Cigdem Toprak, Gastautor / 16.06.2011 / 15:35 / 0 / Seite ausdrucken

Migranten und Sexualität

Cigdem Toprak

Traurigerweise und zum Leid von vielen in Deutschland lebenden Frauen und Männern blenden einige Bürger mit Migrationshintergrund in öffentlichen Debatten bewusst und auf unverschämte Weise reale Probleme aus. So wie Özlem Topcu heute auf “Zeit Online” in ihrem Artikel über die Sexualtität von Muslimen.

Es ist richtig, wenn Topcu eine Tabuisierung von Sex in muslimischen Wohnzimmern feststellt. Auch stimme ich mit ihrer Behauptung überein: “Während das muslimische Wohnzimmer nämlich sex- und lustfreie Zone bleibt (zumindest verbal), Jungen und Mädchen beim gemeinsamen Fernsehabend mit den Eltern bei jeder Liebesszene nervös und beschämt wegzappen, ist der Rest der Welt gnadenlos übersexualisiert.”.

Statt sich mit den Folgen dieses Dilemmas auseinanderzusetzen, behauptet Özlem Topcu dreist: “Manchmal kann das genaue Gegenteil, die Verhüllung, eine Befreiung sein – solange sie aus freien Stücken geschieht.”

Wieso blendet Özlem Topcu die wirklichen Probleme aus?

Es ist kaum vorstellbar, unter welchen psychischen Druck gerade junge Frauen stehen,  weil sie ihr Leben und damit auch ihre Sexualität nach ihren eigenen Vorstellungen ausleben möchten. Sie sind eben keine 15 mehr, die trotz ihrer konservativen Eltern in der Disko rumknutschen wollen.

Viele, die in dem Dilemma zwischen Religion und freiem Willen stecken, weinen sich nachts in den Schlaf, weil sie Angst haben, von Gott für ihre begangenen oder noch zu begehenden Sünden bestraft zu werden. Der Koran und die muslimische Community verbietet nämlich vorehelichen Sex. Aber auch die “liberalen” Muslime wie Aleviten konnten leider ihre kulturellen Vorstellungen über die Sexualität nicht ablegen, so wird auch in nichtreligiösen Familien Sex noch tabuisiert. Dennoch wird diese Problematik zumindest angesprochen, so forderte der ehemalige Bundesvorsitzender der Alevitischen Jugend (Bdaj), wenn man die Gleichstellung von Mann und Frau fordere, man auch von einer Gleichstellung der Sexualität von Mann und Frau sprechen müsse.

Ein mutiger und wichtiger Schritt, der aber bisher in vielen Familien und in jeder muslimischen Gemeinschaft fehlt. Es ist daher geradezu lächerlich von einem “islamischen Feminismus” zu sprechen. Denn dieser fordert nur seine Rechte gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft, ganz nach dem Motto “Ich will unterdrückt werden, denn ich möchte meinem muslimischen Mann doch gefallen.”

Die Folgen einer Tabuisierung der Sexualtität insbesondere bei Frauen, aber auch bei Männern sind fatal:

Dies äußert sich im extremsten Fall darin, dass vielen Frauen während der Pubertät verboten wird, an Klassenfahrten teilzunehmen. Sie werden vom Schwimmunterricht ausgeschlossen. Die schlimmsten Folgen sind Ehrenmorde und Zwangsheirat. Aber auch die Tatsache, dass Männern sowie Frauen oft der Kontakt zu ihren männlichen oder weiblichen Schulfreunden untersagt wird, ist ein Problem, das sehr viele Migranten betrifft. So haben viele muslimische Teenager Angst, im Kino oder beim Bummeln in der Stadt mit ihren männlichen oder weiblichen Freunden gesehen zu werden. Sie verstecken sich nicht nur vor den Eltern, sondern auch von den Nachbarn, Tanten und Onkels. Abgesehen von Liebesbeziehungen, geschweige denn von sexuellen Beziehungen, verhindert die Kultur und Religion die Entwicklung von normalen Freundschaften zwischen jungen Muslimen und Musliminnen.

Die Tabuisierung der Sexualität verhindert in islamisch geprägten Kulturen und Lebensweisen sogar, dass man während der Verlobung mit seinem Partner in den Urlaub fahren darf. Ein Umstand, der mittlerweile in der alevitischen Community und unter säkularen Sunniten und Schiiten aufgebrochen wird. Natürlich gibt es auch sehr viele Familien, die eine Liebesbeziehung ihrer Tochter tolerieren, weil sie alte Denkmuster ablegen oder weil die Tochter für ihr Recht auf Liebe gekämpft hat. Die Gemeinschaft und der Religion übt dennoch weiterhin großen Druck über sehr viele Migranten aus. Und darüber sollte man reden. Damit sich endlich auch etwas für das Kollektiv ändert.

Es ist ein fundamentales Recht, die Entscheidung über den eigenen Körper nicht nach seiner Familie, Gemeinschaft, Nachbarschaft und auch nicht nach der Kultur und Religion zu fällen. Insbesondere im erwachsenen Alter.

Wenn über Sex, Liebe und Beziehungen gesprochen werden könnte, würden viele Eltern endlich erfahren, weshalb der Sohn oder die Tochter tagelang im eigenen Zimmer sitzt und mit verheulten Augen durch das Haus läuft. Sie könnten zumindest ihrem Kind während der Trennung von seinem Partner als Eltern zur Seite stehen. Aber wenn Liebeskummer nur das schlimmste Problem wäre.

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