Seit acht Jahren laufe ich, Migrationskritikerin, als „Nazi“ durchs Leben, während sich die korrekte Mehrheit der Deutschen an ihrem eigenen Gutsein ergötzt und damit prahlt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Aber jetzt, wo die Zahl der antisemitischen Übergriffe in die Höhe schießt, hört man von diesen Leuten kaum etwas.
Ehrlich gesagt, fühle ich mich ein wenig verarscht. Wer sich wie ich im Jahr 2015 gegen die "Willkommenskultur" ausgesprochen hat, der wurde ganz schnell als „Nazi!“ abgestempelt. Doch nicht nur das. Jedes Argument, das sich gegen das woke Selbstverständnis richtet, wird früher oder später mit der „Nazi!“-Rhetorik ausgehebelt. Kritik an offenen Grenzen: Nazi! Sorge um die Integrationsbereitschaft von Migranten: Nazi. Stärkung von souveränen Einzelstaaten: Nazi. Nationalstolz: Vollll Nazi. Stärkung der Familie statt „Ehe für alle“: Nazi. Sorge um die Gewaltbereitschaft von Flüchtlingen: Nazi. Klassische Geschlechterrollen: Nazi. All Lives Matter: Nazi. Sich nicht gegen Corona impfen zu lassen: Nazi. AfD wählen: Nazi. Man könnte ewig so weitermachen.
Mittlerweile bin ich an einem Punkt angekommen, wo ich fast schon so etwas wie Bewunderung für die linke Argumentations- und Denkweise empfinde. Denn die Linken besitzen das unnachahmliche Talent, jedes unwillkommene Argument so weit zu verunstalten und herunterzubrechen, dass am Ende immer wie von Geisterhand „Nazi“ dabei herauskommt. So wie ein Fluss, der sich durch unterschiedliche Vegetation windet, aber schließlich doch ins Meer mündet. Als die Diskussion rund um eine verpflichtende Corona-Impfung irgendwann bei „Omas gegen rechts“ landete, empfand ich fast so etwas wie Anerkennung für diesen Gedankenspagat.
Seit acht Jahren laufe ich nun also als „Nazi“ durchs Leben, während sich die große und korrekte Mehrheit der Deutschen an ihrem eigenen Gutsein ergötzt und damit prahlt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Um diesem Gefühl Futter zu geben, arbeitet man sich kontinuierlich an den Verbrechen des Dritten Reichs ab. Der identitätslose Deutsche muss hier brav mitmachen, um seinem eigenen Selbsthass zu entkommen. Und genau dafür braucht man ihn, den bösen „Rechten“, der die perfekte Projektionsfläche für den eigenen Moralismus bietet.
Wenn einem plötzlich die Hashtags ausgehen
Nun kam es am 7. Oktober zu dem größten Verbrechen – Massaker! – an den Juden seit dem Holocaust. Parallel schießt in ganz Europa die Zahl der antisemitischen Übergriffe in die Höhe. Die Vergangenheit wird plötzlich zur Gegenwart. „Jetzt ist es so weit“, denke ich. Nun hat diese große und korrekte Mehrheit der Deutschen endlich die Chance, die seit Jahrzehnten aufgestaute Empathie für die Juden herauszulassen. Ein großes, lautes Aufbäumen, das so große Wellen schlägt, dass selbst die Hamas-„Kämpfer“ in ihren Tunnelgängen zusammenzucken. Und was hört man stattdessen: Nichts. Nichts. Und…ach, ja: Nichts.
Also wirklich, ich fühle mich verarscht! Der „Nazi!“, das bin doch ich. Ihr wart alle #wirsindmehr, #metoo, #blacklivesmatter, #roevwade, #stayhome, #fckafd und #fridaysforfuture. Eure Profilbilder wurden wahlweise in die Farben der Ukraine oder in die des Regenbogens getaucht. Und wenn ihr geimpft wurdet, dann habt ihr dafür gesorgt, dass es auch alle erfahren. Ihr habt Mitleid mit Bienen und volle Solidarität mit Randgruppen, Minderheiten, Opfern. Aber bei Israel, da hört das alles plötzlich einfach auf. Oder es werden zugleich ein paar relativierende Aussagen hinterhergeschoben. „Krieg ist immer schlecht.“ Sag' bloß! „Beide Seiten haben Schuld!“ Ist das so?
Beinahe macht es den Anschein, als habe man erst bis zur Pogromnacht warten müssen, um den Juden wieder uneingeschränkte Anteilnahme zusprechen zu können. Dann konnte der Deutsche wieder dem frönen, was er am liebsten tut: nämlich erinnern. Ironischerweise mit dem Hashtag #wehretdenanfaengen. Aber keine Sorge, das bezieht sich natürlich nur auf die AfD.
Wie der Nahostkonflikt die Doppelmoral der Deutschen zutage fördert
Ich gebe zu, für den Durchschnittslinken scheint der israelisch-palästinensische Konflikt auch eine intellektuelle Herausforderung darzustellen, die zu einer inneren Zerreißprobe wird. Schließlich besetzt Palästina die Rolle des klassischen Opfers: Das kleine (angeblich) unterdrückte Volk, dem man (angeblich) das Existenzrecht abspricht und das nun vom mächtigen Israel (angeblich) kaltherzig bombardiert wird. Ein Linker wird davon natürlich angezogen wie die Fruchtfliege von einem faulen Stück Obst, und der Hashtag #freepalestine kribbelt wahrscheinlich schon in den Fingern. Nun steht auf der anderen Seite aber leider nun mal Israel und damit unser geschichtliches Pflichtgefühl den Juden gegenüber. Wenn man sich selbst seit Jahren an den Juden abarbeitet und die verübten Verbrechen des Dritten Reichs für die eigene Selbstdarstellung nutzt, dann kann man sich nun natürlich nicht so leicht aus dieser Verantwortung lösen. Ein Dilemma, das der klassische Linksliberale anscheinend nicht zu lösen vermag. Und das Resultat daraus ist eben Schweigen.
Man überlege sich alleine mal, dass es in den letzten Jahren nicht möglich war, auf Deutschlands Straßen friedlich für kontrollierte Migration zu demonstrieren, ohne dass sich umgehend auf der anderen Seite ein erboster und betroffener Gegenprotest formierte. Oh, was erinnere ich mich an die vielen Demonstrationen, die ich besuchte, auf denen Menschen für die Verteidigung unserer Werte – also für Einigkeit und Recht und Freiheit – auf die Straße gingen, nur um dann von einem trommelnden und wütenden Gegenprotest niedergeschrien zu werden. Wo sich Lichterketten formierten und Peace-Fähnchen geschwenkt wurden. Wo man überschwänglich die Liebe feierte und sich für das eigene Gutsein auf die Schultern klopfte. Vor allem war man sich eines gewiss: Den „Rechten“ werde man nicht die Straße überlassen. Aber wenn Muslime und Islamisten mit judenfeindlichen Parolen durch unsere Städte ziehen, dann ist da… ach, ja: nichts! Dann ist da kein unmittelbarer Protest, kein Widerstand, keine Gegendemo. Wo sind die Lichterketten? Wo sind die vielen Bündnisse gegen Rassismus? Ja, wo ist die Antifa? Diese Doppelmoral widert mich an.
Menschenkette für Israel – oder etwa doch nicht?
Warum fällt es den Deutschen leicht, in jeder noch so sachlich formulierten Migrationskritik umgehend Rassismus und Rechtsextremismus zu entdecken, während das muslimische Macht- und Gewaltpotenzial samt tiefsitzendem Judenhass weder benannt noch verurteilt werden darf? Um mal ein Beispiel zu nennen: Am 3. November zog eine „Anti-Israel-Demo“ durch meine Heimatstadt Essen. Völlig ungestört liefen 3.000 muslimische Protestierende geschlechtergetrennt (wo sind die Emanzen?) mit judenfeindlichen Parolen durch die Essener Innenstadt und forderten unter anderem ein Kalifat. Es wurde ja bereits bundesweit darüber berichtet.
Am Wochenende möchte Essen nun darauf antworten. Super, denke ich, und erkundige mich online nach Ort und Zeit. Dabei lese ich Folgendes: „Eine Gegendemo wird es nicht geben – dafür aber ruft die ‚Essener Allianz für Weltoffenheit, Solidarität, Demokratie und Rechtsstaat‘ zu einer Menschenkette in der Innenstadt auf.“ Und weiter: „Es soll darum gehen, ein Zeichen für Frieden im Nahostkonflikt zu setzen.“ Mein Kopf prallt einmal kurz auf der Tischplatte auf. Ich werde selbstverständlich hingehen, aber was ist so schwer daran, sich unmissverständlich an die Seite Israels zu stellen? Warum stehen wir nicht ausdrücklich und ausnahmslos an der Seite der Juden? Warum können wir die Verachtung unserer freiheitlichen Werte und den Judenhass nicht als muslimisch benennen? Warum wird mit aller Macht versucht, irgendeine (groteske) Form von Neutralität zu wahren, die bis in den Himmel stinkt? Warum windet man sich wie ein Aal, um das Offensichtliche nicht aussprechen zu müssen?
Sicherlich, es gibt auch diejenigen, die uneingeschränkt zu Israel stehen – ohne Relativierungen und ohne die Täter- und Opferrolle zu vertauschen. Aber komischerweise sind das eben meistens die, die schon seit Jahren den „Nazi“-Stempel tragen – die Rechten, die AfD-Wähler, die Ausgestoßenen, die Konservativen, die Hasserfüllten, die Rassisten. Es sind eben jene „Nazis“, die keine Probleme damit haben zu sagen: #istandwithisrael.
Marei Bestek, Jahrgang 1990, wohnt in Köln und hat Medienkommunikation & Journalismus studiert.

Das Ausbleiben linker Gegendemonstrationen war aus folgenden Gründen zu erwarten:
1) Antisemitismus
2) Die Sozialromantiker wollen das Scheitern ihrer Naivität nicht öffentlich eingestehen.
3) Die Ideologen des Multikulturalismus akzeptieren Migranten ganz wie sie sind und geben ihnen Opferstatus.
4) Diejenigen, die mit der Masseneinwanderung Geld verdienen, unterdrücken jegliche Einwanderungskritik.
5) Die Kulturmarxisten benutzen den Islam als Rammbock gegen die westlichen Gesellschaftsordnungen.
6) Weil Israel ein Staat mit starkem ethnisch-kulturellen Zusammenhalt ist, wird es von Leuten, die Nationen und Ethnien beseitigen wollen, verbissen bekämpft.
Sehr guter Artikel. Ausgerechnet Deutsche meinen, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Das hätte zuerst bedeutet, bis ca. 2145 aus Gründen der Bewährung einzuräumen, nicht zu beanspruchen, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Und schon gar nicht Judenhasser einwandern zu lassen, auch nicht als perfiderweise Mitleid erregende Flüchtlinge. Und jetzt bringen gewisse Deutsche das Kunststück fertig, Solidarität mit Israel zu heucheln, und dabei nicht nur die Juden und den Rest der Welt, sondern auch sich selbst zu belügen. Sie glauben sich ihre Solidarität wirklich, während sie zugleich der palästinensischen Manson Family Geld für deren Waffen liefern. Though this be madness, yet there is method in’t.
@ Michael Schauberger: Selbstverständlich wird im UN-Menschenrechtsrat bestehend aus Diktaturen immer nur die einzige Demokratie verurteilt!
@ Michael Schauberger: Vielleicht schauen Sie mal nach wen der UN-Menschenrechtsrat außer Israel noch verurteilt hat und wen alle nicht? Und welche Terrorregime im UN-Menschenrechtsrat sitzen und über Menschenrechte palavern? Vergleichen Sie mal wie oft Israel im Vergleich zu den Terrorregimen verurteilt wird.
@ Marei Bestek: Nicht schlecht, nicht schlecht. Für einen so jungen Menschen, die all den Wahnsinn, den die arabischen Palästinenser seit den 70er Jahren nahezu täglich in israelischen Straßen mittels Selbstmordattentaten und Raketnangriffen veranstalten, gar nicht selbst mit erlebt hat. Respekt! Übrigens, ich sage es laut, und zwar jedem: IDF und Israel, macht euren Job diesmal bis zum Ende!
Mein Großvater war Offizier bei der Wehrmacht. Daher weiß ich, was ein Nazi war. Alle die, die mich als Nazi bezeichnen, haben keine Ahnung, was ein Nazi wirklich ist. Und sie beweisen mir damit, dass sie nicht denken können, sondern nur plärren.
Die Welt, und damit auch Israel und Palästina, ist so leicht nicht in gut und Böse einzuteilen. Wer das tut, macht das, was die Nazis auch taten. Ohne nachzudenken.
@Dr. Konrad Voge: Danke für die positiven Worte. Auch diese stehen konträr zu diesem Artikel, der moralisiert und polarisiert, ohne tatsächlich zu einer Verständigung beizutragen (diese ist ein Schlüssel für Frieden!). Meckern kann jeder, irgend ein Feind findet sich immer, und der Tag hat Struktur (frei nach Volker Pispers). Ich bin der ganzen Polemisierungen, der „Nudges“ und Bekennen von Gesinnungen müde, nur, um nicht -fremdgesteuert!- in irgend eine Ecke geschubst zu werden, in die man nicht hingehört. @Richard Loewe: Mich deucht, daß Sie die Intention meines Beitrages nicht ganz verstanden haben. Vielleicht mögen Sie die von mir dargebotene Lektüre studieren? Was hat der Verweis auf fundierte Artikel mit „Phrasendrescherei“ zu tun? Und ja, die Polizei soll genau die Leute herausgreifen, welche verfassungsfeindliche Parolen von sich geben. Oder soll man die Unschuldigen, die nichts getan haben, gleich mit in Sippenhaft nehmen? Das wäre ein seltsames Verständnis von „Demokratie“. Das Völkerrecht gilt auch für Israel (das war explizite Bedingung, als sie der UN beigetreten und von dieser als Staat anerkannt worden sind!), ist es doch in den letzten 17 Jahren in 103 (!) Fällen durch den UN-Menschenrechtsrat verurteilt worden (Georg Rammer, „Deutschlands Verantwortung“, Ossietzky 21/2023). Der Staat ignoriert & bricht all die Resolutionen -- ungestraft & permanent. Diese Resolutionen sollten ein friedliches Zusammenleben mit den Palästinensern ermöglichen. Es sollte jedem logisch denkenden Menschen klar sein, daß solch eine Gewalt eine Gegengewalt auslösen wird, früher oder später. Wer dann erschrocken von seiner Couch hochschreckt und „Haltet den Dieb!“ ruft, der darf von mir kein Mitleid erwarten, ganz abgesehen davon, daß die Totalüberwachung in Israel genauso seltsam versagte wie die Luftraumkontrolle in NYC 9/11. @Judith Panther: Sie haben die aktuelle Lage mit wenigen Worten treffend auf den Punkt gebracht. Dafür von mir auch ein Dank an Sie.