Ulrich Schödlbauer, Gastautor / 22.11.2020 / 14:30 / 13 / Seite ausdrucken

Miniaturen aus dem November 2020

Man muss mit allem rechnen, auch damit, dass ein Mitglied des PEN Dostojewskis Raskolnikow gegen die Gegner der Corona-Maßnahmen auffährt. Warum nicht? Seit den Tagen der sogenannten Euro-Rettung werden hierzulande stets dieselben Verdammungsfloskeln gegen Regierungskritiker aufgefahren, gleichgültig, worum es im Einzelfall geht. Die einzigen, die das nicht stutzig macht, sind die Propagandisten selbst: Ihr Rausch scheint echt zu sein. Da kommt ein Extra-Tequila zur Abwechslung ganz gelegen.

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In Deutschland ist, wie auch sonst in Europa, viel Volk auf den Beinen, das seine verfassungsmäßig verbrieften Freiheiten reklamiert. Und schon sehen einige 89er Graubärte ihr Monopol aufs Volksein in Gefahr. "Leipzig braucht keine Querdenker" schrieb sich ein Nachtwächter der Friedlichen Revolution aufs Facebook, das klingt wie: Unsere Stadt bleibt sauber. Er schrieb es just an dem Tag, an dem ein pseudolinker Mob dort, rabiat wie gewohnt, gegenüber den Verfassungspatrioten sein Recht auf die Straße in Szene setzte.

Er hätte auch schreiben können: Leipzig grüßt seine Staatsratsvorsitzende. Die Deutschen verlaufen sich in der Zeit wie in einem Irrgarten. Das liegt einerseits an den mit Eifer gepflegten ideologischen Hecken, die eine ungesunde Höhe erreicht haben, andererseits an der Tradition des Hackenzusammenknallens, dass es bis ins ferne Afghanistan zu hören ist, vor allem, seit die Amerikaner sich dort auf dem Rückzug befinden. Man reiche ihnen ein Virus und sie wissen schon, dass zu viel Freiheit ungesund ist.

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"Querdenken" war die jahrzehntelange Formel der Westdeutschen gegen das besinnungslose "Weiter so!", das die Nation zweimal in den Abgrund gezogen hatte. Es war die Formel, die Denkgewohnheiten "aufbrechen" helfen sollte, das Denken nach Vorschrift, das sich von Tag zu Tag weiter vom Ziel entfernt, gleichgültig, wieviel Kraft und Ressourcen es an sich bindet. Wenn man so will, war es die handlichste Formel für das, was man ziviles Bewusstsein nennen könnte: das Geltenlassen des Arguments, den Verzicht auf Freund-Feind-Verhärtungen, das Wagnis, den Tunnelblick abzulegen und für alle gangbare Wege zu finden.

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Es verdient festgehalten zu werden, dass das deutsche Parlament an seinem Schwarzen Mittwoch im eigenen Fußvolk, das ihm ein wenig Mut einblasen wollte, nur Störenfriede und Aufrührer zu erkennen wünschte. "… die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift." Das fürchten die Vertreter der kupierten ersten Gewalt, soweit sie, wenn nichts sonst, ihren Marx in petto haben, und sie geben vor, weder Massen noch Anliegen zu erkennen, stattdessen: Verschwörungstheorie. Das heißt, der Angst eine Gasse in den ahnungsgespickten Abgrund des Autoritarismus zu bahnen. "Hier gibt es nichts zu sehen!" lautet der Leib- und Magenspruch der neuen deutschen Politik, er kommt gleich hinter dem "Nie wieder wegsehen!" und ein paar fixe Köpfe haben zwischen beiden eine feste Verbindung hergestellt, so dass sie nach Belieben zwischen beiden hin- und herschalten können.

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Das Komische an den Leuten ist, dass man ihnen alles fünfmal erklären muss, ehe sie, um des lieben Friedens willen, so tun, als hätten sie schon verstanden und seien nur anderer Ansicht, und dann, wenn diese andere Ansicht gefragt ist, stellt sich heraus, dass sie wenig oder gar nicht belastbar ist. Mit dieser Schwierigkeit kämpft Propaganda, seit es sie gibt, doch noch niemals hat sie versucht, das Problem mit einem Stück Stoff vor dem Mund zu beheben. Das wirft die Frage auf, ob man sie zu ihrem Erfolg beglückwünschen soll.

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Ein Land von Sicherheitsleuten, die nichts mehr fürchten als die Freiheit, von der sie behaupten, sie sei in Gefahr, seit sich ihre Verteidiger melden – das war mit Sicherheit nicht die Vision, die der Verfassung dieses Landes zugrunde liegt. Rückblickend muss man sagen: In der alte Bundesrepublik gingen, wann immer sich krisenhafte Entwicklungen zeigten, die richtigen Leute nach vorn. Dieses historische Glück hat sich nach der "Einheit" ins Gegenteil verkehrt. Seit Jahrzehnten lebt das Land von seiner demokratischen Substanz. Man muss nicht die Fragwürdigkeiten der Ökonomie bemühen, um zu erkennen, wohin die Reise geht.

Dieser Beitrag erschien heute auch auf Ulrich Schödlbauers Blog.

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Leserpost

netiquette:

E. Meierdierks / 22.11.2020

Die Perfidität, mit der totalitäre staatliche Vorgehensweisen als nötig bezeichnet werden gegen Feinde der Freiheit UND DAS AUCH NOCH NACHGEPLAPPERT wird, zeigt, daß nicht Vernunft das Problem ist - das ist einfach obsolet, darüber bzgl. der Massen zu diskutieren - sondern die fehlende Angriffslust und Nutzung geeigneter psychologischer Vorgehensweisen von Seiten der Kritiker. Es bringt uns nicht weiter, in Schönheit zu sterben.

Mathias Rudek / 22.11.2020

Klasse geschrieben, super Text Herr Schödlbauer.

Frances Johnson / 22.11.2020

Gut. Danke.

E Ekat / 22.11.2020

toll geschrieben

Markus Knust / 22.11.2020

Man kann seit geraumer Zeit beobachten das die Linken, zu denen ich inzwischen auch die CDU/CSU zähle, jede Schweinerei die sie der rechten Gottseibeiuns Partei vorwerfen, selbst begehen. Internetzensur etabliert, mit Artikel 13 (und Folgegesetzen) den digitalen Stillstand zementiert, Recht an private Firmen (böse Raubtierkapitalisten!) ausgelagert, Wahlen annuliert, Meinungsfreiheit eingeschränkt, Grundrechte beschnitten oder gleich gestrichten, Demonstrationsrecht in Frage gestellt/außer Kraft gesetzt, und, und und. Alles zum Schutz vor den Rechten versteht sich. Und was tut der Bürger? Er ist ganz beseelt und schreit in panischer Hysterie nach mehr. Früher wollten die Linken dem Bürger (angeblich) ein Haus sichern, Braten auf den Tisch, ein Auto, günstige Energie etc. Heute wollen sie ihm das alles wegnehmen oder tun es schon, während sie nach rechts zeigen und “Haltet den Dieb” brüllen. Im Prinzip ist ihr Vorgehen dabei äußerst durchsichtig. Um zu verstehen, welche Themen durchgeboxt werden sollen, braucht man nur einen kurzen Rundgang durch die Qualitätsmedien und die ÖR zu veranstalten. 24/7/365 : Klima, Trump, Covid, Moslems, Regierung, NGO’s, Klima Kassandra(s) = Gut! Freiheit, Demokratie, Grundrechte, sowie Rechtstaatlichkeit oder gar Widerrede gegen die Regierung = Nazis/VT/Aluhut. Im Prinzip entsteht hier die Diktatur der Dummen, denn man muss schon sehr einfach strukturiert sein, um nicht zu sehen was hier gespielt wird und vom wem. Leider scheint das nicht mal unter Konservativen zu gelingen, da gibt`s auch genug die der Propaganda auf den Leim gehen und linke Buzzwords und Märchen benutzen.

Frank Dom / 22.11.2020

Merci.

Werner Arning / 22.11.2020

Zum Zeugnis gegen Maßnahmen-Kritiker wird alles aufgefahren, was eine unbescholtene, demokratische Weste trägt, oder zu tragen scheint. Eines soll verhindert werden : Eine breite Diskussion über den Sinn oder Unsinn der Maßnahmen. Und ein Querdenker ist per se links. Ansonsten kann er gar kein Querdenker sein. Denn quer zu denken, bedeutet Gedanken zu haben, die nicht im Sinne des Establishment sind, die sich gegen die Konvention, gegen das Spießige, gegen die Mächtigen, gegen die Autorität, gegen das Für-wahr-gehaltene richten. Was der Linke nicht wahrhaben will, ist die Tatsache, dass er genau all dieses nun selber verkörpert, wogegen er früher quer gedacht hat.. Es verwirrt ihn, dass sich Nicht-Linke als Querdenker bezeichnen. Das „quere Denken“ hatte er eigentlich für sich reserviert. Doch so schnell kann das gehen. Plötzlich ist man gar nicht mehr originell, sondern gehört der Norm an. Und Andere stellen sich quer.

A. Ostrovsky / 22.11.2020

Ich vermisse am heutigen China-Tag die Wärdigung der Antifa. Deshalb wage ich das hier einmal: Die ANTIFA, das ist eine Mischung aus wahrheits-resistenten Schwachköpfen und der bewussten Avantgarde der linksfaschistischen und demokratiefeindlichen Kämpfer für eine globale Diktatur des Finanzkapitals. Die Dummen sind die Brüller, aber die Avantgarde, die bekommt ihre Befehle entweder aus China oder von Klaus Schwab oder Helge Braun. Vermutlich dürfen auch die Grünen mal mit befehlen, denn ihre Bewegung stützt sich auf solche Naturfreunde wie Prinz Charles und den Club of Rome. Es ist unwahrscheinlich, dass Saskia Esken zwischen Helge Braun und der linksfaschistischen Avantgarde der Weltdiktatur vermitteln muss. Dazu fehlt ihr eigentlich jede Voraussetzung. Sie ist in dieser Befehlskette verzichtbar. Wenn die offensichtliche Weltdiktatur der menschenverachtendsten, militantesten und rücksichtslosesten Kreise des Finanzfaschismus erst einmal errichtet ist, dürfen wir der Antifa, die in Wahrheit ein linksfaschistischer Pöbelverein ist, unseren Dank leisten. ABER sie sind darauf nicht angewiesen, denn sie tun das ja für eine gehobene Stellung. Sie wollen jeden demokratisch gesinnten Bürger in Schutzhaft sehen und sie selbst wollen sich dem Finanzfaschismus als Aufseher und Oberaufseher der Konzentrationslager andienen. Es drängt sie dazu, auch einmal in ihrem vergeigten Leben wichtig zu, gebraucht zu werden, und sei es als Büttel und Mittäter. Solange, bis sie endlich mit einer Maschinenpistole auf dem Wachturm stehen oder die Stacheldrahtzäune unter Hochspannung setzen dürfen, sind sie nutzlos. Sie brauchen uns nur zu ihrer Profilierung und für ihre Karriere im Weltfaschismus, danach haben wir für sie keinen Wert.

Harald Unger / 22.11.2020

“Das wirft die Frage auf, ob man sie zu ihrem Erfolg beglückwünschen soll.” Kommt drauf an, wen man fragt. Dr. G wird sich in dieser Zeit jeden Tag eine extra Schippe Kohlen unter seinen Rost in der Hölle packen, vor glühendem Stolz über seine gelehrigen Urenkel. - - -  Deren Meisterwerk man jeden Tag dergestalt bewundern kann, als selbst das wortgetreue Wiederholen oder Benennen deren öffentlich geäußerten Absichten und Pläne - durch Dritte - sogleich als Verschwörungstheorie gebrandmarkt wird. Ein reales, gespenstisches Verfahren von flächendeckender, hermetischer Wirksamkeit. Einzig erlaubtes Verfahren von Kritik ist die zweidimensionale, triviale Oberflächenempörung, der die Frage, woher das kommt und wohin das geht, ein namenloses, undenkbares Rätsel bleibt.

Gerd Heinzelmann / 22.11.2020

Schade, daß Mr. Trump nicht zu Lebzeiten von Helmut Schmidt aufgetaucht ist. Er hätte die Chance sofort erkannt und nach Kräften genutzt. Sowie mit einigen unseligen Missverständnissen aufgeräumt.

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