Es fing damit an, dass, bei Winterwetter, die Bahn nicht mehr fuhr. Weil es geschneit hat, und mit Schnee hatte das Transportunternehmen wohl nicht mehr gerechnet. Es hatte seine Planung offensichtlich mit den Prognosen der Klimaforscher abgestimmt und somit die ersten Orangenbäume im Raum Kassel erwartet. Das hätte den dortigen Bahnhof Wilhelmshöhe sicherlich aufgewertet. Er wäre uns nicht mehr feucht und windig erschienen, sondern als eine kühlende Betonoase. Das aber sollte nicht sein.
Das Klima veränderte sich zwar, aber in die andere Richtung, und statt der Erwärmung folgte eine Kältewelle. In den Augen der Berufsapokalyptiker war das nicht weiter ein Problem, statt des Treibhauseffekts hatten wir nun eben eine neue Eiszeit. Soviel Inversion war ihnen durchaus plausibel, und widersprach auch nicht dem akademischen Viertel. Jedenfalls nicht grundsätzlich.
Wie auch immer, nichts ist ewig, und noch weniger bleibt es auf ewig akademisch, auch wenn es zwischendurch so aussehen mag. Auch das gehört zur empirischen Grundausstattung. Erfahrungsgemäß meldet sich irgendwann zumindest ein Vulkan, und sei es in Island. Warum, weiß man bis heute nicht so genau. Jedenfalls war plötzlich Asche in der Luft und im Ergebnis wurde in Europa der Luftraum gesperrt. Das mit der Asche war zwar bloß eine Theorie, die aber am Computersimulator in Großbritannien ebenso aufwändig wie beeindruckend und überzeugend nachgestellt worden war, so dass man der Realität gar nicht erst zu begegnen brauchte. Eines stand ohnehin fest: Kein Wähler sollte zu Schaden kommen, und so stellte man eben den Luftverkehr ein.
Dass das ein Schlag ins Kontor der Wirtschaft war, wo seit eh und je ganze Branchen davon leben, dass Waren hin und her geschleppt werden, von da nach dort, und wieder zurück, um verkauft und verhökert, versilbert und verscherbelt, verschickt und verschifft und wieder verkauft zu werden, war den Experten wie den Politikern vorübergehend aus dem Blickfeld geraten. Sie ersparten uns die eventuellen Folgen der fliegenden Asche um den Preis unserer Zinsguthaben.
Schon lange war nicht mehr so deutlich geworden, dass Politik auf unser aller Kosten gemacht wird. Und zwar von Leuten, die weder etwas davon verstehen, noch eine Vorstellung von den Folgen des von ihnen nicht Verstandenen haben. Die meisten unter ihnen haben vielmehr ein erstaunliches Selbstwertgefühl. Sie denken, dass sie persönlich, aus welchem Grund auch immer, von den Folgen ihrer Beschlüsse ausgenommen seien. Wenn sie von A. nach B. wollen, der Luftraum aber gesperrt ist, nehmen sie den Hubschrauber vom Bereitschaftsdienst. Der fliegt zwar auch nicht. Aber das ist nur offiziell so. Inoffiziell gilt etwas anderes. Die gewöhnliche Umschreibung dafür lautet: Staatsgeheimnis. Auch in der Demokratie.
Das aber nützt in unserem Fall gar nichts. Bleibt das Konto doch am Boden. Auch das des Politikers. Sein Hubschrauber-Trick ändert nichts am Unterschied zwischen Immunität und Kaufkraft. Seit Jahr und Tag bewegt die Politik Unsummen, mal dahin, mal dort hin. Wegen der Krise, mal dieser, mal jener, wurden die Zertifikate hin und her geschoben, als handele es sich um Äpfel aus Neuseeland oder um Birnen aus Oregon, und irgendwann kam es auch zu einem Finanzproblem, weil das Geld, das mal den Äpfeln und mal den Birnen zu folgen hatte, weder den einen noch den anderen rasch genug nachkommen konnte, und so weder den Äpfeln noch den Birnen gerecht werden konnte. Aus dem Finanzproblem ist am Ende eine handfeste Finanzkrise geworden. Im Grunde ist es ein Insolvenzverfahren, in dem sich die Welt und unser Weltbild gleichzeitig befinden
Auch das schockt keinen mehr, geht es doch schon seit Jahren so. Gleich mehrfach waren unsere Aktien nur noch Altpapier, und dann waren sie doch wieder was wert, und wie es morgen damit aussieht, steht in den Sternen, und auch das erstaunt kaum jemand. In Deutschland hatte die Geldvermehrerin Aktie sowieso nie einen besonders guten Ruf. In Deutschland hatte man seine Lebensversicherung. Das klang besser, seriöser. Dass diese ebenfalls auf Aktienhandel beruhen konnte, soll wohl als eine andere Frage betrachtet werden. Man musste es ja nicht gewusst haben. Zumal der Zuschlag nicht Dividende sondern Prämie hieß.
Nein, diesmal ist es ernst. Diesmal sind wir der festen Überzeugung, dass der Euro wackelt. Der Euro, an den anfangs keiner glauben wollte. Er hat in der Zwischenzeit eine erstaunliche Karriere hinter sich gebracht, eine echte Erfolgskarriere. Die beruhte zwar auf Konkurrenzspielen mit den Vereinigten Staaten, und auf viel Psychologie, die wiederum auf allerlei Wunschdenken und Ressentiments zurückging, aber das lag auf der Hand. Kurzum: Wir profitierten, und dass der Höhenflug des Euro kein Fundament hatte, jedenfalls kein solides ökonomisches, beschäftigte uns deshalb nicht weiter. Jetzt aber, wo die Kosten sich bemerkbar machen und auf den Kurs auswirken, beginnen wir umgehend das Lamentieren. Weil die Psychologie sich gewendet hat, so dass wir jetzt nicht mehr von ihr profitieren, haben wir das Vertrauen in den Mechanismus eingebüßt, und in das Instrument gleich mit.
Wieder einmal ist der Abgrund nicht weit, und der Wegweiser zu ihm ist bereits gefunden. Es soll wohl Europa sein. Europa, und die Europa-Idee. Diese Schuldzuweisung aber verschafft der Krise erst die reale Potenz. Das innere Gleichgewicht unserer Kultur beruht auf der Europa- Idee, unsere Außenwirkung ebenso. Wenn wir das Projekt EU fallen lassen, gehen wir, egal wo wir hingehen, hinter die Gegenwart zurück. Wir gehen in eine Vergangenheit, die uns dazu zwingt, die vergangenen Schlachten noch einmal zu schlagen. Zumindest die der letzten zweihundert Jahre. Was Europa heute ausmacht, seine beneidenswerte Errungenschaft, ist eine in der Welt beispiellos Freiheit billigende Gesellschaft. Und das bei einer so krassen Verschiedenartigkeit, die zu verwalten ist, und die wir gerne besänftigend Vielfalt nennen.
Wenn wir so weitermachen, und, wie in den letzten Jahren, den Elefanten regelmäßig zum Floh erklären, werden wir unser Glück verspielen. Tun wir nicht so, als hätten wir nichts zu verlieren. Tun wir nicht so, als könnten wir nichts ändern. Tun wir nicht so, als seien wir in der Hand der Natur. Tun wir nicht so, als sei unsere Untätigkeit irgendwie objektiv bedingt.
Sie ist weitgehend das Ergebnis unserer zunehmenden Feigheit. Navigare necesse est, das Segeln ist notwendig, hat Pompeius gerufen, als er trotz des Sturmes das Schiff auslaufen ließ, an dessen Bord er als erster gegangen war.
Zu den Grundlagen Europas gehörte stets das Wagnis, das Wagnis des Handelns und das des Denkens. Dazu sollten wir zurückkehren, wenn wir die Krisen der Zeit meistern wollen. Ackermann hat sein Victory-Zeichen, die Fuggers aber hatten die Fuggerei.