Maxeiner & Miersch / 15.10.2014 / 12:03 / 9 / Seite ausdrucken

Neo-Multikulti

Vor ein paar Jahren wurde der Multikulturalismus von seinen Kritikern für tot erklärt. Der sympathische Gedanke, eines friedlichen Miteinanders, in dem jeder in seine kulturelle Identität behält, und sich dennoch als Teil der Gesellschaft begreift, hatte im Praxistest viele Schrammen abbekommen. Nicht nur fremdenfeindliche Ressentiments von Bio-Deutschen bremsten die Hoffnung auf eine bunte Republik, sondern auch muslimische Subkulturen, die von wechselseitiger Toleranz nichts wissen wollen, weil sie Andersgläubige oder Ungläubige verachten.

Wir lernten, friedvoller und verständnisvoller Diskurs ist schwierig, wenn gemeinsame Erfahrungswelten und Bezugsrahmen fehlen. Wie es nun weiter geht, hängt nicht zuletzt davon ab, welche Einstellung sich in den muslimischen Glaubensgemeinschaften durchsetzen wird, ob der Trend sich in Richtung Abschottung oder Multikulti bewegt.

Kürzlich hörten wir einen Vortrag des Erziehungswissenschaftlers Thomas Ziehe. Das Problem der Parallelgesellschaften, erklärte er, besteht nicht nur zwischen Migranten und Bio-Deutschen, sondern geht viel weiter. Er diagnostizierte einen „Tradierungsriss“. Der kulturelle Kanon, auf den sich in früheren Jahrzehnten sowohl die Bewahrer als auch die Kritiker der Hochkultur beriefen, sei abhanden gekommen. Viele Jüngere orientieren sich an den „Eigenwelten“ ihrer jeweiligen kulturellen Bezugsgruppe. Dies können Sportarten, Computerspiele, HBO-Serien oder Ernährungslehren sein.  Alles, was für die jeweilige Eigenwelt nicht relevant erscheint, wird ignoriert. Die Idee einer Leitkultur scheitert nicht an integrationsunwilligen Zuwanderern, sondern an der Bildung immer neuer Subkulturen.

Wenn aber jeder sich seinen eigenen Kulturkreis bastelt, wie entwickelt sich dann die Gesellschaft weiter? Vielleicht hilft da ein neues Verständnis von Multikulturalismus. Wenn es nur noch Subkulturen mehr gibt, geraten wir alle in der Situation von Ethnologen, die ihre exotische Umgebung unermüdlich erkunden, um sie verstehen zu können. Das Soziale ergibt sich dann nicht mehr durch Allgemeinverbindlichkeiten sondern muss immer wieder neu erschaffen werden. Das ist anstrengend aber auch interessant. Man spart die Reise nach Papua Neuguinea, die fremde Kultur wohnt im Reihenhaus nebenan.

 

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Frank Jankalert / 15.10.2014

Ich nehme niemandem ab, dass die Multi-Kultur in der Lage ist, wirklich ernste Probleme im Gesamtinteresse zu lösen. Da gibt es keine Beispiele.

Klaus Klümmlich / 15.10.2014

In der Tat! Was ist denn bis ins Unendliche gesteigertes Multi-Kulti auch anderes als Individualismus. Jeder Mensch hat seine eigene Kultur und sollte allein dafür respektiert und geachtet werden und auch andere respektieren und achten. Das muss natürlich gesetzlich geregelt und durchgesetzt werden. Der Mensch sollte für sich selbst geliebt werden, nicht für Leistungen, Gruppenzugehörigkeit oder sonst etwas. Wer geliebt wird bringt automatisch Leistung. Gruppenzugehörigkeit ist nur ein evolutionäres Überbleibsel. Leider ist Europa immer noch in primitivsten Gruppenscharmützeln gefangen. Man schaue nur auf das Albanien-Serbien Spiel, den Ukraine-Konflikt etc.. Individualismus bedeutet eben auch mehr Eigenverantwortung, mehr Arbeit, mehr Zweifel, mehr Unsicherheit. Letztlich ist aber genau das “leben”!

Maik Maletzki / 15.10.2014

Merkel,Sarkoyz und Cameron haben Mulitkulti auch schon für gescheitert erklärt.Danach gabs noch mehr Einwaderung aus “Hochkulturen”...also völlig logisch!

Axel Knappmeyer / 15.10.2014

Anything goes - warum nicht? Solange Grausamkeit vermieden werden kann. Dazu Richard Rorty: In “Kontingenz, Ironie und Solidarität” schreibt Rorty: “Dieses Buch versucht zu zeigen, wie es aussieht, wenn wir die Forderung nach einer Theorie, die das Öffentliche und das Private vereint, aufgeben und uns damit abfinden, die Forderungen nach Selbsterschaffung und nach Solidarität als gleichwertig, aber für alle Zeit inkommensurabel zu betrachten. Es zeichnet eine Gestalt, die ich (Rorty) “liberale Ironikerin” nenne. (...) “Liberale” (sind) die Menschen, die meinen, daß Grausamkeit das schlimmste ist, was wir tun. (...) “Ironikerin” nenne ich eine Person, die der Tatsache ins Gesicht sieht, daß ihre zentralen Überzeugungen und Bedürfnisse kontingent sind. “Liberale Ironiker” sind Menschen, die zu diesen nicht auf tiefste Gründe rückführbaren Bedürfnissen auch ihre eigenen Hoffnungen rechnen, die Hoffnungen, daß Leiden geringer wird, daß die Demütigung von Menschen durch Menschen vielleicht aufhört.” (Kontingenz, Ironie und Solidarität)

Wolfgang Schlage / 15.10.2014

Ich bin für Leitzivilisation statt Leit"kultur” Menschen die zusammenleben, brauchen bestimmte Grundregeln. Man kann auf den Straßen rechts fahren oder links fahren, aber nicht beides. Steuern müssen erhoben werden und irgendjemand muss festlegen, was wie hoch besteuert wird. Rechnungen werden kassiert werden, und zwar entweder von der Mafia oder nach einen Gerichtsbeschluss. Es braucht Strafrechtsregeln. Kinder werden Erben, und irgendjemand muss festlegen, wer wieviel kriegt. Es werden sich auch öffentliche Umgangsformen mit einer gewissen Verbindlichkeit herausbilden müssen, sonst können sich zwei unbekannte Menschen kaum noch friedlich miteinander unterhalten, geschweige denn Geschäftsverhandlungen führen. Diese Grundregeln können nicht “multi” sein. Sie sind aber auch nicht “Kultur”, jedenfalls nicht in dem hochgestochenen Sinne, in dem man in Deutschland “Kultur” versteht. Sie sind “Zivilisation”: geordnete Formen, die das Zusammenleben ermöglichen. Wir brauchen keine Leitkultur, aber in diesem Sinne ein Leitzivilisation, nämlich eine Reihe ziemlich einheitlicher Zivilisationsnormen. Unterhalb dieser Zivilisationsnormen kann es gern verschiedene Kulturen geben. Aber nur unterhalb.

Bernd Hollermann / 15.10.2014

Ist das Grundgesetz eigentlich auch eine Leitkultur, oder ist das was anderes? Mir ist wurscht, ob im Nachbarhaus virtuelle Werwölfe abgeballert oder Räucherstäbchen für Vishnu abgebrannt werden, so lange man sich am Ende darauf einigt, die im Grundgesetz verankerten Grundregeln zu beachten. Abgesehen davon: Falls das Grundgesetz (eine) Leitkultur ist, warum lehnen sie dann so viele (Linksgrün_etten) ab?

Thomas Heiland / 15.10.2014

Der letzte Absatz gleicht J. Augsteins Stil; “schwafeln bis der Arzt kommt” konnte bei jenem sogar die taz konstatieren. Eine Gesellschaft, die keinen Grundkonsens mehr hat, zerfällt, sie wird wohl eher Kampfplatz denn Kreativwerkstatt. Beiläufig sollte noch erwähnt werden, dass Mord und Totschlag bei den “edlen Wilden” in Papua-Guinea so zehnmal häufiger üblich sein soll als in der Bronx. Da gehen wir doch herrlichen Zeiten entgegen, statt abendlicher Fernsehkrimi - einfach nur aus dem Fenster schauen!

Markus Miller / 15.10.2014

Mir bleibt es ein Rätsel, inwieweit Vorlieben für Sportarten, HBO-Serien und Ernährungslehren in der Debatte um eine Leitkultur eine Rolle spielen. Und was es mit Multi-Kulti zu tun haben soll, dass mein Nachbar Unterwasserrugbyfan ist. Wer will einen kulturellen Kanon (ausser Verleiher von Buch- und Friedenspreisen sowie Vergeber von Stipendien)? Reichen nicht gemeinsame Werte (Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte, Zivilgesellschaft, Freiheit der Künste).

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