Wolfgang Röhl / 15.09.2013 / 13:11 / 14 / Seite ausdrucken

Nespresso auf die Fresso

Zum Kotzen ist es nie zu früh. Der Neue Wall in Hamburgs feinster Innenstadtlage, zehn Uhr morgens. Die ersten Wohlstandsschnepfen aus Blankenese, Harvestehude, Eppendorf und anderen Speckvierteln der Hansestadt flattern an. Parken ihre Boxters und Mini Coopers an der Edeleinkaufsmeile, um die Flagshipstores, Boutiquen, Juwelierläden und Parfümerien zu stürmen. Da glühen die Kreditkarten, da könnte man glatt zum Gysi-Fan werden. Aber gemach: die Kaufräusche generieren ja hübsche Steuereinnahmen. Damit kann die Stadt ihre Hartzer, Alleinerziehenden, Asylbewerber und Rote-Flora-Chaoten alimentieren, nicht zu vergessen die im sechzehnten Semester Politikwissenschaften, Soziologie, Kunstgeschichte und Genderforschung Studierenden. Und schließlich will auch eine Baukatastrophe namens Elbphilharmonie, Hamburgs Antwort auf BER, finanziert werden.

Insofern: kein Problem mit dem Luxus.

Aber dann, am Neuen Wall 10, wird es richtig ekelhaft. Da befindet sich eine dieser coolen Filialen, wo die Nespresso-Clubgemeinde, eine Apple-ähnliche Konsumenten-Sekte, sich ihre Dröhnung abholt. Aus den Schaufenstern grient einen die Visage von George Clooney an. Der feuchte Traum aller „Bunte“- und „Gala“-Leserinnen, Inhaber von drei leicht unterschiedlichen Gesichtsausdrücken, gibt nämlich den Nespresso-Botschafter für das Schweizer Kaffeeimperium. Clooney macht gewissermaßen den Gottschalk mit Bohnen statt mit Goldbären und wird deshalb von Nespresso seit acht Jahren mit mehr Geld zugeschmissen, als seine Schauspieler- und Filmemacherkarriere abwirft.

Der Robert Redford-Klon aus der Hollywood-Schickeria ist ein Hansdampf in allen Guttuer-Gassen, z. B. „UN-Botschafter des Friedens“, „Klimaschützer“, Mitglied im „Council on Foreign Relations“. Fliegt auch gern mal kurz in irgendein Krisengebiet ein, um sich dort beim Kinderknuddeln fotografieren zu lassen. Mit Todesverachtung hatte er seinerzeit gegen George W. Bush und dessen Irak-Krieg gewettert, später beachtliche Wahlkampfspenden für Obama eingeworben. Mittlerweile ist es um Clooney etwas stiller geworden. Seine jüngsten Filme waren nicht gerade Blockbuster. Wohl auch ein Grund, weshalb Nespresso ihn demnächst durch Penelope Cruz ersetzen will.

Aber noch schafft es der Kerl, bei mir einen soliden Würgereiz auszulösen. Neben die Fotos des Frauenschwarms (zweifach zum „sexiest man alive“ gewählt) hat Nespresso am Neuen Wall Bilder des „weltberühmten Fotografen Reza“ gehängt, ein Sebastiao Salgado für Kaffeekapseltanten. Dessen großformatige Fotos zeigen verwitterte Gesichter stoppelbärtiger Kaffeebauern aus Lateinamerika. Die urigen Campesinos machen alles mit der Hand und werden dafür vom Nespresso-Konzern angeblich „fair“ bezahlt. „Ökologisch“, „nachhaltig“, mit „Respekt“, „Verantwortung“ und so wird der ganze Kaffeeklatsch sowieso betrieben. Nespressos Firmenphilosophie schäumt dazu wie fette Milch im Latte: „Die Erde ist ein Ort des Wachsens sowie der Geduld, Demut und Beharrlichkeit“.

Die „Welt“ hat das Geschwurbel auf den Punkt gebracht: „Auch wer Kaffee trinkt, soll sich jetzt besser fühlen“.

Man muss natürlich mit dem Klammerbeutel gepudert beziehungsweise mit Nespressi der neuen Geschmacksvariation Kokosnuss gefoltert werden, um dem Konzern zu glauben, sein „AAA Program“ werde „bis zu 80 000 Bauern in Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Costa Rica, Guatemala, Nicaragua und Indien“ für den „nachhaltigen“ Kaffeeanbau begeistern, wie immer ein solcher definiert wird. Versteht sich, dass Nespressos nachhaltig wirtschaftende Kaffeebauern bloß potemkinsche Dörfler sind, die kaum mehr als einen winzigen Teil der Erzeugerschaft stellen, von der die Nestlé-Tochter (Jahresumsatz 3,5 Milliarden Schweizer Franken, 4,8 Milliarden verkaufte Kaffeekapseln in 2011) ihren Stoff bezieht.

Das ganze Greenwashinggedöns ist selbstredend kalter PR-Kaffee, wie ihn auch die „Starbucks“-Kette ihren strunzdämlichen Kunden einschenkt. Oder wie jene Dealer, welche einem weismachen wollen, Millionen allmonatlich verkaufter Gartenmöbel stammten aus „zertifiziertem, nachwachsendem Plantagen-Teakholz“.

Hallo, liebe ARD-Markenchecker! Wie wär’s mit einer investigativen Reise durchs Nespresso-Wunderland?

Nebenbei, ich fresse ein Dutzend leere Nespresso-Aluhüllen auf ex, wenn die von Reza abgelichteten Kaffeepflücker und –pflückerinnen auch nur einen lausigen Cent Modellhonorar gesehen haben für die Fotos, an denen sich die Shoppinghyänen vom Neuen Wall ergötzen:

– Tolle Bilder, echt authentisch! Diese Würde der einfachen Menschen!

Und was sagt uns dazu Reza, hochdotierter Schöpfer der Sozialpornos? „Ich hoffe, dass es mir mit diesen Fotografien gelingt, jedem Betrachter das Gesicht jener Menschen zu zeigen, die zur Entstehung seiner täglichen Tasse Kaffee beitragen.“

Wem bei solchem Sermon übel wird, der erleichtere sich. Bitte vorm Eingang der nächstgelegenen Nespresso-Filiale.
http://www.nespresso.com/ecolaboration/at/de/article/8/2150/iii-der-nachste-schritt-in-unserem-aaa-program.html

 

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Nohan Bertel / 16.09.2013

Interessant: direkt neben dem Artikel findet sich heute früh ein Werbebanner für Dolce Gusto von, ja richtig: Nestlé. Ich liebe achgut, aber das ist dann doch peinlich.

Volker Leins / 15.09.2013

Ich möchte einen exzellenten Espresso. Den bekomme ich in jeder anständigen Bar in Italien oder seit vielen Jahren ohne jegliche Anstrengung meinerseits mit Hilfe der kritisierten Kapseln. Ob fair, nachhaltig, gerecht, überteuert, ... hier können beliebig weitere von Ihnen bevorzugte Adjektive eingesetzt werden ..., interessiert mich hierbei persönlich nicht die Bohne.

Heinrich Kanther / 15.09.2013

Aber, aber Herr Röhl. Haben Sie auch einen Beleg dafür, dass es sich bei der Nespresso-Initiative um einen reinen PR-Gag handelt, oder äußert sich hier nur ein Ressentiment? Schade, sonst schreiben sie doch immer sehr fundiert. Dass Unternehmen ihr Nachhaltigkeitsgedöns mit weihevollen Worten bewerben, geschenkt, aber welche Wahl haben sie denn sonst? Sie müssen ja liefern, was der Kunde (und die skandalisierenden und moralisierenden NGOs) verlangt. Vom knackigen Preis abgesehen ist der Nespresso-Kaffee übrigens ziemlich gut. Verglichen mit der Konkurrenz bei Kapsel- und Pad-Maschinen liegt er weit vorne. Vielleicht schütten Sie sich ja die Lavazza-Massenware in den 2.000€ Vollautomaten - besser wird er dadurch nicht.

Joachim Nowak / 15.09.2013

Es ist doch immer alles Fair-Trade und vorallem Bio. Da weder Nespresso, noch Starbucks entsprechend alleine sind, die damit werben und es auch vertreiben fragt man sich, warum es nicht weltweit nur blühende Landschaften und astreine Biosphärenreservate gibt. Was allein innerhalb der EU an Fair-Trade & Bio gehandelt und verkauft UND konsumiert wird können die Herkunftsregionen oftmals überhaupt nicht produzieren. Selbst, wenn alles 100% Fair-Trade, oder Bio wäre.

Beate Dreher / 15.09.2013

Robert Redford-Klon?Klingt schmissig - aber was soll das eigentlich bedeuten? Und warum muss es gleich eine Visage sein? Ich verstehe,dass Sie ausdrücken möchten, wie eine Schickeria sich anscheinend ein gutes Gewissen machen möchte und ein Konzern ihr dabei behilflich ist, auch auf dieser Ebene schick zu sein. Als Hilfsmittel für die Durchsetzung dieser Einsicht bomben Sie mich mit Worthülsen zu und informieren mich über Blockbuster und Penelope Cruz, als zusätzlichen Verweis auf tiefen Schlamm. Na ja. Ich habe sein Wirken in der Welt nicht so verfolgt. Aber einen Film gesehen:O Brother Where Art Thou. Ganz wunderbar. Mache ich das gut durch weiteres Nicht-Nespresso-Trinken? Also,Herr Roehl, ich schätze Ihre Wortmeldungen schon sehr, aber das hier ist irgendwie aus der Abteilung pubertärer Wutblog und deshalb sprachlich ziemlich öde und gar nicht witzig mit all’den gequälten Metaphern. Nix für Ungut! Darauf einen guten alten Brühkaffee!

Chris Deister / 15.09.2013

„Auch wer Kaffee trinkt, soll sich jetzt besser fühlen“. Selbstverständlich! Wacher, zum Beispiel ;-) Mal ohne Scheiß, natürlich ist das, was die Nestlé- Werbung abzieht, “verlogen”. Aber, hergottnochmal, es ist: W-E-R-B-U-N-G-! Also ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als dieses Wort noch einen anrüchigen Klang hatte. Ich meine, man schaue sich mal die Verbraucherwerbung an: wann war und ist die nicht “verlogen”? Nestlé sticht da nicht wirklich daraus hervor. Man muss Apple & Co., Starbucks etc. ja eines lassen: sie haben durch die Umsetzung eines Konzepts, das dem Einzelnen einen Nutzen verpricht (“Usability” bei Apple; Design, Geschmack und Möglichkeit zum unkomplizierten Zusammenkommen bei den Kaffeehausfilialisten) und viel Kapital Märkte geschaffen. Chapeau dafür, bei aller berechtigten Kritik.

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