Volker Seitz / 31.01.2018 / 11:17 / Foto: hafifmuzik.org / 23 / Seite ausdrucken

Militanter Egoismus in der Entwicklungshilfe

Zehn Lobby-Organisationen haben Anfang der Woche in der F.A.Z. eine Anzeige für eine Initiative für noch mehr Entwicklungshilfe geschaltet. Damit wird die Aufmerksamkeit in eine völlig falsche Richtung gelenkt. Es ist doch nicht das Geld, das fehlt (derzeit hat das BMZ etwa 8 Milliarden Euro pro Jahr zur Verfügung), denn seit Jahrzehnten wird Entwicklungspolitik mit einem gigantischen Personal- und Finanzeinsatz betrieben. Trotzdem werden die Minimalziele nicht einmal annähernd erreicht.

Entwicklungshilfe hat seit Jahrzehnten unter Beweis gestellt, dass sie in der Regel das Gegenteil dessen bewirkt, was sie eigentlich erreichen will. Hilfe ist ein gefährliches Suchtmittel und schafft Abhängigkeit. Die deutschen Organisationen, die die Aktion unter www.nullkommasieben.de (spielt auf das sogenannte 0,7 Prozent Ziel an) vorantreiben, leben von der Hilfe. Würde es Afrika nicht schlecht gehen, wären sie überflüssig. Also müssen noch mehr Steuergelder ausgegeben werden.

Finanzielle Hilfen im Rahmen der Entwicklungshilfe können nur greifen, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind. Die Hilfe muss endlich an eine realistische Bevölkerungspolitik gekoppelt werden. Das ist aber kein wichtiges Thema für den noch-BMZ-Minister Müller. Die Wurzeln der anhaltenden Armut in Afrika liegen in der demographischen Situation, die Wohlstandsgewinne vereitelt. Es bedarf einer verlässlichen Regierungsführung, die nicht korrupt ist, die Zusagen einhält, die im Rohstoffsektor transparent ist und bei der es keine illegalen Finanzflüsse gibt. 

Versuchslabor der Betreuungsindustrie

Das 0,7-Ziel (der Anteil der öffentlichen Ausgaben für Entwicklungshilfe soll 0,7 Prozent am Bruttonationaleinkommen eines Landes betragen) ist völkerrechtlich nicht verbindlich. Dieses magische 0,7 Prozent Ziel wird von den Lobbyisten gerne als Keule benutzt. In Wahrheit geht es auf eine UN Resolution (ohne Abstimmung) zur Entwicklungsfinanzierung von 1970 zurück. Diese Richtgröße stammt aus dem Pearson Bericht. 

Die Diskussion um das 0,7-Ziel lenkt von den wirklichen Problemen ab. Das ist der Beitrag, der schließlich dem fatalen Denken Vorschub leistet, dass mehr Geld mehr Entwicklung bringt. Die Verfolgung des Zieles vergrößert das Problem des Mittelabflusses und damit die Gefahr fragwürdiger Ausgaben. Statt den Erfolg der Entwicklungspolitik anhand der ausgegebenen Beträge zu beurteilen, müssten sich die Geber die Frage stellen, ob ihre Hilfen bei den Empfängern die richtigen Anreize setzen.

Eine wirksame Entwicklungspolitik muss dazu beitragen, dass das für die Entwicklung erforderliche Kapital in den Ländern selbst – durch Innovationsfähigkeit und eigene Arbeit – erwirtschaftet wird. Das Armenhaus Afrika ist aber seit über 50 Jahren ein Versuchslabor der Betreuungsindustrie. Noch immer werden in Afrika die Ziele der Entwicklungshilfe meist von den Gebern gesetzt, und die Afrikaner der Zivilgesellschaft bleiben Zuschauer.

Viele Afrikaner sehen mittlerweile westliche „Hilfe“ als militanten Egoismus. Finanzielle Hilfen im Rahmen der Entwicklungshilfe können nur greifen, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind. Es bedarf einer verlässlichen Regierungsführung, die nicht korrupt ist, die Zusagen einhält, die im Rohstoffsektor transparent ist, bei der es keine illegalen Finanzflüsse gibt.

Afrikaner wie Themba Sono, Wole Soyinka, Andrew Mwemda und George Ayittey sind überzeugt, dass Wohlstand nicht durch milde Gaben entsteht, sondern durch unternehmerische Kreativität, Arbeit, Innovation – und durch gute staatliche Rahmenbedingungen. Die Betroffenen werden selbst nicht gefragt, wie sie zur Entwicklungshilfe stehen und was ihnen ihrer Meinung nach helfen könnte. Afrikaner als Mündel zu betrachten ist die unausgesprochene Geschäftsgrundlage der allermeisten „Projekte“.

Projekte ersetzen keine Strukturen

Die Liste der Kritiker klassischer Entwicklungshilfe ist in den letzten Jahren ständig gestiegen. Einzelne Hilfsprojekte mögen sinnvoll sein. Aber Projekte ersetzen keine Strukturen. Andrea Böhm schrieb in der Zeit: „Warum ist es für die Bonos und Madonnas – und damit auch für die westliche Öffentlichkeit – immer noch so verdammt schwer, selbstständig handelnde Menschen in afrikanischen Ländern zur Kenntnis zu nehmen? Es geht ja nicht darum, deren oft existenzielle Probleme zu leugnen. Es geht darum, dass dortige Akteure sehr wohl in der Lage sind, diese Probleme selbst darzulegen.“

Eine erfolgreiche Entwicklung ist das Ergebnis von Eigenverantwortung. Allgemeingut ist geworden, dass die Welt nur wenig tun kann, diese von außen zu beeinflussen. Auch langjährige Afrikajournalisten wie der kürzlich verstorbene Thomas Scheen, Thilo Thielke, Laszlo Trankovits, Kurt Pelda und Wolfgang Drechsler raten zu einer dringenden Änderung der bisherigen Entwicklungspolitik. „Hilfe ist wie Öl, sie erlaubt mächtigen Eliten, öffentliche Einnahmen zu veruntreuen“, schrieb der Ökonom Paul Collier von der Universität Oxford. 

Für Entwicklungsökonom Axel Dreher (Universität Heidelberg) ist schon die Zahl an sich aus der Luft gegriffen. Er gibt er zu bedenken, welches private Unternehmen seine Lohnkosten in Höhe von 0,7 Prozent des Umsatzes definieren würde? Der Experte fordert stattdessen realistischere und konkretere Ziele. „Man könnte sich zum Beispiel vornehmen, Malaria auszurotten. Daran könnte man sich messen lassen. Das wäre mehr als Symbolpolitik.“

Der amerikanische Reiseschriftsteller Paul Theroux schreibt in seinem Buch „Ein letztes Mal in Afrika“: „Ließe man die korrumpierenden Formen von Entwicklungshilfe weg, könnte die Verzweiflung des Volkes produktiv werden. Rebellion führt zu Wahlen, die langfristig Verbesserungen bringen können. Eine bessere Alternative zu den ewigen Almosengaben sind Investitionen. Doch Investitionen sind mit größeren Mühen verbunden als das effekthascherische Überreichen von Hilfsgeldern, denn sie verlangen mehr Verantwortung, mehr Bescheidenheit, mehr Geduld und mehr Mut zum Risiko – und sie machen natürlich eine Verklärung der Bemühungen und Fototermine mit notleidenden Kindern weitgehend überflüssig.“

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, das im Herbst 2014 in erweiterter siebter Auflage bei dtv erschienen ist. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

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Leserpost (23)
Herwig Mankovsky / 31.01.2018

Ach was, die Entwicklungshilfe-Organisationen entwickeln sich doch eh prächtigst. Das genügt auch schon.

Rüdiger Kuth / 31.01.2018

Die Hilfsorganisationen bieten mit ihren Verwaltungsapparaten jede Menge Jobs für Geschäftsführer, Assistenten und andere verdiente Helfer, nebst Dienstwagen und die eine oder andere schöne Dienstreise mit Vollpension in ferne warme Länder. Da macht “Dabeisein beim Helfen” doch auch im Alltag richtig Freude.

Horst Jungsbluth / 31.01.2018

Es wäre für viele Bürger einmal hilfreich zu erfahren, wie viel “Entwicklungshilfe”  in die einzelnen afrikanischen Lände in den letzten 30 Jahren geflossen ist und wie diese Länder heute politisch und wirtschaftlich dastehen und in welchen (feudalen) Verhältnissen die jeweilige Führungsschicht lebt. Dass die Gelder ohne Sinn und Verstand fließen und ohne zu überprüfen, ob sie wenigstens annähernd zweckmäßig verwendet werden, raubt einem fast den Verstand, ist aber wohl in der Politik vollkommen normal, wenn man andere durch Steuergelder begünstigte Bereiche betrachtet, wie z. B.  hier im Lande die “Sozialindustrie”  oder im Ausland das Fass ohne Boden “Griechenland”. Auch das ehemalige Westberlin, das mit Milliardensummen vom Bund “gesponsert” wurde, hat damit nur eine total ineffiziente, aber kopfstarke Verwaltung aufgebaut, die Feinde des demokratischen Rechtsstaates großzügig versorgt und Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger gezüchtet. Eine Abgeordnete der AL gab 1989 zu, dass man an einer Erhöhung der Steuereinnahmen gar nicht interessiert sei,  da dann der Bund, von dem weg hin zur DDR wollte, die Subventionen kürzen werde. Also Afrika ist überall und deswegen wollen die Afrikaner alle nach Deutschland kommen, damit sie persönlich von der “Entwicklungshilfe” profitieren und nicht ihre Despoten und die vielen Organisationen.  Sie geben sich so viel Mühe, uns das Dilemma fachkundig zu erläutern, sehr geehrter Herr Seitz, aber ich fürchte, Frau Merkel und all die anderen wollen gar nicht wissen, was in der Welt wirklich los ist.

Richard Loewe / 31.01.2018

Paul Theroux war ja selbst mal Entwicklungshelfer und hat bei seiner Afrikareise alte Freunde besucht, die Minister geworden sind. Seine Beschreibung von Afrika (Männer schwatzen unter Bäumen, während Frauen arbeiten) und Entwicklungshilfe (arrogante und dumme Profiteure in weissen Landcruisern) kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Die deutsche Kolonialzeit war die beste Entwicklungshilfe, von der z.B. Namibia noch heute profitiert.

Albert Sommer / 31.01.2018

Ich finde das Titelbild sehr passend gewählt. Zeigt es doch die ganze Verlogeheit dieser Thematik: Salonsozi Bono zeigt dem Kleinkind schon einmal seine Zukunft in der es darum geht, buchstäblich von der Hand in den Mund zu leben. Von seiner Hand natürlich, denn schließlich benötigt der gutbetuchte, mitfühlende Bono auch später einfaches Personal das ihm den Hintern abwischt. Gewogen und bewertet.

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