass Artikel oft eine rechtsgerichtete Perspektive präsentieren.“

Dirk Maxeiner schrieb in seiner ausführlichen Antwort u.a.:

„Unsere Agenda lautet: Wir fühlen uns den klassischen journalistischen Tugenden verpflichtet. So wie es die Bundeszentrale für politische Bildung formuliert: „Massenmedien haben die Aufgabe, die Öffentlichkeit zu informieren und Entscheidungsträgern die öffentliche Meinung kundzutun. Darüber hinaus wirken sie durch Kontrolle und Kritik an der Meinungsbildung mit.“

Weil Achgut nicht die von NewsGuard geforderten „Korrekturen“ an Artikeln vorgenommen hat, warnt NewsGuard nun potenzielle Leser, Achgut verbreite „wiederholt falsche Inhalte“ und präsentiere „Informationen nicht verantwortungsbewusst“. Das gibt natürlich das rote Schild: disqualifiziert. Zudem prangert NewsGuard an:

„Achgut.com beschreibt sich selbst als Meinungs- und nicht als Nachrichtenwebsite. Allerdings legt sie keine bestimmte politische oder ideologische Perspektive offen … Die Informationen auf der Website werden aber konsistent aus einer konservativen bis rechtspopulistischen Perspektive dargestellt, die die Website nicht offenlegt.“

Ähnlich Schildern, die auf den Tollwutbezirk hinweisen

Gibt es bei Achgut jemanden, der darüber wacht, dass alles „konsistent“ aus einer „bestimmten politischen oder ideologischen Perspektive“ dargestellt wird? So, wie bei ARD und ZDF? Nein. Das NewsGuard-Urteil stellt vielmehr die ideologische Borniertheit der NewsGuard-Zensoren bloß, die es offenbar nicht mögen, mit Gedanken und Informationen konfrontiert zu werden, die ihnen fremd sind. 

Was ihre eigene ideologische Perspektive ist, ist nicht schwer zu erraten. Auf der Startseite von NewsGuard Deutschland steht, niemand werde so „häufig“ zum „Ziel von Fake News“ wie die Grünen-Vorsitzende Baerbock. Wie NewsGuard das wohl herausgefunden hat? Ganz einfach: Niemand sonst wurde so oft von NewsGuard in Schutz genommen.

„Konsistent“ bedeutet: widerspruchsfrei, folgerichtig. Was heißt „konservativ“? Laut Kröners Wörterbuch zur Politik geht es dem Konservatismus um die „Erhaltung von als bewahrenswert erachteten politischen Gütern oder Werten“, insbesondere um das „Bewahren überlieferter Spielregeln, Einrichtungen, Sitten und Gebräuche gegen fortschrittsoptimistische, reformerische oder revolutionäre Denk- und Politikstile.“ Konservative wollten „den Bereich des Politischen lieber klein als groß und lieber streng gezügelt als mächtig halten, man wendet sich insbesondere gegen Politik, die sich aus quasi-religiösem Sendungsbewusstsein speist […]“.

Aha. Derartige Anschauungen sollen, wenn es nach NewsGuard geht, nur in abgegrenzten, dafür vorgesehenen Räumen zum Ausdruck gebracht werden dürfen, wo ein entsprechendes Schild angebracht ist, das den arglosen Spaziergänger davor warnt. Ähnlich den Schildern im Wald, die auf den Tollwutbezirk hinweisen.

Man kann voraussehen, wo das hinführt. Wer auf Websites publiziert, die von NewsGuard ein grünes Häkchen bekommen, der wird sich davor hüten, in den Verdacht zu geraten, „konservativ“ zu sein, weil dies ja offiziell „offengelegt“ werden müsste, für die gesamte (!) Website. Konservative Meinungen – oder solche, die von NewsGuard-Journalisten dafür gehalten werden könnten – auf dafür nicht von NewsGuard lizenzierten Websites zu äußern, würde sicherlich zum Verlust des grünen Häkchens führen.

NewsGuard drängt in die Schulen

Schon unmittelbar nach seiner Gründung setzte NewsGuard alles daran, dass Bibliotheken und Schulen sein Tool zur Internetzensur übernehmen. Auf der Website heißt es:

„NewsGuard stellt Schulen und Bibliotheken Ressourcen für Medienkompetenz zur Verfügung, die Lernenden aller Altersgruppen helfen, sich in der überwältigenden Landschaft der Online-Nachrichten und -Informationen zurechtzufinden. Mehr als 800 öffentliche Bibliotheken weltweit nutzen die Browser-Erweiterung von NewsGuard auf ihren Computern, und Pädagogen in aller Welt nutzen unsere Ressourcen, um Schülern bei der Entwicklung von Fähigkeiten zur Quellenbewertung zu helfen. NewsGuard’s News Literacy Programs werden durch die großzügige Unterstützung von Microsoft ermöglicht.“

NewsGuard erfüllt hergebrachte Definitionen von Zensur

Mit einem roten Schild warnt das Browser-Plugin von NewsGuard (das bei dem Microsoft-Browser Edge vorinstalliert ist) den Nutzer vor politischen Websites, denen er nicht vertrauen soll; die genehmen erhalten ein grünes Häkchen. Ist das Zensur?

Artikel 5, Absatz 1 des Grundgesetzes lautet:

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Tatsächlich gibt es in der Bundesrepublik Deutschland keine staatliche Behörde oder sonstige Institution, der Bücher oder Zeitungen vorab zur Genehmigung vorgelegt werden müssten. Zensur kann aber „auch informell wirken“, schreibt der Literaturwissenschaftler Bodo Plachta (Zensur, Reclam, Stuttgart 2006):

„...und zwar meistens als nicht greifbare Kontrollinstanz, die sozialen, wirtschaftlichen oder politischen Interessen unterliegt. Die informelle Zensur arbeitet mit Praktiken, die Druck auf den Autor, Leser oder die allgemeine Meinungsbildung ausüben. Unterschiedlichste Interessengruppen, Institutionen oder Organisationen können als solche Kontrollinstanzen fungieren, ohne dass ein konkreter Nachweis für eine Zensurausübung erbracht werden könnte.“

NewsGuard ist eine sehr greifbare Kontrollinstanz, die klare Erwartungen hat, wie ihre Zensur wirken wird. Ein Zensor, der ständig „Korrekturen“ verlangt und den Leser davon abhalten will, bestimmte Quellen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. 

Wie NewsGuard den Erfolg misst

Um den Erfolg dieser Zensur zu messen, hat NewsGuard das Meinungsforschungsunternehmen Gallup beauftragt, herauszufinden, welchen Einfluss die grünen Häkchen und roten Warnschilder von NewsGuard auf Leser haben. Im Januar 2019 meldete NewsGuard auf seiner englischsprachigen Website stolz, eine Gallup-Studie, „die die Ansichten von Nachrichtenkonsumenten misst“, habe gezeigt, dass „große Mehrheiten wahrscheinlich eher nicht Nachrichten von Websites mit roter [NewsGuard-]Bewertung (unzuverlässig) lesen oder teilen“. Hingegen würden sie „eher Nachrichten von Websites mit grüner Bewertung (zuverlässig) lesen oder teilen.“ NewsGuard verfolgt also offen den Zweck, die Leser zu manipulieren und den Leserstrom im Internet zu steuern. 

In diesem Ziel enthalten ist auch eine wirtschaftliche Schädigung der einen und Belohnung der anderen – schließlich will NewsGuard ja für seine Investoren Profite machen, das geht nur, wenn sich die Auswirkungen seines Bewertungssystems in Heller und Pfennig messen lassen. Anna-Sophie Harling, Geschäftsführerin und Europa-Chefin von NewsGuard, sagt, auf Websites mit grünem NewsGuard-Häkchen („glaubwürdige Quellen“) zu werben, sei „für Marken nicht nur eine verantwortungsvolle Möglichkeit, den Journalismus und die Demokratie (!) zu stärken – unter dem Strich zahlt es sich auch wirtschaftlich aus.“ 

Sicherlich auch und nicht zuletzt für NewsGuard und seine Investoren, darunter der Werbekonzern Publicis.

Harling weist auf eine andere Studie zur Wirkung von Reklame hin, die NewsGuard in Auftrag gegeben hat. Darin heißt es, dass Großkonzerne wie Pepsi oder Starbucks, die nicht wollten, dass ihre Werbung in einem kontroversen Umfeld angezeigt werde, derzeit noch ein „überaus breites Keyword-Blocking“ betrieben – sie untersagten etwa, dass ihre Werbung bei Artikeln platziert werde, in denen Schlüsselwörter wie „Covid-19“, „Trump“, „Einwanderung“, „schwul“ oder „Hispanic“ auftaucht. „Dieser Vorschlaghammer-Ansatz“, heißt es in jener Studie, „boykottiert in der Praxis Nachrichteninhalte von Tausenden von glaubwürdigen Nachrichtenorganisationen zu einer Zeit, in der diese Nachrichtenseiten am meisten Einnahmen benötigen, um ihren Journalismus zu unterstützen“. Der Ausweg laut NewsGuard: Die werbetreibende Wirtschaft solle auf das Keyword-Blocking ganz verzichten und stattdessen auf allen Websites Werbung schalten, die ein grünes NewsGuard-Häkchen haben – auf allen anderen hingegen nicht. So würde die Reichweite der Werbung – und damit auch die von Werbeunternehmen wie NewsGuard-Investor Publicis – gegenüber dem bisherigen Ansatz enorm gesteigert:

„Durch die Weiterleitung von Anzeigen an sorgfältig geprüfte, äußerst glaubwürdige und vertrauenswürdige Nachrichtenquellen können Marken Qualitätsjournalismus unterstützen, Fehlinformationen vermeiden und bessere Kampagnenergebnisse erzielen – gedeihen und Gutes tun.“

Der NewsGuard-Konzern will also nicht nur Wächter der Nachrichtenwahrheit sein, sondern Wächter über Geld. Der Konzern formuliert offensiv die Erwartung, dass NewsGuard in Zukunft darüber entscheiden wird, welche politischen Websites von der werbetreibenden Wirtschaft Geld bekommen sollen und welche von Einnahmen abgeschnitten werden.

Die meisten Websites haben keine zahlenden Leser, sondern finanzieren sich allein durch das Einblenden von Werbung. Wenn sich die werbetreibende Wirtschaft, wie von NewsGuard angestrebt, allein an den grünen und roten NewsGuard-Stempeln orientiert, bedeutet das, dass NewsGuard darüber entscheidet, welche Website eine wirtschaftliche Existenzgrundlage hat und welche nicht. Das Geschäftsmodell von NewsGuard geht also weit über die Manipulation der potenziellen Leser hinaus. 

Würde NewsGuard als eine solche Zensurbehörde akzeptiert werden, dann würde das jeglichen Anschein von Unabhängigkeit auslöschen, den Nachrichtenwebsites jetzt vielleicht noch haben. Sie dürften nur noch das veröffentlichen, was den Zensoren von NewsGuard genehm ist, bei Strafe des Untergangs. 

Ausweg Selbstzensur?

Das wird zu einem bislang noch nicht dagewesen Maß an Selbstzensur führen, um Konflikten mit dem Zensor präventiv aus dem Weg zu gehen, von vornherein zu vermeiden, dass NewsGuard „Berichtigungen“ in den Berichten und Kommentaren verlangt. Bodo Plachta schreibt in dem genannten Reclam-Band Zensur:

„Der informellen wie der formellen Zensur kann durch Selbstzensur zuvorgekommen werden, indem sich ein Autor entgegen seiner ursprünglichen Absicht aus Furcht vor einem Verbot oder vor Sanktionen vorab zur Korrektur seiner Äußerung entschließt oder im Extremfall auf eine Veröffentlichung überhaupt verzichtet. Das Phänomen der Selbstzensur ist nur sehr schwer zu fassen, existiert eigentlich immer und entfaltet seine Wirkungsmechanismen häufig zu Zeiten extremer gesellschaftlicher und politischer Konflikte oder in einem zugespitzten Meinungsklima.“

Ein Journalist namens Ulrich Wickert beschrieb das Phänomen der Selbstzensur einmal in einem 1976 erschienenen Buch mit dem Titel Die Schere im Kopf. Über Zensur und Selbstzensur, herausgegeben von einem gewissen Henryk M. Broder. Wickert hatte im November 1975 für die WDR-Sendung Monitor ein Live-Interview mit dem Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion, Herbert Wehner, geführt. „Nun ist bekannt“, schreibt Wickert, 

„dass gerade dieser Interviewpartner schwierig zu behandeln ist, seine Reaktionen können nicht vorhergesehen werden, mal explodiert er, mal lässt er sich Bosheiten einfallen, mal charmiert Herbert Wehner“. 

Er habe sich vorgenommen, so Wickert, „das Gespräch auf den Punkt zu führen, mich nicht irritieren zu lassen und nachzuhaken, wenn eine banale Antwort käme“. Sein Interviewstil sei indessen nicht bei allen gut angekommen, so Wickert:

„Der Bonner Hofchronist Walter Henkels [seinerzeit Bonner Korrespondent der FAZ, davor für die Zeit, Mitbegründer der Bundespressekonferenz; S.F.] meinte, ‚durch forsches und nassforsches Insistieren‘, habe ein ‚Fernsehreporter‘ eine ‚volle Breitseite auf den alten Kämpen‘ abgeschossen. Und schon kurz darauf kam der Druck von ganz oben. Der CDU-Landtagspräsident von Nordrhein-Westfalen, [Wilhelm] Lenz, gleichzeitig Vorsitzender des WDR-Verwaltungsrates, bezeichnete mein Verhalten als Interviewer ‚am Rande des Flegelhaften‘ und empfahl, ich möge mich bei Herbert Wehner entschuldigen.“

„Die Wirkung blieb nicht aus“, so Wickert. Für die folgende Sendung habe er ein „kritisches Interview“ mit Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel führen wollen. 

„Eingedenk der Reaktion auf das Wehnerinterview unterließ ich jedoch jede kritische Frage, hielt mich zurück und beließ es beim braven Abfragen.“ 

Nach dem Interview sei ihm klar geworden, so Wickert, warum er sich so verhalten habe:„Das charakteristische an der Selbstzensur ist, dass sie unbewusst stattfindet.“ Weshalb zensiert ein unkündbarer Journalist sich selbst? Dazu müsse man „einen Psychologen befragen“, so Wickert:

„Es handelt sich auch hier um eine Form von Existenzangst.“ 

Als Beispiel nennt Wickert den Redaktionschef eines öffentlich-rechtlichen Senders, der erkennen lasse, dass er bestimmte Themen nicht behandelt sehen möchte. 

„Will ein Mitarbeiter dieser Redaktion solche Themen dennoch in dieser Sendung unterbringen, so darf er Auseinandersetzungen nicht scheuen. Das wird er vielleicht einmal, vielleicht zweimal – wenn es hoch kommt dreimal – versuchen, mit Erfolg oder nicht. Dann spätestens rasten die Gruppenmechanismen ein. Sein Chef wird ihn mit subtilen Mitteln isolieren, seine Kollegen, auch sie wie jedermann vom Wohlwollen des Vorgesetzten abhängig, werden auf ihn einwirken, bis er vor der Frage steht, weiter in der Redaktion nach den dort gesteckten Grenzen mitzuarbeiten, oder aber innerhalb des Hauses eine neue Beschäftigung zu suchen, die ihm kaum einer geben wird, der die Hintergründe kennt. Finanziell ist der Journalist, sofern er festangestellter Redakteur ist, abgesichert, aber existentiell isoliert.“

„Politisch“ werde darüber „wenig diskutiert“, so Wickert, „weil hier die Interessen des einzelnen sofort durchschaubar sind. Also muss die politische Argumentation zurückgedrängt werden.“

Statt mit politischen Argumenten werde eine bestimmte Berichterstattung „mit fadenscheinigen ‚journalistischen‘ Gründen“ „abgewürgt“, „und nach dem dritten Mal weiß die Redaktion, dass solch ein Thema ‚nicht läuft‘“. Die politische Argumentation werde „also journalistisch verbrämt“:

„Entweder ist der vorgeschlagene oder gar schon produzierte Beitrag nicht ‚aktuell‘, bringt nichts ‚Neues‘, ist nicht ‚ausgewogen‘, journalistisch ‚inadäquat‘, passt nicht in die Sendung oder aber das Thema ist nicht so realisiert worden, ‚wie man es sich vorstellte!‘.“ 

„Jeder“, der einmal in einer Redaktion gearbeitet habe, so Wickert, wisse, „dass man fast jeden Beitrag mit jeweils umgekehrten Argumenten aus dem Programm hinaus- oder gerade hineinnehmen kann“. 

Was Ulrich Wickert vor mehr als 45 Jahren schrieb, gilt heute mehr denn je. Angesichts der Krise des etablierten Journalismus, die vor allem darin besteht, dass die traditionellen Einnahmequellen – Abonnements, Kioskverkauf, gedruckte Reklame und Kleinanzeigen – mehr und mehr versiegen, wird es kein Zeitungsverlag riskieren, sich in einen Kampf mit dem Goliath NewsGuard zu verwickeln, zumal dieser auf Argumente ohnehin nicht eingeht. Alle werden folgsam sein und die von NewsGuard angeordneten „Korrekturen“ vornehmen.

Was NewsGuard und Erdogan gemein haben

Es ist bekannt, dass Diktaturen und autoritäre Regimes seit dem Frühjahr 2020 ihrer Zensur – die sie auch vorher schon praktiziert haben – eine neue Begründung zur Seite gestellt haben: Nun werden Zeitungen zensiert und Journalisten verfolgt unter dem Vorwand, sie hätten „Falschnachrichten“ über Corona verbreitet. Das International Press Institute (IPI) warnte schon im April 2020:

„Im Versuch, Informationen über die COVID-19-Pandemie zu kontrollieren, setzen Regierungen auf der ganzen Welt Notstandsbefugnisse ein, um unabhängige Medien zu unterdrücken. Laut Daten des International Press Institute (IPI) nutzen Regierungen, insbesondere solche mit bestehenden autoritären Tendenzen, Notstandsgesetze, um gegen die Medienfreiheit vorzugehen, häufig unter dem Vorwand, die Verbreitung von ‚Fake News’ zu bekämpfen.“

Beispiel Algerien: Dort wurde der Journalist Rabah Kareche inhaftiert. Wie Amnesty International berichtet, lauten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen ihn: „Verbreitung von Fake News oder Informationen, die die Sicherheit oder die öffentliche Ordnung gefährden“; „Schädigung der nationalen Sicherheit oder der nationalen Einheit" (Paragraf 196a bzw. 79 des Strafgesetzbuches) sowie „Erstellung oder Unterhaltung einer Website zur Veröffentlichung von Informationen, die in der Gesellschaft Diskriminierung und Hass schüren können“ (Paragraf 34 des neu verabschiedeten Gesetzes zur Verhinderung und Bekämpfung von Diskriminierung und Hassreden).

Erinnert uns das an Deutschland?

Auch die linksgerichtete US-Organisation Freedom House veröffentlichte 2020 einen Bericht über die Zunahme von Zensur im Umfeld von Corona (Freedom under Lockdown). Darin heißt es:

„Die COVID-19-Pandemie hat weltweit eine Krise der Demokratie angeheizt. Seit Ausbruch des Coronavirus hat sich der Zustand von Demokratie und Menschenrechten in 80 Ländern verschlechtert. … Unabhängige Medien wurden während der Pandemie oft erstickt ...

Regierungen haben Kontrolle über Inhalte ausgeübt, Registrierungen von Verkaufsstellen widerrufen, den Druck von Zeitungen eingestellt, Presseausweise verweigert und unabhängige Befragungen bei Pressekonferenzen eingeschränkt. Neue Gesetze gegen die Verbreitung von ‚Fake News‘ über das Virus wurden verabschiedet, Websites gesperrt und Online-Artikel oder Social-Media-Beiträge entfernt.“

Amnesty International schreibt über den Begriff Fake News:

„Dieser Begriff bezog sich ursprünglich auf falsche, oft sensationelle Nachrichten und Geschichten, die erstellt wurden und verbreitet werden, um Einnahmen zu erzielen, oder als Teil von Desinformations- und Propaganda-Kampagnen. In den letzten Jahren wird der Begriff ‚Fake News‘ jedoch auch von einer Reihe von Beamten und Politikern als Label für echte und legitime Informationen, Kommentare und Meinungen benutzt, um Storys, Meinungen und Berichterstattung zu diskreditieren, die kritisch oder unabhängig sind."

Es ist genau das, was auch NewsGuard macht.

Ein anderes Beispiel, Malaysia: Dort gibt es, wie in mindestens 16 anderen Ländern der Welt, ein Gesetz gegen die Verbreitung von „Fake News“ über das Coronavirus oder die Maßnahmen der Regierung. Voice of America berichtete im März 2021:

„Malaysia nutzt neue Befugnisse im Rahmen der Notstandsregelung, um die Haftstrafen für die Verbreitung von Fake News über die Coronavirus-Pandemie oder den Notstand selbst zu verlängern, und umgeht den üblichen Weg durch das Parlament. Die Regierung sagt, dass härtere Strafen erforderlich seien, um die zunehmenden Fehlinformationen über die Pandemie abzuwehren ..."

Beispiel Türkei: Amnesty International berichtete von dem Fernfahrer Malik Yılmaz, der in den sozialen Medien gegen den Lockdown protestiert hatte:

„Ich bin nicht reich. Ich bin Arbeiter, LKW-Fahrer. Wenn ich nicht arbeite, esse ich nicht. Ich kann meine Rechnungen nicht bezahlen. Die Rechnungen nicht bezahlen zu können, ist schlimmer als der Tod… Dieses Virus wird mich nicht töten, was mich töten wird, ist euer System."

Yılmaz verlor seinen Job und wurde von der Zensur bezichtigt, zum Gesetzesbruch aufgerufen zu haben. Die NewsGärtner regieren die Welt.

Im Juli 2021 kündigte der türkische Präsident Erdogan ein Gesetz gegen „Fake News“ an. Das Parlament werde Schritte unternehmen, „um sicherzustellen, dass die Bevölkerung Zugang zu präzisen Nachrichten“ hat. Als Reaktion darauf warnten europäische Journalistenvereinigungen in einer gemeinsamen Stellungnahme:

„In Bezug auf sogenannte Fake News befürchten wir, dass die Einführung jeglicher gesetzlicher Verpflichtung zur 'Wahrheit' in der Praxis zur Schaffung eines neuen Instruments für die staatliche Zensur führen wird: die Ermächtigung von Amtsträgern, zu entscheiden, was wahr ist und was nicht, bedeutet, zu akzeptieren, dass die Behörden das Recht haben, Stimmen zum Schweigen zu bringen, mit denen sie nicht einverstanden sind.“

Auch in Russland, Südafrika und etlichen anderen Staaten gibt es Gesetze gegen „Fake News“. In Kambodscha gibt es zudem ein Gesetz, das es verbietet, Informationen zu verbreiten, die die Bevölkerung „beunruhigen“ könnten. Da gibt es für NewsGuard Kambodscha – falls es einen solchen Ableger schon gibt – sicherlich viel zu tun.

NewsGuard begründet seine Zensurbemühungen auf die gleiche Weise wie Erdogan und andere autoritäre Herrscher das tun: als noblen Einsatz für die vermeintliche Wahrheit. 

Orwell und Prokrustes

Von der Zensur, wie es sie in Deutschland im 19. Jahrhundert gab, unterscheidet sich NewsGuard dadurch, dass es nicht nur bestimmte Äußerungen verbietet, sondern genau vorschreibt, wie eine Sache darzustellen sei. Das geht bis hin zu der Forderung, Artikel, die vor vielen Jahren erschienen sind, müssten im Nachhinein „berichtigt“ werden. 

In George Orwells dystopischem Roman 1984 gibt es ein Wahrheitsministerium, dessen Mitarbeiter – unter ihnen der Protagonist Winston Smith – permanent damit beschäftigt sind, „Korrekturen“ an alten Texten, Filmen oder Musikstücken vorzunehmen. „Was in dem unsichtbaren Labyrinth“ des Wahrheitsministeriums geschah, heißt es, sei Winston Smith 

„zwar nicht im Detail, aber doch in groben Zügen bekannt. Sobald alle in einer bestimmten Nummer der Times nötig gewordenen Korrekturen zusammengetragen und nochmals geprüft worden waren, würde diese Nummer neu gedruckt, die ursprüngliche vernichtet und statt ihrer das korrigierte Exemplar ins Archiv eingestellt werden. Dieser dauernde Umwandlungsprozess erstreckte sich nicht nur auf Zeitungen, sondern auch auf Bücher, Illustrierte, Broschüren, Plakate, Flugblätter, Filme, Tonspuren, Cartoons, Fotos – auf jede Art von Literatur oder Dokumentation, die eventuell von politischer oder ideologischer Bedeutung sein konnte. Tagtäglich und fast minütlich wurde die Vergangenheit aktualisiert. So ließ sich die Richtigkeit jeder von der Partei gemachten Prognose dokumentieren…“

Die Instruktionen, die Smith erhält, 

„besagten mit keiner Silbe, dass eine Fälschung vorgenommen werden sollte: es ging immer nur um Versehen, Irrtümer, Druckfehler oder falsche Zitate, die es der Genauigkeit halber in Ordnung zu bringen galt.“

Zensur unter dem Deckmantel der „Berichtigung“, ein solches „Wahrheitsministerium“ ist NewsGuard. 

Eine Instanz, die über die „Wahrheit“ wacht und von Journalisten „Korrekturen“ einfordert, wäre selbst dann schrecklich, wenn sie nur von durch und durch anständigen, weisen, völlig uneigennützigen, unpolitischen, ehrlichen Leuten betrieben würde – dann wäre es eine Tyrannei der Tugend. Auch die kann kein vernünftiger Mensch wollen. 

NewsGuard ist eine Tyrannei ohne Tugend. Mit NewsGuard ist es wie mit Prokrustes, dem Riesen aus der griechischen Mythologie: Prokrustes bot Reisenden ein Bett an. Wenn sie zu groß für das Bett waren, hackte er ihnen die Füße ab; waren sie kleiner als das Bett, streckte er sie auf einem Amboss. Das ist, grob gesagt – nein: genau das, was die Zensoren von NewsGuard tun: „Richtig“ ist ein politischer Artikel aus ihrer Sicht erst dann, wenn so viel davon abgehackt oder gestreckt wurde, dass er ins NewsGuard-Bett passt.

 

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Foto: Pixabay

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Richard Beuthler / 22.11.2021

Ich hätte mir nie vorstellen können, daß in einer angeblich freien Gesellschaft es Geldgeber für so ein obskure Organisation wie “NewsGuard” ´hätte geben können ! Wir müssen m.E, leider feststellen, daß selbst in Demokratie Freiheit und Meinungsvielfalt keine Selbstverständlichkeit sind ! Selbst in Demokratien gibt es gesellschaftliche Kräfte, die - ausgestattet mit nennenswerten finanziellen Mitteln -  eine Art Zensurarchitektur aufbauen wollen ! George Orwell läßt grüssen !

R. Lautenschlager / 22.11.2021

Dass in Microsoft Edge die Erweiterung “NewsGuard” vorinstalliert sein soll, überraschte mich. Ein schneller Check sagte ganz klar: “in Ihrem Browser sind keine Erweiterungen installiert”. (Win 11, Nov 2021). Ich habe auch keine grünen oder andersfarbige Häkchen bei Aufruf von irgendwelchen politischen Webseiten entdeckt. Benutze allerdings Startpage und nicht Google als Standard Browser unter Edge.

Helmut Driesel / 22.11.2021

  Die Rückseite der Medaille: Stellen Sie Sich vor, sie wären in einer großen DDR-Bibliothek unterwegs, um nach Material für eine systemkritische Arbeit zu suchen. Und zu Ihrem Wohlgefallen sind alle uninteressanten Werke schon mit grünen Häkchen gekennzeichnet.

Peter Woller / 22.11.2021

Ich hasse dieses Rechts-Links-Schema, was jetzt seuchenartig überall um sich greift. Wenn Links behauptet, dass Rechts böse ist, dann behaupte ich, dass Links immer schon zersetzerisch, ätzend, spaltend, neidisch, inkompetent, und realitätsfern war.

WF Beck / 22.11.2021

In dieser Scheindemokratie, haben Großmäuler, Lügner, Betrüger, Korrupte und Rechtsbrecher die Deutungshoheit über alle Lebensbereiche übernommen. Siehe Berichte des Rotfunks oder der anderen MSM. Wem das Denken abhanden gekommen ist, darf sich nicht wundern verarscht zu werden. Artikel 5 GG gilt nur noch zur Verbreitung der Regierungsmeinung.

HaJo Wolf / 22.11.2021

Auch in D herrscht Zensur, üble, ja, schwerkriminelle Zensur. Die wird von den Mainstreammedien und den ö.r. Sendern freiwillig gemacht, die willfährigen Handlanger von Kleber über Miosga bis zu den so genannten Faktencheckern im Hinter- und Untergrund. Wir werden von einer verbrecherischen Clique beherrscht, die unter der sozialistischen Kanzlerdarstellerin zur absoluten Macht gelangte und nun völlig hemmungs- oder skrupellos agiert. Friedlich und mit demokratischen Mitteln sind diese Kriminellen nicht mehr zu stoppen…

Marco Böhm / 22.11.2021

Lieber Herr Frank, vielen Dank für diese überaus interessanten Daten. Hervorragend was wieder einmal über die AchGut-Seite bzw. die Autoren hier erscheint. Leider ein kleiner Wehrmutstropfen: Ich muss zugeben, dass ich nach der Hälfte keine Lust mehr zum weiterlesen hatte. Nicht weil es nicht spannend ist, nein, es war mir ein wenig zu lang. Damit meine ich nur die einzelnen Teile, nicht die Menge der Teile. Ihr Bericht ist aber wie eine gute Medizin. Oder wie ein edler Tropfen eines “geistreichen” Getränks. Das genießt man lieber nur in kleinen Mengen. Aber dafür eine lange Zeit und regelmäßig. Danke nochmals für ihre sehr wertvollen Infos.  

Rolf Mainz / 22.11.2021

“NewsGuard stellt Schulen und Bibliotheken Ressourcen für Medienkompetenz zur Verfügung, die Lernenden aller Altersgruppen helfen, sich in der überwältigenden Landschaft der Online-Nachrichten und -Informationen zurechtzufinden.” Und solche “Hilfe” nennt sich im Klartext Zensur. Die zitierte Aussage könnte 1:1 aus dem Jargon eines totalitären Regimes entnommen sein - die Öffentlichkeitsarbeit der KP der VR China würde es nicht besser formulieren können. Man “hilft” durch “Ressourcen für Medienkompetenz” beim “Zurechtfinden in der überwältigenden Landschaft der ... Informationen”. Genau. Wäre es da nicht viel einfacher, viel besser für die armen Medienkonsumenten, wenn diese “Überwältigung” verringert würde? Wenn die “richtige” Information besonders herausgestellt würde? Oder gar alles andere “Überwältigende” ganz gelöscht würde? Bingo. Hier wird Sprache missbraucht, um zweifelhaften ideologischen Zwecken und der Gleichschaltung von Meinung zu dienen. So geschickt formuliert, dass es Hinz und Kunz gar nicht bemerken werden - und genau das ist gewünscht. Und willfährige “Wächter” sind schnell gefunden, locken doch gut bezahlte, sichere Pöstchen.

Frank Danton / 22.11.2021

Es ist und bleibt die moderne Bücherverbrennung. Geopfert wird nicht nur der Intellekt, nein, die ganze Kultur, das Wissen und nicht zuletzt die Menschheitsgeschichte. Von Typen die nicht wissen was Leben bedeutet, die man daran erkennt, das sie sich einkoten in ihrer stupiden Mittelmäßigkeit.

Wilfried Cremer / 22.11.2021

Lieber Herr Frank, das lukrative Infomonopol der alten Medien ins Internet zu retten — darum geht’s, und dazu werden schweinische Methoden angewandt, Corona bspw.

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