Chaim Noll, Gastautor / 11.07.2018 / 16:30 / Foto: Djex93 / 6 / Seite ausdrucken

Neue Stadt – alte Lügen

Dem palästinensischen Prestige-Projekt, der modernen Reißbrett-Stadt Rawabi, droht das Scheitern. Die bisher fast anderthalb Milliarden Dollar teure Traumstadt in der judäischen Wüste sollte... 

„beweisen, dass man im Westjordanland kultiviert, elegant und visionär sein kann (...) Ein Jahr, 1,2 Milliarden Dollar Investitionen und rund 100 Millionen Dollar Verlust später ist Rawabi an einem gewöhnlichen Wochentag eine Geisterstadt, deren stelenförmige Sandsteinhäuser aussehen, als seien sie von der Welt und allen Bewohnern verlassen. Vor den meisten Fenstern sind die Läden geschlossen, auf dem Spielplatz, in den Straßen und auf den Treppen, die den Hügel hinaufführen, ist außer Gärtnern und einigen Bauarbeitern niemand zu sehen. Nur der Wind pfeift zwischen den Häusern wie durch Schluchten.“

Dieses Stimmungsbild liefert die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die, weniger problemscheu als andere deutsche Medien, die traurige Entwicklung immerhin erwähnt. Mehrere Stunden lang hat sich Autorin Andrea Jeska vom „Executive Director of Rawabi Foundation“, einem gewissen Jack Nasser, im Range Rover zwischen leeren Hochhäusern, verödeten Shopping Malls, Fitnessanlagen und „Indoor-Spielplätzen“ herumfahren lassen.

Die arabische Vorzeige-Stadt ist durchaus nach dem Muster israelischer Westbank-Siedlungen konzipiert, halbkreisförmig, kompakt, in hügelan steigender Terrassierung, nur sehr viel bombastischer. 

„Gigantomanisch irgendwie, künstlich wie eine Modellstadt“, findet die Autorin. „Schon als Masri seine Städtevision bekanntmachte, gab es viel Kritik: zu westlich, hieß es (…) Vor allem die Normalität, die Masri schaffen wollte, traf auf eine ohnehin hitzige Diskussion innerhalb der palästinensischen Gesellschaft, ob Normalität nicht (…) dem Geist des Widerstands entgegenstünde, weil sie vorgaukle, das Leben der Palästinenser sei kein Leiden.“

Lieber in ein demonstratives „Leiden“ 

Hier deuten sich Gründe an, warum die Stadt nicht besiedelt wird, warum die Hochhäuser leer stehen. Der Status der Flüchtlinge und Hilfsbedürftigen muss erhalten bleiben, die Palästinenser-Führung sieht ihre Bevölkerung lieber in einem demonstrativen „Leiden“, das an das Mitgefühl der zahlenden westlichen „Geber“, der EU, der Vereinten Nationen, der tausenden Hilfsorganisationen appelliert.

Auch die Stammesstruktur der arabischen Westbank-Bevölkerung steht dem modernistisch urbanen Konzept entgegen, ihre Mehrheit ist Landbevölkerung, oft frühere Nomaden, man fühlt sich wohl in nach Familienclans getrennten Ansiedlungen, in festgelegten Revieren, nicht in den anonymen Hochhäusern einer Stadt. Solche Gründe werden von der Autorin nicht erwähnt, allenfalls angedeutet, denn die Hauptursache des gescheiterten Projekts ist auch hier vorgegeben. Es ist das übliche Übel, der allem Elend zugrunde liegende Schuldige: Israel.

Die Konstruktion, warum Israel auch am Nicht-Besiedeln der palästinensischen Vorzeigestadt schuld sein muss, wirkt auf den ersten Blick verblüffend. Man hat offenbar in der Wüste eine Stadt gebaut, ohne zuvor eine eigene Wasserversorgung sicherzustellen, und erwartet nun wie selbstverständlich, dass Israel, der viel geschmähte Feind, die Versorgung mit Wasser und Energie übernimmt.

Die am höchsten gesponserte Menschengruppe der Welt

Hier hätte die Autorin der Wahrheit zuliebe erwähnen müssen, dass Israel tatsächlich den größten Teil der Palästinenser mit Wasser versorgt, mit Wasser aus unserem staatlichen System Mekorot, auch mit elektrischem Strom und vielen anderen Dienstleistungen, dass jedoch leider die Zahlungsmoral der palästinensischen Verantwortlichen nicht sehr stark ausgeprägt ist, weshalb es immer wieder zum Auflaufen riesiger Schulden kommt.

Nach langen Diskussionen innerhalb Israels, oft unter reger Beteiligung gutmenschlicher Gemeinden und Medien weltweit, ob man den Palästinensern diese Grausamkeit zumuten könne, tut die Strom- oder Wassergesellschaft dann gelegentlich das, was jede Strom- oder Wassergesellschaft der Welt bei gigantisch aufgelaufenen Schulden tun würde: sie schaltet Strom oder Wasser ab.

Dazu kam es offenbar auch im Fall der geplanten Traumstadt. 2016 weigerte sich Mekorot, eine Wasser-Pipeline nach Rawabi zu legen, angesichts palästinensischer Strom- und Wasserschulden in Höhe von Hunderten Millionen Shekel. Die Autorin übermittelt die Klage des palästinensischen Exekutiv-Direktors: „451 Kunden hätten daraufhin ihre Kaufverträge gekündigt, erzählt Nassar. Und auch heute noch können die Israelis der Stadt jederzeit das Wasser abdrehen.“

Schon vor zehn Jahren hat Israel der Palästinenser-Verwaltung angeboten, für sie eine eigene Mehrwasser-Entsalzungsanlage zu bauen, nahe Cäsarea am Mittelmeer. Zum Bau dieser Anlage kam es nie, weil die mit Milliarden Hilfsgeldern versorgte Palästinensische Autorität das Geld für den Bau einer Entsalzungsanlage nicht aufbringen konnte. Die Palästinenser sind nach UN-Statistiken die pro Kopf am höchsten gesponserte Menschengruppe der Welt. Sie können es sich leisten, den Angehörigen von Selbstmord-Attentätern lebenslange Leibrenten zu zahlen. Sie können es sich leisten, eine Prunkstadt in die Wüste zu bauen. Für ihre Versorgung werden dann westliche Gesellschaften in die Pflicht genommen, in ewiger Schuld für die Kreuzzüge, den Kolonialismus oder Zionismus.

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Leserpost (6)
Gidon David / 12.07.2018

@Caroline Neufert Wenn ich als Berliner in Bayern ein Haus baue, verweigert mir Bayern den Wasseranschluss unnatürlicherweise nur dann, wenn es zu blöd ist, sich eigenverantwortlich, also selbst, um seine Wasserversorgung und nachhaltige Wasserwirtschaft zu kümmern? Wenn Bayern also seine Wasserressourcen im wahrsten Sinne des Wortes “verplemperte”, Abwässer nicht klärte, Wartungen vernachlässigte, landete es irgendwann unweigerlich im levantischen Mittelalter. Dort könnte es sich dann wie ein Maikäfer auf den Rücken schmeißen und um Hilfe betteln oder gleich Berlin spielen - arm aber sexy! Irgendein Finanzausgleich erbarmte sich bestimmt ... Wahr ist eher, dass sich ihre sog. “Diaspora Palis” hier in der Diaspora als Flüchtlinge ausgeben und dort als gestandene Leute, um dann in Gebieten, aus denen sie “geflohen” sind, praktisch im “Urlaub” von ihren Gastgebern, das Geld anzulegen, welches sie ohne verhasste Aufnahmegesellschaft niemals hätten erlangen können. Manchmal kann ich mich, ob der unverschämten Erwartungshaltung vor Ort, des Eindrucks nicht erwehren, als wäre der geschichtsverfälschende Begriff “Westbank” - für mich handelt es sich um Judäa und Samara - im übertragenen Sinne allein deshalb kreiert worden, um letztendlich eine Bank oder auch mehrere (möglichst westliche) für dieses Konstrukt in Haftung nehmen zu können. Dass Sie dem Autor, der faktisch um die Ecke wohnt, unterstellen, er hätte sich Rawabi nicht angeschaut und könnte “mit Halbwissen und falschen Behauptungen glänzen wollen”, erachte ich als menschlich zutiefst bedauerlich und typische Rethoriksünde haltungsgesteuerter Bessermeinender.

Werner Lischka / 11.07.2018

ich erlaube mir hier kurz auf den kommentar v. fr. neubert zu antworten. einerseits wird argumentiert, das die anlage ohne geld der autonomiebehörde gebaut wurde, andererseits die bösen israelis kein wasser liefern wollten. wenn ich als privater ein haus baue, stelle ich vorher sicher, daß ich an die infrastruktur meiner gemeinde angeschlossen werde. da das ja ein palästinensisches projekt sein sollte, ist dafür durchaus die autonomiebehörde zustänig. die idee, das ohnehin ständig fallende grundwasser anbohren zu wollen, ist schlicht dumm. israel versorgt sich aus den modernsten meerwasser-entsalzungsanlagen der welt - das hätten die palästinenser auch haben können. man will halt nicht für die zukunft aufbauen und riskieren. wer 50 jahre nach dem 6tagekrieg noch immer keinen funktionierenden staat auf die reihe kriegt und glaubt seinem militärisch überlegenen nachbarn ständig ärgern zu müssen, hat - wie man in wien sagt -einen in der schüssel. wer verliert zahlt - in österreich haben meine eltern nicht granaten in die cssr geschossen, sondern unsere städte wieder aufgebaut und dafür gesorgt, das wir kinder die vergangenheit hinter uns lassen konnten. heute ist der horror des 2.wk bei uns geschichte - die niemand mehr aufregt, auch rituelle schuldbekenntnisse (oder zuweisungen wie in w-jordanland) interessieren hier keinen.

Albert Pflüger / 11.07.2018

Die Idee der “ewigen Schuld” ist auch anderswo sehr beliebt. Sie führt kaum jemals zu wünschenswerten Ergebnissen. Sie ist vergangenheits-, nicht zukunftsorientiert.

Caroline Neufert / 11.07.2018

Der Wahrheit zuliebe ... hätten Sie sich doch mal Rawabi angeschaut , als mit Halbwissen und falschen Behauptungen glänzen zu wollen. Rawabi ist ohne paläst. Verwaltungsgeld gebaut worden ! Obwohl schon viel Politprominenz in Rawabi war, fehlt einer - Abbas. Was haben Wasserschulden der Autonomiebehörde mit dem privatwirtschaftl. Bau von Häusern zu tun ? Nichts. Wenn ich als Berliner in Bayern ein Haus baue, verweigert mir Bayern den Wasseranschluss, weil Berlin im Länderfinanzausgleich Geldnehmer ist ? Fakt ist, dass Mekorot erst nicht lieferte; auch die Straße reicht noch nicht, obwahl man es in 45 Min nach TLV schafft. Fakt ist auch, dass viele Israelis an Rawabi verdient haben, weil Masri mit Israelis zusammenarbeitet. Wahr ist, dass 70 % der Häuser an Diaspora Palis verkauft sind und die Stadt (noch) nicht lebt, deshalb ist die Stadt leer und es hat nichts mit dem Status von Flüchtlingen zu tun. Die Palis in der WB haben entweder nicht das Geld. um auch die relativ günstigen Wohnungen in Rawabi zu kaufen oder aber kaufen lieber in Ramallah. Wie in Deutschland. Da kauft einer, der Geld hat auch nicht eine Wohnung in Treuenbrietzen, sondern in Berlin-Mitte ... Warum sollen die Palis eine Mehrwasser-Entsalzungsanlage kaufen, wenn das eigene Grundwasser theoretisch reichen würde ? 

Andreas Horn / 11.07.2018

Das “Leiden” der vollalimentierten Berufsflüchtlinge. Europa sollte genau hinsehen, man kann, will und muß , aus berufsethischen Gründen, nie zufrieden sein.

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