Neulich abends saß ich gemütlich bei einem Glas Wein in meinem Sessel und habe wieder mal keine zeitgenössische E-Musik gehört. Nichts Zwölftöniges, nichts Atonales, nichts Minimalistisches. Nichts vom kürzlich verstorbenen Karlheinz Stockhausen, nichts von John Cage, nichts von Philip Glass. Ist das nicht furchtbar? Nun bin ich als Musik-Banause entlarvt. Und es stimmt ja. Ich bin musikalisch ein Laie. Aber da die Fachleute an anderer Stelle gut zu Wort kommen, gibt’s von mir heute etwas Dilettantisches zur Musik. Wobei ich auf der Feststellung bestehe, dass ein Dilettant ein Liebhaber ist.
Welche Musik habe ich denn nun gehört an diesem Abend? Es hätte durchaus etwas zum Wein passendes Wienerisch-Operettenhaftes sein können. Ebenso möglich wäre ein bisschen Rock ‘n’ Roll oder Pop gewesen. Oder ein schöner Big Band Jazz. Sehr lieb wäre mir auch etwas Mendelssohn gewesen oder die eine oder andere romantische Opernarie. Freischütz, „Und ob die Wolke…“. Oder so.
Aber diesmal bin ich irgendwie bei Ennio Morricone gelandet. Filmmusik. Das Liebesthema aus dem Paten. Die traurig schwebende Stimme aus „Spiel mir das Lied vom Tod“. Man kann bei diesen Klängen dahinschmelzen. Aber es ist anrüchige Musik. Begleitmusik von Kommerzfilmen. Vordergründige Effekthascherei. Keine wahre Kunst.
Tja. Was soll man machen? Da sitze ich und lasse mich von diesen und anderen eingängigen Melodien betören, anstatt meine Ohren einer gebührenden Anstrengung zu unterziehen und sie auf die zeitgenössische ernste Klangwelt umzuerziehen. Und wahrscheinlich bin ich mit meinem konservativen Hörverhalten nicht allein.
Das moderne „E“ verlangt, obwohl es diese Musik ja schon länger gibt, immer noch eine Hörgeduld, die die meisten Leute nur in bestimmten, kulturell verpflichtenden Situationen aufbringen. Bei einem Sinfoniekonzert zum Beispiel, bei dem man bereit ist, sich zwischen Mozart und Beethoven auch einen modernen Ernsten gefallen zu lassen. Aber ganz und gar freiwillig und ohne schöne klassische Belohnung? Kaum. Warum nicht? Ich fürchte, irgendwo unterwegs haben viele der akademisch Ernsten den Weg zu den Herzen der Menschen verloren. Aber das Herz ist und bleibt ein Ziel der Musik, obgleich oder gerade weil sie eine so mathematische Kunst ist.
Und wo eine Lücke klafft, da stoßen andere hinein. Zum Beispiel die unernsten Meister. Leute, die sich heute noch trauen, schöne Melodien zu produzieren. Und sie erreichen damit Millionen. Es gibt ja viele Leute mit Laiengeschmack wie mich. Ich kann mich an fast jeder Musik erfreuen, auch an der, über die mancher Fachmann die Nase rümpft. Und das möchte ich nicht missen.