Gastautor / 26.08.2016 / 06:05 / Foto: arhadetruit / 14 / Seite ausdrucken

Moralin auf Krankenschein! Zu Risiken und Nebenwirkungen…

Von Marei Bestek.

Sie brauchen sie. Jeden Tag. Ein, zwei - manchmal auch drei Tabletten. Zeitungen berichten von extremen Fällen, in denen Konsumenten gleich vier Tabletten einnahmen. Viele sind längst abhängig, würden sich das aber niemals eingestehen. Und wehe, der Stoff geht aus.

Moralin ist binnen weniger Jahre zur neuen Volksdroge avanciert. Jeder nimmt es, wenige sprechen offen darüber. In meinem Fernseher läuft ein Werbespot mit einem bekannten Nachrichtenmoderator. „Echte Männer nehmen gleich zwei.“, säuselt er in die Kamera, schwingt eine Packung Moralin durch die Luft und fährt sich dabei mit den Fingern durch die Haare. Vor meinem Fenster wurde gestern ein neues Werbeplakat angebracht. Eine evangelische Bischöfin lächelt mir entgegen, in ihrer Hand eine Schachtel Moralin. „Ein echtes Gottesgeschenk“, steht dort in bunten Buchstaben geschrieben.    

Sollte heute der Tag sein, an dem auch ich zur Moralin-Tablette greife? Die Verführung ist groß. Früher konnte man Moralin nur in besonders schlimmen Fällen und mit Rezeptschein in der Apotheke bekommen. Heute gibt es Moralin überall. In der Drogerie, im Supermarkt, in Soziologiekursen und Gender-Seminaren, aber auch in Dönerläden. Dort hat man immer eine große Menge Moralin vorrätig. Ich gehe zu dem kleinen Kiosk bei mir um die Ecke.

Der Ladenbesitzer greift unter den Tresen und schiebt mir eine Packung der begehrten Kügelchen zu. „Dein erstes Mal?“ Ich nicke. „Geht aufs Haus.“, sagt er grinsend. Auf der aufwendig gestalteten Verpackung ist das Gesicht einer grünen Gallionsfrau abgebildet. Seit gut einem Jahr ist sie das neue Werbegesicht von Moralin. „Ohne Moralin – ohne mich!“, steht in einer Sprechblase über ihrem Kopf geschrieben. Darunter: „50 Moralin-Tabletten, nur 50 Cent“. „50 Cent?“, frage ich mich und werde sogleich eines besseren belehrt: „Moralin – kann sich jeder leisten.“  Ich drehe die Verpackung um: „Moralin ist bunt, handlich, wirkt schnell und ist zu 100 Prozent  tierversuchsfrei! Moralin ist Multikulti! Moralin - das sind WIR!

Das Medikament hilft laut Werbung bei: Orientierung, Rechtfertigung, Anerkennung und Aggressionsabfuhr. Bei erhöhtem Moral-Bedarf wird PHARISÄROX forte empfohlen – extra strak, extra bunt.“ Zu Hause setze ich mich an meinen Schreibtisch und öffne vorsichtig die Verpackung. Immerhin eine Packungsbeilage ist dabei. Die Tabletten funkeln und glitzern in allen erdenklichen Farben, lecker sollen sie sein, habe ich gehört. Ich falte die Packungsbeilage auseinander und beginne zu lesen:

Moralin – für alle, denen wirkliche Moral nicht mehr genügt. Um Moralin einnehmen zu können, benötigen Sie keine besonderen Anlagen. Im Gegenteil hilft Ihnen Moralin nicht nur dabei Ihre persönlichen Schwächen auszugleichen, sondern auch Wissen, Fakten oder einen Doktortitel zu ersetzen. So können Sie mit Hilfe von Moralin Ihre eigenen Interessen durchsetzen, ohne dabei selbst Opfer bringen zu müssen oder sich in Gefahr zu begeben.

Moralin – damit Sie auch vom Schreibtisch aus Moral machen können. Wenn Sie Moralin zu sich genommen haben, können Sie über alles und jeden urteilen, ohne dabei selbst handeln zu müssen oder in Bedrängnis zu geraten. Stellt Moral bloß eine persönliche Entscheidung oder Einsicht dar, die nur für Sie selbst oder die unmittelbar betroffenen Personen erkennbar ist, müssen Sie sich mit Moralin nicht mehr auf Ihre Selbstlosigkeit beschränken und können endlich all die Aufmerksamkeit einfordern, die Ihnen zusteht.

Während Sie fremde Handlungen bewerten und neue Moralmaßstäbe setzen, hemmt Moralin Ihre Selbsterkenntnis, sodass Sie nicht mehr erfassen können, dass Sie Ihren eigenen Moralansprüchen selbst nicht Folge leisten. Richten Sie Ihre Forderungen dennoch weiterhin an Ihre Mitmenschen und wiederholen Sie diese repetitiv. Auch wenn Sie eigentlich nur Ihre subjektiven Wertvorstellungen benennen, sprechen Sie dabei stets von einem „wir“ (Moralin – das WIR gewinnt!) und strafen Sie jeden mit persönlicher Verachtung, der sich dem Genuss der Moralin-Pille widersetzt. (Nehmen Sie nach diesen Anstrengungen am besten noch eine Moralin-Tablette zu sich.)

Mit Moralin können Sie im Prinzip alles pervertieren (vor allem hohe moralische Tugenden, wie zum Beispiel Nächstenliebe, Barmherzigkeit oder auch Gastfreundschaft) und so Ihren politischen Gegenüber übergehen, indem Sie ihm seine sachliche und wissenschaftliche Grundlage entziehen. Für Diskussionen rund um Flüchtlinge, Klimawandel, erneuerbare Energien, Genetik oder Ernährung brauchen Sie daher keine Fakten mehr, sondern einfach ein oder zwei Moralin-Tabletten. So können Sie Realismus ganz schnell in Rassismus umwandeln.

Mit Moralin müssen Sie keine Lösungen mehr liefern – Moralin ist die Lösung! Ihr Bemühen sollte es sein, Moralin auch in der Regierungsebene salonfähig zu machen. Moralin kann dabei bei der Verabschiedung von Gesetzen helfen oder als Druckmittel verwendet werden.

Halten Sie dafür Ihren Moralinspiegel hoch und reden Sie ununterbrochen von Humanismus, Toleranz und Multikulturalismus. Formulieren Sie derweil heroische, idealisierte und dadurch unerreichbare Ziele. Wie Sie sich diesen annähern wollen, muss Sie nicht weiter interessieren, denn mit Moralin brauchen Sie nicht mehr nach Antworten zu suchen. Moralin selbst ist die Antwort. Konzentrieren Sie sich daher lieber auf das Stellen von Fragen: Ein Professor, der an Tieren die Therapiemöglichkeiten von Krebskrankheiten testet. „Darf er das?“ Sich neben einer Tofu-Wurst auch ein Schweine-Steak auf den Grill legen. „Darf man das?“ Das eigene Land, die Familie und sich selbst verteidigen - notfalls auch mit Waffengewalt. „Darf man das?“ Ein Polizist, der einen Axt-Angriff nur noch mit einem tödlichen Schuss abwehren kann. „Darf er das?“ Hinterfragen und kritisieren Sie grundsätzlich alles und jeden, nur sich selbst nicht. (Dialogkompetenz!)

Moralin macht´s möglich - und Sie zu einem besseren Menschen. Zwar möchte Moralin nur das Beste für Ihre Mitmenschen, viel mehr Interesse hat Moralin aber daran, dass es Ihnen selbst gut geht. Moralin ist daher optimal geeignet, um Ihre eigene Machtposition auszubauen und sich selbst zu profilieren. Schon eine Filmtablette Moralin genügt, um sich eine Opferrolle anzudichten, damit Sie Ihren Mitmenschen das Gefühl der moralischen Überlegenheit suggerieren können. Mit der gewonnenen Anerkennung können Sie dann das eigene Image aufpolieren. Denken Sie dabei immer zuerst an Ihren Übernächsten, anstatt Ihren Nächsten und halten Sie die andere Wange hin. Achten Sie nur darauf, dass es nicht Ihre eigene ist.

Mögliche Nebenwirkungen von Moralin-Tabletten können sein: Suchtgefahr, Realitätsverlust, Unzurechnungsfähigkeit, Orientierungsverlust, Verminderung der Sprachfähigkeit (Phrasensprache), Beeinträchtigung des Reaktionsvermögens, Sinnes- und Wahrnehmungsstörungen, Hemmnis der Auffassungsgabe, Bewusstseinstrübung, Entwertung  der Tugenden,  Manie, Rückgang der Geburtenrate, Impotenz                

Moralin zeigte außerdem deutliche Wechselwirkungen mit der Realität. Achtung! Moralin-Tabletten stellen keine unmittelbare Gefahr dar, die Auswirkungen von Moralin auf folgende Generationen sind aber noch nicht hinreichend untersucht. Sollte Moralin ungeahnte Konsequenzen hervorrufen, verschweigen Sie in jedem Fall, Moralin jemals genommen zu haben.

Marei Bestek (Jahrgang 1990) wohnt in Köln und hat Medienkommunikation & Journalismus studiert.

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Leserpost

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Vautrin Collin / 26.08.2016

erstklassig!

Stefan Reinbott / 26.08.2016

Wir haben diese Substanz bereits Ende der 60er Jahre ausgiebigen Labortests unterzogen. Sie hiess damals noch Böing oder Ethosan. Einziges Ergebnis: Was denkt man nach Einnahme? Das Gleiche, aber man schämt sich nicht mehr dafür.

Karl Gottlieb / 26.08.2016

Ein erstklassiges Mittel! Aber Vorsicht: Es soll auch schon vorgekommen sein, daß manch einer nach Einnahme von “Moralin” zwangsneurotisch bestimmte Sätze pausenlos murmelt wie z.B. “Wir schaffen das” oder “Das hat nichts mit dem Islam zu tun” und dergleichen…

Andreas Rochow / 26.08.2016

Moralin-Junkies werden moralinsauer reagieren auf diesen treffenden Beitrag, weil eine der wichtigsten Nebenwirkungen von Moralin die Humorlosigkeit ist. Schaut man sich gewisse dauerempörte MdB an, weiß man, dass es Moralinexoerten gibt…

Wolfgang Richter / 26.08.2016

Das erste mal, daß ich ein “Hoch” auf die Pharmalobby ausbringe, ein geniales Präparat, das dem aktuellen Zeitgeist noch gefehlt hat.

Rob Fähmel / 26.08.2016

Im Kapitel “Moralin – für alle, denen wirkliche Moral nicht mehr genügt. ” biete ich eine kleine Ergänzung an: Es ist übrigens völlig unproblematisch, Moralin mit anderen Psychopharmaka zu kombinieren. Und selbst wenn Sie versehentlich des Gebrauchs illegaler Substanzen wie Crystal Meth überführt wurden, so erhöhen Sie danach einfach Ihre Moralindosis. Schon löst sich alles wieder in Wohlgefallen auf.

Klaus Gebhardt / 26.08.2016

Vielen Dank für diese wunderbare, aber traurige Drogenwerbung. Allerdings sind die Langzeitwirkungen schon in mdst. zwei Generationen deutlich zu bemerken. Insofern kann man zukünftig verheerende Wirkungen erwarten.

Ralf Schneider / 26.08.2016

Einfach glänzend, liebe Frau Bestek!! Geschliffen, elegant und parodistisch erstklassig bringen Sie alles auf den Punkt, was mir/uns hinsichtlich der Moralin-Konsumenten (und -Emittenten) im Laufe der Jahrzehnte so durch den Kopf gegangen ist und Unbehagen bis Abscheu verursacht hat - oder zunehmend verursacht. Ein erfrischender Start in den jungen Tag! Daher: 5 Sterne für dieses journalistische Kleinod!

Helge-Rainer Decke / 26.08.2016

Darf man/ich erfahren, was der Verfasser nach dem Frühstück einnimmt, oder gar schon davor?

Sven H. Schillings / 26.08.2016

Einfach klasse! Schöne Lektüre, um in den faktenbefreiten Alltag zu gehen.

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