Jesko Matthes / 05.04.2018 / 12:21 / Foto: Willy Pragher / 14 / Seite ausdrucken

Mit Ernst Elitz auf der Titanic

Nun rudert Ernst Elitz also zurück:

„Wir haben ja nun mal eine demokratische Ordnung, wo die Politik sich bei drängenden Fragen - und sie kann natürlich auch durch solche Petitionen dazu gebracht werden - einen Rat der Weisen oder Sachkundigen beruft. Die dann natürlich von unterschiedlichen Richtungen kommen müssen. Und da können natürlich Vorschläge, wie sie von den Unterzeichnern der Petition gemacht worden sind, eingereicht werden. Aber die Unterzeichner der Petition sind dann nicht die Einzigen, die in einem demokratischen Wesen darüber entscheiden, wer in eine solche Kommission kommt. Das muss man dann natürlich den gewählten Volksvertretern überlassen.“

Halten wir zunächst nur fest: „Natürlich, natürlich, natürlich“! Ernst Elitz ist keiner dieser ach so natürlichen, gewählten Volksvertreter.

Ernst Elitz und ich, wir haben eine kleine Gemeinsamkeit. Keine große. Wir haben beide für den RIAS Berlin gearbeitet. Ich war ein unbedeutendes Lichtlein auf dieser von den USA finanzierten Sahnetorte des Kalten Krieges. Ich saß hinter dem Mikrofon der Jugendwelle RIAS 2. Ich betrieb dort keine Agitation und diskutierte fast nie, ich hatte einfach Spaß im Studio, mit anderen Jugendlichen und mit Leuten wie meinem Chef Matthias Thiel, mit Gregor Rottschalk, Rik de Lisle, Sabine Korsukéwitz, Steffen Simon. Wir berichteten aus Berlin, der damals neben Jerusalem vielleicht spannendsten Stadt der Welt, und spielten dazu die Musik, die wir mochten. Wir machten Radio. Ton ab, wir sind auf Sendung.

Eine freie Stimme der freien Welt

Der RIAS nannte sich „eine freie Stimme der freien Welt“. Zuweilen vernahm man die „Freiheitsglocke“. Ihr sonntägliches Läuten war im RIAS regelmäßig gefolgt vom „Freiheitsgelöbnis“. Es soll noch heute auf Deutschlandradio Kultur zu hören sein und lautet:

„Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen.“

Und da endet meine Gemeinsamkeit mit Ernst Elitz. Sein Fall scheint anders zu liegen. In dem Sender war ich die kleinste Leuchte, noch nicht einmal volljährig. Elitz brachte es später zum hoch dekorierten Gründungsintendanten seiner Nachfolgeanstalt, des Deutschlandradios. Ernst Elitz hat das Bundesverdienstkreuz bekommen. Ich wurde Chirurg, später Hausarzt.

2015 und 2016 habe ich umfangreiche medizinische Hilfe für Flüchtlinge und Migranten geleistet. Eine Weile habe ich überlegt, ob ich die „Erklärung 2018“ mit unterschreiben soll. Dann tat ich es. Ihr Text ist einfach. Er verlangt nichts Abwegiges, Unmenschliches: nur die Achtung, Wiederherstellung und den Schutz des Rechts, der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenwürde für jene, die bereits hier, in dem Land leben, dessen Staatsbürger auch Sie sind und ich. Und Ernst Elitz. Man kann diesen Text ablehnen, man kann und darf ihn kritisieren und diskutieren, das wäre noch nicht einmal sehr schwierig; es ist ja kein „akademischer“ Text. Warum, falls er das wollte, tut Ernst Elitz es dann nicht? Warum provoziert ein so einfacher Text ihn stattdessen zu lauter scheußlichen, polemischen Unsachlichkeiten?

Anti-elitäres Ressentiment?

Wenn ich schon – was soll’s, ich kenne das Spielchen ja – mit gleich mehreren verschieden großen (!) Versionen Alexander Gaulands, mit Pegida, AfD, allen möglichen Sekten und einer „verbitterten“ Vera Lengsfeld in einem Boot sitze… um Himmels Willen, dann wird mir – während ich lachend mit Vera Lengsfeld auf so lesbar gelassene und unverbitterte Leute wie Ernst Elitz anstoße – angst und bange: In welchem Boot sitzt er? In jenem leck geschlagenen Ozeanriesen, dessen Führung nur noch entweder phrasenhafte Stilblüten verbreiten oder gleich giftig, gallig und auf schmutzige Weise persönlich werden kann?

Welches anti-elitäre Ressentiment (lies: welches wirkliche Scheinargument der Ungleichheit) gegen „Doktores“ und Akademiker, treibt ihn – den magister artium, Meister der schönen Künste, den Hochschullehrer – an? Kann er ein paar zehntausend Mausklicks nicht ertragen, hindern sie ihn wirklich an einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit Uwe Tellkamp oder Rüdiger Safranski, die er anzumahnen vorgibt?

So schnittig sieht der angeblich unsinkbare Kahn, in dem Ernst Elitz offenbar der selbst ernannte Bordfunker ist, also nicht aus. Man sieht längst dessen Schieflage. Ich denke, Ernst Elitz weiß das sehr genau. Ansonsten wäre er zu einer Analyse dieser Schieflage fähig, hätte seine „überfällige Debatte“ eröffnet – und nicht stattdessen einfach ein paar angebliche Piraten herausgepickt und verbal kielholen wollen. Es ist ein schlechter Bordfunker, der in Seenot vorgibt, das Überfällige längst zu wissen und… nichts vermeldet, außer, dass ein paar Meuterer es gewagt haben, in ein kleines Rettungsboot zu steigen und von dort aus selber zu funken. – Ach, Ernst Elitz… der RIAS hat auch mal so angefangen.

Das, was er dagegen selbst geschrieben hat, ist kein Text zur Verteidigung der Demokratie, kein Text für „Cicero“. Es ist ein Funkspruch aus dem ächzenden Bauch der „Titanic“.

Foto: Willy Pragher CC BY 3.0 via Wikimedia

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Leserpost

netiquette:

Frank Stricker / 05.04.2018

Ernst Elitz hat sich mit seiner unverschämten Art selber ad absurdum geführt. Er attestiert Vera Lengsfeld im MDR-Interview einen “schrecklichen Lebenslauf”, ja mein Gott war Frau Lengsfeld vielleicht in der Hitler-Jugend oder hat irgendwelche Leute in die Luft gesprengt ?  Nein , Frau Lengsfeld hat im Gegenteil einen ganz beachtlichen Lebenslauf hingelegt, stets geprägt mit Mut unbequeme Themen anzupacken und sich für unsere freiheitliche Demokratie eingesetzt. Basta !!

Wolfgang Lechner / 05.04.2018

Sehr geehrter Herr Matthes, auch ich hatte gezögert zu unterschreiben - ob ich es wagen soll mich öffentlich zu meiner Meinung zu bekennen. Dann hab ich an meinen Opa gedacht, der in der nationalsozialistischen Zeit einiges wegen seiner Geradlinigkeit erleiden mußte. Dann war mir klar:  Ob es etwas bewirkt wenn ich unterschreibe ist ungewiß, gewiß ist, wenn ich nichts tue, dann habe ich zugelassen.

Markus Schmidt / 05.04.2018

Es ist eine typische Herangehensweise unserer “Eliten”. Es wird zunächst nicht über das eigentliche Problem diskutiert, sondern es wird lang und breit darüber gestritten wer sich überhaupt zum Thema äußern darf und wer nicht. Frei nach dem Motto: Wenn der Typ unterschrieben hat, dann unterschreibe ich nicht, auch wenn er dreimal recht hat. Inzwischen ist das Kind in den Brunnen gefallen.

Walter Neumann / 05.04.2018

Ihr macht den Elitz nur unnötig groß. Ist doch eher ein kleines Licht. Gründungsintendant, na gut. War ja nicht seine Idee. Jetzt im Ruhestand ist er bei BILD gelandet. Lasst ihn dort agieren, merkt eh keiner, was er da eigentlich macht.

G. Fimiani / 05.04.2018

Immerhin schüzt der Cicero Herrn Elitz vor so manchem Kommentar, indem die Veröffentlichung unterbleibt.

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