Die Familienministerin Franzi Giffey wurde gerade der Gnade der späten Geburt teilhaftig. Trotz diverser Plagiate in ihrer Dissertation zum Dr. rer pol. an der Freien Universität Berlin („Europas Weg zum Bürger - Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft“) will sie das Amt einer Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend behalten. Zudem hat sie angekündigt, an ihrer Kandidatur für den SPD-Vorsitz im Lande Berlin beim digitalen Parteitag Ende November festzuhalten. Zwar gibt es weiter Rücktrittsforderungen gegen sie, doch dass Angela Merkel sie fallen lässt wie einst den Minister Guttenberg (sehr gerne) oder die Ministerin Schavan (ungerne), darf als wenig wahrscheinlich gelten. Eine Kabinettsumbildung mitten in der Corona-Krise und nur ein Jahr vor der Bundestagwahl dürfte der Kanzlerin ungelegen kommen.
Die Ministerin ohne Titel Franziska Giffey erfreut sich des glücklichen Umstandes, dass sie nur eine mutmaßliche Plagiatorin in einer mittlerweile stattlichen Reihe von Politikern ist, die sich den Doktortitel auf mehr oder weniger dreiste Weise erschummelt haben. Das Volk hat sich an solcherlei Eskapaden längst gewöhnt und nimmt nur noch Schulter zuckend zur Kenntnis, dass der begehrte und einst so klangvolle und Respekt gebietende Doktortitel analog zu den inflationären Fachhoch- und Junior-Professorentitel zu akademischer Ramschware verkommen ist.
Nach Karl-Theodor zu Guttenberg, der im März 2011 im Zuge einer die ganze Republik, ja die ganze Welt bewegenden Staatsaffäre von allen Ämtern zurücktrat und keine Anstalten macht, jemals in die Politik zurückkehren zu wollen, gerieten die FDP-Politiker Silvana Koch-Mehrin, Jorgo Chatzimarkakis und Margharita Mathiopoulos ins Visier digitaler Plagiatswächter. Die prominenteste unter ihnen, Koch-Mehrin, trat zwar Vizepräsidentin des Europaparlaments zurück, behielt aber ihr bis 2014 laufendes Mandat.
Austragsposten als Botschafterin am Heiligen Stuhl
Auch Annette Schavan wurde 2013 von der Universität Düsseldorf wegen systematischer Täuschungen in ihrer Dissertation („Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“) aus dem Jahre 1980 der Doktortitel aberkannt, was für die damalige Bundeswissenschaftsministerin und Honorarprofessorin der FU Berlin natürlich besonders peinlich war. Doch das hinderte die Kanzlerin nicht daran, ihrer Duzfreundin einen Austragsposten als Botschafterin am Heiligen Stuhl zu verschaffen, obwohl Schavan die „Eingangsvoraussetzungen für den höheren Auswärtigen Dienst“ fehlen. Sie versah das schöne Amt in der Ewigen Stadt bis 2018. Eine andere Merkel-Vertraute, Ursula von der Leyen, brachte es trotz in erheblichen Teilen abgekupferter Dissertation zur EU-Kommissarin. Ihren akademischen Titel konnte sie behalten.
Für Karl-Theodor zu Guttenberg, den einstigen Bundeswirtschafts-, dann Bundesverteidigungsminister, gab es kein Pardon. Er verfiel der Ungnade der frühen Geburt, weil er das Pech hatte, der erste zu sein, der nach allen Regeln digitaler und medialer Inquisition politisch und moralisch zur Strecke gebracht wurde. Wenn man heute die vielen Bücher und Medienberichte liest, die vor und nach der Affäre über Karl-Theodor zu Guttenberg geschrieben wurden, wundert es einen, wie sich die eigentlich nicht weltbewegende Geschichte eines unredlich erworbenen Doktortitels zur Staatsaffäre auswuchs, die das Land noch Monate nach dem Rücktritt in Atem hielt.
Im Fall Guttenberg passte in medialer wie politisch-strategischer Hinsicht alles. Er war nicht nur der erste, er war zudem ein hoch ambitionierter, rhetorisch brillanter und blendend aussehender Ausnahmepolitiker, eine charismatische Lichtgestalt mit Ticket ins Kanzleramt und damit direkter Konkurrent Angela Merkels. Während Horst Seehofer Guttenberg, geschickt lavierend und in Schach haltend, als Joker benutzte, um Markus Söder von der Macht in Bayern fernzuhalten, musste in Berlin schwereres Geschütz aufgefahren werden. Um den jungen Baron aus Oberfranken politisch zu vernichten, bediente man sich kaltblütig nicht zuletzt der im Volk kursierenden Neidreflexe gegenüber dem Adel. Wobei sich die Fallhöhe der Affäre auch aus den hohen moralischen Ansprüchen entwickelte, die Guttenberg an sich selbst und die Politik stellte und die er in den Augen seiner Kritiker und von Teilen der Öffentlichkeit nicht zu erfüllen vermochte.
Den ersten beißen die Hunde
Auf die Ministerin für Gedöns trifft dies alles nicht zu. Sie ist keine Lichtgestalt, viele wissen nicht einmal, dass es sie überhaupt gibt. Außerdem kann sie sich auf die wohlwollende Unterstützung nicht nur ihrer marginalisierten Partei verlassen, sondern auch auf die Rückendeckung einer in der Coronakrise unangefochtener denn je regierenden Kanzlerin. Und von den Qualitätsmedien droht ohnehin keine Gefahr. Dass sie großmütig ankündigte, ihren Titel nicht mehr führen zu wollen, wird von der taz, die Guttenberg einst hämisch in Grund und Boden schrieb, wohlwollend kommentiert „Nun kann sie sich auf ihre politischen Ämter konzentrieren. Ihre Arbeit als Familienministerin. Den Kampf ums Berliner Rathaus als mögliche Nachfolgerin des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller im Herbst 2021. Und diese Chance sollte sie auch bekommen.“
Diesmal macht das Sprichwort erst umgekehrt einen Sinn: Den ersten beißen die Hunde.
Hinweis: Der Autor hat im Frühjahr 2020 im Mainzer Schott-Verlag eine Biografie des Dirigenten und Umweltschützers Enoch zu Guttenberg vorgelegt, des Vaters von Karl-Theodor zu Guttenberg. Darin wird auch ausführlich auf die Plagiatsaffäre eingegangen.
Georg Etscheit, Musizieren gegen den Untergang. Der Dirigent und Umweltschützer Enoch zu Guttenberg. Ein biografisches Porträt. 260 Seiten, 29,99 (Hardcover, 22,99 (Paperback)
Beitragsbild: Martin Kraft CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

@ H. Meier - "merkelsche Hütchensammler" ? warum nicht "Hütchenspieler" ? Der Balkan läßt freundlich grüßen.
Wenn der Wahlbürger sein Kreuzchen bei einer erkannten Betrügerin macht, ist ihm nicht zu helfen. Dann will er es offenbar nicht anders haben. Somit soll aber auch keiner von denen über das Ergebnis jammern. Und den Medialen ist es ohnehin egal, Hauptsache linksgrün.
Ob die Hunde die ersten oder die letzten beißen, ist eigentlich egal. Was die Causa Giffey zum Skandal werden lässt, ist die moralische Ungleichgewichtung. Wenn Merkels Entourage konzertiert über Guttenberg herfällt ist das OK, wenn Giffey dasselbe tut, werden alle Augen ebenso konzertiert inklusive der Hühneraugen zugedrückt. Genau das ist der Offenbarungseid der MSM Medien.
Die ganze Familie Giffey hat es nicht so mit Recht. Auch nicht mit Einigkeit und Freiheit. Wieso solche Personen hohe Ämter in der BRD begleiten dürfen, darf jeder für sich selbst ergoogeln. Wenn ich, als "Bio-Deutscher" jedoch falsch parke oder meine GEZ nicht zahle, schlägt die Macht des Gesetzes mit voller Härte zu, das wird von diesen Kriminellen so verlangt. "Verbrecher-Ehre" war mal. Na ja, ich habe mal Einblick gewinnen dürfen in solche Mafia-Strukturen, also die echte Mafia aus verschiedenen Ländern, die waren deutlich gerechter als unserer Politiker. Und wenn jetzt jemand sagt "Ja, aber die haben die Frau und das Kind eines Verräters hingerichtet", dann sage ich: "Das geschieht in deutschen Forensiken alles ganz genauso." Und das sage ich, weil ich es weiß. Punkt.
Mit Logik, Anstand, Verantwortung hat das nun wirklich nichts mehr zu tun. Es ist einfach nur "Kopfschüttel". Die beleidigte Attitüde von Giffey nervt natürlich. @ L. Herzer Niedliche Comicfigur? Nun ja niedlich? Zu Comicfigur habe ich schon öfter gelesen: die junge Oma Duck. Ich finds auch nicht so daneben. Die Trutschfrisur sitzt jedenfalls. Oma Duck war allerdings grundsympathisch, ehrlich, eine Instanz. Die Ähnlichkeit ist da also rein äußerlich. Giffey denkt bestimmt schon an ein "Gute Kommentare Gesetz", damit solche Schmähungen ihrer Totalität gefälligst unterbleiben. Vielleicht sollten alle Berufs-Politiker einfach automatisch mit dem Einzug in die Parlamente einen Dr.-Titel verliehen bekommen? Den Dr. kann. nix. PS.: Nicht jede akademische Arbeit ist von dem geschrieben, der auf dem Umschlag steht. Der "Ghostwriter" rotzt das Ding natürlich runter, Zitate kopieren ohne Ende, sich an andere Texte ranhängen... Denn das läuft für Fixpreis also ist Zeit Geld. In dem Fall Giffey bin ich da unsicher, bei Herrn Guttenberg hatte ich damals in seinen ersten interviews zum Plagiat schon den Eindruck, er wusste gar nicht, was in "seiner" Arbeit überhaupt drin steht.
Nun ja, eine Lügnerin und Betrügerin in der deutschen Regierung .... gibts denn keine echten Neuigkeiten mehr ?
Was zurzeit politisch uns geboten wird ist nicht erwähnenswert. Mir tat es weh einen Politiker wie K. T. z. Guttenberg der Deutschland eine andere Zukunft gebracht hätte [Kanzler Kurz Österreich] so politisch und medial zuverurteilen.[wenn auch Fehler] Wir lassen uns über Jahre von einer Regierung belügen, da geht es nur um Macht. Und das alles gemacht von einer Frau Merkel. Diese sollte sich zu tiefst schämen.