Chaim Noll / 09.09.2016 / 15:03 / Foto: Christopher Michel / 2 / Seite ausdrucken

Nähe und Unvereinbarkeit von Bibel und Koran (7)

Von Chaim Noll.

Krieg und Frieden: Die in unseren Augen geringe Wertschätzung des einzelnen Menschenlebens liegt im jihad begründet, dem der islamischen Glaubensgemeinschaft gebotenen heiligen Kampf zur weltweiten Durchsetzung des Islam. Der Prophet lässt keinen Zweifel daran, dass dieser Kampf erst dann zu Ende sein kann, wenn alle Menschen Allah anbeten und die Gebote erfüllende Muslime sind (Suren 8,39; 61,9 u.a.). Während es missionierenden Christen erklärtermaßen um das Gewinnen von Individuen geht – Jesus bezeichnete seine Jünger als „Menschenfischer“ (Matthäus 4,19) – geht es dem Islam um die Ausweitung des dar al Islam, also um die Beherrschung von Völkern und Territorien.

Das biblische Volk führte eine Reihe von Kriegen zur Gewinnung und Sicherung des ihm versprochenen Landes, wobei dieses Land per definitionem begrenzt ist und seine Grenzen mehrmals im Text genau bezeichnet werden (2 Moses 23,31; 4 Moses 34,3 u.a.) Kein einziger dieser antiken Kriege wurde mit einem generellen Vorrecht des biblischen Volkes begründet, „Gläubige“ zu sein und daher Anspruch auf „ungläubiger“ Völker Land zu haben. Für das biblische Volk tritt ein Gefühl des Friedens bereits ein, wenn das Gebiet zwischen Dan und Beer Sheva gesichert ist (1 Könige 5,5), nicht erst, wie im Koran, wenn sich das Reich des Islam über die ganze Welt ausgebreitet hat.

Anthropologischer Prozess: Anthropologisch gesehen, ist der in den Mosaischen Büchern für das Volk der Hebräer vorgeführte Prozess, wie Morris S.Seale formuliert, „ein Wechsel in der Lebensweise von revolutionärem Ausmaß. Sie ließen die Gesetzlosigkeit der Wüste hinter sich, für die Gesetzlichkeit einer niedergelassenen Gesellschaft. Die Mosaischen Bücher können daher als Übungsbuch (im englischen Original: training manual) für ein Volk verstanden werden, das sich auf den schweren Weg in Richtung Humanität und Zivilisation begibt.“ Die nomadische Lebensweise ist dagegen der Zwang zu ständiger Expansion. Nomadisch lebende Völker – in ihrem notgedrungenen Kampf um die elementaren Subsidien des Lebens wie Wasserstellen und Weideland – sind per se kriegerisch.

Daher ist die im Gesetz vom Sinai regulierte Gesellschaftsform eine sesshafte. Die Feste der Juden sind landwirtschaftliche Feste, angeordnet im Zyklus von Saat, Reife, Ernte, symbolisiert in drei Pilgerreisen zum Tempel zur Darbringung von Erstfrüchten. Auch Jesus bewegte sich in dieser landwirtschaftlichen Welt, fast alle seine Gleichnisse sind ihr entnommen. Die Feste der Christen folgen dem alten landwirtschaftlichen Zyklus der jüdischen, unter Hinzufügung einer weiteren, nun mit der Gestalt Jesus verbundenen Komponente.

Im Koran ist dagegen kaum irgendwo von Angelegenheiten der Landwirtschaft und sesshaften Lebens die Rede. Das dort propagierte Bild vom Muslim ist das Bild eines Kämpfers und Kriegers. Auch im späteren Schrifttum genießt die Arbeit in der Landwirtschaft (überhaupt in irgendeiner Form friedlicher Wirtschaft) kein großes Ansehen. Die Überlieferung des Hadit, schreibt ein muslimischer Geistlicher, Maulana Muhammad Ali, „spricht davon als von einer verdienstvollen Handlung, warnt aber zugleich davor, dass jene, die sich ganz der Wirtschaft widmen, nicht fähig sind zu großen und glorreichen Taten“.

Beide Bücher, Bibel und Koran, lassen sich als Anleitung verstehen, wie Völker aus wildem Nomadentum, Faustrecht und Stammeskriegen herausfinden können. Doch sie zeigen verschiedene Wege und Ziele. Ein früher Unterschied liegt im Verhältnis zum Land: in der Bibel ein fest umrissenes Gebiet, das intensiv kultiviert werden soll, um die darauf Lebenden zu ernähren, im Koran ein – nun aus religiösem Grund – ständig zu erweiterndes Territorium. Der Koran enthält einen erneuten Aufruf zum Nomadentum, diesmal zu einem globalen, von der „Gemeinschaft der Gläubigen“ gemeinsam unternommenen. „Das Wandeln auf dem Weg Allahs bedeutet die Ausbreitung des Islam durch den Glaubenskrieg“, schreibt Franz Rosenzweig. „In dem gehorsamen Beschreiten dieses Weges (…) findet die Frömmigkeit des Muslim ihren Weg in die Welt.“

ENDE

Chaim Noll ist ein deutsch-israelischer Schriftsteller.

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Leserpost

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Dirk Jungnickel / 10.09.2016

Chaim Noll hat eine sehr verdienstvolle Gegenüberstellung der drei Weltreligionen veröfffentlicht. Erfreulicherweise hat er auch die vielgerühmte Ringparabel vom Sockel geholt. Mit ihr hat Lessing m.E. der Aufklärung nicht gedient, weil er quasi die Religionen gleichgesetzt hat. Was mir bei dem Essay auffiel: Die Rolle des Volkes Israel steht sehr im Vordergrund, was durchaus berechtigt ist, schließlich finden sich hier vor allem die Wurzeln des Christentums. Vermißt habe ich die Behandlung des Problems “Gottes auserwähltes Volk”, was ja durchaus in der Geschichte des Judentums relevant war und ist und zu Ab- und Ausgrenzungen führte. Auch über die jüdische Diaspora hätte ich gern in diesem Zusammenhang etwas gelesen. Möglicherweise ist mir auch einiges entgangen; die Lektüre war jedenfalls für mich außerordentlich lohnend.  

Torsten P.Neumann / 10.09.2016

Im Jahre 2000 erschien unter Pseudonym Christoph Luxenberg “Die syro-aramäische Lesart des Koran” und ist seither heimliche Bettlektüre der sog. Religionswissenschaftler.  Kurz gesagt legt die Sprachanalyse Luxenbergs nahe, daß sowohl Torah, als auch Bibel und Koran allesamt auf jüdische Autoren zurückgehen.  Was logisch ist, denn die Juden waren die erste moderne Nation seit der Bronzezeit. Sie waren zunächst Bauern (Ägypten), dann Kriegernomaden (Exodus), dann Siedler (also Neubauern; Reich David), dann lokale Großmacht (Makkabäer), und schließlich Staatsruine ( Römerzeit).  Die jüdische Autorenschaft der Bibel zweifelt noch nicht mal Ratzinger an, ganz anders sehen es seine Kollegen aus der islamischen Ecke. Das der Koran aus jüdischer Feder kommen könnte ist so blasphemisch, das noch nicht mal westliche Wissenschaftler daran zu denken wagen, geschweige denn die diversen Mullahs, Hodschas und Imame aus dem Orient.

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