Vor 500 Jahren wurde der Theologe Thomas Müntzer enthauptet, keine zwei Wochen nach der für die Aufständischen verheerenden Schlacht bei Frankenhausen. Ein selbstüberzeugter, fanatischer Kämpfer gegen die Gottlosen, der ein bemerkenswertes Widerstandsrecht begründet hat.
„Ich habe meine Sichel scharf gemacht, denn meine Gedanken sind heftig auf die Wahrheit“, erklärte der Theologe Thomas Müntzer in seinem „Prager Manifest“ von 1521. Er beklagte „daß die unbefleckte, jungfräuliche Kirche bald nach dem Tode der Apostelschüler von den verführerischen Paffen zu einer Hure gemacht worden ist.“ Einen umfassenden reformatorischen Anspruch begründete er, um die Errichtung resp. Wiedererrichtung des Reiches Gottes ging es ihm. Bekämpft hatte er zunächst lediglich den Klerus, verbal, in reformatorischer Absicht. Die „Gottesfurcht“ sollte über der „Kreaturenfurcht“ stehen.
Um die Fürsten, die weltliche Obrigkeit, hingegen hatte er lange geworben, er sah sie als Unterstützer seiner Ideen. Erst als sich diese Hoffnungen zerschlugen, setzte Müntzer auf das Volk, erst jetzt erhielt sein Agieren umstürzlerisch-revolutionären Charakter. Dabei ist zu unterstreichen, dass die von der marxistischen Geschichtsschreibung gern betonten sozialen, politischen und ökonomischen Verschiebungen, die sich aus Müntzers Wirken ergeben sollten, für ihn lediglich nachgeordnete Konsequenzen seiner theologischen Bestrebungen waren.
Bei der „scharfen Sichel“ des Jahres 1521 handelte es sich noch um eine Metapher. Wörtlich gemeint war es, als Müntzer vier Jahre später, im April 1525, die Bürger von Allstedt aufforderte, gegenüber den „gottlosen Bösewichter[n]“ nicht „so verzagt“ zu sein: „Dran, dran, solang das Feuer heiß ist. Lasset euer Schwert nicht kalt werden, laßt es nicht erlahmen!... werft ihnen [den Fürsten] den Turm zu Boden! Es ist nicht möglich, solang sie leben, daß ihr der menschlichen Furcht solltet leer werden. Man kann euch von Gott nicht sagen, solang sie über euch regieren.“ Der Reformator war zum Revolutionär geworden, kaum im Sinne einer „frühbürgerlichen Revolution“, eher im Sinne einer „Revolution des Gemeinen Mannes“, in seinem Selbstverständnis allerdings ohnehin als „williger Botenläufer Gottes“ oder „Knecht der Auserwählten Gottes“. Ein dualistisches Weltbild lag seiner – nicht systematisch ausgearbeiteten – Lehre zugrunde, wonach die Auserwählten Gottes, den Kampf gegen die Gottlosen aufzunehmen hätten.
Müntzers Geburtsjahr ist unbekannt, um 1490 kam er in Stolberg im Harz zur Welt. Ebenso unbekannt ist uns sein Aussehen. Die älteste Darstellung, ein später weit verbreitetes Porträt, entstand erst 80 Jahre nach seinem Tod. Dem Studium in Leipzig und Frankfurt an der Oder folgte die Priesterweihe in der Diözese Halberstadt. Bereits 1513 soll er ein Bündnis gegen den Erzbischof von Magdeburg geschlossen haben. Müntzer galt als ungewöhnlich hoch gebildet. Er beherrschte – was für seine Zeit eher selten war – neben Latein auch Griechisch und Hebräisch und beschäftige sich intensiv mit antiken Autoren sowie den Kirchenvätern, den Schriften der Mystiker. Als Prediger wirkte er unter anderem in Jüterbog, Zwickau, Prag, Allstedt und Mühlhausen.
„Satan von Allstedt“
Müntzer sah das Apokalyptische in seiner Gegenwart. Für ihn waren Mystik, Frömmigkeit, Träume, Gesichte und Offenbarungen maßgeblich. Der göttliche Geist stand für ihn über der Schrift, was bei ihm im Extremfall bedeutete: „Wenn einer nun sein Leben lang die Bibel weder gehört noch gesehen hat, könnte er wohl aus sich heraus durch die richtige Lehre des Geistes einen unbetrüglichen Christenglauben haben“. Müntzer setzte auf eine direkte Kommunikation zwischen Gott und Mensch.
Hier wie in vielem anderen unterschied er sich klar von Martin Luther. Müntzer verwarf etwa auch die Zwei-Regimente-Lehre, der Trennung von weltlichem Reich und dem Reich Gottes. Für ihn bestand eine Einheit der Christenheit. Hatte Luther Müntzer zunächst gefördert, so bezeichnete er ihn später als „Satan von Allstedt“. Der Geschmähte seinerseits adressierte seine „Hochverursachte Schutzrede“ an das „geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg, welches mit verklärter Weise durch den Diebstahl der Heiligen Schrift die erbärmliche Christenheit also ganz jämmerlich besudelt hat“.
Auch oder vielleicht insbesondere was den der Obrigkeit geschuldeten Gehorsam angeht, so hatte Müntzer andere Auffassungen als Luther. Müntzer begründete nicht nur ein Widerstandsrecht, sondern postulierte letztendlich eine Widerstandspflicht. Grundlegend dafür war Müntzers erweiterte Perspektive auf das 13. Kapitel des Römerbriefes des Paulus. Martin Luther setzte auf die ersten beiden Absätze: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit… Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott… Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes.“ Müntzer dagegen las weiter: „Denn vor denen, die Gewalt haben, muß man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke“. Die Obrigkeit „ist Gottes Dienerin, dir zugut… und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.“ Damit sei die Aufgabe der Obrigkeit definiert, nach Müntzer schöpfte sie ihre Legitimation allein aus der Erfüllung dieser Aufgabe. Komme sie dem nicht nach, seien ihre Ansprüche verwirkt. Ein Gedanke, den man ruhig einen Moment gegenwartsbezogen weiterdenken kann, schlechte Regierung, die Schaden anrichtet…, aber natürlich alles nur graue Theorie.
Zurück zu Müntzer. Schon im Oktober 1523 hatte er den sächsischen Kurfürsten Friedrich den Weisen gewarnt, in dem Fall werde der Obrigkeit „das Schwert genommen und dem inbrünstigen Volk zum Untergang der Gottlosen gegeben werden“. Ausführlich legte er seine diesbezüglichen Überlegungen in der „Fürstenpredigt“ vom 13. Juli 1524 dar, die Argumentation war, wie stets, dicht mit Bibelzitaten abgestützt. Diejenigen, die „Gottes Offenbarung entgegen“ sind, solle man „ohne alle Gnade erwürgen“. Hier war es ihm noch darum gegangen, die Fürsten zu Trägern seiner reformatorischen Bestrebungen zu machen. Der „Bauernkrieger“ Thomas Müntzer war dann ein Produkt ihrer Verweigerung, Müntzer setzte nun auf den „Gemeinen Mann“.
Unter der Regenbogenfahne
Eine, nach geneigter Meinung die herausragende, Figur im Thüringer Bauernkrieg wurde er, nicht als militärischer Führer, als charismatischer, selbstzweifelsfreier und idealistischer, oder – je nach Sichtweise – fanatischer Prediger. Gepredigt hat er um die Mittagszeit des 15. Mai 1525 auch auf dem Hausberg bei Frankenhausen, als das dort hinter einer Wagenburg verschanzte Bauernheer von einem maßgeblich von Landgraf Philipp von Hessen kommandierten Ausgebot angegriffen wurde. Unter der Regenbogenfahne, als Symbol des Bundes Gottes, waren die Aufständischen aufmarschiert, am Himmel war sogar kurz vor Schlachtbeginn ein von Müntzer als Regenbogen gedeuteter Sonnenhalo erschienen – indes: Der Regenbogen brachte kein Glück. Die erhoffte und von Müntzer als sicher erwartete himmlische Hilfe blieb aus.
Schlimmer: Die Aufständischen flüchteten panisch, obwohl sie zahlenmäßig überlegen waren und auch nicht chancenlos gewesen wären. Es handelt sich um eines von mehreren Mysterien des gesamten Deutschen Bauernkrieges (der im Juni 1524 im südwestdeutschen Stühlingen begann und im Juli 1526 mit der Niederschlagung des Salzburger Aufstandes endete), bei denen die Aufständischen auf nicht nachvollziehbare Weise freiwillig nicht aussichtslose oder sogar günstige Positionen aufgaben.
Die Schlacht bei Frankenhausen stellte sich als Schlachten dar, über 6.000 Tote auf der Seite der Aufständischen, etwa drei Viertel der Streitmacht, auf Fürstenseite soll es lediglich sechs Gefallene gegeben haben. Man habe „alles, was ergriffen, erstochen“, berichtete Philipp von Solms, der im Heer des Landgrafen diente. Müntzer selbst floh, wurde aber später aufgegriffen. Er sprach nun vom Volk, „das mich nicht verstanden hat, sondern nur auf Eigennutz gesehen hat“. Da Müntzer schwer gefoltert wurde, sind seine Aussagen in der Gefangenschaft allerdings mit Vorsicht zu bewerten. Am 27. Mai 1527 wurde er enthauptet, Kopf und Körper wurden zur Abschreckung aufgestellt. Luther beklagte sich noch 1531 über den regen Besuch des Ortes, an dem nunmehr wohl noch der Schädel zu sehen gewesen sein muss. Das „sanftlebende Fleisch“ hatte Sorge, Müntzer könne als Heiliger verehrt werden.
Für die, denen das noch nicht reicht: Wer sich umfassend, ausgewogen und anspruchsvoll, aber zugleich sehr gut lesbar über Thomas Müntzer informieren will, dem sei empfohlen: Hans-Jürgen Goertz: Thomas Müntzer. Revolutionär am Ende der Zeiten. Eine Biographie, München: C.H. Beck 2025.
Dr. Erik Lommatzsch ist Historiker und lebt in Leipzig.
Beitragsbild: Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Um das Christentum zu verstehen, bedarf es nicht nur des guten Willens, sondern auch der Bildung. Das ist bei den höheren Religionen und Mythologien so. Mit genügend Eifer kann man sonst alles aus der Bibel herauslesen. Wer Vater und Mutter nicht haßt, kann nicht mein Jünger sein. Vielleicht ist das die himmlische Freibrief, die umzubringen? Oder eine Kampfreligion: Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert? / Das ursprüngliche Christentum findet man in der byzantinisch-griechischen Orthodoxie. Die lateinische Version ist eine Abspaltung. / Pythagoras war im antiken Griechenland ein bedeutender Philosoph und hat den Grundstein für das Christentum gelegt mit der Lehre von der Seelenwanderung. Für Platon ist der Körper das Gefängnis der Seele. Aber schon Homer kannte die Seelenwanderung. Die Seele wurde in der Antike als Vogel dagestellt. Die wichtigen Elemente des Christentums haben griechische Wurzeln. Es stimmt jedoch, Konfuzius war ein gebildeter Mensch und ohne je vom Christentum gehört zu haben, ein guter Christ. Seine Gottesvorstellung war die eines überpersönlichen Gottes, der aber beseelt ist. „Mit 50 haben ich den Willen des Himmesl erkannt, mit 60 habe ich angefangen, auf ihn zu hören“. Konfuzius Seine Lehre würde sich gut ins Christentum einfügen. Das Christentum ist sozusagen die Zusammenfassung all der verstreuten Elemente auf der Welt, und da verschmilzen sie zu einer Einheit. Was Hinduismus und Buddhismus dem Christentum vielleicht voraus haben, daß sie eine Wegbeschreibung sind. Beim Christentum geht’s gleich von Null auf Hundert. Und Jesus sprach: Wenn ein Blinder einen Blinden führt, fallen sie beide hinab in die Grube.
Geschichte wiederholt sich – das ist die Erkenntnis aus der Beschäftigung mit den Bauernkriegen. In Thüringen wird dies derzeit unter dem Titel „Jahr der Freyheit‚ museal gefeiert. Im Restdeutschland wird das ignoriert oder verschlafen. – Der Bauernaufstand war der größte Voksaufstand in Europa vor der Französischen Revolution. Es wurden mit den „12 Memminger Thesen“ erstmalig soetwas wie Grundsätze für ein demokratisches Miteinander oder Menschenrechte niedergeschrieben. Das fand parallel zur Lutherschen Reformation statt und dafür stand auch Thomas Müntzer. Die aufständischen Bauern waren weit ihrer Zeit voraus aber nach dem Ende der Bauernkriege verschwand Stück für Stück die Leibeigenschaft der Bauern. Das war die Freiheit wofür die Bauern kämpften. Parallelen zu heute sind mannigfaltig: eine vollkommen regierungsunfähige Obrigkeit, die wahllos Steuern erhöhte, ein verweltlicher Klerus, ein Glaube, der zur Ideologie geworden war. Machtausübung über Einschränkung der Freizügigkeit, hohe Erbschaftsteuern, die die Bauernfamilien in Armut hielten. – Gäbe es eine Erinnerungskultur in Deutschland statt der plumpen Propaganda, könnten wir viel aus der Geschichte der Bauernkriege und dem zu Grunde liegenden gesellschaftlichen Konflikten für die heutige Zeit lernen.
Für die Herrschaften von Gottes Gnaden war Müntzer eben doch zu viel. Also: Rübe ab. Damit er das Maul hält.
Ossi halt, höhere Notwendigkeit rechtfertigt eigene Schwäche….
„Die Obrigkeit “ist Gottes Dienerin, dir zugut… und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.„ Damit sei die Aufgabe der Obrigkeit definiert, nach Müntzer schöpfte sie ihre Legitimation allein aus der Erfüllung dieser Aufgabe. Komme sie dem nicht nach, seien ihre Ansprüche verwirkt. Ein Gedanke, den man ruhig einen Moment gegenwartsbezogen weiterdenken kann, schlechte Regierung, die Schaden anrichtet…, aber natürlich alles nur graue Theorie“ Zitatende. Man darf die Frage schon stellen, ob unsere Obrigkeit die Macht des ihnen anvertrauten Mandats mißbraucht. Mit Demokratie ist es jedenfalls nicht vereinbar, hinter dem Vorhang als Gottes-Ersatz ihre ideologisierten Weichenstellungen durchzupeitschen. Das Manko der Demokratie könnte darin bestehen, nicht einmal eine Weltanschauung zu sein, die sich gegen Links und Rechts vehement abgrenzen, zur Wehr setzen kann. Natürlich wird das Gegenteil behauptet. Um zur tragenden Weltanschauung werden zu können wäre es notwendig, zunächst einmal zu kommunizieren, was Demokratie überhaupt ausmacht, erfordert. Unsere Obrigkeit hat sich emanzipiert. Der eigentliche Souverän hängt am Nasenring.
Gelebtes Christentum. Pazifistisch. Demütig. Voller Nächstenliebe. Sobald es um Religion und Klerus geht, marschiert der Verstand (auch der Autoren hier) um die Ecke. Aber Frau Ilona Grimm wird bestimmt die nötigen Bibelverse zitieren, um christlicher „Logik“ auf die Sprünge zu helfen. Heiliger Bimbam!
Um 1520 waren hier bis zu 50% der Bevölkerung unter 20 Jahre, also eine dynamische Gesellschaft, mit Gunnar Heinsohn gesprochen ein hoher (Bürger)kriegsindex. Parallelen zu Gegenwart bezüglich Unzufriedenheit mit den Politics schon, aber demografisch absolut das Gegenteil, oder?