Gerade haben die Münchner Kammerspiele wieder ihren Newsletter verschickt. Geschauspielert wird am Traditionshaus immer weniger, dafür nachgeschöpft, dekonstruiert und dokutheatert. Klassisches Theater sucht man vergebens.
Nein, es soll hier nicht um den Solidaritäts-Tsunami gehen, der gerade über die deutschen Kulturstätten hereingebrochen ist und alles in den Schatten stellt, was sich öffentlich finanzierte Theaterleute einfallen ließen, als es darum ging, die Katastrophe des syrischen Bürgerkrieges weltanschaulich korrekt abzubilden und den Menschen die Sinnhaftigkeit millionenfacher Masseneinwanderung aus einem fremden Kulturraum ans Herz zu legen. Es soll auch nicht darum gehen, wie sich vor allem in der Sphäre der Kultur, angeblich Hort von Aufklärung und Toleranz, der Meinungskorridor immer weiter verengt und denjenigen, die trotz 2G-Apartheid, Maskenzwang und Gesinnungsterror den Weg in eine Spielstätte finden, noch unerbittlicher klargemacht wird, wer auf der richtigen und wer auf der falschen Seite steht.
Nein, diesmal geht es um das ganz normale, ganz alltägliche Elend der Spielpläne an deutschen und deutschsprachigen Sprechtheatern. Gerade haben die kommunalen Münchner Kammerspiele, pars pro toto, wieder ihre monatliche Mail verschickt, in der das Traditionshaus an der Münchner Maximilianstraße, das sich konsequent jeder Traditionsbindung entledigt hat, über das kommende Angebot informiert, diesmal für den Monat April, und ich war so unvorsichtig, sie zu lesen. Spaßeshalber durchforstete ich das Angebot der gesamten Spielzeit auf das Vorhandensein sogenannter „Klassiker“, also jener europäischen Autoren, die dank einer gewissen Begabung und möglicherweise nicht ganz zu Unrecht Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte den Kanon ausmachten: die alten Griechen, Shakespeare, Goethe, Schiller und Lessing, Hölderlin und Kleist, Ibsen, Tschechow, Molière, Büchner, Brecht, Dürrenmatt, um nur eine Auswahl zu nennen.
Nicht das Original
Nach längerem Suchen stieß ich auf ein Stück, das sich „Die Räuberinnen“ nennt und in dem sich, wie aus einer Erläuterung hervorgeht – heute geht nichts mehr ohne Kommentar – eine gewisse Leonie Böhm gemeinsam mit dem Ensemble der Kammerspiele den „alten Text als Material“ vornimmt, „um es selbst einmal zu versuchen (…). Wirkliche Nähe ohne Zwang, eigene Gesetze, keine Angst. Raus aus den Mustern, rein in die Liveness. Ganz ,frei‘ nach Schiller.“ Frau Böhm ging, einer Kurzbiografie im Internet zufolge, in Heilbronn auf die Waldorfschule, arbeitet heute als „Regisseurin, Performerin und bildende Künstlerin“ und interessiert sich dafür, wie man sich zu „kanonischen Texten“ in Beziehung setzt „und die eigenen Bedürfnisse und Ideen hineinschreibt“.
Weiter mit der Suche nach den verschollenen Klassikern und ein zweiter Treffer: Thomas Bernhards „Heldenplatz“. Mit etwas theaterüblicher Toleranz kann Bernhard, gestorben 1989, ja noch als „moderner“ Autor durchgehen. Man müsste ferner meinen, dass Bernhards Sprache so überaus prägnant und genial-eigentümlich ist, dass man tunlichst die Finger davon lassen sollte, denn hier gibt es, wie bei allen „großen“ Autoren nichts Zufälliges – jeder Satz, jedes Wort, jede Silbe, alles steht genau da, wo es hingehört. Doch weit gefehlt, auch hier gibt's nicht das Original, sondern eine „Fassung mit neuen Texten von Falk Richter“. Der Herr ist leitender Regisseur an den Kammerspielen und wenn man die Erläuterung zur Neuinszenierung liest, weiß man schon, wohin die Reise geht: „Thomas Bernhards letztes und skandalträchtigstes Theaterstück ist ein wütender, verzweifelter Text über den untoten Ungeist des Faschismus. Ein Werk von gespenstischer Virulenz in Zeiten, in denen in Europa Antisemitismus, Rechtsterrorismus und Ausgrenzung von Minderheiten wieder beängstigende Konjunktur haben.“
Kammerspiele-Gruselmonat April
Was lernen wir daraus? Klassiker gehen gar nicht mehr und, wenn überhaupt, nur in woken NACH-Schöpfungen namenloser Waldorfregisseure und Theaterdramaturgen, gerne weiblich oder trans. Ansonsten ähnelt das Programm an der einstmals bedeutendsten Bühne des deutschsprachigen Raums einem zeitgeistigen Sammelsurium von allerlei multimedialen und transkulturell ausgerichteten „Formaten“, wobei Schauspieler, wenn sie heute noch reüssieren wollen, nicht mehr sprechen und schauspielern müssen, sondern „performen“, was immer das heißt. Kostproben: In „Nightcore“, als Uraufführung deklariert, „horchen drei Schauspielerinnen und ein Videokünstler mit der Langsamkeit der stetig gleichen Bewegung in die Ewigkeit des digitalen Echos unserer Stimmen“. Und zwar in einem „Setting aus Sauna und Comfort-Club-Atmosphäre.“ Bei der zweiten Uraufführung im April mit dem spanisch-deutschen Titel „Oasis de la impunidad/Oase der Straflosigkeit“ – handelt es sich um ein Gastspiel aus Santiago de Chile, in dem die „Ursprünge und Mechanismen von Gewalt“ untersucht werden sollen. Den Rest im Kammerspiele-Gruselmonat April schenke ich mir, mit Ausnahme des „Lesbentelefons“.
Die zunächst tiefrote, jetzt zunehmend grüne Münchner Kulturpolitik hat es geschafft, innerhalb von knapp einem Jahrzehnt ein großes Sprechtheater mehr oder weniger abzuwickeln. Ein Theater, dessen glorreiche Geschichte noch während des Ersten Weltkrieges unter Otto Falckenberg begann, der von 1917 bis 1944 das städtische Theaterleben prägte und mit der Uraufführung von „Trommeln in der Nacht“ auch den Ruhm Bertolt Brechts begründete – mit Schauspielern wie Käthe Gold, Therese Giehse, Marianne Hoppe, Elisabeth Flickenschildt, Willy Dohm, Heinz Rühmann. O.E. Hasse und Hans Schweikart, der später selbst Intendant wurde. Fritz Kortner, Peter Stein und George Tabori wirkten hier als Regisseure und schließlich Dieter Dorn, der mit seinen Shakespeare-Inszenierungen Theatergeschichte schrieb, Inszenierungen, die durchaus nicht altbacken erschienen, sondern in der Ästhetik Jürgen Roses zeitlos aktuell. Auch Dorns Ensemble prunkte mit großen Namen und hielt ihm 30 Jahre lang die Treue, zunächst an den Kammerspielen, dann am (staatlichen) Residenztheater („Resi“).
„Altmodisches“ Regie- und Schauspielertheater
Der Niedergang begann eigentlich schon unter dem Holländer Johan Simons, in dessen Ära sich das Münchner Theaterpublikum zunächst daran gewöhnen musste, dass einige Schauspieler mit holländischem Akzent sprachen. Aber immerhin wurde (meist) noch Theater gespielt und meist in deutscher Sprache. Dann engagierte das Münchner Kulturreferat mit dem Berliner Matthias Lilienthal eine Abrissbirne, auch physiognomisch. Lilienthal propagierte gleich zu Beginn seiner Amtszeit „die Zusammenarbeit mit internationalen Theaterkollektiven“, wollte die „Ästhetiken der freien Szene ins Stadttheater“ holen. Damit legte er die Axt an das Ensemble der Kammerspiele, das heute kaum noch in Erscheinung tritt. „Altmodisches“ Regie- und Schauspielertheater, in dem bereits vorhandene Stücke inszeniert, interpretiert und Texte gesprochen werden, war für Lilienthal „Kunstkacke“.
Nachdem Lilienthals Vertrag im Jahre 2018 auf Betreiben der CSU-Stadtratsfraktion nicht verlängert wurde, hofften die letzten frustrierten Anhänger eines Sprechtheaters eher klassischer Prägung auf eine, wenn auch zaghafte Renaissance alter Schauspieltugenden. Doch Barbara Mundel, seit der Spielzeit 2020/21 die erste Frau auf dem Intendantenposten der Kammerspiele, setzt das Zerstörungswerk unbeirrt fort, wenn auch diplomatischer im Ton. Heute wird an den Kammerspielen, nachgeschöpft, dekonstruiert, dokutheatert, diskutiert, performt, geworkshopt, abgerockt, gepodcastet, gegendert, in allen Zungen der Welt hinterfragt und, ganz aktuell, Solidarität geübt, aber so gut wie kein Theater gespielt. Im Resi auf der gegenüberliegenden Seite der Maximilianstraße und an vielen anderen deutschen Sprechbühnen sieht es nicht viel besser aus. Opernhäuser wie das Münchner Nationaltheater widerstehen noch halbherzig diesem Trend. Eine vollständige Dekonstruktion von Musiktheaterwerken des gängigen Repertoires ist nicht möglich, ohne in die Substanz der Kompositionen einzugreifen, wogegen sich die meisten Dirigenten zur Wehr setzen.
Eigentlich sollte es nur eine Frage der Zeit sein, bis ein findiger Impresario abseits des gleichgeschalteten Kulturbetriebs in die Lücke springt und wieder ganz normales Theater mit klassischem Programm und gediegener Schauspielkunst bietet. Wer auch immer das sei, ihm würden die Türen eingerannt!

Zum Trost gibt es die Shakespeare-Verfilmungen von Kenneth Branagh. Filme, denen man die Spielfreude der Akteure in jeder Szene anmerkt, die einen als Zuschauer mitreißt. Dazu gibt es eine großartige Hollywoodverfilmung des Mittsommernachtstraums. Aber passen Sie auf, es gibt auch eine woke Verfilmung aus britischer Produktion. Wenn Sie die erste SS-Uniform sehen oder einen 4-Zentner PoC-Oberon , dann wissen Sie, daß Sie im falschen Film sind. Übrigens „Wie es Euch gefällt“ mit der göttlichen Emma Thompson und Kenneth Branagh in den Hauptrollen und Denzel Washington als italienischen Renaissancefürsten, der in keinem Moment deplaziert wirkt, weil er einfach ein großartiger Schauspieler ist, gehört in meinen Augen zu den heitersten Theaterverfilmungen, streng am Originaltext angelehnt, die ich kenne. Es ist ein Phänomen, daß die Sprache Shakespeares über die Jahrhunderte hinweg noch so anspricht. Wenn alle Stränge reißen, es gibt englische Krimiserien, die in Dramaturgie und Fähigkeiten der Schauspieler an klassisches Theater anschließen. Gelegentlich spielen sie sogar im Schauspielmilieu. Dann hören sie z.B. wundervolle Monologe aus dem Shylock. Wenn man das mit dem „Arbeiter-und Bauern-Theater“ im deutschen Fernsehen vergleicht, kann es einen nur schaudern. Die Beschimpfung war unangebracht. Vermutlich wären Arbeiter und Bauern gute Schauspieler, Handwerker sind es todsicher, wahrscheinlich die besten. „Politologen und Soziologen-Theater“ trifft es deutlicher. Ich bin der festen Überzeugung, daß die Auswahl von Studenten und Schauspielern in Deutschland nach dem Prinzip der maximalen Talentlosigkeit erfolgt. Oder Talent bedeutet heute öffentliches Kacken auf der Bühne.
Das geht schon seit geraumer Zeit so, nimmt aber immer mehr zu. In der Berliner Oper wird das Libretto auch nur als Hinweis genommen. So werden gerne Hinweise auf die Nazi-Zeit gegeben (Gefangene in scheinbaren KZ-Gefangenenanzügen); der fliegende Holländer wurde als kühl industrielle Version aufgeführt (Schiffs er aus wie ein schwimmender Betonbunker), bei Aida lief dauerhaft ein „Zuschauer“ über die Bühne (der das Geschehen kommentierte), der Gefangenenchor wurde in ein Bienchen-Kostüm mit ausfahrbaren Stachel gesteckt etc. Mit der Zeit ist mir schlicht die Freude an der Oper genommen worden. Und im Theater sieht es nicht besser aus.
Ich bin aus München und froh, dass ich all die wunderbaren
Theateraufführungen und die Oper in Hülle und Fülle genießen konnte.
Jetzt ist es vorbei. Macht nichts, ich bewahre mir die Erinnerungen in meinem Herzen.
Dort sind sie gut aufgehoben.
Der als Wilhelm Dohm geborene Schauspieler wurde als „Will Dohm“ bekannt, und nicht als „Willy“ …
Das Problem sind nicht die Bolschewoken an sich, sondern deren Wille, uns ihren Willen aufzuzwingen.
Und das Schlimmste: alle diese Barbaren glauben noch, die Klassiker zu „verbessern“, zu „entstauben“ …
Wer schaut sich denn sowas an. Da muss man ja Masochist sein. Aber solange Subventionen fließen kann man jeden Deck bringen.