Gastautor / 14.03.2016 / 11:30 / Foto: Nevit Dilmen / 0 / Seite ausdrucken

Miss Energiewende: Teurer Strom, billige Ausreden

Von Thilo Spahl

Claudia Kemfert, die Miss Energiewende des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, erklärt uns die Welt, wie sie ihr gefällt.

Den meisten Menschen ist es nicht entgangen, dass Strom immer teurer wird. Die von allen Stromkunden zu zahlende EEG-Umlage beträgt inzwischen 6,35 Ct pro Kilowattstunde. In 2015 sind rund 22 Milliarden Euro zusammen gekommen. Die bezahlen wir, um die Differenz zwischen dem, was den Erzeugern von Erneuerbaren Energien als feste Vergütung ausgezahlt wird, und dem, was der Strom an der Strombörse tatsächlich bringt, auszugleichen. Weitere Milliarden kostet der notwendige Ausbau der Netze. Verteilen wir die 22 Milliarden auf 82 Millionen Einwohner, kommen wir auf rund 268 Euro pro Kopf und Jahr. "Es bleibt dabei, dass die Förderung erneuerbarer Energien einen durchschnittlichen Haushalt nur rund 1 Euro im Monat kostet - so viel wie eine Kugel Eis", hatte Jürgen Trittin 2004 versprochen.

Prof. Dr. Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, bezieht im DIW WOCHENBERICHT NR. 3/2016 Stellung zur Frage der Energiekosten. Frau Kempfert gibt zwar zu, dass wir ordentlich bezahlen. Die Ökonomin beruhigt unser aber. In Wirklichkeit seien das gar keine Kosten:

„Was die Gespensterdebatte um angebliche Kosten und Strompreise vornehmlich verschweigt: Bei den genannten 24 Milliarden Euro handelt es sich nicht um Kosten im klassischen Sinne, sondern um Investitionen, die in der deutschen Volkswirtschaft Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffen.“

Wie sollen wir das verstehen? Wenn man mit Windrädern und Solarzellen Strom erzeugt, entsteht Wertschöpfung. Wenn man den Strom mit Kohle oder Gas erzeugt aber nicht? Um ein Windrad zu bauen, braucht man Arbeiter. Um ein Atomkraftwerk zu bauen aber nicht? Wer durch diese stringente Argumentation noch nicht überzeugt ist, dem bietet sie auch echte Einsparungen:

„Durch die Energiewende werden weniger fossile Energien importiert, dies hat die Energiekosten im letzten Jahr um circa 15 Milliarden Euro gesenkt.“

Das ist schön. Es ist so, wie wenn ich beim Bäcker für 15 Euro Kuchen kaufe und mich dann freue, dass ich drei Euro fürs Brot gespart habe.Aber es ist noch mehr drin:

„Wenn man auf konsequentes Energiesparen setzen würde, würden sich die „Kosten“ der Energiewende schlagartig um weitere Milliarden vermindern.“

Will meinen: Wenn ich mein Elektroauto stehen lasse und zu Fuß gehe, verbrauche ich nicht nur keinen Strom, sondern ich senke auch noch „schlagartig“ die Kosten (oder Investitionen?) der Energiewende. Oder anders: Was fällt dem Bürger ein, sich über den Strompreis zu beklagen! Er bräuchte doch einfach nur den Stecker aus der Steckdose zu ziehen und schon würde der Strompreis überhaupt keine Rolle mehr spielen. Dann noch ein Spitzengedanke: Der niedrige Ölpreis sei schuld. Denn er bremse die Energiewende. Und:

„Je länger wir sie verschieben, desto teurer wird es tatsächlich.“

Wie meint sie das? Hätten wir vor 15 Jahren schon alles mit Solarzellen bedeckt, hätten wir die Energiewende wahrscheinlich zum Nulltarif bekommen? Am Ende ihres kurzen Textes steht die Erkenntnis, dass die Energiewende nicht teuer ist, aber doch teuer ist. Unlogisch? Egal:

„Nicht die Energiewende an sich ist teuer, sondern eine hysterische Kosten-Strompreis-Debatte macht sie teuer.“

Heißt übersetzt: Frau Kemfert ist sauer wegen der Debatte. Zur Verteidigung des DIW muss man sagen, dass es diese Ausführungen mit dem Zusatz „Der Beitrag gibt die Meinung der Autorin wieder“ versehen hat. Schlauer wäre es gewesen, den Unsinn erst gar nicht abzudrucken.

Klagt man über steigende Strompreise, wird gerne auf die Profite der Energieversorger verwiesen und zum Anbieterwechsel geraten. Auch Frau Kemfert ist offenbar der Meinung, dass die Rechnung so hoch ist, weil die Stromversorger uns abzocken. Sie schreibt:

„Die Strom-Börsenpreise, die immerhin ein Fünftel des Endkundenpreises ausmachen, sind sehr niedrig, sie werden jedoch nur selten an die Stromkunden weitergegeben.“

Die eigentlich interessante Information in diesem Satz besteht darin, dass die Stromanbieter eben nur sehr wenig Spielraum haben, den Preis zu senken. Denn wenn der Preis für das eigentliche Produkt, den Strom, nur ein Fünftel dessen ausmacht, was wir Kunden bezahlen, heißt das, dass vier Fünftel woanders herkommen. Woher? Gut 75 Prozent des Strompreises machen Umlage, Abgaben, Steuern und Netzentgelte aus. Das restliche Viertel Stromerzeugung und Handel. Die Versorger haben also nur einen recht kleinen Einfluss auf den Preis. Deshalb nutzt mir als Endkunde ein Anbieterwechsel nur im Einzelfall. Wenn alle Kunden in billigere Tarife wechselten, würde dadurch der Strom insgesamt nicht billiger und der Billigtarif müsste schnell nach oben angepasst werden.

Sie kostet also einen Haufen Geld, die Energiewende. Aber ist sie nicht auch erfolgreich? Stolz wird verkündet, dass in 2015 30,1% des deutschen Stroms aus erneuerbaren Quellen gekommen sind. Das klingt nach einer ganzen Menge, ist aber bei näherer Betrachtung eher bescheiden. Lassen wir einmal die Wasserkraft weg, weil es die auch schon vor der Energiewende gegeben hat. Und die Stromerzeugung aus Biomasse, weil die CO2-Bilanz da nicht besonders gut aussieht. Dann bleiben 13,5 Prozent Windstrom und 5,9 Prozent Solarstrom. Man könnte glauben, so sei doch zumindest schon fast ein Fünftel unseres Energieverbrauchs klimafreundlich (plus die 14% aus Kernenergie, die aber bekanntlich in den nächsten Jahren wegfallen sollen). Leider ist dem nicht so. Denn Strom macht nur 20% des Endenergieverbrauchs aus. 50% entfallen auf Prozess- und Raumwärme und etwa 30% auf Kraftstoffe. Die riesigen Summen, die wir für die Energiewende im Stromsektor ausgeben, reichen also gerade einmal, um etwa 4% unseres Energieverbrauchs aus Erneuerbaren zu bestreiten. Grund genug, den eingeschlagenen Weg zu überdenken.

Thilo Spahl ist Ressortleiter Wissenschaft bei NovoArgumente wo dieser Beitrag zuerst erschien. Siehe hier.

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