Für den heutigen Donnerstag hatte Bundeskanzler Friedrich Merz Großes angekündigt. „Reformen: Friedrich Merz rechnet mit ‚großem Sprung nach vorne‘ bis Donnerstag, titelte die Welt gestern Nachmittag. Merz rechnet bei geplanten Reformen mit „großem Sprung nach vorn“, hieß es im Tagesspiegel. Fast gleichlautend hieß es im Stern: „Merz erwartet von Koalitionsausschuss ‚großen Sprung nach vorn‘“. Es haben also alle gehört, was er da vor der Presse zwischen Kabinettssitzung mit dem NATO-Generalsekretär und dem Koalitionsausschuss gesagt hat. Aber was wollte er mit diesen Worten ausdrücken?
„Großer Sprung nach vorn“, das ist nicht einfach nur ein unschuldiger Textbaustein. So wie jeder hierzulande, der 2015 schon strafmündig war, mit dem Satz „Wir schaffen das“, automatisch Angela Merkels sogenannte Flüchtlingspolitik verbindet, ist der „Große Sprung nach vorn“ für die Älteren mit Chinas erstem kommunistischen Machthaber Mao verbunden. Nur waren die Folgen von Maos „Großem Sprung nach vorn“ weitaus verheerender als Merkels „Wir schaffen das“. Angesichts der gigantischen Opferzahl ist es eigentlich seltsam, dass an diese kommunistische Periode mit Millionen Toten äußerst selten erinnert wird. Im kollektiven Gedächtnis vieler Jüngerer ist vielleicht der Textbaustein noch präsent, aber nicht mehr dessen Bedeutung. Wikipedia fasst das in Kürze so zusammen:
„Der „Große Sprung nach vorn“ begann nach dem Ende der „Anti-Rechts-Bewegung“ und fiel in einen Zeitraum zunehmender politischer Spannungen zwischen China und der Sowjetunion. Er war die wesentliche Ursache für die schwerwiegende Große Chinesische Hungersnot, die von 1959 bis 1961 herrschte. Bedingt durch die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die Zusatzbelastung der Bauern durch Arbeiten an Infrastruktur- und Industrialisierungsprojekten und eine Binnenmigration der Landbevölkerung in die Städte sanken die landwirtschaftlichen Erträge von 1959 bis 1961. Gleichzeitig wurden die vom Staat als Steuer und für den Export erwarteten Getreideabgaben stark herauf- und mit Zwangsmaßnahmen durchgesetzt. Die Zahl der Opfer dieser Hungersnot wird auf 14 bis 55 Millionen Menschen geschätzt, was sie zur tödlichsten Hungersnot in der Geschichte macht. Zusätzlich zu den Todesfällen durch Hungersnot starben Millionen auch durch Schläge, Folter und Hinrichtungen.“
Das mag für manch Jüngere neu sein, aber eigentlich nicht der Generation Merz. Das hatte sich seinerzeit auch bis ins Sauerland herumgesprochen. Was hat es also zu bedeuten, wenn ihm dieser Textbaustein ausgerechnet im Zusammenhang mit dem Koalitionsausschuss einfällt? Falls sich die Bundesregierung jetzt an China orientieren will, dann vielleicht besser am dort inzwischen geförderten technischen Fortschritt und nicht an Verarmungsprogrammen, die sich fatalerweise nur nach ideologischen Leitlinien richteten und erst dann korrigiert wurden, als ein grausames Massensterben die Parteiführung dazu zwang.
Darf man so kleinkrämerisch sein?
Nun wissen wir ja seit dem Statement mit dem Stolz auf die deutsche Verlierermannschaft, dass dem Bundeskanzler nicht jede Formulierung gelingt. Darf man da so kleinkrämerisch sein?
Ja, darf man. Zumindest gegenüber deutschen Politikern, die der Meinung sind, die Verwendung des Satzes „Alles für Deutschland“ sei rechtsextreme Hetze, weil diese Worte nicht nur von Sozialdemokraten in der Weimarer Republik, sondern auch von der SA verwendet wurden. Wer automatisch unterstellt, diese drei Worte reihen einen in Hitlers Sturmkolonnen ein, muss hinnehmen, dass ein „großer Sprung nach vorn“ von ihm auch mit Maos Millionen Todesopfern assoziiert wird.
Aber vielleicht war es dennoch nur Gedankenlosigkeit angesichts der Nervosität vor dem Koalitionsgipfel. Schließlich wusste Merz, dass diese Parteiführungs-Runde nicht das versprochene Reformpaket liefern kann, schon gar nicht, ohne weitere CDU-Wahlversprechen hinsichtlich ausgeschlossener Steuererhöhungen zu brechen. Doch er will vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wenigstens so tun, als würde es noch einen kleinen Rest des einst großen Politikwechsel-Versprechens geben. Und dazu braucht man große Worte wie die vom „großen Sprung“.
Aber gibt es nicht ein paar Kommunikationsberater in seinem Mitarbeiterstab, denen es auffällt, wenn bei manch großem Wort vielleicht unschöne Anklänge mitschwingen? „Wir schaffen das“, kann er schließlich auch vermeiden. Und – siehe oben – bei Wikipedia lässt sich leicht entdecken, welchen Beiklang der „große Sprung nach vorn“ hat.
Es ist ja auch keine einmalige Entgleisung. Schauen wir zurück in den März 2025, als der eigentlich schon abgewählte alte Bundestag über die Verfassungsänderung zur Sondervermögens-Rekordneuverschuldung debattierte.
„Wir werden, wenn wir dies hier gemeinsam beschließen könnten, in der nächsten Woche nicht nur für die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes, nicht nur für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft, sondern auch für den Klimaschutz einen so großen Sprung nach vorn machen können, der alles in den Schatten stellt, was in den letzten drei Jahren möglich wurde“, sagte Friedrich Merz in der Debatte.
„Nicht nur eine Frage der Allgemeinbildung“
Das wurde seinerzeit auch von vielen Beobachtern moniert. Der renommierte Anwalt und Achgut-Autor Joachim Steinhöfel kommentierte damals beispielsweise:
„Im Bundestag verkündet Friedrich Merz den „großen Sprung nach vorne“ beim Klimaschutz – exakt jene mörderische Formel, mit der Mao China in die größte Hungersnot der Geschichte führte. Ein Versehen, ein Versprecher, könnte man meinen. Doch am nächsten Tag postet seine Fraktion im Netz genau diese Formulierung und feiert sie. Der große Sprung nach vorne war das größte Experiment sozialistischer Wirtschafts-Transformation und Planwirtschaft in der Geschichte; er ist das brutalste Kapitel des kollektivistischen Staatsumbaus mit 45 Millionen Toten. Das ist nicht nur eine Frage der Allgemeinbildung.“
Im Zusammenhang mit der wirtschafts- und wohlstandsfeindlichen sogenannten Klimapolitik in Deutschland hat die Verwendung ja noch ein ganz besonderes Geschmäckle. Sollte man das nun im Zusammenhang mit dem Koalitionsausschuss ebenso verstehen?
Aber gut, seien wir gnädig und vergessen einmal kurz den Mao. In der eingangs zitierten Schlagzeile hieß es, dass Merz den großen Sprung nach vorn bis Donnerstag erwarte. Für spätestens Donnerstagmorgen hatten die Regierungsparteien auch wieder einen Auftritt des Merz-Klingbeil-Bas-Söder-Quartetts versprochen. Das Publikum darf sich bestimmt auf viele gute Worte und schöne Formulierungen freuen, mit ein paar netten Details als Fakten-Ersatz garniert. Aber welchen Teil vom „großen Sprung nach vorn“ wollen sie damit beschreiben? Den Absprung oder die Landung?
Möglicherweise kann dieser Text um eine Antwort ergänzt werden, wenn der Autor dieser Zeilen den Auftritt des Quartetts gesehen und hinreichend verdaut hat.
(Die hier versprochene Antwort finden Sie in diesem Artikel)
Beitragsbild: Montage Achgut.com, chineseposters.net, Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Vermutlich wieder ein Versehen der Kommunikationsabteilung. Richtig hätte es heissen müssen: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer.“
Solange die Gebetsmühlenformel „Klima“ in irgendwelchen Erklärungen auftaucht wirds nix. Der soll nix fürs Klima, den Mond und die Sterne was machen sondern was für die Menschen. Und das funktioniert mit seiner Schwafelei und mit Kosmetik in Deutschland nicht mehr. Zu spät.
Die Parallelen zwischen der Beschreibung von Maos „großem Sprung nach vorn“ und der Situation bei uns gerade sind erschreckend
Ausdruck kompletter Unfähigkeit und katastrophaler Geschichtsblindheit Jegliche Transformation aka großer Sprung hat ins Desaster geführt
Warum sollte ein glühender Kommunist und ebenso glühender Kämpfer gegen freiheitliches Gedankengut wie Merz keine Zitate anderer Kommunisten verwenden. „Wir schaffen das“ oder „der große Sprung nach vorn“ sind sicher keine Zufälle.
Herr Merz ist ein Universalgenie- vielleicht sollte er sich mal mehr mit Dummen treffen, oder denen, die dafür gehalten werden. Etwa als Gastbeitrag einen Aldi-informiert-Flyer konzipieren, eine Seite der Bild mit der angeblich beklopptestenn Redaktion der Welt zusammenstellen oder dem Rat des weisen Warhols folgen und gemeinsam mit der simpelsten Klofrau der Nation demonstrieren, wie er seine Toilette zu reinigen pflegt. Als Sonderstudium empfiehlt sich noch der Besuch eines Obdachlosenheims, sowie einer Behindertenwerkstatt, wo er seine Ansichten und Ideen zur gelebten Inklusion einpflegen könnte und in einem mit Spannung erwartetem Podcast verarbeitet. Mit XI Ping könnte er auch das Thema Mao und die Spatzen ansprechen und wie unter seiner weisen Führung auch noch die wilden Vögel zerschreddert werden. Wilde Vögel nennt IBM jene, die sie in Forschungsabteilungen als Innovatoren bevorzugen. Merz mangelt es gemeinhin etwas an Ambiguitätstoleranz, um es etwas gehobener auszudrücken. Reagan war schlichten Gemüts, hörte aber auf seine Berater, Merz ist schlau, hört aber nur auf noch größere Genies.
Die pösen Journos, wie Sie, Herr Grimm, hatten unseren Felix-Krull-Kanzler-Simulanten ganz gewiß bewußt falsch verstanden. Der Kanzlernde meinte, „in den großen Dung nach vorn“.