Stefan Frank / 20.06.2024 / 16:00 / Foto: WikiCommons / 7 / Seite ausdrucken

New York: Jüdische Wähler mobilisieren gegen Anti-Israel-Abgeordneten

Jüdische Aktivisten im Bundesstaat New York rufen dazu auf, sich in großer Zahl an der Vorwahl der Demokraten für das US-Repräsentantenhaus zu beteiligen mit dem Ziel, den antisemitischen Abgeordneten Bowman (Foto oben) abzuwählen.

Jamaal Bowman ist eines der weniger bekannten Mitglieder der sogenannten Squad (Truppe), jener Gruppe von Israelhassern im amerikanischen Repräsentantenhaus, deren prominente Wortführer Ilhan OmarAlexandria Ocasio-Cortez und Rashida Tlaib sind.

Vor wenigen Tagen machte Bowman Schlagzeilen, als er behauptete, Israel habe die Massaker vom 7. Oktober 2023 „provoziert“. Anlass seiner Tirade war eine vom Repräsentantenhaus mit großer Mehrheit verabschiedete Resolution, in der das Parlament die Unterstützung der Terrororganisationen Hamas und Hisbollah durch Studenten und Lehrkräfte an amerikanischen Universitäten scharf verurteilte. Bowman gehörte zu den zweiundzwanzig Abgeordneten seiner Partei, die mit „Nein“ stimmten.

In einem Interview auf den Grund angesprochen, sagte er: „Eine der ersten Zeilen [der Resolution] lautet: ,… verurteilt die Hamas für diesen unprovozierten Angriff’. Und an dieser Stelle habe ich aufgehört zu lesen. Wenn wir dies einen unprovozierten Angriff nennen, bedeutet das, dass wir achtzehn Menschenrechtsorganisationen ignorieren, die Israel als Apartheidstaat bezeichnen. … Auf keinen Fall, vor allem nicht nach dem, was ich in den letzten Jahren im Kongress gelernt habe, würde ich das unterstützen, was Israel gerade tut.“

Damit rechtfertigte Bowman indirekt Mord, Folter, Vergewaltigungen und Entführungen von Zivilisten. Dass ihm eine solche Aussage schaden könnte, merkte er offenbar selbst und beteuerte kurz darauf, seine „Erklärung“ sei keine Rechtfertigung gewesen: „Nun, ich rechtfertige nicht die Tötung von Zivilisten durch die Hamas am 7. Oktober. Es gibt keine Rechtfertigung. Es ist nur eine Erklärung für die Umstände, die zum 7. Oktober führten. Und ich glaubte damals und glaube heute, dass wir ein freies Palästina brauchen, wenn wir den Extremismus beenden wollen.“ Was in Wahrheit zum 7. Oktober 2023 führte, ist die Ideologie der Hamas, dass es Aufgabe der Muslime sei, einen heiligen Krieg zur Vernichtung Israels zu führen und alle Juden zu töten. Bowman hingegen sagt: Die Opfer seien selbst schuld, sie hätten ja „provoziert“.

„ShaVuOTE Sameach“

Im November 2023 hatte Bowman Berichte über Vergewaltigungen und die Enthauptung von Kindern bei den Massakern als „Propaganda“ bezeichnet. „Zu Beginn der Belagerung wurde Propaganda betrieben“, sagte er bei einer Rede vor etwa fünfzig Anti-Israel-Demonstranten. Unter Beifall fuhr er fort: „Es gibt immer noch keine Beweise für geköpfte Babys oder vergewaltigte Frauen. Aber sie benutzen immer noch diese Lüge, diese Propaganda.“

Erst vier Monate später nahm Bowman die Äußerung zurück. Vor Anhängern seiner Partei Demokratische Sozialisten von Amerika (deren bekanntestes Mitglied der Senator Bernie Sanders ist) machte er vor wenigen Tagen klar, dass er in allem und jedem gegen Israel ist. Die New York Times berichtete: „Er erklärte den Mitgliedern der D.S.A., dass er die Finanzierung des israelischen Raketenabwehrsystems Iron Dome nicht mehr unterstütze und er sich bald für die Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung aussprechen werde.“

Über eine Million Menschen leben im Bezirk Westchester, dem siebtgrößten des Staates New York und dem einwohnerstärksten nördlich von New York City. Gegen Bowman hat sich dort eine Koalition jüdischer Wähler formiert. Passend zu Shawuot, dem jüdischen Erntedankfest, das dieses Jahr am 12. und 13. Juni gefeiert wurde und bei dem gleichzeitig der neuerliche Empfang der Zehn Gebote gefeiert wird, warben sie mit dem Aufruf „ShaVuOTE Sameach“. Das erinnert an den Gruß „Chag Schawuot sameach“, mit dem Juden einander ein frohes Shawuot wünschen, während die in rot geschriebenen Großbuchstaben „VOTE“ ergeben, einen Aufruf, wählen zu gehen.

Das Interesse ist riesig.

Offiziell ist die Kampagne nicht mit einer Wahlempfehlung verbunden. Aber es ist kein Geheimnis, dass die allermeisten Juden sich wünschen, dass Bowman bei der Auszählung der Stimmen am 25. Juni dem Gegenkandidaten George Latimer unterliegen wird.

Das Interesse ist riesig. Von den Demokraten in Westchester, die bereits vorgezogene Briefwahlstimmen beantragt haben, seien vierzig Prozent jüdische Wähler, ein Prozentsatz, der ihren Anteil an der Wählerschaft weit übersteige, sagte Maury Litwack, Gründer und Geschäftsführer des jüdischen Schulverbands Teach New York Coalition der New York Post. „Dies ist ein wichtiger Moment für die jüdische Gemeinschaft“, sagte Litwack der Zeitung und verwies auf die vielen Fälle von öffentlich manifestiertem Antisemitismus in New York und den USA. „Der Antrag auf Briefwahl zeigt das große Interesse an dem Rennen“, fügte er hinzu. „Die Leute brennen darauf, wählen zu gehen, sind begeistert. Sie tragen den Wahltermin nicht nur in ihren Kalender ein. Sie gehen wählen und sagen ihren Freunden, dass sie wählen sollen.“

Die Kampagne, die von der jüdisch-orthodoxen Union zusammen mit Leitern von drei Dutzend örtlichen Synagogen organisiert wurde, ist offiziell überparteilich, aber Litwak sagte, dass die örtlichen jüdischen Wähler „nicht das Gefühl haben, dass ihre Stimmen von den gewählten Vertretern gehört werden“ – eine Anspielung auf den derzeitigen Mandatsträger Bowman.

„Diese Leute waren nie meine wirklichen Freunde“

„Die jüdischen Wähler haben das Gefühl, dass sie nicht vertreten werden, und sie wollen an der Wahlurne gehört werden“, meinte auch der ehemalige Präsident des Westchester Board of Rabbis und Leiter der Anshe Sholom Synagoge in New Rochelle, Rabbiner Evan Hoffman, der laut dem Zeitungsbericht eine Schlüsselfigur bei der Wählermobilisierung ist. „Ich werde für George Latimer stimmen“, sagte Hoffman und fügte hinzu, dass „hundert Prozent“ der Menschen in seinem Umfeld dasselbe tun werden. „Bowman ist gegen Israel und, etwas subtiler, gegen die Juden in seinem eigenen Bezirk“, sagte der Rabbiner.

Bowman wird von den anderen Mitgliedern des Squad und Bernie Sanders unterstützt. Latimer hat unter anderem die Unterstützung der früheren New Yorker Senatorin Hillary Clinton und erhielt Anfang des Monats auch eine Wahlempfehlung vom progressiven Politiker Mondaire Jones, der seither vom linken Flügel als „Kandidat der Republikaner“ an den Pranger gestellt wird.

„Diese Leute waren nie meine wirklichen Freunde“, sagte Jones in einem Politico-Interview über seine innerparteilichen Gegner vom Anti-Israel-Flügel der Partei. „Das haben wir daran gesehen, wie sie mich im Sommer 2022 behandelt haben, als sie mich trotz meiner progressiven Haltung zu Themen wie Gesundheitsfürsorge, Frauenrechte, LGBTQ-Rechte, Reform des Obersten Gerichtshofs und Klimapolitik entweder im Stich gelassen oder gegen mich gearbeitet haben.“ Im Hinblick auf die Kritik an seiner Wahlempfehlung für Latimer fragte er: „Wann wird man sich mit meiner Kritik an Herrn Bowman auseinandersetzen, der die sexuellen Übergriffe der Hamas auf israelische Frauen am 7. Oktober als ,Propaganda’ abgetan hat?“

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.

 

Stefan Frank, geboren 1976, ist unabhängiger Publizist und schreibt u.a. für Audiatur online, die Jüdische Rundschau und MENA Watch. Buchveröffentlichungen: „Die Weltvernichtungsmaschine. Vom Kreditboom zur Wirtschaftskrise“ (2009); „Kreditinferno“. „Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos“ (2012).

Foto: House Creative Committee - https://www.facebook.com/CongressmanBowman Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Yehudit de Toledo Gruber / 20.06.2024

@Thomas Szabó: Es gibt in Deutschland schon eine sehr interessante Jüdische AfD-Gemeinschaft, nur wird nich viel darüber geredet. Ist auch besser so. Und wen es interessiert: Am 10. Juli findet in Deutschland ein offizieller Tag “Wir sind Juden” statt. Mal sehen, wer sich in diesem Messerland außerdem traut, die israelische Fahne zu hissen.

Markus Viktor / 20.06.2024

Der Anti-Israel-Flügel “provoziert”, Abschiebung in die muslimischen und afrikanischen Despotien würde genügen, Sunniten in schiitische Regionen und Schiiten in sunnitische.

b.stein / 20.06.2024

Oh, das wäre ihm bei uns nicht passiert. Hier wäre sofort ein Abwiegevorgang initiiert worden und, wenn ich mir das Treiben an unseren Unis und das Schulterzucken unserer Politgranden vor Augen halte, dem “nicht-weiß-sein” absolute Vorfahrt gewährt worden wäre.

Dietmar Herrmann / 20.06.2024

Die Ereignisse des 7. Oktobers kann man nur als Zivilisationsbruch bezeichnen. In vorzivilisatorischen Zeiten hat man seine ärgsten Feinde bei lebendigem Leib in Stücke gerissen, Frauen und Kinder aber davon verschont. Die Täter wurden von krankhaftem Haß getrieben, oft resultierend aus gleichartigen Taten der Gegenseite. Verstörenderweise fehlte selbst dieses Motiv bei den Hamatiten, sie hatten gemäß ihrer Videoclips stattdessen den Spaß ihres Lebens, wohingegen selbst frontgestählte SSler nach Massakern kotzen und saufen mußten (weshalb Himmler sich um die Moral sorgte und die industriellen Tötungsmethoden in Auftrag gab). Wer die Untaten des 7. Oktober in irgendeiner Form beschönigen oder rechtfertigen will, gehört nicht ins Parlament oder die Uni , sondern hinter Gitter.

Franz Klar / 20.06.2024

Hoffentlich führt die Mobilisierung nicht zur Verschönerung des Wohnhauses des Bogenmannes vermittelst American Graffiti wie bei der Wohnung der jüdischen Museumsdirektorin , über die Autor Frank kürzlich berichtete .

Ralf Pöhling / 20.06.2024

“Jamaal”. Ein arabischer Vorname. Sagt alles. Sobald der Islam im Spiel ist, ist die Neutralität dahin. Man muss ihn ja nicht wählen. Politische Ämter haben in einer Republik neutral besetzt zu sein, sonst kippt der Staat.

Thomas Szabó / 20.06.2024

Die US-Juden merken langsam, dass sich ihre Feinde als ihre Freunde tarnen. Wann merken die deutschen Juden endlich, dass die Linken nicht ihre Freunde sind und es auch niemals waren? Sie könnten ein starkes Zeichen setzen, beispielsweise indem sie geschlossen der AfD beitreten.

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