Anfang Februar, wenige Wochen bevor der neue Krieg ausbrach, hatte ich eine unvergessliche Begegnung. Gegen Mitternacht, in Berlin. Ich kam von Hamburg, mit dem letzten Intercity Express dieses Tages, und ging am Berliner Hauptbahnhof zum Taxistand, um in die Wohnung meiner Freunde zu fahren, bei denen ich übernachten sollte. Ich war in trauriger privater Mission in Berlin, Todesfall, Auflösung und Verkauf meines Elternhauses, und hatte, auch um mich ein wenig zu zerstreuen, eine spontane Einladung nach Hamburg angenommen, wo ich aus einem meiner Bücher las und anschließend mit dem Publikum über Israel diskutierte.
Ich stieg Berlin Hauptbahnhof ins nächste freie Taxi und nahm die Kapuze ab, die ich in dieser eiskalten Nacht über den Kopf gezogen hatte. Vorn saß eine ältere Frau, etwa sechzig Jahre alt, mit dunklem Teint und grauem, lockigem Haar. Sie drehte sich halb zu mir um und sagte etwas Verblüffendes:
„Guten Abend. Ich mache Ihnen die Heizung im Sitz an. Sie sehen aus, als ob sie nicht an solche Kälte gewöhnt sind.“
„Danke“, sagte ich. „ich friere schrecklich. Ich war seit zwanzig Jahren nicht mehr um diese Jahreszeit in Deutschland. Diesmal hatte ich keine Wahl.“
Sie lachte leise. „Wer reist schon freiwillig im Januar nach Berlin? Sie sehen aus, als ob Sie aus unserer Gegend kommen.“
Ihr Deutsch war fehlerlos, doch sie sprach mit hörbarem Akzent. Meine Neugier erwachte.
„Was meinen Sie mit ‚unsere Gegend?“, fragte ich. Und dann, geradezu: „Aus welchem Land kommen Sie?“
„Iran. Persien. Und Sie?“
„Israel.“
„Willkommen in Berlin. Wir lieben Israel. Aber Ihr Deutsch klingt wie Muttersprache.“
„Ich bin hier geboren. Hier in Berlin. Und Sie?“
„Teheran. Aber ich lebe hier seit 1980. Meine Eltern mussten fliehen, als ich vierzehn war.“
Ich treffe auf meinen Reisen immer wieder Exil-Iraner
Meine Erwiderung war nichtssagend, ich war erschöpft, hungrig, durchgefroren, mein einziger Gedanke galt dem Gästebett, das meine Freunde für mich aufgeschlagen hatten und dem wir uns näherten, durch den zähen Verkehr am Rosenthaler Platz, wo auch um Mitternacht und bei dieser Kälte die Restaurants, Bistros und Kneipen voller Menschen waren. Ihre Liebeserklärung an Israel hatte mich nicht überrascht. Ich treffe auf meinen Reisen immer wieder Exil-Iraner, Frauen und Männer, ältere und jüngere, und sie alle, sobald sie mich an meiner Kipa oder einem anderen Zeichen als Juden erkennen, ziehen mich in ein Gespräch und erklären im Verlauf der nächsten Minuten ihre Liebe zu Israel.
Diese Liebe ist nicht nur als Reaktion auf den Israel-Hass des Mullah-Regimes zu erklären. Sie hat eine lange Vorgeschichte. Bis in antike Zeiten. Der persische Großkönig Kyros wird in der jüdischen Tradition hoch geehrt, da ihn der biblische Prophet Jesaja mit dem Attribut „gesalbt“, m’shiach, bedachte, jenem Attribut, aus dem später das Konzept eines „Messias“ oder Erlösers hervorging. Denn als Kyros im Jahr 539 vor unserer Zeitrechnung Babylon eroberte, tat er etwas für damalige Verhältnisse äußerst Ungewöhnliches: Er gewährte den deportierten Völkern – darunter den Juden – die Freiheit, in ihre Heimat zurückzukehren und ihre religiösen Traditionen wiederaufzunehmen. Ein ganzes biblisches Buch, das Buch Esra, ist dieser Heimkehr gewidmet. König Kyros beließ es nicht bei Freilassung und guten Wünschen, er gab den jüdischen Heimkehrern mehrere tausend goldene und silberne Geräte mit auf den Weg, Platten und Opfermesser, Becken und Becher, den gesamten Jerusalemer Tempelschatz, den ihnen die Babylonier siebzig Jahre zuvor geraubt hatten und der ihm als Kriegsbeute zugefallen war. Der Name dieses persischen Königs ist in den biblischen Büchern für alle Ewigkeit bewahrt als Symbolfigur für Hoffnung und Generosität.
In dieser Nacht fanden wir keine Zeit, darüber zu sprechen, doch ich war ziemlich sicher, dass meine Gesprächspartnerin das alles wusste. Sie war eine gebildete Frau, das war an allem zu erkennen, was sie sagte. Wir sprachen auch nicht über die berühmte Liebesaffäre zwischen einem persischen König und einer jungen Jüdin, die das biblische Buch Ester überliefert. Obwohl diese ergreifende Erzählung zu ihrer Zeit sehr beliebt war und in mehreren Quellen bestätigt wird, etwa in der „Geschichte der Propheten und Könige“ des islamischen Historikers Jarir al-Tabari aus dem 9. Jahrhundert oder im Historienbuch „Goldweiden und Edelstein-Minen“ des abbasidischen Gelehrten Ali al-Masudi – was sicher interessanten Gesprächsstoff für eine längere Taxifahrt abgegeben hätte.
„Die Bestie beißt bis zuletzt“
Doch es gab Näherliegendes zu besprechen. Die Fahrerin hatte viel auf dem Herzen. In diesen Tagen, kurz nach dem Massenmord der iranischen Machthaber an den jungen Demonstranten, lag so viel Trauriges in der Luft, so viel Entsetzliches, dass auch in unserem Taxi die Atmosphäre tragisch aufgeladen war. Sie erwähnte Verwandte in Teheran, mit denen noch immer – soweit nicht vom Regime gestört – Kontakt bestand, über Telefon oder soziale Netzwerke, vieles entginge glücklicherweise den Aufpassern. Die technische Ausrüstung der Machthaber sei veraltet und fadenscheinig wie die Strukturen des Staates, nicht mal die Staatsgrenzen hätten sie wirklich unter Kontrolle. Überhaupt würde man im Westen die Stärke und Macht des Regimes überschätzen.
„Aber aufs Morden und Foltern verstehen sie sich“, sagte ich.
„Die Bestie beißt bis zuletzt“, gab sie zurück. „Doch etwas Vernünftiges zuwege bringen, etwas aufbauen, einen richtigen Staat organisieren, überhaupt irgendwas Brauchbares auf die Beine stellen – Fehlanzeige. Dieses Regime ist ein totaler Versager. In meiner Heimat ist alles Korruption, Mangel und Verfall. Dabei sind wir ein reiches Land. Manchmal gibt es tagelang keinen elektrischen Strom. Im Herbst herrschte wochenlang eine solche Wasserknappheit, dass man in Teheran das Wasser rationieren musste. In den Provinzen waren ganze Gebiete überhaupt ohne Wasserversorgung.“
Ich sagte, davon hätte mir im vergangen Jahr ein Taxifahrer in Frankfurt erzählt, ein Landsmann von ihr. Und ich hätte mich schon damals gefragt, wie die Menschen diese Misswirtschaft ertragen könnten, wie es auszuhalten sei in einem solchen Land.
„Unsere jungen Leute werden das Regime stürzen“, sagte sie, „sehr bald. Mit oder ohne Unterstützung aus dem Westen. Die meisten Menschen hassen die Mullahs. Eins kann ich Ihnen versichern: Iran wird in Zukunft ein säkulares Land.“
Sie lachte über ihren Scherz, fügte dann hinzu: „Unsere Jugend will nicht länger so leben. Meine Söhne sind hier in Berlin geboren. Sie haben ihre Heimat nie gesehen. Das alles muss ein Ende nehmen.“
Wir passen gut zueinander
Wir fuhren eine Weile schweigend durch die fast leere Karl-Marx-Allee. Sie war einst unter dem Namen Stalinallee als kommunistische Paradestraße angelegt worden und wirkte düster in ihrer Breite und nächtlichen Öde.
„Stellen Sie sich vor“, sagte meine Fahrerin, „was das werden könnte… Was für eine Zukunft! Unser Volk befreit. Und Israel und wir werden Freunde. Stellen Sie sich das vor: die Freundschaft zwischen unseren Völkern…“
„Das klingt fast märchenhaft“, murmelte ich, doch mich erfasste zum ersten Mal ein Gefühl der Wärme in dieser kalten Nacht
„Unsere beiden Völker“, sagte sie, „Juden und Perser – zusammen sind wir die Zukunft der Region. Wir passen gut zueinander. Auch wir Perser sind stolz, mutig und intelligent. Wir waren schon früher gute Freunde. Ich meine jetzt nicht die ganz alten Zeiten, wie Sie es aus Bibel kennen. Sondern kürzlich. Im vergangenen Jahrhundert. Unser Land hat als eines der ersten den Staat Israel anerkannt. Bis 1979 hatten wir ausgezeichnete Beziehungen. Handel, Kooperation, es gab sogar eine Pipeline für Erdöl. Erst die Mullahs haben alles zerstört. Sie haben unser Land ruiniert.“
Wir passierten ein Gebäude von berüchtigter Nichtigkeit, kahle Beton-Fassade, Plattenbau, dahinter verbarg sich jahrzehntelang die Zentrale der Staatssicherheit der DDR. Hier wurde verhört und gefoltert, Spionage geplant, abgehört und denunziert, der Aufwand war ungeheuerlich, und doch ist dieses ganze System der Überwachung und Unterdrückung eines Tages zusammengebrochen. Heute ist der Gebäudekomplex ein Museum.
Die iranischen Demonstranten hatten Israel-Fahnen geschwenkt
„Eines Tages ist es vorbei“, sage ich, von diesem Anblick ermutigt. Sie nickte kurz und kehrte zu ihrem Gedanken zurück, zu ihrer Vision einer künftigen Freundschaft unserer Völker. Wenn man genau hinsah: War sie nicht längst Realität? Die iranischen Demonstranten hatten Israel-Fahnen geschwenkt, sie hatten die Welt wissen lassen, dass sie Israel liebten, dass nicht alle Muslime unser Land hassten. Sie stellten auch sonst eine Ehrenrettung dar, für ihr eigenes Volk, für die Intelligenz der Muslime – selbst, wenn das vorerst alles gewesen wäre, was sie erreicht hatten.
Meine Fahrerin fuhr fort in ihrem Monolog, sie malte in bezaubernden Farben unsere Zukunft: wie wir Israelis in Teheran willkommen wären, wie unsere Hightech-Industrie und ihre Bodenschätze zu einer wirtschaftlichen Symbiose zusammenfinden würden, wie diese beiden antiken Völker für eine gemeinsame Zukunft geeignet seien. Es klang märchenhaft, doch ich konnte mich der Faszination dieses Gedankens nicht entziehen: welche großartigen Möglichkeiten sich auftaten für unsere Region, für den krisengeschüttelten Nahen Osten, die ewige Problemzone, wie dort plötzlich eine Art Stabilität denkbar wäre…
Wenn ich dieser Tage in meinem Luftschutzraum in Israel sitze und die nächste Runde iranischer Raketen abwarte, denke ich an das Gespräch in jener Nacht. An die Hoffnung, die es in mir aufleben ließ. An die Unbekannte, bei der ich mich nur mit einem generösen Trinkgeld bedanken konnte, während sie mir etwas gegeben hatte, das unbezahlbar ist.

@Ilona Grimm, „Zwölf Komma fünf (12,5) Prozent der Landfläche des britischen Protektorats “Palästina„, die Israel 1917 von den Briten versprochen worden ist“ –
Ach was! Ich dachte bislang, das Land Israel wurde von Gott versprochen.
Hat Gott „die Briten“, also Lord Arthur Balfour, als sein Sprachrohr auserwählt, oder war es Chaim Weizmann?
Das britische Mandatsgebiet „Palästina“ gab es 1917 noch gar nicht. Die Grenzen Israels lässt die Balfour-Erklärung offen. Erst die UNO hat 1947 einen Vorschlag gemacht.
Wo wurde das alles in der Bibel vorhergesagt?
Ihre Erklärungsversuche („Israel ist nicht größer als Hessen“, „Nach der Zerstörung Jerusalems samt Tempel im Jahre 70“) wirken auf mich in Anbetracht der Leiden in der Region des Nahen Ostens (aller Beteiligten!) geradezu zynisch.
@Michael F.: Bisschen abstrus, aber ganz nett. Nachdem die Araber Semiten sind, haben Sie mit dem besseren Begriff Antijudaismus anstelle von Antisemitismus natürlich recht. Iraner sind keine Araber, wie wohl allgemein bekannt. Die von Ihnen angesprochene Rettung durch Joshua ist eine recht irdische Angelegenheit, als Militär wissen Sie genau, dass da auf Himmlisches kein Verlass ist – sofern man noch eine Weile in der Immanenz verharren will, bis auch das vorbei ist. Das ewige Leben, das Reich Jesu ist nicht von dieser Welt. Die ist nämlich transzendent. Jesus Christus sagt: In der Welt habt ihr Angst, ich aber habe die Welt überwunden. Gut, mit Gottvatern im Kreuz kannste das leichter sagen … . Wie steht es mit Ihrem Gottvertrauen?
Ergreifend. Saleh, Shalom!
Ich fasse mal zusammen: Hier im Forum zu diesem Artikel gab es keine antisemitischen oder israelfeindlichen Kommentare. Diejenigen, die sich diesbezüglich beschwerten, meinten wohl – wie auch aus der ein oder anderen Stellungnahme hervorgeht – was anderes: Spaziergänge mit Coronaspaziergängern, Besuche auf anderen Seiten und dergleichen mehr, aber nicht die Kommentare zu diesem Artikel. Da hat sich der ein oder andere wohl in etwas reingesteigert, was gar nicht existiert: Keiner konnte trotz der Aufforderung von mir irgendeine Stelle im Kommentar irgendeines Foristen zu diesem Artikel nennen. Was sehr wohl existiert, sind israelkritische und israelfeindliche Kommentare von „Rechten“ in z.B. Spaziergängergruppen, die sich seit Corona kennen, oder auf anderen Seiten im Internet. Da schlägt einem buchstäblich der Israelhass entgegen. Hier auf der Achse habe ich persönlich noch nie einem Kommentar Israelhass entnehmen können, aber natürlich kenne ich allerdings auch nicht alle Kommentare. Die Kommentare zu diesem Artikel, die zu dem Zeitpunkt da waren, als der Vorwurf erhoben wurde, hatte ich alle gelesen. Urteil: absolut unzutreffend, dass da was Israelfeindliches dabei war.
Eine schöne, herzerwärmende und hoffnungsvolle Geschichte! Shalom, werter Herr Noll!
Herr Noll,eine Handbreit Hoffnung-Clara Kramer.
Stellen Sie sich das vor: die Freundschaft zwischen unseren Völkern…„
Da fällt mir nur das hebräische Wort haTikwa – die Hoffnung ein.