Burkhard Müller-Ullrich / 28.01.2018 / 18:00 / 4 / Seite ausdrucken

„Negativzinsen” für die schwäbische Hausfrau

Die Welt ist aus den Fugen und der Irrsinn wird alltäglich. Das hat sicherlich sein Gutes, denn es verlangt und bewirkt eine geistige Beweglichkeit, die manchen Menschen gut tut. Man soll ja nicht in verkrusteten Denkstrukturen verharren. Besser man bereitet sich ständig auf Unerwartetes vor. Wenn man den Wasserhahn aufdreht, könnte zur Abwechslung auch mal Feuer herauskommen. In diesem Sinne hat die Volksbank Reutlingen ihre Geschäftsbedingungen umgestaltet.

Wer bei dieser Bank ein Konto unterhält und sich nicht täglich über die neuesten per Aushang bekanntgegebenen Geschäftsbedingungen informiert, kann von Glück reden, daß nicht sein ganzes Geld weg ist, sondern bloß ein Teil davon. Denn irgendwann im letzten Jahr tauchte in diesem Aushang der Hinweis auf negative Zinsen auf, die ab sofort zu zahlen seien. Negative Zinsen sind allerdings keine Erfindung der Volksbank Reutlingen, sondern eine Folge der ins Perverse gekippten europäischen Geldpolitik.

Eigentlich sind negative Zinsen das Ende des Kapitalismus. Denn Wasser fließt nicht bergauf, und nicht derjenige, der sein Geld verleiht, schuldet seinem Schuldner etwas, sondern umgekehrt. Aber die Welt ist aus den Fugen, und Sparsamkeit gehört jetzt zu den Untugenden, für die man büßen muss. Zinsen bilden nämlich die Grundlage aller Sparanstrengungen: sie sind die Belohnung für den Triebverzicht, der Ausgleich für die entgangene Befriedigung der Kauflust. Ohne den kapitalistischen Grundbaustein der Verzinsung würde sich niemand veranlasst fühlen, eine Geldausgabe freiwillig aufzuschieben und den Betrag eben zu sparen. Das ist eine beachtliche Kulturleistung, die auf einer bestimmten Genußstrategie nach der Devise "je später, desto mehr" beruht.

Der Mensch ist das Wesen, das spart.

Schon Kinder heben sich manchmal vom Essensteller das, was sie am liebsten mögen, bis zum Ende auf. Dieser Gedanke der Genusserhöhung durch Verzögerung ist weit verbreitet und wirkt bis in religiöse Paradiesvorstellungen hinein. Offenbar liegt darin auch eine Art Selbstrepräsentation menschlicher Vernunft; durch Verschiebung des Genusses auf später beglückt man sich mit dem Beweis der Zeitsouveränität. So wird das Sparen zu einer geradezu metaphysischen Anstrengung und zu einem Inbegriff der Conditio Humana: Der Mensch ist das Wesen, das spart.

Dies alles hat die Europäische Zentralbank als ausführendes Organ skrupel- und verantwortungsloser Finanzpolitiker beiseite gewischt und die Euroländer mit so viel billigem Geld geflutet, dass schon dessen bloße Aufbewahrung kostenpflichtig wurde. Und die Volksbank Reutlingen hat diese Kosten, die ihr das viele Geld verursacht, einfach an die Kunden durchgereicht. Doch das Landgericht Tübingen, das über diese Praxis zu urteilen hatte, stellte treffend fest, daß die Kunden bei aller geistigen Flexibilität mit einer solche Umkehr des Geschäftsprinzips nicht rechnen müssten. Negativzinsen seien atypisch, formulierte das Gericht, man könne so etwas nicht einfach per Preisaushang einführen.

Es gibt ja im Geschäftsleben und auch im gesellschaftlichen Miteinander den Grundsatz von Treu und Glauben. Er besagt, dass man nicht in jedem Augenblick gewärtig sein muss, aufs Kreuz gelegt zu werden. Würde man die Volksbank-Reutlingen-Methode beispielsweise aufs Lottospiel übertragen, dann müssten die Gewinner sich künftig darauf gefasst machen, statt einer Auszahlung eine Geldforderung zu erhalten. Wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis es dahin kommt.

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Leserpost (4)
Wolfgang Kaufmann / 28.01.2018

Nord und Süd gehen unterschiedlich mit Sparen und Vorsorge um. In den Olivenstaaten ist der Staat der Feind, vor dem man seinen Besitz versteckt; für die Nordländer gehört Steuerehrlichkeit zur Kultur. Es wird Zeit zu akzeptieren, dass diese beiden Wirtschaftssysteme inkompatibel sind und im gleichen Wirtschaftsraum unverträglich. Kein Wunder liegen die führenden Nettozahler in der EU, pro Kopf gerechnet, im Norden: Schweden, Niederlande, Großbritannien, Deutschland, Luxemburg und Dänemark, dann kommen Belgien, Österreich und Finnland.

Karla Kuhn / 28.01.2018

Ist das Urteil vom LG Tübingen bindend ? Oder drückt die VB Reutlingen dem Sparer trotzdem die Negativzinsen aufs Auge ?  Wenn Ja, dann sollten die Sparer aber schleunigst ihr Erspartes abheben. Es stimmt der “normale” Mensch muß flexibel bleiben. Ausruhen im Rentenalter ist vorbei, der Schaukelstuhl kommt auf den Sperrmüll.  Es soll keinen verdienten Ruhestand mehr geben ? Steckt da etwa noch was andres dahinter ? Eigentlich sollten alle Rentner, die noch mobil sind ihr Geld auf einer schönen Insel oder in einem schönen Land verprassen. Es gibt ca. 20 Millionen Rentner, wenn 10 Millionen davon Gebrauch machen, würden die Wirtschaft und die Banken ganz schön jammern. In Amerika gab (oder gibt es noch?) eine Hausfrauengewerkschaft (oder so ähnlich). Als die Kaffepreise in den achtziger Jahre gestiegen sind, hat diese alle Frauen aufgerufen, keinen Kaffee mehr zu kaufen. Kurz darauf sollen die Preise wieder gefallen sein. ( So konnte ich das in der Zeitung lesen) Da sieht man doch, daß wir als Verbraucher viel Macht haben. Wir müssen sie nur nutzen !!

Dirk Jungnickel / 28.01.2018

“Es gibt ja im Geschäftsleben und auch im gesellschaftlichen Miteinander den Grundsatz von Treu und Glauben.” Die Botschaft hör ich wohl ....  aber sie stammt aus einer Zeit, in der man bürgerliche Werte noch arglos voraussetzen durfte.  Via Internet werden einem heute mit immer unübersichtlicheren Formularen angebliche Leistungsforderungen untergejubelt, dass man nicht vorsichtig genug sein kann. Bei Billigfliegern sollen außer dem Gepäck demnächst auch noch absehbare Toilettenbenutzungen berechnet werden. Oder bei den halbstündlich wechselnden Bahntarifen soll demnächst ein kostenpflichtiger elektronischer Guide eingeführt werden, der einen wahrscheinlich zu den billigsten Angeboten mit versteckten Aufschlägen leitet ... Amazon möchte ich allerdings ausdrücklich ausnehmen.

Werner Kirmer / 28.01.2018

Zu diesen Praktiken kommt noch, das wir vom Kunden der Banken zum zwangsbeitragspflichtigen Mitglied geworden sind. Nach geäußertem Protest bei der Postbank kamen Kündigungsunterlagen. Hätte ich gern angenommen wenn es nicht überall so wäre.

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