Fred Viebahn / 12.02.2008 / 22:04 / 0 / Seite ausdrucken

Mit beschränkter Trauer

Am 6. Februar starb im Alter von achtzig Jahren der Schriftsteller, ehemalige Kulturfunktionär, DDR-Bejubler und Denunziant Dieter Noll. Trauer wäre da fehl am Platz; selbst mir, der als Westler nicht unter Typen wie ihm zu leiden hatte, kommt bei der bloßen Erwähnung seines Namens noch heute die Galle hoch.

Nolls Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre veröffentlichter zweibändiger, weitgehend autobiografisch beeinflußter Roman “Die Abenteuer des Werner Holt”, über den Weg eines zunächst kriegsbegeisterten, dann desillusionierten Jugendlichen von der Hitlerdiktatur zum “realen Sozialismus”, gehörte in der DDR zur Pflichtlektüre und ist literarisch gar nicht mal schlecht, wie ich in den letzten Tagen, getrieben von Neugier, nachlesen konnte. Eine Begabung zum wortgewandten Fabulieren ist bei Noll unverkennbar. Schlußfolgerung: Er hat sein künstlerisches Talent vor die bolschewistischen Säue geworfen.

Persönlich kannte ich Dieter Noll zwar nicht, aber hin und wieder gab es über vier Jahrzehnte hinweg merkwürdige Berührungspunkte. Sein Hauptwerk war in den Siebzigern auf meinem Regal am Savignyplatz in West-Berlin gelandet, und ich hatte es, wie das meiste der Überfülle an Literatur, die sich bei mir stapelte, damals lediglich “angeschnüffelt”, um es bald unter den täglich schwellenden Anhäufungen an gedrucktem Papier zu begraben. Dafür, daß ich die beiden Bände überhaupt gekauft hatte, waren zwei Umstände verantwortlich: Einmal der Zwangsumtausch bei Fahrten in den Osten, der sich bei der Rückfahrt über die Mauergrenze irgendwie materialisiert haben mußte (entweder im Magen oder durch “Konsumgüter”, vom Rotkäppchensekt über Hanns Eisler-LPs bis zum letzten Schrott aus linientreuen Federn), und zweitens eine Empfehlung von Nolls DDR-Schriftstellerkollegen Franz Fühmann, dessen vor den Ostbürokraten geheimgehaltenes Westkonto ich verwaltete, bevor ich 1976 nach Amerika ging. (Eine Geschichte für sich.) Fühmann hatte einen ähnlichen Wandel wie Noll erlebt, eine unreine Katharsis vom glühenden Nazisoldaten zum geistigen Handlanger der stalinistischen Bonzen, wenn er sich auch, im Gegensatz zu Noll, in den Siebzigern immer weiter von der Diktatur des Proletariats distanzierte, und er wollte wohl, daß ich als ausdrücklich antikommunistischer westdeutscher Linker die Motive seiner Generation im Osten verstehen lernte, die Anziehungskraft demagogischen Volksgelabers—erst des nationalistischen, dann des kommunistischen—auf sensible Seelen.

Hin und wieder, und zwar wenig schmeichelhaft, fiel damals der Name Noll auch in Alt-Rosenthal, einem Bauerndorf nicht weit von der polnischen Grenze, wo sich zur Ferienzeit und an Wochenenden in mehreren benachbarten Gehöften ein Freundeskreis von gegen das System löckenden Dissidenten intellektuell verschanzte; dazu gehörten vor allem die Schriftsteller Ulrich Plenzdorf, Martin Stade und Klaus Schlesinger sowie Schlesingers Frau, die Balladeuse Bettina Wegner, und der Arzt Stefan Schnitzler, der seinem Vater völlig entfremdete Sohn des berüchtigten Schwarzen Kanal-Schwindlers Karl Eduard von. Mein erster Ausflug nach Alt-Rosenthal erfolgte an einem sonnigen Wochenende in Stefans Trabbi; über dem Geknatter des Zweitakters verfluchte Stefan die ganze Bonzenbande und ihre Arschkriecher. Viele der Namen waren mir Schall und Rauch; deshalb erinnere ich mich umso besser, daß irgendwann auch der Name Noll fiel, dessen Bücher ich in einem der Stapeltürme neben meinem Schreibtisch vermutete. Doch während sich Kulturganoven wie Dieter Noll und Karl-Eduard von Schnitzler selbstgerecht in ihren Privilegien suhlten und ihren inhumanen Pseudohumanismus zelebrierten, zerbrachen wahre Humanisten wie Stefan Schnitzler an ihren Machenschaften; aus Verzweiflung an der scheinbar end- und schrankenlosen Heuchelei der DDR-Apparatschiks beging Stefan in den Achtzigern Selbstmord. Da hatte Dieter Noll längst, sozusagen zwangsläufig, in seinem bösartigen Offenen Brief an Erich Honecker von 1979 mehrere seiner Kollegen als “kaputte Typen” denunziert, die sich mit dem Klassenfeind eingelassen hätten, und damit der Stasi zum Hallali geblasen. Entschuldigt für diese abgrundtiefe Gemeinheit hat er sich nie.

Wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein—die Erinnerung schwankt da auf unsicheren Füßen—aber mir scheint, als sei der Name Noll bereits bei meinem allerersten Treffen mit einem DDR-Autor gefallen, in der Litanei anderer mir zunächst unbekannter Namen von Ostliteraturprominenz. Im Mai 1967 nahm mich Hans Bender, der Redakteur der Literaturzeitschrift “Akzente”, die gerade ein Gedicht von mir veröffentlicht hatte, mit in die Treptower Wohnung des Dichters Günter Kunert und seiner Frau Marianne, wo wir bei Kaffee und Teilchen einen nachmittäglichen Eiertanz um poetische Ästhetik vollführten. Im Nachhinein scheint mir klar, daß dabei den 1948 der SED beigetretenen einstigen Brecht-Schützling Kunert bereits starke Zweifel an “seinem” Staat quälten, die schließlich zehn Jahre vor der Wende, zwischen der Biermann-Ausbürgerung von 1976 und der Nollschen Denunziation von 1979, zu seiner Übersiedlung in den Westen führten. Günter Kunert, stark ein Jahr jünger als Noll, wie Noll Autor des Aufbau-Verlags, war und ist ein Idealist, dessen Ideale sein selbständiges Denken ständig provozieren; Dieter Noll dagegen war zwar vielleicht auch mal irgendwie idealistisch gewesen, jedoch von einem unbedingten, selbstgerechten Idealismus, der gekoppelt war mit dem Aberglauben an die Unfehlbarkeit der kommunistischen Partei—ein Rezept für frühen moralischen Bankrott. (In seinen biografischen Angaben wird gerne darauf hingewiesen, daß seine Mutter “Halbjüdin” war, was offenbar der Sieg Heil-Begeisterung des Teenagers Noll keinen Abbruch tat. Seinem Generationsgenossen Kunert hingegen, Sohn einer jüdischen Mutter, wurde durch die nazistischen Rassegesetze u.a. der Besuch der Oberschule verweigert.)

Eine Ironie jüngster Literaturgeschichte, obwohl bei DDR-Kadereltern nicht ganz ungewöhnlich: Dieter Nolls 1954 geborener Sohn Hans widersetzte sich der Ideologie des Elternhauses, verweigerte den Wehrdienst in der Volksarmee, wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, ging 1984 in den Westen, lebte ein paar Jahre in Rom und wohnt seit 1995, konvertiert zum praktizierenden Juden, als der deutsch schreibende Autor Chaim Noll in Israels Negev. Bis vor kurzem saß er mit mir im Vorstand des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, dem Nachfolger des 1934 in Edinburgh gegründeten Exil-PEN, dessen Präsident seit 2005 Günter Kunert ist.

Und eine weitere Ironie muß ich erwähnen, eine, die zum Schluß sogar doch noch ein gutes Haar an Dieter Noll läßt und mir gleichzeitig Gelegenheit zu einer Buchempfehlung gibt (keine Angst, der Autor heißt nicht Noll): Vor zwei Jahren traf ich bei einer Party in meiner amerikanischen Wahlheimatstadt Charlottesville, Virginia einen Mann namens Joel Agee. Joel sprach fließend deutsch, wir wechselten spielerisch die Sprachen hin und her, kamen vom Hölzchen aufs Stöckchen, und bald dämmerte es mir: Joel Agee hat im Fadenkreuz deutsch-amerikanischer Beziehungen eines der faszinierendsten Schicksale unserer Zeit erlebt.

Geboren wurde er 1940 in New York als Sohn einer jüdischen Mutter aus wohlhabender Familie und des bedeutenden Südstaatenautors James Agee, Verfasser eines der wichtigsten dokumentarliterarischen Werke der Roosevelt-Jahre, “Let Us Now Praise Famous Men”, Drehbuchautor u.a. von “The African Queen” und Pulitzer-Preisträger. Kurz nach Joels Geburt fiel die Ehe auseinander, und die unternehmungslustige Alma Agee reiste mit ihrem Baby nach Mexiko, wo es von europäischen Emigranten aller Couleur nur so wimmelte. Bald verliebte sie sich in einen deutschen Exilanten, den Schriftsteller Bodo Uhse, der nach seinen nationalsozialistischen Anfängen in den Zwanzigern 1930 zur KPD gestoßen war; schnell gefiel er sich als Joels Stiefvater. Zu Kriegsende wurde geheiratet, und 1948 zog die Familie nach Ostberlin, wo Uhse gleich Starstatus besaß und Joel, obgleich weiterhin US-Bürger, unter der SED-Elite aufwuchs. Bodo Uhse zog als SED-Abgeordneter in die Volkskammer ein, wurde Vorsitzender des DDR-Schriftstellerverbandes und gab die kulturpolitische Monatszeitschrift “Aufbau"heraus. Sein Redakteur: Dieter Noll.

“Er hat mit mir Schach gespielt, und ich hab ihn dabei matt gesetzt”, erzählte mir Joel Agee bei der Party in Charlottesville. “Ich war vielleicht zwölf, oder vierzehn. Ich mochte ihn. Er war sehr nett und hatte Geduld. Über Politik sprachen wir kaum.”

Wer eine der faszinierendsten, spannendsten Darstellungen Ostdeutschlands von der SBZ bis kurz vorm Mauerbau lesen möchte, sollte sich Joel Agees Jugenderinnerungen besorgen, auf deutsch in Bibliotheken und antiquarisch erhältlich unter dem Titel “Zwölf Jahre: Eine Jugend in Ostdeutschland”. Hinter dieser subjektiven Wirklichkeit, auf deren brilliante Darstellung Joel Agees leiblicher Vater sicherlich stolz gewesen wäre, hätte er sie noch erlebt, müßte eigentlich die Parteikaderliteratur von Leuten wie Bodo Uhse und Dieter Noll ein- für allemal verbleichen.

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