Gastautor / 11.10.2010 / 21:56 / 0 / Seite ausdrucken

Nacktschnecken und Hofsänger

Reinhard Mohr

Opportunismus, Feigheit und der Hang, sich der jeweiligen Mehrheit anzuschließen, gehören seit je zur menschlichen Grundausstattung. Das Leben ist gefährlich, und es endet tödlich. Man muss es sich also nicht unnötig schwerer machen, als es schon ist. Dazu dient auch jene politische Korrektheit, die seit Jahren schon das Standardvokabular der politisch-medialen Klasse prägt und weithin den offiziellen Gedankenaustausch regelt. Wer sich an ihre sprachlichen Vorgaben hält, bewegt sich traumhaft sicher zwischen all den Menschen mit Migrationshintergrund, den lieben Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die ja immer auch Wählerinnen und Wähler sind. Da werden schon mal „strukturelle Defizite“ ausgemacht, aber auch „bildungsferne Schichten“ haben einen Anspruch darauf, gleichberechtigt am „gesellschaftlichen Diskurs“ teilzunehmen, der von der „Vielfalt unterschiedlicher Lebensentwürfe“ lebt.

So traumschön formulierte es jüngst Bundespräsident Wulff in seiner Bremer Rede zum zwanzigsten Jahrestag der deutschen Einheit, die unter dem lyrischen Motto stand: „Vielfalt schätzen – Zusammenhalt fördern“. Klare Sache: Niemand wird „ausgegrenzt“, „Integration“ ist Konsens, der Islam ist so deutsch wie Döner und Currywurst, und alles wird gut. Irgendwie jedenfalls.

Probleme entstehen in dieser geschlossenen Welt der guten Absichten nur dann, wenn ein Störenfried auftaucht. Einer, der die goldenen Regeln des brüderlichen Miteinander missachtet und das politisch korrekte Porzellan zerschlägt.

Ein Verbalrabauke wie Thilo Sarrazin etwa. Keine Angst, wir führen die „Sarrazin-Debatte“ hier nicht weiter.

Umso mehr blicken wir auf die medialen Reaktionsmuster, die sich epidemisch ausbreiten. Wie auf ein unsichtbares Kommando hin bewegt sich die Medienmeute mal in diese, mal in jene Richtung. Die Tatsache, dass ein Buch, wie problematisch und umstritten es sein mag, zunächst einmal ein Buch unter Millionen anderer Bücher in einer freien und weltoffenen Gesellschaft ist, versinkt im Tsunami des Mainstream. Im Handumdrehen geht es da um Sein oder Nichtsein, um Gut gegen Böse. O Satan weiche!

Ebenso gut dotierte wie perfekt geföhnte Redakteure des ZDF, die sonst vor allem um ihr berufliches Fortkommen bangen, bezeichneten den Störenfried, der flugs zum Auslöser einer Staatsaffäre erklärt wurde, als „Extremisten“, der „Hass“ schüre, einen „fremdenfeindlichen Staat“ anstrebe, den „Konsens der Demokratie“ zerstöre und sich außerhalb der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewege.

Es waren genau dieselben geschniegelten Fernsehgesichter, die im Gespräch mit Spitzenpolitikern stets wie beamtete Schoßhunde agieren, die man zum Jagen, pardon: zum kritischen Nachfragen tragen muss.
   
Einerseits ist man aseptisch lau und devot bis zur Schmerzgrenze, andererseits wird lautstark gebellt, wenn der Konsens der Etikette in Gefahr scheint – und damit die eigene Existenzgrundlage.

„Ihr Text musste leider noch ein bisschen gestreamlined werden“ – derart sachdienliche Hinweise an Autoren aus dem Reich der Zeitungsredaktionen sind längst keine kabarettistische Wortschöpfung mehr, sondern schlichte Arbeitswirklichkeit. Dabei wirkt stets die Angst im Nacken, etwas falsch zu machen. Bloß nicht den allgemeinen Meinungsstrom verlassen. „Gedankensharing“ nennt das der FAZ-Redakteur Volker Zastrow, das Programm der „Nacktschnecken“, die „auf der eigenen Schleimspur Karriere machen, nach oben, ganz oben“. Hier tummeln sich auch die „Meinungszüchtiger, die Mönchskrieger der öffentlichen Sprach- und Denkwirtschaft“. Und logisch: „Im Milieu der Schnecken sind Säure und Seife nicht artgerecht, was ätzt oder klärt, wirkt schleimlösend.“

Deutschland hat kein wirkliches Verhältnis zur Freiheit, sagt Zastrow zu Recht. „Wir lieben es nicht, das offene Wort, den Freimut, die Ehrlichkeit. Nicht privat, und öffentlich erst recht nicht. Da gilt Null Toleranz. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber bitte ph-neutral.“

In dieser seichten Lauge hat es sich der Großteil der politisch-medialen Klasse bequem gemacht. Das ist auch der Publizistin Thea Dorn aufgefallen, die jüngst in der „Zeit“ schrieb:

„Wir haben eine ostdeutsche Kanzlerin, einen Außenminister, der soeben seinen Lebensgefährten geheiratet hat, einen jugendlichen Gesundheitsminister vietnamesischer Herkunft, einen Bundespräsidenten mit „Patchworkfamilie“: Noch nie war das Personal, das unseren politisch-öffentlichen Diskurs bestimmt, „bunter“ als heute. Und noch nie wirkte es so farblos, gehemmt und uniform.“

Als „mutig“ gilt dann schon, wenn man, wie im Falle des unbestrittenen Siegers beim Sparkassendirektor-look-alike-Wettbewerb, Bundespräsident Christian Wulff, Allgemeinplätze aneinander reiht, in denen „der Islam“ und „die Muslime“ oft genug vorkommen.

Die Debatte darüber, was genau damit gemeint ist, fällt dann wieder dem Verdacht mangelnder politischer Korrektheit anheim. Die Spur der Nacktschnecken zieht ihre Kreise.

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