Erik Lommatzsch, Gastautor / 04.06.2021 / 10:00 / 30 / Seite ausdrucken

Mit Kahlschlag gegen den Kahlschlag

Fehlt der öffentlichen Hand Geld – den Umstand sollte man immer als gegeben akzeptieren und nicht blöd nachfragen, wo es denn nur geblieben sein mag –, dann muss besagte Hand ihre Ausgaben reduzieren. Praktiziert werden soll das aktuell an der Martin-Luther-Universität (MLU) Halle.

Der „Fachschaftsrat der Philosophischen Fakultät I“ hat eine Petition in Gang gesetzt, um gegen die massiven Kürzungen zu protestieren. Im Aufruf „Kahlschlag an der MLU verhindern, Fakultäten retten!“ heißt es etwa: Ohne jede wissenschaftliche oder fachliche Begründung sollen die Studiengänge Gräzistik, Latinistik, Indologie, Japanologie, Sprache und Kultur Südasiens, Mittel- und Neulateinische Philologie, Archäologie des Vorderorients, Land- und Umwelttechnik und Landeskulturen und Kulturtechniken sowie das Institut für Altertumswissenschaft und das für Sportwissenschaft für immer geschlossen werden. Es wird unterstrichen, dass die Auswahl der von der Einsparung betroffenen Bereiche sich schlicht an der Umsetzbarkeit orientiert, was bedeutet, dass einfach danach entschieden wurde, wo – unkündbare – Professoren demnächst in den Ruhestand treten, deren Stellen dann eben nicht nachbesetzt werden. Zudem weist die Petition darauf hin, dass es vielfach die „kleinen Fächer” treffe, die gerade deshalb so wertvoll sind, weil sie nur an wenigen Universitäten überhaupt gelehrt werden.

Vom Rektorat wird die Rücknahme der Pläne verlangt. Die Unterschriftensammlung richtet sich gegen das blinde Niedertreten von langjährig gewachsener Kultur, von Tradition, Bildung und Forschung.

Beteiligt an der Mission der Sprachzerstörung

Der Aufruf zeigt aber zugleich, wie stark die Initiatoren bereits Bestandteil derjenigen Ideologie sind, deren Akteure (oder sagen wir lieber Aktivisten?) sich so leicht mit dem Vernichten tun und deren Wirken sie so vehement beklagen.

An den Landtag von Sachsen-Anhalt richtet sich die Forderung, endlich eine stabile und aufgabengerechte Grundfinanzierung für die Hochschulen des Landes sicherzustellen. Angesprochen werden die Landesregierung und die demokratischen Fraktionen. Von den undemokratischen Fraktionen – was das sein soll, könnten möglicherweise Hallenser Politologen klären, selbst wenn, wie in den Kürzungsplänen vorgesehen, die Lehrstühle für Politische Theorie und Regierungslehre zusammengelegt werden – will man es offenbar nicht. Die Liebe zur Wissenschaft hat dann wohl doch Grenzen.

Man appelliert an universitären Senator*innen, spricht von Lehrstuhlinhaber*innen und Forscher:innen. Warum es in der Petition Unterschiede in der Kenntlichmachung einer Stelle gibt, die den Sprecher dazu auffordert, eine Pause zu machen, die an nicht abgeschlossene Verdauungsvorgänge denken und unappetitliche Folgeäußerungen befürchten lässt, erschließt sich nicht. Aber das mögen Quisquilien sein. Wichtiger ist das eifrige Betreiben der Mission der Sprachzerstörung und der entsprechenden intellektuellen Rückentwicklung, die die Anforderungen des klaren Ausdrucksvermögens immer weiter nivelliert. Noch marginaler ist sicher die Frage, auf welche Weise sich aus Senator*innen der (maskuline) Plural Senatoren erschließt. Vielleicht sollte man eine Form wie „Senator*inn*/en“ einführen?

Und von Studierenden ist die Rede. Sind es vielleicht doch eher Studenten, um die es hier geht? Studierender, „d“ kurz vor Schluss, Student, „t“ am Ende? Hat es was damit auf sich? Hat es möglicherweise einen Grund, dass irgendwann einmal zwei verschiedene Worte entstanden sind? Einfach mal Schulwissen reaktivieren oder nachschlagen.

Kleines, hier nicht erstmals aufgebrachtes Gedankenspiel (das ob seiner Tragik hoffentlich auch theoretisch bleibt): Folge eines Verkehrsunfalls kann ein toter Student sein. Aber was bitte ist – abgesehen von barem sprachlichen Unsinn – ein toter Studierender?

Aufrufe gegen kulturellen Kahlschlag sind grundsätzlich zu begrüßen, glaubwürdig allerdings eher von Initiatoren, die sich nicht selbst daran beteiligen.

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Leserpost

netiquette:

Elias Schwarz / 04.06.2021

Aber Politologie, Soziologi und die üblichen Genderlehrgänge wollen sie nicht kürzen?

Alexander Schilling / 04.06.2021

O tempora, o mores! Hätte nicht geglaubt, dass hier so viele bieder-rechtschaffene Taliban anlässlich der Sprengung der Hallenser Buddha-Statuen so zotig applaudieren. Na ja; οἱ πλεῖστοι κακοί.

Petra Wilhelmi / 04.06.2021

Ich bin doch ziemlich geschockt von vielen Kommentaren. Sicherlich benötigen wir nicht en masse ausgebildete Archäologen, Sprachwissenschaftler, die sich mit Altsprachen befassen, die noch die Bibel auf aramäisch lesen können u.ä. Die Abteilungen die geschlossen werden, gehören zum humanistischen Kulturgut. Das wussten die Menschen vor Jahren noch. Universitäten konnten ohne humanistische Fächer keine Universitäten sein. MINT ist wichtig, sehr wichtig, aber die Vernachlässigung der Fächer, die nun ausradiert werden, ist ein Verbrechen an unserer Kultur. Ohne diese Absolventen von diesen Studiengängen, wird es zukünftig keine Dokus mehr geben, die uns die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über unsere Vergangenheit nahe bringen können. Das geschieht heute schon fast nur noch durch englische Dokus. Mir scheint, dass man bei aller Pragmatik auch die humanistischen Studienrichtungen nicht vernachlässigen darf. Ich rede da nicht von Gender, denn solche Fachrichtungen werden nicht abgebaut, sondern massenhaft aufgebaut. Ich rede von unserer Vergangenheit. Wenn wir die vergessen, werden wir auch keine Zukunft mehr haben. Und genau das ist es, was Schwab und Konsorten für uns vorgesehen haben: Eine gesichtslose Masse, die ihre Wurzeln in die Vergangenheit gekappt oder vergessen hat.

Steffen Huebner / 04.06.2021

Im deutschen Kaiserreich, unter Kaiser Wilhelm, gab es um 1900 nur ca. 110.000 Studenten. Zahlreiche naturwissenschaftliche Erfindungen und Patente von bedeutenden internationalen Rang prägten deren weiteren Weg und den weltweite Aufstieg Deutschlands als Wissensstandort und Industriemacht bis in die 70er Jahre. Davon zehren wir noch heute, aber nicht mehr lange - die Abfahrt ist längst eingeläutet, da nützen die heute etwa 2,5 Millionen ( das 25- fache) an Studenten für Irgendwas, was die Menschheit kaum braucht, auch nichts. Fazit: Masse ersetzt eben keine Klasse. Längst wäre eine Kosten- Nutzen- Analyse deutschlandweit erforderlich. Offensichtlich hat man das in Halle erkannt.

Uwe Dippel / 04.06.2021

Ich erlaube mir lebhaften Widerspruch zur Mehrheit der zeitlich vorherigen Kommentatoren. Es wäre mir wichtig, einen tiefen und breiten Graben ziehen zu wollen zwischen den belächelten Fächern, benannt nach einer Pflanzenart (Orchidaceae), und Genderwissenschaften, sofern die ersteren ernsthaft betrieben werden. Die Idee, eine Gesellschaft brauche lediglich MINT-Absolventen zum Gedeihen ist verführerisch, zugegeben, aber falsch. Nichts spricht gegen eine kleine aber feine Indologie, eine ebensolche Sinologie, u.s.w.

Hartwig Dorner / 04.06.2021

Universitäre Institutionen sollten Ihre Korrelationsfabrikation vielleicht überdenken, bevor Ihnen die Verlegung in den Industriesektor dreut.

Heinz Lucht / 04.06.2021

So wie ich das sehe, hat Frau Hark in ihrem Leben noch keinen Tag zur Wertschoepfung in Deutschland beigetragen. IhrTaetigkeit an der Uni ist genauso ueberfluessig und laestig wie ein Furunkel am Achtersteven. Der ganze Genderquatsch, welcher die deutsche Sprache nur noch fuer Gehirnamputierte einigermassen sprechbar macht, sollte nicht dazu dienen, dass die Wertschoepfenden die Palavermaeuler fuerstlich alimentieren. Sollte die Dame keine berufliche Qualifikatiion vorweisen koennen, Putzfrauen werden immer gesucht. Alternativ kann sie sich um den Job der Bundestagsvizepraesidentin bewerben. Hier ist immer ein Plaetzchen an - frueher sagte man Hilfsarbeiter - zu vergeben. Ich bin Vielleser, und ich habe mich vor 25 Jahren entschieden, das Volksverdummungsgeraet abzuschaffen. Sollte ich jemals ein in Gendersprache verfasstes Buch in die Haende bekommen, so werde ich eine OEFFENTLICHE BUCHVERBRENNUNG ZELEBRIEREN. ( Man beachte: Singular )

Sylvia Hegewald / 04.06.2021

Mein Mitleid für demnächst abgewickelte Studienfächer, wie sie im Artikel aufgezählt werden, hält sich in engen Grenzen. Wer braucht so was? Und wieviele davon brauchen wir? Und wofür? Wäre es nicht wichtiger, Jugendliche in Naturwissenschaften und Ingenieurswissenschaften auszubilden? Was ich auf entsprechende Stellenausschreibungen sehe, sind Bewerber aus aller Welt, nur nicht aus Deutschland. Oder bewerben sich unsere einheimischen Absolventen mit gutem Grund alle in den skandinavischen Ländern, der Schweiz und Liechtenstein? Und: Bei mir heißen Studenten auch weiterhin Studenten. Da halte ich es wie Elke Heidenreich: Ich lasse mir unsere Sprache nicht verhunzen.

Stefan Riedel / 04.06.2021

...“auf welche Weise sich aus Senator*innen der (maskuline) Plural Senatoren erschließt. Vielleicht sollte man eine Form wie „/en“ einführen?”... Mein Vorschlag Für Politiker*.... Senator*inn*, *inn*inn,  Jetzt, Senator*inn*inn, *inn*inn*inn*...? Politiker*Annalena. Ach, was Userere Gedärme sind uns Annalena!

Uwe Richard / 04.06.2021

Was in Deutschland fehlt, sind Studiengebühren von einigen tausend Euronen pro Semester, meinethalben gepaart mit staatlichen Krediten, um die Anzahl der Student:Innen ;-) in den Schwafelfächern auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. MfG

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