Jammerschade, dass Richard Wagner sein Festspielhaus nicht, wie ursprünglich geplant, in München am Isarhochufer bauen konnte. Dann könnte man sich als Wagnerianer tagsüber wenigstens die Zeit qualifiziert in der Alten Pinakothek vertreiben, in der Isar baden oder im Englischen Garten abhängen. Leider verscherzte es sich der Meister mit der bayerischen Regierung und den Münchnern, die ihm seine Verschwendungssucht und seine Affäre mit der verheirateten Cosima übelnahmen, so dass Ludwig II. sich gezwungen sah, sein Idol aus München auszuweisen.
So bleibt heute während der Operntermine nur ein Bummel durch eine der tristesten Fußgängerzonen Deutschlands in einer der tristesten Städte Deutschlands in einer der tristesten Gegenden Deutschlands. Für Rokokofans gibt es in Bayreuth immerhin das Markgräfliche Opernhaus, das Neue Schloss und die Eremitage, aber das war’s dann auch. Wenn es in Oberfranken regnet, und das tut es oft, kann man sich hier eigentlich nur im Hotelzimmer verkriechen.
Auch kulinarisch ist Bayreuth eine Wüste. Nichts gegen fränkische Bratwürste, aber die taugen gerade mal als Snack in den Opernpause, wobei man darauf achten sollte, sich die Abendgarderobe nicht mit Senf und Fettspritzern zu ruinieren. Früher zog, wer zu Festspielzeiten gut tafeln und wohnen wollte, zu Alexander Herrmann in die „Post“ in Wirsberg. Leider ist das Zweisternerestaurant mittlerweile zum Eventschuppen verkommen, und der Patron lässt sich kaum noch blicken. Er hat als Fernsehkoch zu tun, schreibt Kochbücher für Markus Söder und sitzt seit der Kommunalwahl im Frühjahr 2026 für die CSU im Kreistag des Landkreises Kulmbach.
Wahrscheinlich der am meisten aufgearbeitete Ort weltweit
Dass es einst Wagnerianer und sonstigen Musikfreunde zuverlässig ins oberfränkische Outback zog, war dem „Mythos Bayreuth“ zu verdanken. Jener spezifischen Mischung aus Geniekult, Nazigrusel und persönlichen Auserwähltheitsgefühlen, letztere getriggert durch die Tatsache, dass man jahrelang auf die Zuteilung einer Eintrittskarte fürs Festspielhaus warten musste, wo man dann auf brettharten Sitzen Platz nehmen und im nichtklimatisierten Zuschauerraum schwitzen durfte. Wie singt doch die Seherin Marfa ins Modest Mussorgskis „Chowanschtschina“ so treffend? „Nur im Leiden erkennst Du die Wahrheit der Welt.“
Vom Mythos ist nach dem gefühlt 500. Symposium zu Wagners Antisemitismus und der Nähe der Familie zu „Onkel Wolf“ nicht mehr viel übriggeblieben und der „Grüne Hügel“ einschließlich Villa Wahnfried wahrscheinlich der am meisten aufgearbeitete Ort weltweit. Doch wenn man jahrelang am Mythos kratzt und Wagner als antisemitisches Ekel, skrupellosen Schwerenöter und Wegbereiter des Holocaust entlarvt, der nur zufällig ein paar erwähnenswerte Opern geschrieben hat, bleibt irgendwann nicht mehr viel übrig – vom Mythos.
Von exemplarischen Aufführungen der Wagnerschen Opern kann auf dem Hügel auch längst keine Rede mehr sein. Unter Leitung der Komponisten-Urenkelin Katharina Wagner ist Bayreuth künstlerisch auf dem Niveau des Stadttheaters eines deutschen Mittelzentrums angekommen mit den ewig gleichen Regietheater-Stereotypen – und die Riege der in Bayreuth auflaufenden Weltklasse-Wagnerdirigenten ist ebenfalls ziemlich überschaubar geworden, eigentlich fällt einem nur noch Christian Thielemann ein. Einziger Unterschied zum Dreispartenprovinzstadttheater ist, dass sich zur Eröffnung immer noch allerlei Prominenz einstellt. In diesem 150. Jubiläumsjahr rückt das halbe Bundeskabinett an, außerdem Söder und Aiwanger und, warum auch immer, Ricarda Lang. An Wagner kann’s nicht liegen.
Wie auf dem Flughafen, mindestens drei Stunden vorher erscheinen
Um trotz Bedeutungsverlustes im Gespräch zu bleiben und die staatlichen Subventionsgeber bei Laune zu halten, braucht es jedes Jahr irgendeinen Aufreger, der meist mit Kunst nicht viel zu tun hat. Dieses Jahr sollte Michel Friedman den Festvortrag halten, um über, na was wohl, „Wagners Antisemitismus und die Verstrickungen seiner Erben mit dem Nazi-Regime zu sprechen sowie an ermordete jüdische Musiker zu erinnern“. Friedman als „einen der wenigen verbliebenen öffentlichen Intellektuellen in diesem Land“ (Süddeutsche Zeitung) kennt auch Hänschen Piep und Friedman vor allem sich selbst.
Doch dann gab es offenbar „Sicherheitsbedenken“, nicht zuletzt wegen der am gleichen Tag stattfinden sollenden „Rienzi“-Premiere mit dem erwähnten Promiauflauf, und man entschied sich, Friedman wieder auszuladen, was dieser als Steilvorlage nutze, um sein Lebensthema zu lancieren: sich selbst als ewiger Rufer in der Wüste und institutionalisiertes Opfer noch vor Charlotte Knobloch.
Die Medien, allen voran die SZ, sahen wieder einmal die hässliche Fratze des ewigen deutschen Judenhassers und Nazischuldverdrängers wiederauferstehen, obwohl die Ausladung wahrscheinlich nicht viel mehr war als eine Panne im Rahmen der üblichen, etwas hemdsärmeligen, man kann auch sagen unprofessionellen Organisation auf dem Grünen Hügel, der ja immer noch so etwas wie ein Familienunternehmen ist. Die Debatte wogte hin und her und letztlich um nichts. Und verendete schnell, als sich Katharina Wagner bei Friedman öffentlich entschuldigte und dieser gnädig einlenkte. Jetzt hält er seinen Sermon, wie ursprünglich geplant, am 26. Juli vor der „Rienzi“-Premiere. Als normaler Gast sollte man, wie auf dem Flughafen, mindestens drei Stunden vorher erscheinen, die Kontrollen dürften ihresgleichen suchen.
„Hauptsächlich auf äußeren Effekt angelegt“
Der Grund für die Wahl ausgerechnet des „Rienzi“, Adolf Hitlers „Lieblingsoper“, zur Eröffnung der Saison 2026 ist kein Attentat auf die Brandmauer, sondern eher trivial. Eigentlich wollte man im Jubiläumsjahr sämtliche 13 Opern Richard Wagners geben, die Zahl wurde jedoch aus finanziellen Gründen reduziert. Neben dem „Ring“, dem „Holländer“ und „Parsifal“ bleib als „Neuentdeckung“ dann nur noch der auf dem Hügel noch nie gespielten „Rienzi“ übrig.
Wagner wusste wohl, weshalb er dem vordergründigen Frühwerk nach dem Stil der französischen „Grande Opéra“ keine Festspielweihen zugestehen wollte. Neben der Zeichnung der Figuren um den Titelhelden, des römischen „Volkstribunen“ Rienzi zur Zeit des avignonesischen Papsttums Mitte des 14. Jahrhunderts, sei auch die musikalische Gestaltung „ungleich“ geraten, urteilt ein maßgeblicher Opernführer. So streife die Erfindung „manchmal die Trivialität, besonders bei Stellen, die hauptsächlich auf äußeren Effekt angelegt sind“. Man kann verstehen, warum der Kleinbürger und Möchtegern-Bohemien Adolf Hitler auf den Bombast abfuhr, wenngleich ihm Franz Lehars „Lustige Witwe“ noch mehr gelegen haben soll.
Dass es drei Frauen sind, die sich operntechnisch des „Rienzi“ annehmen, kommt natürlich auch nicht von ungefähr. „Solche Herausforderungen suchen wir – gerade aufgrund unserer kritischen Haltung zu Wagner“, sagt die ungarische Regisseurin Alexandra Szemerédy, die das Stück zusammen mit ihrer Regiepartnerin Magdolna Parditka in Szene setzt. Das Duo beziehe sich in seinem „Rienzi“-Konzept unter anderem auf Schriften der 2019 verstorbenen ungarisch-jüdischen Philosophin Ágnes Heller über die Gefährdung von Demokratien, heißt es im Klassikmagazin Concerti. Über Viktor Orbán sagte Heller: „Orban ist ein Diktator, aber Ungarn keine Diktatur“. Man weiß also in etwa, wohin die Reise geht. Am Pult steht die französische Sängerin und Dirigentin Natalie Stutzmann, die ihr Bayreuth-Debüt schon 2023 gab. Hoffentlich kann wenigstens sie dem Ekel Wagner etwas abgewinnen.

Es gibt Leute, die zu Wagner laufen, weil sie dessen Musik mögen. Allerdings sind die in Bayreuth eher selten, jedenfalls bei Premieren.
Unter uns, die „großen“ Männer, die vom rot-grünen Lager angehimmelt werden, waren so gut wie alle ausgemachte Ekel: Marx ein notorischer Schnorrer, Brecht ein geradezu widerlicher Zeitgenosse, Lenin, Stalin(!) und Mao(!), allesamt Massenmörder par excellence, die dem Gefreiten „Onkel Dolphi“ diesbezüglich kaum nachstanden. Ach ja, als Selbiger das Licht der Welt erblickte, war Wagner bereits seit sechs Jahren unter der Erde. Da fällt mir doch gerade ein: hatten die Nazis nicht auch Sauerstoff geatmet, gegessen und getrunken? Eigentlich müssten wir das Alles auf der Stelle lassen, oder? So ne Scheiße aber auch …
„Dass es Wagnerianer und sonstigen Musikfreunde ins oberfränkische Outback zieht, ist einer spezifischen Mischung aus Geniekult, Nazigrusel und persönlichen Auserwähltheitsgefühlen zu verdanken. In diesem 150. Jubiläumsjahr rückt das halbe Bundeskabinett an, außerdem Söder und Aiwanger und, warum auch immer, Ricarda Lang. An Wagner kann’s nicht liegen.“ --- Wenn es nicht an Wagner liegt, dann steht immerhin immer ein N-Wort bereit – egal wo, egal wie, Hauptsache „N“!
Nietzsche: Ecce Homo (Oktober 1888)
Ich denke, ich kenne den Wagnerianer, ich habe drei Generationen „erlebt“, vom seligen
Brendel an, der Wagner mit Hegel verwechselte, bis zu den „Idealisten“ der Bayreuther
Blätter, die Wagner mit sich selbst verwechseln, – ich habe alle Art Bekenntnisse „schöner
Seelen“ über Wagner gehört. Ein Königreich für Ein gescheidtes Wort! – In Wahrheit, eine
haarsträubende Gesellschaft! Nohl, Pohl, Kohl mit Grazie in infinitum! Keine Missgeburt
fehlt darunter, nicht einmal der Antisemit. – Der arme Wagner! Wohin war er gerathen! -
Wäre er doch wenigstens unter die Säue gefahren! Aber unter Deutsche!… Zuletzt sollte
man, zur Belehrung der Nachwelt, einen echten Bayreuther ausstopfen, besser noch in
Spiritus setzen, denn an Spiritus fehlt es …
Nietzsche: Nietzsche contra Wagner. (Ende 1888)
Wie ich von Wagner loskam
Schon im Sommer 1876, mitten in der Zeit der ersten Festspiele, nahm ich bei mir von
Wagner Abschied. Ich vertrage nichts Zweideutiges; seitdem Wagner in Deutschland war,
condescendirte er Schritt für Schritt zu Allem, was ich verachte—selbst zum
Antisemitismus … Es war in der That damals die höchste Zeit, Abschied zu nehmen …
Es kommt doch nicht auf die Musik an oder – im Hintergrund – der „eklige“ Wagner selbst. Nein: Sehen und gesehen werden ist die Devise. Wer hat die meisten Pailletten am Kleid, den tiefsten Ausschnitt, die längste Schleppe. Da bei den Herren der Prominenz das Outfit „Oberkellner“ vorherrscht, wird vom begierigen Zuschauer an Straßenrand gerätselt, wer hat wohl in diesem Jahr eine Bartverzierung im Gesicht, wer ein Toupet, wer ist in Ehren ergraut. Und wenn die zahlreichen Fotografen ihrer Pflicht genügt haben, ja, dann müssen die Damen und Herren Eliten doch noch rein und Wagner geniessen. Die Augen fallen ihnen nach dem zeitraubenden und anstrengenden Defilee schier zu. Aber keine Sorge, der „Walkürenritt“ übertönt jedes Schnarchen. C’est la vie, c’est Bayreuth!
Das musikalische Gegenstück zu Bayreuth ist am kommenden Wochenende das Heavy-Metal-Festival in Wacken, Schleswig-Holstein. 85.000 Schwermetaller können sich nicht irren ;-).
Ach ja, Bayreuth! Ich war dort – in den Sechzigern, die damalige Aufführung des Parsifal war schon damals ein schöner Skandal, man regte sich auf über unzüchtige Darstellung im Zusammenhang mit Klingsors Zaubermädchen. Einen zweifelhaften Ruf genoss auch die Star-Sängerin Anja Silja, und dem Dirigenten Pierre Boulez sagte man nach, er sei angetreten, um Bayreuth den Rest zu geben. Hat er damals nicht geschafft, aber der alljährliche Skandal war schon vorher Tradition und ist es gebleben bis heute und wird es wohl bleiben, bis das Festspielhaus unter der Last der Jahre zusammenbricht
Aber das Städtchen Bayreuth habe ich damals nicht so negativ gesehen, es erschien mir als eine etwas verschlafene, aber idyllische bayrische Kleinstadt. Hat es sich wirklich so negativ entwickelt? Tempora mutantur. Und Sie, Herr Etscheid, stellen vielleicht manchmal zu hohe Ansprüche.