Zum Geburtstag hat sie sich die Veröffentlichung ihrer Tagebücher von 1980–2021 geschenkt. Sie wollte sie nie herausgeben, hat sich aber zum Glück eines Besseren besonnen. Vor einer Woche habe ich Maron erlebt, als sie bei den Ettersburger Gesprächen, von denen auf diesem Blog schon mehrmals die Rede war, das Buch vorstellte.
Sie kam aus Berlin mit ihrem Hund Bonnie Propeller, dreieinhalb Stunden am Steuer. Kaum ausgestiegen, setzte sie sich mit dem Moderator des Gesprächs hin, um die Veranstaltung vorzubereiten. Im Ergebnis die Erkenntnis, dass sie als Alleinunterhalterin agieren müsste, was dann zutraf. Nach der Veranstaltung, für die sie mit Standing Ovations belohnt wurde, Gespräche mit dem Publikum, Bücher signieren. Dann eine kurze Runde mit dem Hund und danach ein Gespräch in kleiner Runde bis Mitternacht. Alles ohne jede Pause. Ich war es, die am Ende schlappmachte, obwohl ich nur eine Stunde Anfahrt und keine Veranstaltung gehabt hatte.
Der Buchtitel entstammt einem Brief an den DDR-Kulturstaatsminister Klaus Höpcke vom 19. Mai 1982. Maron, deren erstes Buch „Flugasche“ nicht in der DDR erscheinen konnte und die dabei war, auch ihr zweites bei Fischer im Westen erscheinen zu lassen, hatte ein Visum für einen Studienaufenthalt im Westen beantragt. Im September 1981 hatte Höpcke ihr in Aussicht gestellt, sich für so eine Reise einzusetzen. Nun schrieb Maron ihm, dass sie sich seitdem selbst das Klavierspielen beigebracht hat und schon Menuette von Händel spielen kann. Sie fragt, zu welchen Fähigkeiten am Piano sie es noch bringen wird, ehe sie eine Antwort bekommt – immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig.
Wie reist man mit 40 Jahren fast ohne Geld?
Der Moderator, der dem Publikum in Ettersburg verraten hatte, dass er zu den 68ern gehörte, staunte: Wenn er seinem Minister in NRW einen solchen Brief geschrieben hätte, wäre nie eine Antwort gekommen. Maron bekam eine Antwort, wenn auch erst im nächsten Jahr. Bevor wir nostalgisch werden, schiebe ich ein, dass Höpcke Maron öffentlich als zu faul, die von staatlichen Stellen geforderten Korrekturen zu liefern, denunzierte, weshalb „Flugasche“ nicht erscheinen konnte.
1983 durfte Maron für ein Jahr die DDR verlassen und ein ganzes Jahr allein durch Europa und Amerika reisen. Die meisten Aufzeichnungen stammen aus dieser Zeit. Wie reist man mit 40 Jahren fast ohne Geld, immer auf die Hilfe von anderen angewiesen? Keiner kann sich das heute auch nur annähernd vorstellen, auch diejenigen nicht, die es selbst erlebt haben, wie ich.
Paris empfängt Maron im Regen, sie wird mit der Stadt nicht warm. Wenn sie wüsste, dass sie wiederkommen könnte, würde sie das „Experiment abbrechen“ und bei besserer Gelegenheit wiederholen. Aber da sie in die DDR zurückkehren wird, ist das keine Option.
In New York muss sie ihre Unterkunft mit einer ganzen Heerschar von Kakerlaken teilen. Sie kann sich behaupten. Trotz der damit verbundenen Kämpfe entdeckt sie die Freuden des Alleinseins. Einer ihrer New Yorker Bekannten, ein Deutscher, ist noch heute ein Freund. Er hat sich nach seiner Rückkehr im Oderbruch angesiedelt.
Die bekannteste Corona-Rebellin in MeckPom
Interessant ist auch, wie Maron, die nie ein Haus haben wollte, sich mit ihrem Mann doch eine Bruchbude in der Nähe von Stettin kaufte, die sie restauriert hat und heute noch besitzt. Sie genießt in ihrem Bett den Sonnenaufgang über Stettin.
In der Corona-Zeit ordnete die mecklenburgische Landesregierung an, dass alle Zweitwohnungsbesitzer das Land zu verlassen hatten. Es kam zu gruseligen Szenen. Einer meiner Freunde, der eine Wohnung in Ahrenshoop besitzt, musste auf Nebenstraßen heimlich illegal einreisen, um sie für seine Abwesenheit zu präparieren.
Maron weigerte sich, der Ausreiseverfügung zu folgen. Wie einst mit den DDR-Oberen legte sie sich jetzt mit den demokratischen Institutionen an und wurde zur bekanntesten Corona-Rebellin in MeckPom. Maron blieb siegreich.
„Früher saßen Sie am längeren Hebel, jetzt sitzen wir am längeren Hebel“
Kurz vor ihrem 80. Geburtstag bekam sie Ärger mit ihrem Verlag, bei dem sie fast 40 Jahre veröffentlicht hatte. Der Grund war ein Bändchen mit älteren Essays, das sie bei ihrer Freundin Susanne Dagen im Dresdner Buchhaus Loschwitz verlegt hatte. In einem Geburtstagsartikel wurde ihr Name als Autorin des Verlages entfernt. Maron wurde eine erhebliche Minderung ihrer Vorschüsse angekündigt. Die Verlegerin Bublitz: „Früher saßen Sie am längeren Hebel, jetzt sitzen wir am längeren Hebel.“ Der Verlag bestreitet diesen Satz heute, aber Maron hat ihn so gehört.
Der Verlag hatte offensichtlich geplant, Maron für ihr neues Buch einen Vertrag vorzulegen, den sie unmöglich hätte unterschreiben können. Man wäre dann auseinandergegangen, weil Frau Maron zu viel Geld wollte. So sehen die Methoden wegen nicht kompatibler Meinungen heute aus. Es kam zum Skandal, und Maron bekam Hoffmann und Campe, die alle ihre Bücher noch einmal herausbrachten.
Dass eine achtzigjährige Autorin einen neuen Verlag fand, verwundert Maron noch heute. Dabei ist es ein Ausweis ihrer großen literarischen Fähigkeiten, die gerade dabei sind, erst richtig entdeckt zu werden, obwohl das „linke Deutschland“ auf „seinem hohlen Kopf“ steht.
Herzlichen Glückwunsch, Monika! Wir warten schon auf Dein neues Buch!
„Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig. Tagebücher 1980-2021“ von Monika Maron, 2026, Hoffmann und Campe Verlag: Hier bestellbar.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Vera Lengsfelds Blog.
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Es gäbe noch mehr Verlage, die Maron verlegen würden. Aber die sind dann halt alle formal rechts.
Ich kann Ihnen nichts mehr empfehlen, Frau Lengsfeld. Verstecken Sie sich nicht hinter Frau Maron. Der deutsche Buchhandel ist einzigartig. Auch, wenn Nachbarn uns nicht mehr achten, sie können sich an uns erinnern. Ist es nicht so? Lisa ist eine Ausnahme. Die Frau, die den deutschen Buchhandel nicht aus den Angel gehoben hat. Ich hasse Dich liebe Lisa. Einer von uns Zweien wäre auf diesem Kurs gestorben. Was planst Du? Ein Meisterwerk?