The camera never lies, sang einst der amerikanische Jazz-Musiker Michael Franks in seinem gleichnamigen Titelsong von 1987
Truth you can't disguise
Just open up your eyes
Cause the camera never lies.
Der Text reflektiert das Lebensgefühl eines Jahrzehnts, das im Rückblick zumindest für Menschen in der westlichen Welt im wahrsten Sinne „wie aus der Zeit gefallen“ erscheint. Der weltbekannte US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama spricht im Hinblick auf jene Jahre von einer High-Trust Society, die im Unterschied zu heutigen Low-Trust Societies ein deutlich höheres Maß an sozialem Zusammenhalt und gesellschaftlichem Wohlbefinden aufweise.
Getragen wurde dieses hohe Maß an kollektivem Vertrauen von insgesamt als funktional erlebten Institutionen, vor allem aber von weitgehend unbestechlich-sachlichen Medien, die einen Journalismus kultivierten, der keine hidden agendas verfolgte, sondern „sagte, was ist“. Pressefotos und Live-Berichte aus Krisenregionen der Welt wurden seinerzeit als glaubwürdige Zeugnisse hochkompetenter Sachwalter eines journalistischen Ehrenkodex wahrgenommen, dessen höchstes Gebot das unbedingte Bemühen um Wahrhaftigkeit war. Solcherart Nachrichten waren wie Stein: hart, überprüfbar, belastbar. Noch heute zehren die Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalten ARD und ZDF von dem in der deutschen Nachkriegszeit erarbeiteten Vertrauen, das sich auch darin spiegelt, dass sich immer noch allabendlich rund 5,5 Mio. Zuschauer am „medialen Lagerfeuer der Nation“ in Gestalt der Tagesschau und immerhin 4,5 Mio. Zuschauer beim ZDF heute journal einfinden.
Diese Zeit des medial grundierten Vertrauens endet jetzt vor unseren Augen – aber nicht mit einem lauten Knall, sondern allenfalls mit einem störenden Knistern in der Datenleitung: Denn die KI hat dem Bild das beigebracht, was ein Text immer schon vermochte: Fiktion und freies Fabulieren.
Ein Vertrauensverlust, der kaum wiedergutzumachen ist
Die verschiedenen Anbieter sogenannter „Künstlicher Intelligenz“ (KI) können nur gute drei Jahre nach der ersten Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022 heute bereits Bilder, Videos und Audiomaterial in einer Brillanz und Qualität erzeugen, die nicht mehr von authentischen Mitschnitten und Aufzeichnungen unterschieden werden kann. Das ist eine epistemische Zeitenwende, deren Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Ein Bild kann nicht länger als Beweismittel dienen, sondern allenfalls als Anlass, einem Thema intensiver nachzugehen.
Dass die Gefahr von medialer Täuschung und Fake News keineswegs nur in dubiosen Social Media-Kanälen zuhause ist, zeigte jüngst der ZDF-Skandal um den Einsatz von KI-Videomaterial: Um die Migrationspolitik des US-Präsidenten Donald Trump zu diskreditieren, zeigte das ZDF heute journal unter Leitung der umstrittenen Redakteurin Dunya Halali frei erfundene, mit einer KI erzeugte „Deportationsszenen“, in denen weinende Frauen und Kinder von mitleidslosen US-Beamten abgeführt wurden. Ironischerweise hatte Dunya Halali in ihrer Anmoderation sogar noch vor KI-erzeugten Fake News gewarnt, um wenige Sekunden später selbst Fake News zu senden. Der vielleicht folgenschwerste deutsche Medienskandal seit Jahrzehnten nimmt seither seinen Lauf.
Die Neue Zürcher Zeitung kommentierte, es handele sich um einen „Relotius-Moment beim ZDF“ und zeichnete nach, wie inzwischen selbst die Belegschaft beim ZDF gegen diese Art der medialen Manipulation und Doppelmoral rebelliere. (Zur Erinnerung: Claas Relotius war ein SPIEGEL-Mitarbeiter, der durch krasse Fälschungen in seinen Reportagen und Artikeln aufgefallen war und schließlich entlassen werden musste). Das Nachrichtenportal Nius.de sprach gar von den „Hitler-Tagebüchern des ZDF“ und spielte damit auf den bis dahin schwersten Medienskandal der deutschen Geschichte an, als 1983 das Hamburger Wochenmagazin STERN vermeintliche Aufzeichnungen letzter Hand von Adolf Hitler auflagenstark veröffentlichte, die sich wenig später ebenfalls als krude Fälschungen herausstellten. Das Ergebnis war und ist stets dasselbe: ein Vertrauensverlust, der kaum je wiedergutzumachen sein würde.
„Bildwahrheit“ ist brüchig geworden
Man kann solche Vorfälle auf verschiedene Weisen deuten: als „Betriebsunfall“, wie es das ZDF momentan versucht, oder aber als Symptom eines nicht mehr reformierbaren Systems des halbstaatlichen deutschen Fernsehens, wie es inzwischen eine große Zahl an Medienkritikern tun. In jedem Fall zeigt sich: Wenn selbst professionelle Medienhäuser, die einen beträchtlichen Teil ihrer Legitimation aus dem Kampf gegen Desinformation beziehen, an KI-generierten Täuschungen scheitern, ist „Bildwahrheit“ als tragfähiges Fundament der ohnehin stets mühsamen Wahrheitsfindung brüchig geworden.
Mich fragte vor einiger Zeit einer unserer jungen Lehramtsanwärter besorgt, wem oder was man im KI-Zeitalter denn überhaupt noch glauben könne, geht es doch auch in Schule und Unterricht immer darum, glaubwürdige, verlässliche Informationsquellen zu finden. Und wie diesem jungen Referendar geht es dieser Tage offenbar vielen Menschen, wenn selbst der Bundestag es für notwendig erachtete, eine Aktuelle Stunde im Parlament zu dieser Frage anzuberaumen. Eine Gesellschaft kann schließlich vieles aushalten, aber sie kann nicht dauerhaft in dem Gefühl leben, eine aus den Fugen geratene Welt nur noch im Blindflug wahrzunehmen. Das „mediale Lagerfeuer“, das Generationen von Deutschen Sicherheit und ein Gefühl von Stabilität vermittelte, droht endgültig zu erlöschen.
Angesichts des vor wenigen Tagen ausgebrochenen Krieges im Iran sind wir einmal mehr auf Berichte und Bilder aus zweiter und dritter Hand angewiesen. „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“, lautet ein bekanntes Bonmot unter Journalisten, denn er war und ist von jeher die Zeit, in der Lüge und Propaganda Hochkonjunktur haben. Einerseits bedienen sich die kriegsführenden Parteien aller Epochen zum Zwecke der psychologischen Kriegsführung der jeweils besten gerade verfügbaren Mittel der Irreführung, andererseits dominieren im Medienbetrieb Zeitdruck und Plattformlogik: Wer zuerst meldet, gewinnt im Buhlen um Aufmerksamkeit. Diese unheilvolle Dynamik droht im Zeitalter der KI noch weiter an Fahrt zu gewinnen.
Das biblische Bilderverbot
Wem oder was kann man also im KI-Zeitalter noch vertrauen? Sicherlich nicht dem einzelnen Bild und nicht jedem Video, sondern zunächst dem Phänomen, von dem Bilder zu zeugen scheinen. Alte journalistische Tugenden, die auch mir als Lehrer nicht fremd sind, bekommen neue Strahlkraft: Bei der Wahrheitsfindung muss wieder das Mehrquellenprinzip gelten, das ein erstes Bild nicht als Beweis, sondern als Anlass begreift, um weiter nachzufragen und Sachverhalte zu erforschen. Naive Institutionengläubigkeit sollte sich damit jedenfalls grundsätzlich erledigt haben.
Aber es gibt einen weiteren Ratschlag, der aus uralter Zeit herüberragt und den wir vielleicht kulturell etwas vernachlässigt haben könnten. Gemeint ist das biblische Bilderverbot: „Du sollst dir kein Bildnis machen...“ (Ex 20,4; Dtn 5,8). Bemerkenswert an diesen beiden biblischen Textstellen ist bereits die Tatsache, dass schon die Bibel dem schon genannten Mehrquellenprinzip folgend aufgebaut ist und fast alle wichtigen Botschaften mehrfach und häufig überarbeitet enthält (Schöpfung, Gebote, Evangelien), ohne jedoch dabei die Erstfassungen zu „canceln“, wie wir Neudeutsch sagen.
Das Bilderverbot ist vor allem deshalb so zeitlos wertvoll, weil es kein Ausdruck bornierter Kunstfeindlichkeit ist, sondern weil es exegetisch betrachtet primär einer Theologie der Nicht-Verfügbarkeit jeder Wahrheit entspringt. Schon das Alte Israel wusste nämlich um den suggestiven Sog, den Bilder und bildähnliche Objekte auf Menschen haben können: Bilder drohen Argumente und bedächtiges Nachdenken einfach zu überrollen. Bilder machen Abstraktes konkret und handhabbar. Das entspricht einem tiefen menschlichen Bedürfnis. Als griffiger Ersatz für nur halbwegs verstandene Zusammenhänge wird das Bild jedoch zum Abgott, zum „Götzen“ oder eben zur „Fake News“.
Eine Epoche, die nicht mehr alles glaubt, was sie sieht
Der biblische Impuls lautet darum auch nicht: „Meidet alle Bilder“, denn die Bibel selbst ist randvoll mit Bildsprache, in der schwer Verständliches, Überweltliches und Ewiges allenfalls annäherungsweise verbalisiert oder eben visualisiert wird, wenn etwa Gott ein „Fels“ (Ps 62), ein „Hirte“ (Ps 23) oder ein „Adler“ (Dtn 32) genannt werden kann. Das biblische Bilderverbot ist somit keine Anti-Bilder-Ideologie, sondern es ist ein Widerhall einer tiefen, sehr berechtigten Skepsis gegenüber der Verwechslung von Darstellung und Wirklichkeit. Das KI-Zeitalter zerstört den naiven Bilderglauben, den Michael Franks einst besang. Seeing no longer means believing.
Das ist unerquicklich, aber heilsam. Die Lektion, die es zu erlernen gilt, lautet aus meiner Sicht nicht, jedem und allem zu misstrauen, sondern methodischen Zweifel walten zu lassen, wie ich ihn in meiner Jugend als eines der wichtigsten Prinzipien auch des akademischen Wissenschaftsbetriebes kennenlernen durfte. Jede Information bedarf einer Verifikation, besser noch: Sie bedarf des Versuchs ihrer Falsifikation, wie uns Karl Popper lehrte. Und eine Epoche, die nicht mehr alles glaubt, was sie sieht, könnte am Ende vielleicht sogar wieder erlernen, dass Wahrheit zu ihrer Erkenntnis Zeit, Demut und manchmal auch Stille benötigt. Sind wir für diese Lektion schon bereit?
Okko Tom Brook ist Lehrer an einem niedersächsischen Gymnasium und schreibt hier unter einem Pseudonym.
Warum ist das Titelbild 16.824 Bit groß? Für das Dargestellte hätte 1 Bit genügt. Was verbirgt sich in den 16.823 anderen?
Macht mich misstrauisch!
Ich reise in meiner Eigenschaft als Musiker durch sehr viele verschiedene Länder. Ich glaube es war das Jahr 2013 als ich mal wieder im Ausland unterwegs war, und wie immer Nachrichten von zu Hause auf meinem Handy anguckte. Dort sah ich ein Bericht im Spiegel Online über Smog in Chinas Hauptstadt Beijing, bebildert mit einem Foto vom Platz des Himmlischen Friedens, auf dem eine riesige Laienwand aufgebaut war, auf der Sie den Sonnenaufgang projiziert haben, weil man ihn sonst nicht mehr sehen könne.
Zufällig war ich selber gerade an dem Tag in Beijing am Platz des Himmlischen Friedens, ging dort spazieren und sah bei leichter Flockenbevölkerung und klarer Luft, dass das was der Spiegel hier erzählt, nicht stimmt. Interessant.
Daraufhin hab ich mich gefragt was eigentlich noch alles durch Bilder verkauft wird, die nicht stimmen.
„Gemeint ist das biblische Bilderverbot: “Du sollst dir kein Bildnis machen…„“ –
Warum hat der Herr Gymnasiallehrer im Verweis auf den Beitrag des „ZDF heute journal unter Leitung der umstrittenen Redakteurin“ ausgerechnet auf ein Video der ♦BILD♦-Redaktion verlinkt?
„30 Tsd. abgeschlachtete iranische Demonstranten“ [des Winters]. Diese Zahl scheint sich erstens alle zwei Wochen zu verdoppeln. Was aber vor allem beschwiegen wird, ist der Umstand, daß mehrere hundert Sicherheitskräfte getötet wurden. So friedlich und vor allem unbewaffnet waren also die Anti-Regierungs-Demonstranten im Iran nicht. Handyvideos zeigen sogar das willkürliche Abknallen eines Autofahrers aus einem neben seinem Wagen aufschließenden Pkw.
Der Kiewer Euro-Maidan von 2014 läßt grüßen; denn auch dort sollen gedungene Georgier oder Tschetschenen von Dächern auf beide Seiten geschossen haben, um die Lage anzustacheln. Sicher war unlängst, daß iranische Demonstranten mit mehreren tausend teuren Starlink-Empfängern ausgestattet worden waren, wozu die Spur nach Israel und in die USA führt. Nur ging der Plan halt nicht auf – genauswowenig wie bislang der „Epische Zorn“.
„The camera never lies?“ Das war noch nie so. Für den Beweis dafür braucht man nur ins Kino zu gehen. Oder sich Propagandafilme aus Diktaturen anzuschauen. Oder die Nachrichten im TV seit hier „genudged“ wird. Was heute anders ist, ist nicht nur die KI, bei der das Volk dann zum ersten mal (hoffentlich) wirklich begreift, dass Beweismaterial per Film/Video gefälscht sein kann, weil es nun als technisch möglich deklariert wird. Nein, das ist nur die halbe Wahrheit. Nur weil ein Reporter ein Bild auf ein Schlachtfeld lenkt und da was filmt, bedeutet das ja nicht, dass die Gründe für das was da auf dem Schlachtfeld passiert, wirklich die sind, die da propagandistisch verbreitet werden. Genau genommen kann man als Reporter nicht mal wissen, ob da wirklich eine „Klinik mit 100 Kindern“ bombardiert worden ist, wie man das so oft aus dem Nahostkonflikt hört. Es sei denn, man geht selbst in die Trümmer und zählt die Körperteile der Kinder. Gelogen wurden in den Geschichtsbüchern und den Nachrichten schon immer. NIcht immer absichtlich. Aber die, die nicht absichtlich lügen, fallen dann auf die Lügen des Militärs rein. In der technikgläubigen Welt von heute bekommt man nun aber die Möglichkeit der Fälschung direkt nach Hause geliefert. Man muss nicht mal mehr ein Schlachtengetümmel inszenieren und die Reporter zum berichten einladen, jetzt kann jeder die Propagandalügen zuhause am eigenen Rechner anfertigen und dann ins soziale Netzwerk hochladen. Und da das jetzt jeder kann und eine ganze Menge Leute schon tun, fallen nun auch beim Durchschnittsbürger die Scheuklappen. Nur weil man was gesehen hat heißt es nicht, dass das was man gesehen hat, auch die Wahrheit ist. Das kann ja auch inszeniert sein. Echt oder nun eben digital. Aber das Problem als solches ist so alt wie die Menschheit. Nur heute kann es eben jeder mit einem Computer vom Bürotisch aus. Und das wird das Netz alsbald so mit Mist fluten, dass keiner mehr irgendwas glauben wird, wo er selbst nicht dabei war.
Wer die Möglichkeit hat französische TV Sender zu empfangen ist weitaus besser unterrichtet als bei ARD oder ZdF. Während deutsche „ Journalisten“ in Istanbul sitzen und Mutmassungen als Informationen verkaufen, haben die Franzosen im Iran, allen betroffenen arabischen Staaten sowie an den Grenzen des Iran zahlreiche Korrespondenten, die sehr sachlich berichten. Heute gerade wieder bei TF 1 eine große Reportage aus dem christlichen Teil von Beirut.
Vielleicht sollte man allgemeiner formulieren: Misstraut mehr. Denn dazu gibt es nicht nur bei Bildern inzwischen jeden Grund.