Es gibt Länder, in denen der Staat reflexartig zuerst fragt: „Geht es den Kindern gut?“ Und es gibt Länder, in denen als erstes gefragt wird: „Wie sieht das nach außen aus?“ In der Türkei unter islamisch-konservativer Regierung hat sich – so sagen es Kritiker – seit Jahren eine Realität verfestigt, in der die Schwächsten nicht automatisch die am besten Geschützten sind, sondern die am leichtesten Überhörten. Es geht irgendwann nicht mehr um Kinderschutz, sondern um Fassadenpflege. Um den äußeren Anstrich von Moral. Um ein religiöses Kostüm, das möglichst makellos wirken soll. Und sobald etwas durchsickert, gilt nicht der Missbrauch als eigentlicher Skandal – sondern das Reden darüber.
Der Fall des Arztes und damaligen Parlamentsabgeordneten Turhan Cömez ist dafür – nach seinen eigenen Schilderungen und nach damaligen Medienberichten – ein Beispiel, an dem sich diese Logik wie unter einem Brennglas zeigt. Er bekommt 2006 einen Hinweis aus einem Waisenhaus in Istanbul. Der stellvertretende Leiter berichtet ihm von Zuständen, die kein rechtsstaatliches System ignorieren dürfte. Cömez reist persönlich an. Er will keine Gerüchte – er will sehen.
Gegen 21 Uhr betritt er das Heim. Er spricht mit der Nachtschicht. Mit den Kindern. Und erfährt – so beschreibt er es später – dass 33 Mädchen im Alter von etwa zwölf bis vierzehn Jahren nachts nicht im Heim sind. Es wird ihm gegenüber erklärt, die Mädchen würden von außen abgeholt und in „Etablissements“ gebracht. Einige kehrten morgens zurück. Andere nicht. Schwangerschaften habe es ebenfalls gegeben – betroffene Mädchen seien verlegt worden. Das alles sind schwerwiegende Vorwürfe. Aber sie wurden öffentlich geäußert – und sie zwingen jeden Staat zur vollständigen Aufklärung.
Cömez dokumentierte, sicherte Unterlagen, sprach mit Verantwortlichen. Am nächsten Tag informierte er – nach eigener Aussage – die zuständige Familienministerin Nimet Çubukçu. Sie soll ihm signalisiert haben, dass man die Situation kenne. Zugleich soll sie ihn dringend gebeten haben, die Sache nicht sofort öffentlich zu machen. Man werde handeln. Kurz darauf wird ein stellvertretender Heimleiter abgelöst. Doch in Teilen der Presse kippt der Ton – nicht die mutmaßlichen Zustände stehen am Pranger, sondern derjenige, der sie öffentlich machen will. Das ist ein bekanntes Muster: Wer den Schein stört, wird zum eigentlichen Problem.
Nicht der Täter wird zum Problem – sondern der, der hinschaut
Nach Darstellung von Turhan Cömez meldet sich anschließend ein Mitarbeiter aus dem Sicherheitsumfeld des damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Erdoğan wolle ihn sprechen. Am Telefon soll er Cömez gefragt haben, wie er es wagen könne, nachts ein Mädchenheim zu betreten. Wenn sich das so zugetragen hat, sagt dieser Satz viel über Prioritäten aus. Denn die erste Frage eines Regierungschefs müsste lauten: „Sind die Kinder in Sicherheit?“ Stattdessen wirkt es – aus Sicht des Whistleblowers – wie ein Reflex zum Schutz der Fassade.
Kurz darauf erreicht Cömez ein weiterer Hilferuf. Ein Arzt aus Izmir berichtet ihm von einem 17 Monate alten Mädchen, bei dem – so der Vorwurf – sexueller Missbrauch stattgefunden haben soll, während dennoch ein Amtsarzt „Unversehrtheit“ attestiert habe. Cömez kontaktiert nach eigenen Angaben den Justizminister und drängt energisch auf Aufklärung. Schließlich wird der Missbrauch offiziell bestätigt. Doch wie es weiterging – bleibt für die Öffentlichkeit unklar. Genau in diesem Nebel entsteht Misstrauen.
Diese Fälle sind dokumentierte Vorwürfe, öffentlich diskutiert und breit berichtet. Und Turhan Cömez sagt heute, dass Minister auf vergleichbare Hinweise kaum noch reagieren würden. Statt Probleme zu lösen, werde – so seine Einschätzung – häufig derjenige bekämpft, der Missstände aufdeckt. Nicht der Täter werde zum Problem – sondern der, der hinschaut. Dann ist Schweigen keine Panne mehr, sondern Kultur.
2016 wird in der Türkei ein weiterer Fall öffentlich: In einem religiösen Schülerheim / Korankurs sollen Dutzende Jungen missbraucht worden sein. Betroffene berichteten von Druck und Schweigezwang. Die damalige Familienministerin Sema Ramazanoğlu wird in diesem Zusammenhang mit dem Satz zitiert: „Von einem Mal passiert schon nichts.“ Ein Satz, der – völlig unabhängig von jeder Auslegung – eine geradezu eisige Lässigkeit gegenüber Opfererfahrungen transportiert.
Viele Kritiker sagen deshalb: Der politische Islam – als Organisations- und Machtstruktur, nicht als privater Glaube – erzeugt Milieus, in denen Loyalität nach innen oft wichtiger ist als Transparenz nach außen. Das „Ansehen der Gemeinschaft“ wird höher bewertet als die lückenlose Wahrheit. Kritik gilt als Verrat. Und das schlimmste „Vergehen“ ist nicht der Missbrauch – sondern der Kontrollverlust über die Geschichte. Kinder jedoch passen in ein solches System nur dann, wenn sie schweigen.
Und mitten darin Kinder – die keine Sprecher, keine Kanzleien, keine Lobby haben
Und wer jetzt glaubt, dies sei ein fernes Phänomen, irrt nach Ansicht vieler Beobachter. Auch in Deutschland existieren seit Jahren Strukturen des politischen Islams, organisiert in Verbänden und Vereinen, teilweise mit Auslandsanbindung, teilweise politisch hofiert. Wieder gilt: Nicht der Glaube einzelner Muslime ist gemeint – der verdient Achtung. Aber dort, wo sich politische, hierarchische Organisationsformen etablieren, sehen Kritiker dieselben Mechanismen: Loyalität statt Transparenz, Abschottung statt Kontrolle, Empörung über Kritik statt Empörung über Missstände. Behörden und Politik klammern sich an die Hoffnung, man könne alles über „Dialog“ regulieren – und übersehen dabei, dass Schweigen in solchen Systemen oft strukturell eingebaut ist.
Es ist eines, wenn ein Staat überfordert ist. Das ist menschlich. Es ist etwas völlig anderes, wenn ein Staat diejenigen bekämpft, die Überforderung sichtbar machen. Wenn der Bote zur Gefahr erklärt wird. Dann ist Versagen kein Unfall mehr – sondern Methode. Dann wird Schweigen Regierungsstil. Dann gilt: Das Image ist wichtiger als die Wahrheit. Die Macht wichtiger als die Unschuld.
Und mitten darin stehen Kinder – die keine Sprecher, keine Kanzleien, keine Lobby haben. Die nur eines brauchen: Schutz. Doch in Systemen, die mehr Angst vor der Wahrheit haben als vor dem Unrecht, sind Kinder vor allem deshalb gefährlich, weil sie reden könnten.
In einer gesunden Gesellschaft wäre Turhan Cömez – so sehen es viele – jemand, dem man dankt, weil er hinschaut. Stattdessen wurde er politisch angegriffen. Und so bleibt eine Frage, die so schlicht wie vernichtend ist: Wie viele Kinder mussten und müssen leiden – nur damit eine Fassade nicht reißt? Solange das Schweigen mächtiger ist als die Wahrheit, ist nicht nur der Missbrauch der Skandal – sondern der Staat, der ihn nicht sehen will.
Beitragsbild: Juraj Patekar - Istanbul panorama, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

@ Th. Gerbert – „Das sei angeblich alles eine westlich geprägte, rassistische Diskussion, die die Täter stigmatisieren würde.“ Nach gelegentlich aufkommenden „Äußerungen“ von hiesigen Ärzten ist die Genitalverstümmelung im Zuge der „Migration“ auch nach EUropa eingewandert, interessiert hier aber keinen. Und der Hinweis dazu wird von den Migrationsbefürwortern als „rassistische Verleumdung“ abgetan, in die selbe „Ecke“ ignoriert wie die eingewanderte Kinderehe, die faktisch sexuellen Mißbrauch und ggf. „mehr“ bedeutet. Und was auf den üblichen „Urlaubsreisen zur Familie“ der Mihigrus mit deren mitreisendem Nachwuchs „angestellt“ wird, juckt hier auch niemanden. Hoch leben die 3 Affen. Das ist dann auch freiheitlich demokratische Grundordnung und Zivilisation.
Offenbar ist „Rotherham“ überall, das komplette Programm von Mißbrauch bis zur vollendeten Behördenvertuschung. Und dann noch das Wegsperren Derjenigen, die sich nicht dran halten, n i c h t drüber zu sprechen. Und das „Volk“ wird mit diversen anderen Themen beschäftigt, glaubt im übrigen dem „Knochen“ Verschwörungstheorie und fragt a) nicht nach den Opfern, b) nicht nach dem System drumherum, c) ignoriert und spielt weiter wie gehabt, statt massiv zu „moppern“.
Nicht nur, aber doch sehr markant hat man bei dem Moslems den größten Widerspruch zwischen angeblicher hoher Moral und den tiefsten Abgründen der Kinder- und Frauenschändung. Verwarloste und verkommenen sog. „männliche“ Gestalten. Für mich keine neue Erkenntnis.
Wir leben in einem Zustand fortschreitender Rechtlosigkeit. Die Zeichen des Verfalls waren schon lange zu sehen, aber wollte sie nicht sehen und ist ihnen nicht entgegen getreten. Zudem beruft man sich immer wieder auf das, worauf man sich nicht berufen sollte, weil das verlockend ist, weil man denkt, es ist nützlich. So wachsen die Sünden bis an den Himmel und der Untergang schließlich da ist.
Das betrifft nicht nur die Türkei, das betrifft gerader Europa, denn hier sind die Grundlagen für den Verfall gelegt worden.
@ kai marchfeld Sie können die Bibel genauso mißbrauchen. Ich erspare mal hier die Peinlichkeit von Zitaten.
@ Th. Gerbert Nicht nur afrikanischen Mädchen. Die Genitalverstümmelung junger Afrikaner ist ebenso schlimm. Gehen Sie mal dem Begriff Ulwaluko nach.
Sind schon irgendwo die Bremsen eines KfZ in der Kurve ausgefallen? Beliebte türkische Methode.
„Nicht der Täter wird zum Problem – sondern der, der hinschaut“ Das scheint in sämtlichen NATO, G5 Geheimdienst Staaten das GLEICHE zu sein. Das alte System explodiert dank Öffentlichkeit, Internet, selbst der „Club de Bern“ musste bzw. ist aus der Schweiz geflüchtet. Exakt aus diesem Grund wird alles daran gesetzt dass das Internet restlos unter Strafandrohung zensiert werden kann. Das Gedankenverbrechen wie im Mittelalter diesmal mit Bademantel.
Amtsärzte kommen aus der staatlich-politischen Medizin Mafia Branche. Bsp. Mollath oder die „Paranoia-Affäre“ bei den hessischen Steuerfahnder Rudolf Schmenger, Marco Wehner sowie die Eheleute Heiko und Tina Feser. Oder aktueller Skandal Schweizer Oberst Jacques Baud, Bayern mal wieder mit dem unfassbaren Skandal „Der Fall Axel Fischer“. Es geht weiter mit diesem unsäglichen Google Amtsarzt „Taleb bin Jawad bin Hussein al-Abdulmohsen“. Die Plandemie wird noch aufgeklärt.
Passende Sprüche von Deschner „Aufklärung ist Ärgernis, wer die Welt erhellt, macht ihren Dreck deutlicher.“ , „Recht ist der Fortschritt des Faustrechts in Paragraphen, die Maske der Gewalt eine Prozedur, bei der die Willkür als Kür auftritt.“ Wird der Teufel alt, will er in den Himmel, so meine Feststellung über Politiker, Richter die in Pension gehen.
@ Lutz Liebezeit: Es ist zwar schön, dass sie zu einfach allem eine Meinung haben. Aber ab und an könnten Sie doch überlegen, ob Sie etwas zum Thema wissen und beitragen können. Zum Wohle aller, einschließlich Ihres eigenen.