Gastautor / 18.06.2012 / 06:52 / 0 / Seite ausdrucken

Moslems sind keine Tiere

Thomas Baader

Sind die Irrtümer des Multikulturalismus, die bereits vor Jahrzehnten auftraten, immer noch aktuelle Probleme? Antje Sievers berichtet über ihre Beteiligung an einem soziologischen Forschungsprojekt folgendermaßen:

“In den achtziger Jahren bekamen ich und meine Kommilitonen zu hören, unsere Aufgabe sei es, teilnehmend zu beobachten, nicht zu bewerten und schon gar nicht, einzugreifen. Wenn man es in türkischen Familien für gut und richtig hielte, die Töchter zu verschleiern (damals noch extrem selten), den Sohn zusammenzuschlagen und die Frau drei Schritte hinter sich gehen zu lassen, dann war das nicht grundsätzlich falsch, sondern eben nur anders. Obendrein gab es Dozenten, der Meinung waren, statt türkischen Frauen deutsch beizubringen, wäre es viel sinnvoller, wenn wir Deutschen türkisch lernten. Das waren die zarten Anfänge dessen, was die Rechtsanwältin Seyran Ates ein Vierteljahrhundert später als Multikulti-Irrtum bezeichnet hat.” http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/krankheit_oder_kultur_oder_beides/

Was Frau Sievers beschreibt, ist leider keine auch heute keine Seltenheit. Bei Aussagen, die von Hardcore-Multikulturalisten und leidenschaftlichen Islam-Apologeten getätigt werden, gewinnt man manchmal den Eindruck, die Rede beziehe sich gerade nicht auf die Menschenwelt, sondern auf einen Ausflug ins Tierreich. Wie Professor Bernhard Grzimek sitzt dann der deutsche Sozialwissenschaftler fasziniert vor seinem Forschungsgegenstand, dokumentiert und forscht, aber greift auf gar keinen Fall in das Geschehen ein, um das Gleichgewicht der Natur ja nicht zu stören. Hoppla, eben hat doch da eines dieser possierlichen Kerlchen seine Frau ehrengemordet. Aber so ein dummes Tier weiß es eben nun mal auch nicht besser. Jetzt bloß nicht moralisieren!

Wer sich das vergegenwärtigt, kann kaum noch ernsthaft vertreten, dass Rassismus und Multikulturalismus in einem gegensätzlichen Verhältnis zueinander stehen. Vielmehr ist es so, dass der erstgenannte sich im letztgenannten öfters in versteckter Form wiederfindet. Nicht wenige Multikulti-Begeisterte leiden unheilbar am Winnetou-Syndrom: Der edle Wilde möge doch bitte so bleiben, wie er ist, aber auf gar keinen Fall so werden wie wir, so verdorben, zivilisationskrank und der Natur entfremdet. Indigene Völker am Amazonas, die neugeborene Zwillinge lebendig begraben, da Zwillingsgeburten nun mal als schlechtes Omen gelten, mutieren somit auf einmal zu Vertretern einer besseren, weil ursprünglichen und unverfälschten Lebensweise. Ja, eigentlich war es doch gar nicht so schlecht, das Leben vor der Einführung der Grund- und Menschenrechte. Nein, wir selbst wollen natürlich nicht auf sie verzichten. Aber die Wilden doch bestimmt. Und ja, auch wenn man es für unfassbar hält: Es gab tatsächlich Stimmen aus der “zivilisierten Welt”, die darauf drängten, beim Indio-Kindermord bloß nicht einzugreifen.

Zweierlei Maß: Die kulturrelativistische Positionierung beinhaltet immer einen Rassismus, der sich seiner selbst nicht bewusst ist. Vor Jahren einmal war ich in einem Forum in eine Diskussion mit einem jungen Mann verwickelt, der nach seiner eigenen Wahrnehmung links, progressiv und menschenfreundlich eingestellt war. Wenn man diese Haltung hat, kann man natürlich sich nur dann mit Opfern solidarisieren, wenn die Täter zufällig den gleichen ethnisch-kulturellen Hintergrund haben wie man selbst. Ist das nicht der Fall, so darf man sich bei “den Fremden” keinesfalls einmischen, denn das sind ja Familienangelegenheiten, die uns nichts angehen. Im konkreten Fall drehte sich die Debatte damals, die zwischen dem Progressiven und mir entstand, um ein recht bekanntes Foto, das eine Hochzeit zwischen einer elfjährigen afghanischen Kindsbraut und ihrem vierzigjährigen Ehemann zeigt. Während die Mehrheit der Forumsnutzer angewidert reagierten, hatte unser Multikulti-Verfechter eine gänzlich andere Sichtweise: Er plädierte für Toleranz gegenüber fremden Traditionen, zumal das auf dem Foto Dargestellte ja eigentlich auch “biologisch ideal” sei.

Nun fühlte ich mich dazu verpflichtet, mal nachzufragen, was genau er an der Vergewaltigung eines elfjährigen Kindes eigentlich “biologisch ideal” finde. An dieser Stelle spare ich mir eine detaillierte Beschreibung des weiteren Gesprächsverlaufs, denn wie man sich denken kann, fühlte der Befragte sich sehr schnell falsch verstanden und noch dazu diffamiert. Falsch verstanden? Inwiefern ist die Äußerung “biologisch ideal” in diesem Zusammenhang eigentlich missverständlich? Und wenn sie es tatsächlich wäre - meine Nachfrage zielte ja geradezu darauf ab, dem Sprecher dieser unsagbar schäbigen Äußerung die Möglichkeit zu geben, sich zu erklären. Warum wurde diese Gelegenheit nicht genutzt, wenn alles nur ein Missverständnis war? Nein, unser Freund wollte nicht. Er hatte übrigens schon einige Tage zuvor in demselben Forum die Theorie vertreten, dass Frauen in islamischen Ländern möglicherweise gar nicht gleichberechtigt sein wollen.

Weiß dieser Mensch, dass er ein Rassist ist? Vermutlich nicht. Während die Geschichte es dem Menschen europäischer Herkunft gestattet hat, vieles von dem abzuwerfen, was ihn einengt und unterdrückt, ist es dem Menschenfreund aus dieser Geschichte lieber, dass “der Fremde” seiner Vormodernität verhaftet bleibt, ewig gebunden an seine Religion und Kultur, damit er für uns weiterhin so interessant, exotisch und herzig bleibt wie Grzimeks possierliche Kerlchen. Wir Menschen sollen nun mal nicht in die Abläufe der Tierwelt eingreifen. Der Moslem und der Indio vom Amazonas - das sind die Tiere des Kulturrelativisten. Er selbst ist der Mensch, der kein Rassist sein will, aber durch seinen Paternalismus und seine Negierung der Werte der Aufklärung ständig neue Rassismen produziert.

Gefangen in seiner multikulturalistisch-verklärenden und romantisierenden Perspektive betont er ständig, was uns Menschen (angeblich) unterscheidet und kann nicht das sehen, was uns Menschen - über alle Kulturen und Nationalitäten hinweg - gemeinsam ist. Und daher ist er auch blind für die einfachste aller Wahrheiten.

Das Gegenteil von Rassismus heißt nicht Multikulturalismus. Das Gegenteil von Rassismus heißt Humanismus.

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