Gastautor / 10.03.2012 / 01:08 / 0 / Seite ausdrucken

Mord ist deren Geschäft

Kevin Zdiara

Vor ziemlich genau zehn Jahren kamen knapp 250 Menschen in einem Hotel im israelischen Netanya zusammen, um mit einem Festmahl den Beginn des jüdischen Pessachfests zu feiern. Das Fest des Auszugs der Israeliten aus dem ägyptischen Exil, aufgrund der Thematik auch ein Fest der Freiheit, wird nach dem jüdischen Kalender im März bzw. April begangen. Hierbei werden ungesäuertes Brot und bittere Kräuter verzehrt, die symbolisch an die Sklaverei unter dem ägyptischen Pharao und an die Strapazen, die der Auszug mit sich brachte, erinnern sollen. Das Salzwasser, in welches man rohes Gemüse eintunkt, steht für die vergossenen Tränen. Doch es gibt auch die vier Schluck Wein, die Lieder und die Geschichte des erfolgreichen Auszugs, die das Fest zu einem fröhlichen Familienfest machen. Abgeschlossen wird der Abend mit dem gegenseitigen Wunsch: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“

Doch am 27. März 2002 sollte das Festmahl kein freudiges und feierliches Ende finden. Gegen 19.30 Uhr trat der als Frau verkleidete Hamas-Terrorist Abdel Basset Odeh in den Saal des Park Hotels, wo die Sederfeier stattfand, und zündete unmittelbar den mitgeführten Sprengsatz.  Die Detonation war von verheerendem Ausmaß. Sie zerstörte den Festsaal, große Teile der Decke stürzten ein, Wasserleitungen platzten, die Glasfront des Saals barst und der gesamte Hotelkomplex wurde erschüttert. Durch die Explosion wurden 28 Menschen unmittelbar in Stücke gerissen– insgesamt starben 30 Menschen – und 140 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Im ganzen Raum verteilt lagen menschliche Körperteile, überall lagen blutüberströmte Menschen. Dieser Anschlag war das größte Massaker an Juden während der zweiten Intifada.

Was aber von Europäern und besonders von Deutschen damals ignoriert wurde, war, dass es sich gleichzeitig um den tödlichsten Anschlag auf Überlebende des Holocausts handelte. Nicht nur wurden zahlreiche Menschen ermordet, die den Nazigräuel durch Flucht oder in Verstecken entgehen konnten, heimtückisch wurden auch Überlebende des Horrors deutscher Konzentrationslager abgeschlachtet. An diesem schicksalhaften Tag wurden von dem palästinensischen Mörder die Ehepaare George und Anna Yakobovitch, Eva und Ernest Weiss, sowie Clara Rosenberger, Frieda Britvich und die 89jährige Sarah Levy-Hoffmann ermordet. Sie alle hatten den deutschen Vernichtungswahn in den Todeslagern überlebt, die letzten drei überstanden das KZ Auschwitz. Sie waren nach Israel gekommen, um endlich als Juden in Frieden und Freiheit leben zu können. Doch auch dort wurden sie von der mörderischen Ideologie heimgesucht, die ihren Bekannten, Verwandten und Freunden in Europa das Leben gekostet hatte. Unter den unzähligen bestialischen Anschlägen sticht dieser hervor, weil er verdeutlicht, in welcher Kontinuität der Krieg gegen Israel steht: es ist der erneute Versuch einer Lösung der Judenfrage durch physische Auslöschung.

Der März vor zehn Jahren zählte mit 132 durch palästinensische Terroristen ermordeten Israelis zu einem der blutigsten Monaten, die der jüdische Staat während der zweiten Intifada durchleben musste, durchschnittlich wurden mehr als vier Israelis pro Tag ermordet.

Doch wer meint, das sei eine lang vergangene Zeit, der möge sich an den März 2011 erinnern, als nahezu die gesamte Familie Fogel ausgelöscht wurde. Dabei wollten die Fogels nur im historischen Land Israel leben. Sie waren eine gläubige Familie. Sie waren eine friedliche Familie. Sie waren eine Familie, die sich nicht von den Drohungen und den unzähligen Anschläge gegen Bewohner Itamars abhalten ließ, im Land ihrer Vorfahren zu wohnen. In fünf Anschlägen zwischen 2001 und 2004 wurden elf ihrer Nachbarn ermordet, unter ihnen Rachel Shabo und drei ihrer sieben Kinder. Das Verbrechen der Fogels und der Shabos war nicht, wie westliche Medien behaupteten, in einer israelischen Siedlung im Westjordanland gewohnt zu haben. Vielmehr wurden sie zu Opfern, weil sie Juden waren. Wie anders lässt sich erklären, dass die beiden jugendlichen Mörder der Fogel-Familie, die Cousins Amjad und Hakim Awad, weder die wehrlosen Eltern Ruth und Udi noch die Geschwister Yoav, Elad und die dreimonatige Hadas Fogel verschonten. Die Abartigkeit des Verbrechens zeigte sich insbesondere darin, wie die Morde ausgeführt wurden. Nachdem sie sich nachts in die Siedlung und in das Haus der Fogels geschlichen hatten, schnitten die beiden Palästinenser allen ihren Opfern die Kehlen durch und ließen sie elendig verbluten.

Statt von den eigenen Verwandten für ihre abscheuliche Tat verurteilt zu werden, wurde ihnen in ihrer palästinensischen Heimatstadt Awatar Zuflucht gewährt. Israelische Friedensaktivisten von Gush Shalom, Nashim l’Shalom und Adam Lelo Gvulot verurteilten nicht die feigen Morde als „Pogrome“, sondern die von der israelischen Armee bei den später verurteilten Mördern vorgenommenen Hausdurchsuchungen. Den moralischen Tiefpunkt markierte aber die Vorsitzende der linken Organisation Machsom Watch Raya Yaron, die sich dabei fotografieren ließ, wie sie die Mutter von Hakim Awad in die Arme nahm und tröstete. Einen Besuch bei den drei Vollwaisen Fogel-Kindern Tamar, Roi und Yishai absolvierte Frau Yaron hingegen nicht.

Nachdem die beiden Bestien – denn ein anderes Wort fällt einem angesichts des Verbrechens nicht ein – von israelischen Gerichten zu Haftstrafen verurteilt wurden, durften ihre Verwandten sie im palästinensischen Fernsehen als Helden preisen. In einer kurz nach der Bluttat durchgeführten Umfrage befürworteten 32% der Palästinenser im Westjordanland dieses abartige Verbrechen. Die Reaktionen aus westlichen Ländern fielen verhalten aus. Jeder noch so kleine Hausbau in Israels Hauptstadt führt zu einem Sturm der Empörung in Europa und der israelische Premierminister wird öffentlich kritisiert und gedemütigt. Die palästinensische Verwaltung unter Abbas hingegen wurde vor dem Hintergrund dieser Morde nicht einmal zum Ende der fortdauernden anti-israelischen Hetze in den palästinensischen Fernsehprogrammen und Zeitungen aufgefordert.

Warum auch – sind für europäische Politiker die Bewohner der israelischen Siedlungen illegale Besatzer und für westliche Journalisten Fanatiker und Unmenschen. Diese Rhetorik enthumanisiert Menschen wie die Fogels und legitimiert letztlich implizit Akte wie die in Itamar. Natürlich würde kein führender Europäer diese Taten gutheißen; aber die Awads teilen mit ihnen die Vorstellung, dass Juden nicht das Recht haben im Westjordanland zu leben, und fühlen sich durch die europäischen Argumente darin bestärkt, die Beseitigung dieses Unrechts in die eigenen Hände zu nehmen. Amjad und Hakim Awad sind, in Anlehnung an Daniel Jonah Goldhagens Terminologie, die willigen Vollstrecker des Antizionismus.

Die Awads oder der Massenmörder Odeh sind aber vor allem Kinder einer anhaltenden palästinensischen Hetze gegen den jüdischen Staat. Die unwidersprochenen Versuche führender palästinensischer Politiker, die jüdische Verbindung zum Land Israel zu negieren, spielen hierbei eine herausragende Rolle. Und das sind keineswegs Relikte aus der Zeit des Intifada-Präsidenten Jassir Arafat; auch Mahmoud Abbas reiht sich hier mit seinen jüngsten Äußerungen zu Israels Hauptstadt ein. Entgegen aller empirischen Befunde behauptete er in der letzten Woche, dass Israel den islamischen und christlichen Charakter Jerusalems ausradieren wolle. Es handelt sich um ein klassisches Beispiel für die antisemitische Ritualmordlegende. Wie einst die Juden durch den Vorwurf, sie würden Kinderblut für Matzenbrote verwenden, aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen wurden,  soll heute der jüdische Staat durch Lügen aus dem Kreis der Völkergemeinschaft ausgegrenzt werden. Die Ritualmordlegende bereitete den Boden für die Konzentrationslager, die Verleumdung Israels die für die Auslöschung des jüdischen Staates.

Es gibt aber auch noch weitere Analogien zum klassischen Antisemitismus. Wenn Abbas die Verbindung der Juden zu Jerusalem negiert (wie er es im September 2011 vor den Vereinten Nationen getan hat), dann ähnelt dies der Argumentation der Nationalsozialisten. Die Infragestellung und die Zerstörung eines historisch-kulturellen Anspruchs des Judentums auf das Land Israel, zielt letztlich auf ein von Juden gereinigtes Palästina, das wiederum dem Gedanken Nazi-Deutschlands entspricht, Juden bzw. das Judentum müssten aus dem deutschen „Volkskörpers“ entfernt werden. Die Gäste der Pessachfeier und die Fogels widersetzten sich durch ihre bloße Präsenz in Israel und im Westjordanland diesem antisemitischen Wahn, deshalb wurden sie ermordet.

Die Verdammung des Siedlungsbaus und das gleichzeitige Schweigen zur fortgesetzten Hetze gegen Israel offenbaren sowohl eine Doppelmoral wie auch ein Desinteresse gegenüber einem antihumanistischen Hass, dessen Äquivalent man zuletzt in den 1930ern fand. Damals zog man es ebenfalls vor, kein Wort über die offensichtlichen deutschen Vernichtungsfantasien gegenüber den europäischen Juden zu verlieren bzw. äußerte man in einigen Fällen sogar Verständnis für Deutschlands Kampf gegen das „zersetzende Judentum“.

Die Delegitimierung der Juden richtet sich heute nicht mehr so sehr gegen die in der Diaspora lebenden Juden. Deren Geburtenrate und emotionale Bindung an das Judentum garantiert langfristig das Überleben des Judentums nicht. Aus diesem Grund hasst der neu-alte Antisemitismus Israel, den einzigen Ort in der Welt, der sich einer Auslöschung des Judentums aktiv entgegenstemmt, wo jüdische Kultur, Religion und Nation noch gedeihen, und wo jüdisches Selbstbewusstsein Normalität ist.

Dass Juden sich heutzutage an Orten wie Hebron, Gush Etzion, Beit HaArava, Kalya, Rachels und Josephs Grab, der Klagemauer und dem jüdischen Viertel Jerusalems behaupten, ist den antizionistischen Antisemiten ein Dorn im Auge. Darum mussten die Menschen im Park Hotel, in Itamar und an unzähligen anderen Orten in Israel sterben. Deshalb gilt es ihrer auch im März 2012 zu gedenken, um so den Tätern nicht die Genugtuung zu geben, dass sie mit den Menschen auch deren Jüdischkeit, deren Namen, deren Menschlichkeit und die Erinnerung an sie ausgelöscht haben.

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