Richard Wagner / 24.11.2010 / 00:16 / 0 / Seite ausdrucken

Morgen vielleicht schon als Klingelton!

Aus Frankreich kommt ein Pamphlet. Es hat den Titel: Der kommende Aufstand. Immerhin, die Franzosen scheinen noch rabiat genug zu sein. Zuletzt haben sie lautstark gegen die Anhebung des Rentenalters protestiert. Dabei sind sie, wenn ich nicht irre, ganze fünf Jahre hinter uns. Wir arbeiten ja schon über den Tod hinaus. Und was tun die Franzosen? Sie verfassen ein Pamphlet. Anonym, und jetzt auch auf Deutsch zu haben. Es gibt aber, wie man hört ein Problem.

So heißt es, unsere fortgeschrittenen Globalisierungsgegner können sich nicht restlos einigen, ob die Kritik aus dem Manifest nun tatsächlich von links kommt, oder auch von rechts stammen könnte. Diese Sorge ist bei uns nicht neu. In Deutschland kontrolliert man gerne die Herkunft von Zitaten, während man diese in Frankreich und in Italien einfach schick findet. Die Rede ist von Heideggerzitaten, vor allem aber von Carl- Schmitt- Zitaten.

Das Problem ist jedoch nicht eine Frage des falschen oder richtigen Zitierten, also der Gesinnungsgenossenschaft, es ist vielmehr in der Sache selbst begraben. Wer den Aufstand herbeisehnt, geht auf ein Ziel zu, bei diesem Ziel aber, das er sich gesetzt hat, ist es egal, aus welcher Richtung er kommt.

Es geht in jedem Fall gegen die herrschende Ordnung. Und die ist nun mal in Europa die Demokratie. Sie hat die Amtsgeschäfte zwar nicht übernommen, weil sie perfekt oder gar unersetzlich wäre, sondern weil sie uns insgesamt weniger an Freiheitsverlust kostet, und dem Einzelnen seine Extratouren lässt, und so hat er, aus seiner Sicht, mehr davon als bei der totalitären Marschroute.

Das hat das 20. Jahrhundert ausreichend bewiesen. Es ist aber nicht mehr Teil der Gegenwart, und unsere längst orientierungslos gewordene politische Klasse, die sich mit Tarzangeste von einem Detail zum anderen hangelt, als gelte nichts mehr außer den Kleinigkeiten, die sie als Tagespolitik bezeichnet. Sie ist dabei, unser paritätisches Auskommen durch ihr paritätisches Handeln aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Der demokratische Apparat ist in der Defensive, und zwar nicht wegen der Stärke des Gegners, sondern wegen der eigenen Unbeweglichkeit. Das Machtgefüge sucht lustlos nach seiner Mitte, um nicht ins Wanken zu geraten. Selbst über die Statik wird nur noch spekuliert.

Zeit für die Anarchisten? Für das Randphänomen? Für die Gesundbeter, die Piraten und das Schottern? Mag sein.  Aber für den Aufstand? Wer sollte ihn in Gang bringen, und gegen wen sollte er sich richten? Wäre es ein Aufstand der Aktionäre gegen die Aktie? Oder bloß gegen die Aktienhändler?

Schon der erste Satz des Franzosen-Pamphlets ist nicht ohne Charme. Er lautet so: „Aus welcher Sicht man sie auch betrachtet, die Gegenwart ist ohne Ausweg“. Ob nun rechts oder links der Ausweg fehlt, oder morgen vielleicht schon als Klingelton angeboten wird, fällt letzten Endes wohl kaum ins Gewicht.

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