Ein Eisbär und ein Husky, die offenbar beschlossen haben, das Räuber-Beute-Schema zu durchbrechen und sich stattdessen lieber gemeinsam amüsieren:
http://speakingoffaith.publicradio.org/programs/play/audiogallery/soundseen.shtml
Das ist nicht unbedingt die Regel in der Wildnis, aber Ähnliches kommt sogar in Berlin vor, wie man hier nachlesen kann:
Mitfühlende Vampire
Der Kampf ums Überleben ist nur die eine Seite der Evolution. Neue Forschungen belegen: Im Tierreich gilt nicht ausschliesslich das Prinzip «fressen oder gefressen werden». Fledermäuse, Raben oder Affen zeigen Grosszügigkeit, Anteilnahme und einen Sinn für Gemeinschaft…
Knut hat Mäuschen die Schau gestohlen. Während die Welt auf das Eisbärenbaby schaute, bezog die 37-jährige Kragenbärin ein Quartier hinter den Kulissen des Berliner Zoos. Dort verbringt sie ihre alten Tage mit Muschi, einer streunenden Katze, die ihr vor acht Jahren zugelaufen ist. Mäuschen und Muschi sind unzertrennlich. Manchmal ging die Zuneigung so weit, dass Mäuschen bei der Fütterung ihrer Katze einen Fisch zuschob.
Schade, dass Rousseau das nicht mehr erlebt hat. Sein harmonisches Naturbild musste seit Darwin reichlich Federn lassen. Besonders seit in den siebziger Jahren die Soziobiologie den Egoismus zum Leitprinzip erklärte: Alles Lebendige, so ihr Paradigma, ist von den Genen gesteuert, die sich um jeden Preis reproduzieren wollen - und sei es das Leben der Artgenossen. Soziobiologen wie Edward O. Wilson, Richard Dawkins und Hunderte anderer exzellenter Wissenschaftler erbauten ein stabiles Lehrgebäude, das bis heute alles überragt. Wenn Tiere sich vermeintlich altruistisch verhalten, so gibt die Soziobiologie dafür zwei Erklärungen: Verwandtschaft oder Reziprozität. Bienen opfern sich für ihr Volk auf, weil sie ein Volk von Schwestern sind, die alle von derselben Königin und deren Drohne abstammen. Reziprozität ist das, was Immanuel Kant «wechselseitigen Eigennutz» nannte: Eine Hand wäscht die andere. Doch was ist mit Mäuschen und Muschi?
In den neunziger Jahren entdeckte ein Team amerikanischer Zoologen um Gerald S. Wilkinson ausgeprägten Altruismus ausgerechnet bei einem Tier, dessen Name für das absolute Gegenteil steht: beim Vampir. Die kleinen südamerikanischen Fledermäuse teilen ihren Namen mit den Untoten aus Gruselgeschichten, die Menschen aussaugen. Echte Vampire dagegen halten sich an Weidetiere, denen sie maximal 30 Gramm Blut abzapfen. Die Grosstiere merken nichts davon, denn der Biss ist schmerzlos. Ihre Spezialisierung auf Blut bereitet den Fledermäusen ein Problem, denn nicht alle finden Nacht für Nacht ein Pferd oder ein Rind. Schon zwei Nächte ohne frisches Blut bedeuten den Tod für die Tiere. Also betteln sie in der Höhle ihre Artgenossen an und die sind nicht geizig. Mund zu Mund geben sie eine Trans-fusion, und zwar auch solchen Tieren, mit denen sie nicht verwandt sind. Wie Menschen,die für Kranke und Unfallopfer Blut spenden. Der Vampir teilt, würde ein Soziobiologe einwenden, weil er diese grosszügige Geste bei nächster Gelegenheit von seinen Artgenossen ebenfalls erwarten kann. Ein klarer Fall von reziprokem Altruismus.
Aber warum spendet ein Mensch Geld für Katastrophenopfer in fernen Ländern oder adoptiert Waisenkinder? Der Weitergabe der eigenen Gene dient das jedenfalls nicht. Wo liegen die evolutionären Wurzeln für die guten Seiten im Menschen? Es wäre sehr unwahrscheinlich, wenn nur Kampf, Konkurrenz und Krieg aus unserem biologischen Erbeerklärt werden könnten, nicht aber Hilfsbereitschaft und gegenseitige Unterstützung.
Steckt im Tierreich hinter freundlichen Gesten stets ein versteckter genetischer Egoismus? Gibt es nichts Gutes in Dschungel und Steppe? Immer wieder haben Forscher versucht, das Gegenteil zu beweisen. Der wohl berühmteste war Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, russischer Fürst, Anarchist und Naturwissenschaftler. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschien sein Werk «Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt», das gegen den Sozialdarwinismus der damaligen Zeit gerichtet war und ein Klassiker wurde. Mit Beispielen vom Kiebitz bis zum Murmeltier entwirft Kropotkin ein harmonisches Naturbild.
1962 versuchte der Schotte Vero C. Wynne-Edwards einen ähnlichen Ansatz. Auch er betonte die vielen Beobachtungen von Kooperation im Tierreich. Die natürliche Auslese setze nicht am Fortpflanzungserfolg des Einzeltieres an, sondern an der sozialen Gruppe. Doch seine Theorie der Gruppenselektion überlebte den Ausleseprozess der Naturwissenschaften nicht. William D. Hamilton wies mit Hilfe makelloser Rechenmodelle nach, dass für das Weiterkommen in der Evolution nur der genetische Erfolg des Individuums zählt. Wenn es sich altruistisch verhält, dann um Verwandte zu unterstützen, die sein Genom - zumindest teilweise - weitertragen. Der Startschuss zum Siegeszug der Soziobiologie war abgefeuert. Doch einige Biologen brachten ihre Zweifel dennoch zu Papier.
Der deutsche Bienenforscher Martin Lindauer, ein Schüler des Nobelpreisträgers Karl von Frisch, findet die soziobiologische Sichtweise zu einseitig. Er trug in seinem Buch «Auf den Spuren des Uneigennützigen» zahlreiche Beispiele zusammen, die so gar nicht ins Bild des ewigen Kampfes passen. Dazu gehören Symbiosen wie die der Putzerfische, die grössere Fische von Parasiten befreien. Sie werden nicht gefressen, obwohl sie genauso gross sind wie die übliche Beute ihrer Kunden. Für Lindauer ist Symbiose ein übergeordnetes Prinzip der Natur. Nur durch eine weltweite Symbiose zwischen Pflanzen und Tieren, schreibt er, sei es möglich gewesen, dass die Organismen sich «zu einem sinnvollen Nebeneinander zusammenfügen».
Er argumentiert auch mit dem zuweilen erstaunlich altruistischen Verhalten innerhalb von sozialen Gruppen. So sind Afrikanische Wildhunde dafür bekannt, dass sie schwache und kranke Rudelmitglieder durchfüttern. Wenn die Gesunden von der Jagd zurückkommen, würgen sie Fleischbrocken heraus, damit die im Bau Gebliebenen auch satt werden. Auch dies wäre soziobiologisch als Unterstützung von Verwandten erklärbar, doch einige Beispiele Lindauers sind auch für die Verfechter der «egoistischen Gene» knifflig. So berichtet er von Ameisenstaaten mit mehreren Königinnen, in denen die Arbeiterinnen also nicht verwandt sind. Dennoch entwickeln sie ein erfolgreiches Gemeinschaftsleben. Auch wenn Imker zwei Bienenvölker zusammenschütten, entsteht ein neuer Staat aus Nichtverwandten, die sich genauso sozial verhalten wie die üblichen Schwesterbienen. Lindauer wirft den Vertretern der reinen soziobiologischen Lehre vor, alle Beobachtungen stets ins gleiche Muster zu pressen. «Die Natur», schreibt er, «liebt nicht das einheitliche Modell, sondern die Vielfalt im Würfelspiel.»
Asoziales Verhalten wird bestraft
So ähnlich sieht es auch der niederländische Primatenforscher Frans de Waal. Durch seine Bücher über Bonobos und die Diplomatie der Menschenaffen wurde er über die Fachwelt hinaus bekannt. Sein jüngstes Arbeitsgebiet sind die Vorstufen zur menschlichen Moral, die bei Menschenaffen und anderen Tieren sichtbar sind. Grundlage aller Moral, meint er, ist das Mitgefühl. Zumindest Ansätze dafür können bei Tieren beobachtet werden. «Ich denke nicht, dass Schimpansen moralische Wesen sind im menschlichen Sinne», sagt er. «Aber sie haben Mitgefühl, Sympathie und einen Sinn für Gegenseitigkeit. Sie teilen Futter, lösen Konflikte. Ich würde es Bausteine oder Voraussetzungen für Moralität nennen.»
Schimpansen zeigen viel Sinn für Gegenseitigkeit und Fairplay. De Waal und seine Mitarbeiter beobachteten, dass bei Streitigkeiten ums Futter oftmals die Tiere Prügel bezogen, die andere anbettelten. Als die Verhaltensforscher eine Vielzahl solcher Ereignisse analysierten, stellten sie fest, dass sich die Aggression nicht gegen alle Schnorrer richtet, sondern speziell gegen solche, die bei früheren Gelegenheiten anderen nichts abgegeben hatten.
Nicht nur Primaten, sogar Vögel bestrafen asoziales Verhalten. Im Rabenschwarm gilt die Regel: Wer ein Stückchen Futter hat, wird nicht behelligt. Verletzt ein Vogel diese Norm und versucht seinem Artgenossen Futter zu stehlen, geht fast jedes Mal ein Dritter dazwischen und hackt mit dem Schnabel nach dem Dieb. Das Erstaunliche daran: Der bestrafende Rabe hat keinen Vorteil von seiner Aktion, ausser dass die soziale Norm gestärkt wird.
Allerdings ist nicht nur die Fairness, sondern auch das Schummeln im Tierreich bekannt. Wenn ein Forscher einem einzelnen Schimpansen oder Pavian ein Versteck mit Leckerbissen zeigt, rufen nur die wenigsten ihre Horde herbei - wie es eigentlich sozial üblich wäre. Sie versuchen stattdessen, die Delikatessen heimlich zu verspeisen. Soziales Verhalten hängt auch bei Menschen stark davon ab, ob man beobachtet wird. Wie sehr das Beobachtetwerden die Moral stärkt, bewies die englische Verhaltensbiologin Melissa Bateson. Ort des Versuchs war ein Getränkeautomat in einem Büro. Alle konnten sich dort mit Kaffee eindecken. Das Geld dafür legten sie freiwillig in eine Schachtel.
Batesons Mitarbeiter nahmen nur eine kleine Veränderung vor: Sie hängten ein Poster über dem Automaten auf, auf dem einen ein Augenpaar direkt anblickte. Im Wochenrhythmus wurde das Motiv ausgewechselt: eine Woche Augen, dann eine Woche Blumenmotiv, dann wieder Augen. Vor jedem Wechsel zählten die Forscher das Geld und kontrollierten den Getränkeverbrauch. Das Ergebnis war eindeutig: Das Gefühl, beobachtet zu werden, fördert die Ehrlichkeit, selbst wenn es nur durch ein Poster hervorgerufen wird. Offenbar besitzen Menschen eine unterbewusste Verhaltenssteuerung, die auf Beobachtung reagiert.
Altruismus wird durch soziale Kontrolle verstärkt, aber es gibt ihn auch ohne den strengen Blick der anderen. Judith Burkart von der Universität Zürich hat einen Versuchsaufbau entwickelt, mit dem sich herausfinden liess, ob Tiere auch dann Gutes tun, wenn sie selbst keinerlei Vorteil davon haben. Sie stellte Weissbüscheläffchen (eine eichhörnchengrosse Krallenaffenart aus Südamerika) vor die Alterna-tive, einen Futternapf - der für sie selbst unerreichbar war dem Artgenossen im Nachbarkäfig zuzuschieben, oder den Nachbarn leer ausgehen zu lassen. Egal was sie taten, für sie selbst sprang dabei nichts heraus. Und siehe da: Die Versuchstiere schoben die Fruchtschale viel häufiger dem Artgenossen zu, als sie einfach stehenzulassen. Nun überprüften die Forscher, ob die Tiere womöglich nur spielerisch das Hin- und Herschieben ausprobierten, das man ihnen beigebracht hatte. Sie wiederholten den Versuch mit einem leeren Nachbarkäfig. In dieser Situation verschoben viel weniger Äffchen die Obstschale. Sie taten es also offenbar für den Nachbarn.
Sex als Ursprung der Moral
Auch freilebende Hauskatzen in Rom zeigen erstaunliche Generosität. Wissenschaftler konnten beobachten, dass starke Kater auf ihre Vorrechte verzichten und weibliche Tiere beim Fressen vorlassen. Ähnlich sozial geht es bei den Raben zu. Der amerikanische Zoologe Bernd Heinrich erlebte in jahrzehntelanger Feldforschung immer wieder, dass jugendliche, unverpaarte Raben, die einen Kadaver entdecken, andere herbeirufen. Da sich die Zusammensetzung dieser Futtergemeinschaften immer wieder ändert, kann es kein «reziproker Altruismus» sein, der auf Gegenleistungen spekuliert. Heinrich vermutet, es handle sich eher um demonstrative Grosszügigkeit, die Weibchen beeindrucken soll. Dafür spricht auch, dass der Entdecker des Futters laut krächzend vor dem Aas tanzt.
So geduldig wie Heinrich seine Raben beobachtete der israelische Zoologe Amotz Zahavi über dreissig Jahre lang Graudrosslinge. Die Singvögel aus dem nahen Osten haben ein ausgeprägtes «Helfersystem» entwickelt, bei dem sich die ganze soziale Gruppe an der Brutpflege eines Paares beteiligt. Dabei fällt auf, dass es einen regelrechten Wettstreit darum gibt, wer den andern am meisten hilft. Jeder Graudrossling will sich ständig nützlich machen und drängt den anderen seine Dienste auf. Zahavi nimmt an, dass es dabei um Reputation geht. Man zeigt sich grosszügig und nobel, um soziales Prestige zu gewinnen. Auch dahinter könnte wiederum ein sexueller Anreiz liegen. Männer - auch das konnte wissenschaftlich bestätigt werden - geben Kellnern mehr Trinkgeld und spenden mehr für Bettler, wenn eine Frau in ihrer Nähe ist.
Sittenwächter und religiöse Eiferer verachten den Sexualtrieb als Hort der Unmoral und der niederen Begierden. Doch möglicherweise war es dieser verteufelte Trieb, der altruistisches Verhalten und damit die Vorstufen der Moral hervorbrachte. Und offenbar nicht nur bei Menschen, sondern auch bei anderen Säugetieren und sogar Vögeln. Besonders bei Tieren, die über längere Zeit gemeinsam Brutpflege betreiben, müssen sich die Weibchen ihren Partner sorgfältig aussuchen. Eine hohe soziale Reputation wirkt dabei wie ein Gütesiegel. Sex als Ursprung der Moral: Das dürfte nicht nur den Soziobiologen, sondern auch den Theologen Kopfzerbrechen bereiten.
Dieser Text von mir erschien zuerst in DIE WELTWOCHE Ausgabe 36/08
