Wird ein Politiker gewählt, der auf dem Papier Sachverstand ausstrahlt, freut man sich. So geschehen, als damals in Deutschland der neue Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer gewählt wurde. Es herrschte deshalb Freude, weil dieses Amt vorher von einer grünen Politikerin besetzt worden war, die vor allem die grüne Gentechnik in Deutschland in Grund und Boden gefahren hatte…
Nun, die Freude hat sich inzwischen etwas gelegt; Horst Seehofer hat sich als strammer Katholik entpuppt, der die Meinung vertritt, die Gentechnologen würden in die Schöpfung eingreifen. Das kommt davon, wenn man Kindern in der Schule so was eintrichtert. Was man als Kind eingeimpft kriegt, wird ein erwachsenes Hirn nicht mehr so einfach los. Horst Seehofer ist nicht alleine, die meisten Europäer denken ähnlich. Nur, deswegen hat Deutschland nun ein verheerendes neues Gentechnikrecht erhalten, das auch zu uns überschwappen könnte.
Man muss dies befürchten, da der Bundesrat jetzt sogar eine Verlängerung des Gentechmoratoriums will. Eine plausible Erklärung für den Entscheid wurde aber von den Magistraten nicht geliefert. Anders als in Deutschland hat der Bundesrat wenigstens die Ausrede, keine Sachkompetenz auf diesem Gebiet zu haben. Wer berät also unsere oberste Behörde, wenn sie zum Sololauf antritt? Möglicherweise hat dieses Organ eine innere Stimme, nur, die könnte beeinflusst sein von dem, was man so in der Schule gelernt hat. Womit wir eben wieder beim Glauben an die Schöpfung wären.
Der neuste Seehofer-Coup besteht darin, dass in Deutschland ein neues Label auftauchen wird. Milch, Fleisch und Eier können mit der Aufschrift «ohne Gentechnik» versehen werden. Sogar, wenn im Futtermittel möglicherweise gentechnisch hergestellte Zusätze enthalten sind. Das neue Label ist kein Jux, auch wenn jeder, der einen Café crème ohne Crème bestellt, als Spassvogel gelten würde.
Wir haben uns bereits an einiges im Zusammenhang mit Labels gewöhnt. Steht Bio drauf, soll Bio drin sein. Es wird also wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis in der Schweiz auch überall nicht nur Bio drin ist, sondern auch «ohne Gentechnik» drauf. Das Problem ist, was passiert, wenn irgendwo «mit Gentechnik» draufsteht? Ist dann welche drin? Nein. Es wird nie ein Rüebli geben, in dem Technik drin ist. Natur ist Natur. Zudem weiss man, dass ein gezüchtetes Rüebli wesentlich mehr «genetische Unordnung» enthält als ein gentechnisch verändertes.
Wer allerdings meint, es gäbe einen interstellaren Oberaufpasser, der nicht nur seine Schäflein zählt, sondern auch noch ein Auge auf jedes Gen hat, der soll ruhig weiterhin Gemüse mit einem «ohne etwas drin»-Label kaufen. Das wird bald so normal sein wie eine Eiscreme ohne Rahm. Schliesslich gibt es bereits Autos mit einem Fischchen am Heck, was nicht bedeutet, der Fahrer ist Fischer oder gar ein Fisch. Warum verlangt der Bundesrat nicht, dass von nun an ein Fischchen-label auf unser Gemüse gedruckt wird? Falls nicht gleichzeitig der Preis erhöht wird, hätten wir endlich einmal etwas davon: Wir hätten etwas zum Lachen.
Der Text erschien zuerst in der Berner Zeitung am 14. Juni 2008
