Vera Lengsfeld / 05.01.2015 / 15:31 / 23 / Seite ausdrucken

Mir reicht´s!

„Jeder Bürger der DDR hat das Recht, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern!“ mit diesem Satz, dem Beginn von Artikel 27 der Verfassung der DDR bin ich 1988 auf die Straße gegangen und die Strafe folgte auf dem Fuß.

Mit einer Pressekampagne, wie sie selbst für die Honecker – Medien selten war, wurden meine Mitdemonstranten und ich beschimpft, geschmäht, für dumm, unzurechnungsfähig, ja reif für die Psychiatrie erklärt, während wir schon im Stasiknast Hohenschönhausen einsaßen.

Angeklagt wurde ich wegen „Rowdytums“, ein Paragraph im Strafgesetzbuch, nach dem die Neonazis der DDR verurteilt wurden, die mit Fahrradketten auf Besucher von Punkkonzerten in der Kirche eingeschlagen hatten, oder sich wegen Schändung jüdischer Friedhöfe verantworten mussten. Damit sollte suggeriert werden, ich hätte mich mit Neonazis gemein gemacht.

Es ist nur Bischof Forck zu verdanken, der sich Zutritt zu meinem Prozess verschaffte, dass diese absurde Anklage mitten im Prozess fallengelassen und auf „versuchte Zusammenrottung“ geändert wurde.

Ich hatte den SED- Staat provoziert, indem ich ausgelassen hatte, dass die Meinungsfreiheit nur „im Rahmen dieser Verfassung“, d.h. im von der SED vorgegebenen Rahmen gewährt wurde.

Wie anders unser Grundgesetz, Artikel 5, Absatz 1:  „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Diese verfassungsmäßige freie Meinungsäußerung gilt für alle, auch für Meinungen, die andere für falsch, unbegründet oder sogar idiotisch halten. Man kann sich jederzeit mit besseren Argumenten mit Meinungen, die man nicht teilt, oder sogar für gefährlich hält, auseinandersetzen.

Was nicht geht, ist, dass Meinungsjacobiner festlegen, was gesagt und was nicht gesagt werden darf. Genau diese Situation haben wir aber in den letzten Wochen verstärkt erfahren.

Die allgemeine Hysterie und die rabiaten Verunglimpfungen, ja Ehrverletzungen von Andersdenkenden, haben jetzt leider auch die Achse erreicht.

Der vorläufige Höhepunkt ist eine Tirade von Joachim Steinhöfel über „hirnlose Kleinbürger“. Es folgt eine willkürliche Aufzählung von Forderungen der Legida, des Leipziger Ablegers von Pegida.

Wenn ich mir diese unkommentierte Aufzählung anschaue, gehöre ich zu den hirnlosen Kleinbürgern, denn ich habe kurz nach der Vereinigung ein Verfassungsreferendum unterstützt und wollte, wie viele andere Bürgerrechtler auch, dass sich das vereinigte Deutschland eine Verfassung gibt. Selbst wenn „nur“ das Grundgesetz durch eine Volksabstimmung bestätigt worden wäre, hätte das allen, die bis heute von „Anschluss“ reden, den Wind aus den Segeln genommen.

Ich plädiere, wie Legida, für ein Einwanderungsgesetz. Ich sehe darin die einzige Möglichkeit, die Einwanderung in geregelte Bahnen zu lenken und vor allem den Menschen, die zu uns kommen, Rechtssicherheit zu geben. Hirnlos?

Ich bin für eine Reform des Steuerrechts, für eine Reform des Bildungssystems und zwar eine, die den Zugriff der Politik auf die Bildung beschränkt.

Ich bin für Volksentscheide auf allen Ebenen. Ich bin für die Bewahrung unserer Kultur. Ich bin, wie Bassam Tibi, für eine Leitkultur.

Ich bin für die Stärkung der Polizei, vor allem, dass ihr wieder der für ein Verfassungsorgan nötige Respekt gezollt wird und erwarte im Gegenzug, dass sie sich konsequent unparteiisch verhält.

Ich habe mich in der Vergangenheit auch für die Direktwahl des Bundespräsidenten stark gemacht. Ich finde die Direktwahl von Richtern und Staatsanwälten eine nachdenkenswerte Idee.

Ich bin für ein Europa der Vaterländer (oh, verflixt, diese politisch-unkorrekte Wortwahl- also: Mutterstaatinnen!) und für eine Volksabstimmung über die EU- Verfassung. Alles Positionen von Legida, wie man nachlesen kann.

Andere Forderungen finde ich eher abstrus, wie die Überprüfung der „Sinnhaftigkeit“ der Nato. Aber Nato- Gegnerschaft findet man in linken und grünen Programmen, bei Politikern aller Parteien und bei Journalisten.

Man findet Putin- Bewunderer in allen Parteien und unter den Journalisten, Altkanzler Schröder für die SPD an der Spitze. Gegner des Freihandelsabkommens ebenfalls überall.

Insgesamt ist das Legida- Papier ein Mix aus fast allen in der Gesellschaft vertretenen Positionen. Nach Steinhöfel wären wir damit eine Nation der hirnlosen Kleinbürger.

Dieses verbale Fallbeil hilft nicht weiter. Es dient nur dazu, die Fronten zu verhärten und die dringend notwendige Lösung der Probleme zu verhindern.

Wir brauchen Problemlösungen, um eine Eskalation zu vermeiden. Wir brauchen Diskussionen, offenen Austausch von Argumenten, die das Denken befördern, statt es mit Beschimpfungen zu unterbinden.

Dem Meinungsjacobiner sage ich: Geben sie Meinungsfreiheit, Sire!

Und wem seine Leser nicht passen, der suche sich eben andere. Vielleicht auf der Achse des Besseren?

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Wolfram Angermann / 05.01.2015

Artus lädt zur Tafelrunde, so rund so groß, damit sich die Kontrahenten nicht mit Ihren mitgebrachten Schwertern erreichen können! Tischler aller Bundesländer vereinigt euch, denn die Herstellung dieses so großen runden Tisches wird eine Herkulesaufgabe werden! Nur die Tagesordnungspunkte würde ich ein wenig eindampfen, damit auch noch Zeit für die Chemtrailjünger der Aluhutfraktion bleibt. Ob Gates damals ahnte, an welcher Bombe er in seiner Garage bastelte und wie es die Welt verändern wird? Möge bei uns die Waffe das Wort bleiben! Mögen die besseren Argumente obsiegen!

Dirk Ahlbrecht / 05.01.2015

Sie ganz persönlich, liebe Frau Lengsfeld, haben doch bereits einmal dazu beigetragen, nämlich das ein Unrechtsregime das Zeitliche segnen musste. Deutschland ist zwar zweifelsohne nicht die DDR; aber die Meinungsfreiheit hierzulande ist, wie soll man es sagen, irgendwie auf den Hund gekommen. Das es diesbezüglich “room for improvement” gibt, ist wahrlich nicht zu bestreiten. Es gehört zur Meinungsfreiheit allerdings auch dazu den größten Unsinn zu erzählen; so wie wir es bezgl. PEGIDA und deren bundesweiten Ablegern dieser Tage leider sehr häufig erleben. Bleiben wir dennoch gelassen: Am Ende wird sich das Recht, die Wahrheit und der Wille des Volkes durchsetzen. Daran habe ich überhaupt keinen Zweifel. Da kann beispielsweise Frau Merkel erzählen was sie will.

Matthias Mohr / 05.01.2015

Danke, Frau Lengsfeld! Gute Kommentar. Habe versucht, in einem Kommentar auch dem Herrn Grau nahezubringen, dass der Vortrag über “liberale” etwas abgehoben wirkt. Auch Leute, die sich selbst als (Gross-)Intellektuelle sehen, sollten andere respektieren. Die bei PEGIDA .... usw. formulierten Gedanken sind vielleicht einfach, falsch aber dadurch noch nicht - und Wirrkoepfe, wie Sie in Ihrer Aufstellung zeigen, gibt es überall. Liberal ist (gerade!) auch, anderen zuzuhören und Unterschiede auszuhalten - & mit Argumenten Sachthemen klarstellen. Halten Sie bitte Kurs in 2015! Ihnen alles Gute, Glück und Gesundheit, Gruss aus Chile, Matthias Mohr

Maria Leuschner / 05.01.2015

Danke und nochmals Danke, Frau Lengsfeld! Bis in die Familien hinein wuchert der hässliche Pilz der Anti-Pegida-Front. Ich kenne einige Leute, die sich als “aufrecht” bezeichnen und einen dermaßen aggressiven Hass auf Pegida-Anhänger kund tun, dass ich nur erschrecken kann.Ich habe hier an anderer Stelle bereits geschrieben, dass ich Akademiker, nicht wenige an Zahl, kenne, die die schwindende Demokratie konstatieren und aus diesem Grunde sich an den Pegida-Demos beteiligen. Es ist mir schleierhaft, welch Autorenschaft in der Achse bemüht wird, um zu diffamieren und zu dämonisieren.

Guido Franz / 05.01.2015

Frau Lengsfeld, sind Sie in der Lage auch noch ein Kommentar zu aktuellen Themen abzugeben ohne immer die olle DDR aus dem Hut zu ziehen ? Oder ist Ihnen ein Fall bekannt wo ein Pegida Anhänger aufgrund der Teilnahme an dem Marsch festgenommen wurde ? Bitte um Info .

Doderich von Schwarzen / 05.01.2015

Die “Jakobiner”, also der zuerst extremste Auswuchs der französischen Revolution (später erwuchs aus diesen “Jakobinern” die noch radikalere “Bergpartei” Robespierres) traf sich in den namensgebenden Anlagen des Dominikanerklosters in der Rue Saint-Jacques…später dann traf sich das revolutionäre Komitee in der Église Saint-Jacques-de-la-Boucherie, die witzigerweise im Mittelalter die Innungskirche der Schlachter gewesen war (ein weiterer Treppenwitz der Geschichte….). Zum Dank dafür wurde sie 1797 dann abgerissen und nur der Turm, auf dem Blaise Pascal 1648 seine berühmten Luftdruck-Messungen durchgeführt hatte, blieb verschont - heute Weltkulturerbe und eine der Sehenswürdigkeiten von Paris… Die Bezeichnung “Jakobiner” für all diejenigen, denen es nicht um eine Diskussion geht, sondern nur um die Vernichtung anderer Sichtweisen, ist gut gewählt, denn diese Menschen befinden sich selbstgewählt (wie damals die Jakobiner) in der Tradition der Inquisition, der Anti-Aufklärung und des Totalitarismus. Mir stellt sich die Frage, welche Kulturgüter von DIESEN Jakobinern eingerissen werden werden… Danke Frau Lengsfeld für Ihren Artikel!

Wolfgang Herok / 05.01.2015

Niemand verbietet den Leuten von Pegida, Bogida, Hogesa, Legida .... und wie sie alle heissen, ihre Meinung zu äussern. Es sollte sich aber bitte niemand wundern, oder gar empören (“mir reichts”) wenn massiv Gegenmeinungen geäussert werden.

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