Necla Kelek, Gastautor / 14.10.2009 / 10:43 / 0 / Seite ausdrucken

Necla Kelek: Haltet den Dieb!

Thilo Sarrazin redet Tacheles. Er analysiert im Lettre Interview die Lage Berlins, benennt Filz, Korruption und Schlamperei, lobt und tadelt Migranten, fragt nach Ursachen und bietet in dem Interview eine Gesamtschau der Berliner Misere, die ich so noch von niemandem gelesen habe. Ich würde mir diesen klaren Blick auch von verantwortlichen Poltikern wünschen.  Sarrazin macht das nach meinem Empfinden nicht aus Übermut, sondern aus Sorge um Berlin. Die Analyse ist alarmierend. 

Die sich davon ertappt, neudeutsch:  „diskriminiert“, fühlen, sind nicht diejenigen, die für die Misere verantwortlich sind,  sondern reflexhaft die Türkenvereine und ihre Verbündeten, die Teil der Misere sind. Sie rufen „Haltet den Dieb“, sind beleidigt, spielen das Opfer in der Hoffnung, nicht über den Diebstahl reden zu müssen.  „Opferanwalt“ ist eine Paraderolle des Sprechers der Türkischen Gemeinde,  Kenan Kolat, der seine Stellung zu einem subventionierten Mandat gemacht hat. Jetzt ist er unterwegs, die Ehre der Migranten zu retten und nebenbei durch dieses Ablenkungsmanöver seine Geldgeber im Senat und Opposition vor der Blamage, die der ehemalige Finanzsenator seinen Kollegen bereitet hat,  zu beschützen. Und von FAZ bis TAZ sind alle froh, nicht über die Fakten reden zu müssen,  sondern Solidarität mit den diskriminierten Eltern der „Kopftuchmädchen“ üben zu können. Und darüber zu philosophieren, ob ein Währungshüter denn spitz oder nur rund wie eine Euro-Münze formulieren darf.

Ich wundere mich, dass die deutsche Gesellschaft so wenig Selbstbewusstsein zeigt, offen über ihre Probleme sprechenzu wollen. Das in Jahren mühsam aus Zielen, Werten und Tugenden und der Aufarbeitung der eigenen Geschichte erarbeitete Selbstwertgefühl unserer Bürgergesellschaft wird auf billige Weise preisgegeben und die demokratische Öffentlichkeit verliert sich - wie der Kulturanthropologe Reneé Girard feststellt -  in einer „depressiven Erschöpfung“.

Politik gestaltet nicht mehr, sondern moderiert und übt sich darin,  möglichst keine Fehler zu machen. Themen,  die Ärger machen könnten, wie Integrationsfragen, werden - wie im Wahlkampf geschehen - peinlichst vermieden, oder wie zuletzt in der Islamkonferenz relativiert. Man scheint der Probleme überdrüssig und überlässt das Feld in diesem Fall der kulturellen Konkurrenz von Türken und Islamfunktionären, die sich als Opfer darstellen und Themen tabuisieren wollen. Und wenn dann jemand doch die Sache beim Namen nennt, meldet sich das schlechte Gewissen . Man regt sich über den Ton und nicht über die Fakten auf. Aber die soziale Realität läßt sich nicht wegempören und mit einem „Aber bitte nicht in diesem Ton“ beschwichtigen.  Der Lack der Schönrednerei blättert schneller ab, als gestrichen werden kann.  Wer die klaren Worte Sarrazins für Hetze hält, muß sich fragen lassen,  ob er die Fakten kennt.  Und gegen depressive Erschöpfung helfen am besten Licht und Bewegung.

Siehe auch:
Kramer verschlimmbessert sich - Sarrazin nur noch Neonazi:
http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Titelseite-Thilo-Sarrazin-Stephan-Kramer-Zentralrat-der-Juden%3Bart692,2922103
Und:
http://www.spiegel.de/video/video-1024751.html

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