Als Student arbeitete ich in NRW in einem türkischen Reisebüro. Der Inhaber war der Prototyp eines Selfmade-Man: Als Gastarbeiter gekommen, leitete er außerdem die Ford-Motorenentwicklung in Köln und Essex, England.
Bei mir genügt oft ein einziger Satz, und ich bin mittendrin in einer Geschichte. Neulich teilte ein Freund folgenden Screenshot auf Facebook: „Frage: 'Kann man mit einem deutschen Personalausweis nach Istanbul fliegen?' Antwort: 'Nein, du brauchst ein Flugzeug!'“ – Der absolute Brüller. Ich musste laut lachen – nicht nur wegen des Wortwitzes, sondern weil es mich zurückversetzte in eine Zeit, in der das Reisen noch etwas Archaisches hatte.
Als Student in Nordrhein-Westfalen arbeitete ich am Wochenende in einem türkischen Reisebüro. Damals kamen die Leute rein und fragten mit stoischer Selbstverständlichkeit: „Bilet var mı?“ – „Habt ihr Tickets?“ Natürlich hatten wir. Ich nahm oft spaßeshalber 100 dieser alten Abriss-Tickets und legte sie auf den Tresen: „Reichlich. Suchen Sie sich was aus.“
Der Inhaber des Büros – möge er in Frieden ruhen – war kein typischer Reisekaufmann. Er war ein Doktor in Maschinenbau, leitete gleichzeitig die Motorenentwicklung bei Ford Köln und Ford Essex, England und verbrachte mehr Zeit am Flughafen als mancher Pilot. Er war das, was man heute einen Workaholic nennen würde – oder einfach: ein Macher.
Der Geschäftssinn von Dr. A. kannte keine Grenzen. Er war nicht nur der erfolgreichste freie Ticketverkäufer der Turkish Airlines – er war auch der Kassettenkönig der Region. Damals, als türkische Musikkassetten in Deutschland einen wahren Boom erlebten, hatte er den Markt längst durchschaut und beherrscht. Während andere noch überlegten, ob sich das lohnt, verkaufte er schon tausende – und das an einem einzigen Tag.
Sie machten die Rechnung ohne den Doktor
Der Grund war so einfach wie genial: Wir hatten auch sonntags geöffnet. Einmal kam die Polizei, wollte schließen lassen. Dr. A. kramte ein offizielles Regelwerk hervor, laut dem Reisebüros mit Flugabfertigung am Sonntag geöffnet haben dürfen – was auf uns zutraf. Die Beamten nickten, zogen ab und kamen nie wieder. So wurde das Reisebüro zur inoffiziellen Pilgerstätte für türkische Musikfans aus ganz NRW. Die Kunden fuhren teils hunderte Kilometer, um am Wochenende vor dem Laden eine Schlange zu bilden. Kein Internet, kein Streaming – aber sonntags die neuesten Kassetten bei Dr. A. Ein Mann, der aus jedem Reglement eine Gelegenheit machte.
Er nutzte jede Minute: Jeden Morgen stand er um 5 Uhr früh auf, um seinen Job bei Ford anzutreten. Danach ging es gegen 17 Uhr ins Reisebüro, um Abrechnungen zu machen und Kunden zu betreuen. Hinterher fuhr er noch direkt an den Turkish-Airlines-Schalter in Köln, half persönlich bei der Abfertigung seiner Kunden und verkaufte auch noch Tickets an Spontanreisende – manchmal bis Mitternacht. Ach ja, und dreimal pro Woche muste er natürlich zum Ford-Standort in Essex fliegen. Alles minutiös organisiert.
Und er war ein Verkaufsgenie: Turkish Airlines führte schließlich ein neues Bonussystem für die freien Agenturen ein, die die Tickets der Fluggesellschaft anboten. Demnach sollten die Reisebüros mehr Kontingente in der Hochsaison erhalten, wenn sie starke Verkäufe in der Nebensaison erzielten. Dr. A. machte kurzen Prozess, oder besser gesagt, Turkish Airlines hatte die Rechnung ohne den Doktor gemacht. Denn der verkaufte ohnenhin massenhaft Tickets zu allen Jahreszeiten. Als der Sommerflugplan dann freigegeben wurde, stellte sich heraus: Bis auf fünf bis zehn Plätze pro Flug gehörten alle Sitze ihm.
Turkish Airlines bekam Panik. Ein einzelner Agent mit jeweils (fast) dem ganzen Flugzeug? Und dann auch noch jemand, der nebenher Tickets für andere Gesellschaften verkaufen durfte? Man entzog ihm kurzerhand die Agenturlizenz. Angeblich aus formalen Gründen. Dr. A. klagte. Und gewann. Wie viel die Entschädigung betrug, weiß ich bis heute nicht. Aber es sollen D-Mark-Millionen gewesen sein. Er selbst nahm es gelassen. „Je später sie zahlen, desto besser“, sagte er. „Die Verzugszinsen sind höher als bei jeder Bank. Und wenn sie gar nicht zahlen, pfände ich einfach eine Maschine – hier, in Deutschland.“
Er bekam sein Geld. Irgendwann. Irgendwie. Sein Sohn berichtete es. Was bleibt, ist Respekt. Für einen Mann, der als türkischer Gastarbeiter kam – und sich in einer deutschen Branche mit deutschen Regeln gegen ein internationales Monopol durchsetzte. Wenn ich heute über die „Gastarbeitergeneration“ spreche, dann meine ich genau diese Menschen. Diejenigen, die nicht gekommen sind, um „abzuholen“, sondern um etwas aufzubauen.
Und ja: Ich unterscheide sehr bewusst zwischen dieser Generation und dem, was nach 2015 unter dem Label „Migration“ ins Land kam. Denn nicht jeder, der ankommt, bringt ein Ticket mit – manche kommen mit Anspruchshaltung. Dr. A. brachte Geschäftssinn.
Ahmet Refii Dener ist Türkei-Kenner, Unternehmensberater, Jugend-Coach aus Unterfranken, der gegen betreutes Denken ist und deshalb bei Achgut.com schreibt. Mehr von ihm finden Sie auf seiner Facebookseite und bei Instagram.

„Er nutzte jede Minute: Jeden Morgen stand er um 5 Uhr früh auf, um seinen Job bei Ford anzutreten. Danach ging es gegen 17 Uhr ins Reisebüro, um Abrechnungen zu machen und Kunden zu betreuen. Hinterher fuhr er noch direkt an den Turkish-Airlines-Schalter in Köln, half persönlich bei der Abfertigung seiner Kunden und verkaufte auch noch Tickets an Spontanreisende – manchmal bis Mitternacht. …“ Ich nehme an, am Sonntag hat er dann beim FC um den Pokal gespielt und zuvor die Tickets auch noch selbst verkauft? Oder haben sie da ein paar Biografien einer Synthese unterzogen?
Ich schätze diese orientalische Erzählfreude – um einen Kern Wahrheit herum wird kunstvoll ein prächtiges Gespinst gewoben. Der Motorenentwickler war vermutlich eher Arbeiter im Motorenbau und nahm es auch sonst nicht so genau… Aber ich mag diese freien und kühnen Geister, während der Charlie-Nummer bekam man bei ihnen genau die Zertifikate, die gerade gefragt waren. Solche Leute sind unsere Verbündeten.
Habe neulich ein recht aktuelles Video bei X gesehen, wo jemand ganze 25 Minuten durch das türkische Izmir gelaufen ist und dabei einfach die Kamera laufen ließ. Innenstadt. Die Kopftuch-Rate dort war deutlich geringer, als in Dortmund, Berlin, Frankfurt, Hamburg oder Köln. Keine islamischen Langbärte mit Pumphosen, keine Vollverschleierten, keine Kaputten, keine Freaks, kein aggressives Gehabe, keine Zerstörung, kein Talahon, kein Müll. In Istanbul hat mal ein Taxifahrer gesagt, dass Türkinnen früher das Kopftuch abgelegt haben, wenn sie aus Istanbul nach Deutschland geflogen sind. Heute wäre es oft genau umgekehrt. Was stimmt mit Deutschland nicht mehr?
Moin Herr Dener, hatte früher öfter mal bei Schuldner-Präsentationen die Söhne der Türkischen Oberschicht aus Istanbul getroffen. Aber diese Leute haben gemeinhin mit „dem Türken“ nichts zu tun. Und die Türken aus der kleinen Mittelschicht, die sich in Deutschland mit Know-how etabliert hatten, sind längst in der Türkei bei einem Zulieferbetrieb oder in der Reisebranche tätig, meist wohl als Eigentümer. Aber historisch besteht diese säkulare Schicht eher aus einstigen Byzantinern oder Südost-Europäern.
Ich habe Ende der 1960er Jahre bis Ende der 1970er Jahre in Köln (in einem Büro auf dem Hansaring) gearbeitet. Die Weidengasse war mir sehr vertraut und ist mir immer noch in klarer Erinnerung. Ihre Schilderung liest sich Pulitzerpreiswürdig, doch sie ist beschönigend. Es mag diesen und ähnlich agierende Geschäftsmänner gegeben haben (denn es gab dort gleich mehrere sog. Reisebüros, die in Wahrheit Geldwäsche betrieben haben), doch den deutschen Staat und uns Deutschen haben sie keinen Mehrwert gebracht – im Gegenteil.
@Thoralf Seifstein / 08.07.2025 –
„Ohne hier die Stimmung verderben zu wollen, hat er doch ganz offensichtlich weit mehr genommen, wie gegeben und gebracht?! Oder etwa ni?“ --- Vor einigen Jahren habe ich mal gelesen, dass die Türken unterm Strich uns Deutschen keinen Nettogewinn gebracht haben.
Für meine Begriffe (Ich muss bekennen: Ich war nie ein Macher!) ein Tagesablauf, der an der Lebenskraft zehrt. Darf ich fragen, Herr Dener, wie alt Dr. A geworden ist? Bitte nicht falsch verstehen – ich frage das ausgehend der Perspektive von 2025…