Archi W. Bechlenberg / 25.04.2022 / 12:00 / Foto: Pixabay / 46 / Seite ausdrucken

Nachhaltiger Montag!

Sie müssen wissen: der Begriff „Nachhaltigkeit“ in allen denkbaren Zusammenhängen ist zwischen Joshi und mir längst zu einem Running Gag geworden, und manchmal mailen wir uns schöne neue Fundstücke zu, in denen es um „Nachhaltigkeit“ geht.

Eher selten steht Sonnenblumenöl auf meinem Einkaufszettel, von daher betrifft mich die derzeit herrschende Knappheit nicht weiter. Angeblich soll es das gelbe Nass ja gar nicht mehr geben, um so erstaunter war ich, als ich im wallonischen Nachbarort vor wenigen Tagen in der Filiale eines weltweit agierenden Discounters eine ganze Palette davon vorfand. 1,69 pro Liter, das las sich nicht schlecht, für eine Ware, die vielleicht demnächst einmal wertvoller sein wird als eine Fuhre Auto-Katalysatoren. Dass die begehrt sind, musste erst vor wenigen Tagen mein Werkstattmann feststellen, dem nachts, neben einem Satz Alufelgen, auf seinem Grundstück etliche abhandengekommen sind. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich widerstand dem Impuls, gleich die ganze Palette mit dem kostbaren Öl abzugreifen, auch wenn sich deren Inhalt gewiss als Tausch- oder Lockmittel eignete. Eine Flasche nahm ich mit, für den Fall, dass das Olivenöl mal alle sein sollte. Ach, hätte ich doch nur zugeschlagen – aus Gründen musste ich heute Vormittag nach Futschland rüber machen, nur kurz, aber immerhin. Auf meinem Weg kam ich an einer deutschen Filiale eben dieses Discounters vorbei, und ich hielt kurz an, um mich dort mit etwas Spargel einzudecken. Bis auf die Kassiererin, die gut geschützt hinter einer Plexiglaswand ihre Arbeit verrichtete, war ich der Einzige, der nicht maskiert war. Was mir zwar einige unfreundliche Blicke einbrachte, mich aber nicht weiter störte.

Und dann sah ich es: Ganz unten in einem Regal (von Branchenangehörigen gerne „die Pinkelrinne“ genannt) standen tatsächlich auch ein oder zwei gute Dutzend Flaschen mit der flüssigen Sonne drin. 4,89 €! Pro Liter. Zwischen den beiden Läden liegen keine drei Kilometer Entfernung. 

Wie kann das sein, fragte ich erst mich, dann Freund Joshi. Der ist ein von mir oft geschätzter Erklärbär, und er hatte auch sofort die Antwort parat: „Die Differenz, das ist der deutsche Nachhaltigkeitszuschlag!“

Längst zu einem Running Gag geworden

Sie müssen wissen: der Begriff „Nachhaltigkeit“ in allen denkbaren Zusammenhängen ist zwischen Joshi und mir längst zu einem Running Gag geworden, und manchmal mailen wir uns schöne neue Fundstücke zu, in denen es um „Nachhaltigkeit“ geht. „Nachhaltig heiraten“, von mir in der deutschen Knallpresse gefunden, kontert Joshi mit „Nachhaltig workouten“, und wenn ich dann mit „Nachhaltig verdauen“ einen draufsetze, reagiert Joshi mit „Nachhaltig bumsen“.

Private Umstände veranlassten mich vor kurzem, tagsüber ab und an Radio zu hören, DLF oder WDR. Ja, ich weiß, ganz dumme Idee, aber es ergab sich nun mal, Details tun hier nichts zur Sache. Es war mir eine elementare Erfahrung, und sie hat mich dazu gebracht, die Deutschen und ihr Tun und Lassen ein wenig milder zu bewerten, als ich es bis dahin getan habe. Denn meine Erkenntnis lautet: Wer ständig der von den genannten Medien (die Anderen werden nicht besser sein) praktizierten Gehirnwäsche ausgeliefert ist, muss verblöden! Und zwar nachhaltig. Und so, wie ein Psychotiker glaubhaft versichern darf, dass ihn die Stimmen in seinem Kopf zu diesem oder jenem verleitet haben, so können auch die Deutschen sich auf das Hören von Stimmen berufen, die ihnen dieses und jenes nachhaltig eingetrichtert haben, was schließlich zu wahnhaftem Handeln und Verhalten geführt hat. Damit kommen sie vor jedem Gericht durch.

Ich habe in den paar Tagen, in denen ich dem Radio ausgeliefert war, nicht einen einzigen Beitrag gehört, in dem es nicht nach spätestens zwei Sätzen um irgendetwas Wokes ging. Das Thema spielt überhaupt keine Rolle. Wenn es nicht was mit Umwelt war, dann mit Rassismus, mit Queerem, mit Transgender oder benachteiligtem Frausein (Warum wollen eigentlich heute so viele Mitmenschen nachträglich zu Frauen werden, wo diese doch so vielen Benachteiligungen ausgesetzt sind? Nein, ich frage nicht wirklich.) Natürlich wird in allen Sendungen, einschließlich Nachrichten und Verkehrsfunk, gegendert, was das Wort hält. Wenn auch nicht konsequent; in einem Bericht ging es zwar um Ärztinnen und ÄrztePolitikerinnen und Politiker sowie Polizistinnen und Polizisten, allerdings nicht um Mörderinnen und Mörder, sondern nur um letztere. Da ist noch Nachverschlechterungsbedarf!

Wer seit Jahren dieser medialen Macht ausgeliefert ist, dem fällt das vermutlich kaum mehr auf; mir hingegen wurde geradezu schlecht von all den Twists, mit denen selbst das harmloseste Thema, kaum dass es angeschnitten wurde, zu einem Erziehungstraktat gedreht wird. Arbeit, Freizeit, Ernährung, Fortbewegung, Konsumieren, Atmen, Ausatmen – egal was, alles steht unter dem Diktat der Nachhaltigkeit. Ich könnte Ihnen hier eine WDR-Sendung von dieser Woche verlinken, in dem das Wort „Nachhaltigkeit“ häufiger vorkommt als das Wort „Vagina“ auf einem evangelischen Kirchentag, doch ich erspare es ihnen. Freund Joshi, dem ich den Link geschickt hatte, da wir ja wie beschrieben Nachhaltigkeits-Fans sind, gab nach nicht einmal fünf Minuten ermattet auf. Dabei müsste er eigentlich völlig schmerzfrei und abgehärtet sein, ist er doch bekennender DLF Hörer. Um was es in der Sendung eigentlich ging? Egal. Ich glaube, irgendwas mit Reisen. Es blieb immerhin bei mir die Erkenntnis hängen: Wer mit dem Zug nach Mallorca reist, ist besonders nachhaltig unterwegs.

Auch Clarkson ist seltsam geworden

Auch wenn ich es gar nicht will: Mein Nachhaltigkeitsindex liegt, so fürchte ich, im gänzlich grünen Bereich. Gut, ich fahre zwei Autos (wenn sie denn mal fahren), aber nur abwechselnd. Ich esse Fleisch und benutze manchmal Trinkhalme. Tee und Kaffee, die ich trinke, stammen mit ziemlicher Sicherheit nicht aus autonomen afrikanischen Queerfrauen-Kooperativen – doch andererseits, ein Rind, das ich in Form von Steaks verputze, kann nicht mehr auf der Wiese stehen und dort hemmungslos pfurzen, was bekanntlich für das Schwinden der Eisbären und -berge verantwortlich ist; ich tue also mit jedem Bissen etwas Nachhaltiges. Gereist, also richtig weit weg, bin ich seit neun Jahren nicht mehr, damals wurden meine Frau und ich von Angehörigen einer nichtsesshaften, südosteuropäisch-stämmigen ethnischen Minderheit überfallen und ausgeraubt, was auf unser Reiseverhalten einen nachhaltigen Eindruck machte; außerdem wohne ich in einer Region, in die Jahr für Jahr mit zunehmender Tendenz viele hunderttausend Menschen auf der Suche nach Natur und Erholung reisen. Ich trete vor die Haustüre und zack, bin ich im Urlaub.

Mit zunehmendem Alter werde ich zudem bequemer, ich hasse es, Koffer ein-, aus- und wieder einzupacken. Und zuhause, sofern ich nicht ausgeraubt wurde, erneut auszupacken, zerknittert und miefig. Gerne würde ich mich ja am großen Jeremy Clarkson orientieren („Ich hinterlasse keinen ökologischen Fußabdruck. Ich mache alles mit dem Auto.“), aber dazu müsste ich viele liebgewonnene Angewohnheiten und Verhaltensweisen, denen durchaus, ob ich will oder nicht, etwas Nachhaltiges anhaftet, aufgeben. Auch Clarkson ist seltsam geworden; er hat sich in Westengland eine Farm von der Größe des Saarlandes oder tausend Fußballfeldern gekauft und macht da irgendwas mit Gemüse, Getreide, Geißlein und Gartoffeln. Dabei ist der Mann fast zehn Jahre jünger als ich; er hätte mit dem Ökospleen ruhig noch ein paar Jahre warten können. Altersmilde? Hmpf. Jetzt warte ich darauf, dass er sich dabei filmen lässt, wie er mit einem öffentlichen Verkehrsmittel („Ich bin absolut gegen Busspuren in der Stadt. Warum sollen arme Menschen schneller voran kommen als ich?“) durch London dümpelt...

Noch einmal zurück zu Freund Joshi, einem der wenigen wackeren Weggefährten, die mir ungeimpft verblieben sind. Wenn er von etwas wirklich viel versteht, dann ist es Musik, genauer, vom Gitarrespielen, zupft er doch selber seit vielen Jahren mehr oder weniger professionell die Därme. Joshi kennt noch mehr, noch obskurere Gitarreros als ich, wenn auch überwiegend aus dem Genre der Rock- und Bluesinterpreten. Im Gypsy-Swing, also dem von Django Reinhardt maßgeblich geprägten Stil, ist er jedoch nicht so ganz firm, und so kommt es, dass er mir vor wenigen Tagen erzählte, er habe jetzt gerade – vermutlich im DLF, harr harr – zum ersten Mal einen Gitarristen gehört, von dem ich ihm ab und zu erzählt hatte, da ich diesen a) persönlich kenne und b) für einen absoluten Meister an seinem Instrument halte. „Der spielt ja wirklich... also echt... dazu fällt mir nichts ein... Ich komme nicht mit bei dem, was der da macht...“ So oder ähnlich Joshis Eloge auf Joscho Stephan, den ich seit Jahren immer wieder gerne höre und überaus schätze. Und ich bin da nicht alleine – längst hat Joscho, auch international, einen festen Platz im Olymp von Djangos Erben. 

Soeben ist sein neues Album erschienen, dem man bereits beim Studieren der Mitwirkenden entnehmen kann, welche Wertschätzung der Mann aus Mönchengladbach unter den Großen seines Metiers genießt, unter ihnen Genies wie Bireli Lagrene und Stochelo Rosenberg. Die spielen gewiss nicht mit jedem. Joschos rund 70 Minuten lange CD „Guitar Heroes Live“ enthält Aufnahmen, die bei vier Konzerten mit seinem Trio sowie prominenten Gästen entstanden sind. Man kann die Platte als CD kaufen, was sich wegen der schönen Hülle empfiehlt, oder auch downloaden. Mehr dazu erzählt Ihnen Joscho persönlich.  

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Leserpost

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Walter Weimar / 25.04.2022

Zwei eigene Weltkriege, vierzig Jahre Mangelwirtschaft in einem Teil des Landes und eine nie gedachte Maskenhysterie und ein fremder Krieg, lassen so ziemlich alles, wenn es gewünscht ist, knapp werden. Außer Verstand, der war nie knapp, sondern weitgehend unbekannt. So geht es zu, in dem Land des Betreuten Denkens. Philiophen werden es uns erklären können, ohne es selbst zu verstehen.

Dietmar Herrmann / 25.04.2022

Deutsch-Belgien, Du hast es offenbar besser, so klein Du auch sein magst. Von der Reling dieses Raumschiffes kann man hinunterblicken auf das irre Treiben in einem dystopischen Affenstall , der vor einigen Jahrzehnten noch ein seriöses Land war, geführt von teils gar nicht so alten , aber erwachsenen Männern.

Heike Olmes / 25.04.2022

Nachhaltig, vegan, Klimarettung, CO2-neutral sind nur einige Begriffe, die bei mir eine allergische Reaktion auslösen. Übrigens habe ich vorgestern in einer kroatischen Stadt eine Kauflandfiliale besucht, in der sich das deutsche Sonnenblumenöl ( unter 2€) bis unter die Decke stapelt. Niemand trug eine Maske und die freundlichen Menschen schüttelten sich zur Begrüßung die Hand- ohne Sekunden später von dem lebensgefährlichen Virus dahingerafft zu werden. Ich habe nach dieser Reise einfach keine Lust, mich bei einigen Freundinnen zurückzumelden, die mir mit Freudentränen in den Augen von ihrer 4. Impfung berichten werden.

Claudius Pappe / 25.04.2022

Ich leih mir den Hänger meines Sohnes und fahr in die Wallonie- nicht der Radrennen wegen-sind eh schon vorbei, sondern um nach Öl zu suchen. 3 Euro Reingewinn pro Liter-Ach Archi-das Geschäft deines Lebens hasst du verpasst…........................

D. Preuß / 25.04.2022

„Warum wollen eigentlich heute so viele Mitmenschen nachträglich zu Frauen werden, wo diese doch so vielen Benachteiligungen ausgesetzt sind?“ Wahrscheinlich aus demselben Grund, warum so viele Flüchtlinge nach Deutschland wollen, obwohl hier doch der blanke Rassismus wütet.

Robert Lock / 25.04.2022

Ich kann nur Empfehlen mal Clarksons Farm zu schauen auf Amazon.  Die Farm hat er seit Jahren und als Gag / für Amazon ein Jahr bewirtschaften wollen. Da kam Corona mit dazu da dies M 2019 startete. Es ist ein Clarkson wie eh und je. Und das ihm das Landleben deutlich mehr Spaß macht als in der Londoner Innenstadt sollte jeder verstehen. Altersmilde ? Eher Altersweise. Sie wohnen doch auch dort, wo andere Urlaub machen. Das Gleiche kann Clarkson nun von sich behaupten. Müssen tut er schon lang nix mehr Geld hat er genug. Er macht das was ihm Spaß macht.

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