Von Okko tom Brok.
Ein Abschied liegt in der Luft. Immer häufiger diagnostizieren Journalisten und Politologen das Ende des sogenannten Wokismus. Zeit für einen (vorläufigen) Abgesang.
Ein Abschied liegt in der Luft. Immer häufiger diagnostizieren Journalisten und Politologen das Ende des sogenannten Wokismus. Allein hier auf Achgut mit insgesamt 963 Treffern ist der Begriff „woke“ ein gut belegter Topos. In jüngster Zeit mehren sich auch hier die Artikel, die bedeutsame Anzeichen einer Götterdämmerung des „woken Bildersturms“ (Christoph Lövenich) entdeckt zu haben meinen. Erst jüngst hielt die kabarettistische Veranstaltungsreihe der Titanic-Boygroup um den Satire-Politiker Martin Sonneborn dem Wokismus unter dem frech-sarkastischen Titel „Deutschland erwoke“ ungeniert einen Spiegel vor und lieferte damit weitere Hinweise, dass solche Prognosen zutreffend sein könnten.
Einen verblüffenden Akzent in dieser Debatte setzte zuletzt hier auf Achgut der Direktor der in London ansässigen Academy of Ideas, Alastaire Donald, mit der These, der rapide Zerfall der linken Wokeness könnte von einem Aufstieg einer „Woke Right“ begleitet werden, eine Projektion, die durch den Fall des sich als Frau bezeichnenden Rechtsextremisten Marla-Svenja Liebich immerhin eine gewisse Plausibilität erhalten haben könnte. Doch was genau ist eigentlich jener „Wokismus“, den die einen so kritiklos predigen und die anderen so leidenschaftlich bekämpfen?
„Wokismus ist das Opium der Eliten“, könnte man in Anlehnung an Karl Marx sarkastisch zuspitzen, um zu verdeutlichen, dass diese moderne Erweckungs-Ideologie in den vergangenen 20 Jahren schleichend zu einem Phänomen der „höheren Stände“ mutiert ist, dabei ihre sozialemanzipatorischen Ursprünge wie lästigen Ballast abgeworfen hat und sich schließlich zu einer „hippen“ Marketingstrategie für Parteifunktionäre, „Medienschaffende“ und Großindustrielle entwickelt hat. Schon länger kursiert allerdings das dem Schriftsteller John Ringo zugeschriebene Bonmot, dass ein Plädoyer für den Wokismus die darin involvierten Unternehmen schnurstracks in die Insolvenz führe: „Go woke, go broke!“
Post-christliche Zivilreligion
Das Wort woke stellt dem renommierten englischsprachigen Lexikon Merriam Webster zufolge einen US-amerikanischen Slangausdruck dar, der anstelle des grammatikalisch korrekten Adjektivs awake verwendet wird. Eine der ersten Erwähnungen finde sich demnach schon 1924 in der afroamerikanischen Zeitung Houston Informer, wo der Autor C.F. Richardson dazu rate, stets „wachsam“ (woke) zu sein. Diese geforderte Wachsamkeit galt einem als hochgradig rassistisch erlebten, von der Rassentrennung der Segregation geprägten Gemeinwesen, in welchem sich Schwarze in den USA als diskriminierte Minderheit in einer Verfolgungssituation sahen und offenbar tatsächlich häufiger von Justizirrtümern betroffen waren als andere Ethnien.
In den folgenden Jahrzehnten wurde woke zu einem Erkennungsruf der afroamerikanischen Bürgerbewegung, mit dem eine gesteigerte „Sensibilität für Rassismus und soziale Ungerechtigkeiten“ ausgedrückt werden sollte („stay woke“). Ab den 2010er Jahren weitete sich der Begriff auf andere gesellschaftliche Fragen aus: Geschlechtergerechtigkeit, sexuelle Minderheiten, postkoloniale Kritik oder ökologische Fragen. Zu berücksichtigen ist, dass der „Wokismus“ keine Selbst-, sondern in der Regel eine kritische Fremdbezeichnung darstellt. Vermutlich würden sich sogar die wenigsten Anhänger „woker“ Überzeugungen selbst so titulieren. Der Wokismus wirkt gewissermaßen „unterschwellig“ und kann gleichsam als eine post-christliche Zivilreligion gelten, die inzwischen alle Bereiche der Gesellschaft von der Bildung bis zum Sport durchdrungen hat. Da der „Wokismus“ auch kein akademisches Lehrgebäude bildet und seine Überzeugungen und Bilderwelten primär auf der affektiv-emotionalen Ebene wirksam sind, bleibt er insgesamt hochgradig heterogen, diffus und ideologisch widersprüchlich.
Im Weltbild dieser „modernen Gnosis“ finden sich folgende Versatzstücke vereint:
- Sensibilität für Diskriminierung schaffen (Rassismus, Sexismus, Homophobie, Ableismus und so weiter).
- Ungleichheiten benennen und abbauen, nicht nur individuell, sondern auch in Strukturen und Institutionen.
- Sprache und Symbole reflektieren, weil sie gesellschaftliche Machtverhältnisse prägen können („gendergerechte Sprache“, „safe spaces“).
- Geschichte kritisch neu deuten – zum Beispiel Kolonialgeschichte, Sklaverei, Umgang mit Denkmälern.
In einer besonders wohlwollenden Lesart würde es sich also um einen moralisch motivierten „Weckruf“ handeln, gesellschaftliche Blindstellen nicht zu übersehen.
Erlösung ist nichts Elitäres
Nicht zu verkennen ist die Ähnlichkeit des Wokismus mit einem schon erwähnten antiken Vorfahren, der sogenannten Gnosis. Die antike Gnosis war, wenn man so will, die erste große „Erweckungsbewegung“ der Weltgeschichte, eine Ideologie für „Eingeweihte“: Sie erklärte die Welt kurzerhand für schlecht, den Schöpfergott des Alten Testaments für einen Pfuscher und versprach ihren Adepten den geheimen Notausgang ins wahre Licht. Antijudaismus war eben auch vor 2.000 Jahren schon woke.
Ihr esoterisches Sonderwissen hob die Gnostiker heraus aus der Masse und machte sie zu einer selbsternannten weltanschaulichen Elite. Von den Auswüchsen einer solchen ideologischen Selbstermächtigung zeugen nicht zuletzt die biblischen Briefe des Apostels Paulus, in denen die Auseinandersetzung zwischen dem jungen Christentum und gnostisch inspirierten Kreisen mit scharfer Feder für alle Zeiten aufgezeichnet ist. Im 1. Korintherbrief warnt Paulus vor der gefährlichen Selbstüberhebung, wenn er schreibt: „Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf“ (1 Kor 8,1) – eine klare Absage an jene, die ihr Sonderwissen über das Wohl des „schwachen Bruders“ stellen.
Den Gemeinden in Galatien (heutige Türkei) ruft er in aller Härte zu: „Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, zu einem anderen Evangelium“ (Gal 1,6) – und betont, dass die Freiheit in Christus kein exklusives Geheimnis sei, sondern die allen zugängliche Gnade Gottes. Am schärfsten wird seine Polemik im 2. Korintherbrief, wo er jene Lehrer, die sich mit vermeintlicher Autorität und überlegener Weisheit schmücken, spöttisch als „Überapostel“ bezeichnet (2. Kor 11,5).
Paulus demaskiert in seinen Briefen die Arroganz einer Bewegung, die ihre eigene vermeintliche Geisteskraft an die Stelle der göttlichen Gnade setzt. Während die Gnostiker die von ihnen verkündete Erlösung quasi als ein „spirituelles Premium-Abo für Eingeweihte“ anpriesen, bot Paulus das Evangelium als „Open-Source-App“ an: gratis, frei zugänglich, aber mit dem für alle Epochen gleichermaßen ärgerlichen „Icon des Kreuzes“ auf dem Startbildschirm. Laut Paulus ist die Botschaft vom Kreuz Torheit und Skandal (σκάνδαλον) für die Eliten dieser Welt, aber eine Kraft Gottes für die Glaubenden (1. Kor 1,18). So wird deutlich: Das frühe Christentum definierte sich nicht durch Geheimwissen und elitäre Abgrenzung, sondern durch die radikale Öffnung der Botschaft – dass Gottes Liebe und Erlösung gerade nicht den „Erleuchteten“ vorbehalten sind, sondern allen Menschen gleichermaßen gilt.
Klassische „Fehlanreize“
Eben jene Arroganz einer „erleuchteten Schar“ zeichnet auch den heutigen Wokismus aus. Statt tatsächliches Unrecht zu benennen und nach Möglichkeit zu beheben, stellt er gleich die ganze bestehende (westliche) Welt unter „Generalverdacht“ – denn ein Jeder könnte stets im Begriff sein, eines der zahllosen, täglich neu aufgestellten Tabus der woken Sittenlehre verletzt zu haben: Kritik an Gender-Identitäten, eine Relativierung oder Infragestellung von „strukturellem Rassismus“, die Weigerung, eigene (weiße, männliche) „Privilegien“ selbstkritisch anzuerkennen (Critical Race Theory), Ablehnung oder auch nur kritische Anfragen zu der sogeannten „Gendersprache“, Verehrung eines nicht präzise umrissenen Kreises vermeintlich „umstrittener“ historischer Persönlichkeiten (von Immanuel Kant über Winston Churchill bis Helmut Schmidt) oder – horribile est dictu – Humor zulasten geschützter Minderheiten, wie wir es gerade bei der Kino-Premiere des Western-Klamauks Das Kanu des Manitu miterleben dürfen.
Gleichzeitig schafft der Wokismus eine hierarchisch gegliederte „Opfergesellschaft“, in der es sich regelrecht „lohnt“, ein betroffenes Opfer einer Diskriminierung oder einer Ungerechtigkeit zu sein. Der eigene Opferstatus wird somit Teil der eigenen „Identität“, wie der Journalist Jan Fleischauer schon 2010 in „Unter Linken“ sarkastisch diagnostizierte: „Am Anfang aller linken Politik steht das Opfer.“ Ironischerweise geraten die verschiedenen Opfergruppen (zum Beispiel Muslime, Migranten, Frauen, Homosexuelle) dabei nicht selten in scharfe, bisweilen tödliche Interessenskonflikte.
Dieser Opferstatus bildet jedoch, ökonomisch gesprochen, einen klassischen „Fehlanreiz“, mindert er doch die Verantwortlichkeit für das eigene Leben und schafft ein Heer unmündiger Transferleistungsempfänger, denn für gewöhnlich wird ein besonders „herausragender“ Opferstatus in westlichen Gesellschaften auch staatlich hinreichend alimentiert. Die kontinuierlich wachsende Gruppe ausländischer Bürgergeldempfänger spricht hier eine beredte Sprache.
Geradezu suizidal
Zu klären bleibt abschließend, was den Wokismus überhaupt so populär machte. Sein Reiz liegt möglicherwiese darin, dass er moralische Überlegenheit verspricht – bequem, risikoarm und ohne nennenswerte Eigenleistung. Wann in der Menschheitsgeschichte wäre es je einfacher gewesen, moralisch „auf der richtigen Seite“ zu stehen? Alles, was es braucht, ist die Zugehörigkeit zu einer „qualifizierten Opfergruppe“.
Wie gesehen, ist der Wokismus also kein ausgeklügeltes Lehrgebäude – anders etwa als Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus noch nicht einmal eine in sich konsistente Weltanschauung –, sondern ein inzwischen vorwiegend polemisch gebrauchter Sammelbegriff für eine identitätspolitische Erweckungsbewegung, die ihren Höhepunkt deutlich überschritten zu haben scheint. Ihre Anliegen – Sensibilität gegenüber Diskriminierung, Schutz von Minderheiten und ein gesunder Umgang mit unserer Umwelt – wären an sich durchaus ehrenwert.
Doch in der dogmatisch-autoritären Verengung, wie wir sie seit rund zwei Jahrzehnten erleben, schlägt die moralische Wachsamkeit immer stärker in eine gefährliche, für die westliche Welt geradezu suizidale ideologische Hypertrophie um und gerät in offenen Konflikt mit Meinungsfreiheit, Diskurskultur und der Vielfalt, die sie ursprünglich verteidigen wollte. Kaum einer wird sie nach ihrem Abgang wirklich vermissen.
Der Autor ist Lehrer an einem niedersächsischen Gymnasium und schreibt hier unter einem Pseudonym. Die geistige Auseinandersetzung mit politischen und religiösen Weltanschauungen aller Art gehört beruflich und privat seit drei Jahrzehnten zu seinem „täglich Brot“.
Der Wokismus ist eine unfassbar brutale Ideologie, die die Menschen gnadenlos in verschiedene Kasten einteilt, und Kritik mit dem sofortigen Ausschluss aus der Gemeinschaft bestraft. Dies kann dann durchaus zum Ende der sozialen und beruflichen Existenz führen. Meiner Auffassung nach beruht der Wokismus auf Angst, auf der Angst, zum Paria, zur gesellschaftlichen Unperson zu werden. Merkwürdigerweise wird der Wokismus in der Regel als „links“ und „progressiv“ angesehen, in Wahrheit verstößt er jedoch gegen alle Werte, die „Linke“ und „Progressive“ angeblich für sich in Anspruch nehmen. Bei mir hat der Wokismus dazu geführt, daß alle „linken“, „progressiven“ Parteien, Bündnisse und Bewegungen für mich nicht mehr wählbar und unterstützbar sind. Ich selbst hätte mich noch vor etwa 10 Jahren als politisch eher linksstehend definiert. „Etwas links von der Mitte“ war meine Standardantwort, wenn ich gefragt wurde, wo ich mich politisch verorte. Dies hat sich nunmehr allerdings gründlich geändert. Ich konnte es in den letzten Jahren kaum fassen, wie gründlich angeblich Linke ihre angeblichen Werte und Überzeugungen über Bord geworfen, und sich die woke Ideologie zu eigen gemacht haben. Mittlerweile empfinde ich die Begriffe „Links“ und „Progressiv“ als eine Art von Selbstdiagnose einer schweren Denk und -Wahrnehmungsstörung. Eigentlich müsste die kognitive Dissonanz bei Linken unerträglich sein, es sei denn, man habe seinen Geist und seinen Verstand konsequent im Sinne eines Orwell’schen Doppeldenk konditioniert. Das hat dann allerdings auch seine Folgen.
Ich gehöre mehrfach zu offiziellen Opfergruppen: Ich bin schwul, nicht verheiratet, wg. meiner sommerlichen Lieblingsbeschäftigung (schwimmen und in der Sonne liegen) zur Zeit nicht weiß…und ich sehe schlecht…also behindert.
Leider hat sich das bislang weder in meinen Steuerbescheiden noch bei sonstigen Vergünstigungen oder Zuschlägen irgendwie bemerkbar gemacht. Auch mein Internetanbieter hat mir bislang noch keinen „Minderheitenrabatt“ angeboten.
Im harten Realitätscheck ist dieses Woke-Gedöns also nichts als heisse Luft. Mehr oder weniger Selbstbefriedigung all derer, die sich laut, kämpferisch und selbstgerecht für die Rechte von Gruppen einsetzen, die das gar nicht wissen, wünschen oder fordern. Alles für lau.
Das einordnende Fazit teile ich mit Blick auf das beabsichtigte Ergebnis des Wokismus nicht. Meiner Ansicht nach ist er schlicht Weltsozialismus mittels der üblichen Holzhammermethode. Der Holzhammer ist die erbarmungslose Moralkeule, die von den Wokisten (= Sozialisten) gegen jeden eingesetzt wird, der nicht „auf Linie“ ist. Was im Ostblock-Sozialismus die Arbeiter- und Bauernklasse war, nämlich das konstruierte Opfer des bösen Klassenfeindes, ist im Wokismus die gesammelte Opferklasse bestehend aus diversen konstruierten Opfergruppen. An die Stelle des Klassenfeindes tritt im Wokismus der „Rechte“ und „Nazi“, also jeder andersdenkende Abweichler. Im Ergebnis dient der ganze faule Opferzauber erneut nur einem Zweck: der Machtsicherung eines totalitären Milieus, das selbstredend das einzige Berufenen ist, das „soziale Gerechtigkeit“ herstellen kann.
@achgut.com: „Nachruf auf den Wokismus“ Die Aussage macht mir Angst. Heißt es nicht Totgesagte leben länger? Die schon abgeschriebene SED-Nachfolgeorganisation „DIE LINKE“ erlebt zur Zeit auch einen gewaltigen Aufschwung …
Vorbei? Schön wär`s. Fürchte, noch lange nicht…..
Gerüchten zufolge soll es sogar einen aktuellen ZEIT-Artikel geben, der sich kritisch mit dem Selbstbestimmungsgesetz auseinandersetzt (unfassbar, also geradezu mit dem Evangelium der woken Bewegung), und andeutet, es wäre vielleicht doch eine gute Idee, genauer hinzuschauen, wie denn die „Körperlichkeit“ desjenigen aussieht, den man in eine Justizvollzugsanstalt für Frauen verfrachtet. Dass ich so etwas noch erleben darf… /Sarkasmus. (Vgl. das Video „Liebich, Habeck und die linke Verzweiflung“ von Larissa Fußer (Apollo News) auf Youtube.)
Infantilität bleibt nie lang originell.