Gerd Held / 13.04.2020 / 12:00 / Foto: EPP / 83 / Seite ausdrucken

Merkels Sprechverbot

Ein Monat im Corona-Notstand (3)

Die erste Phase der Auseinandersetzung mit der Corona-Pandemie läuft auf ihren Höhepunkt zu. Es wird mit drastischen Maßnahmen versucht, die Übertragungswege der Epidemie abzuschneiden, um die Ausbreitung zumindest zu verlangsamen und einen exponentiellen Anstieg der schweren Erkrankungen zu verhindern. Das ist im Großen und Ganzen vernünftig. Man kann manches kritisieren, entweder eine zu langsame, nachlässige „leichtsinnige“ Reaktion oder eine zu heftige, pauschale „hysterische“ Reaktion (manche äußern diese beiden konträren Kritiken in einem Atemzug). Aber hier geht es um Einzelheiten, und man sollte jetzt nicht um jeden Preis versuchen, den Regierenden „Versagen“ vorzuwerfen. Man kann ihnen, in allen Ländern, zunächst einmal den ernsthaften Versuch konzedieren, der Pandemie entgegenzutreten. 

Und dennoch steht schon ein grundlegendes Problem im Raum. Es betrifft die zweite Phase der Pandemie, in der eine Art Stellungskrieg stattfindet. Die Pandemie ist dann noch nicht im Auslaufen, aber es ist eine erste Abwehrlinie errichtet. Diese zweite Phase, in der das Virus noch nicht besiegt ist, kann recht lange dauern. Es kommt also darauf an, die Maßnahmen auf diese lange Dauer einzurichten. Das bedeutet, dass die Stellungen differenzierter, zielgenauer und damit auch für das gesellschaftliche Leben tragbarer angelegt sein müssen. Geschieht das nicht, nimmt das wirtschaftliche, kulturelle und politische Leben dauerhaft Schaden. Existenzen, Betriebe, Infrastrukturen, Kultureinrichtungen und die vielfältigen Formen der demokratischen Entscheidungsfindung werden in ihrer Substanz getroffen. Das Land blutet aus. Die zweite Phase ist also eventuell weniger dramatisch, aber sie ist noch gefährlicher als die erste Phase. Denn hier können viel weiter reichende Verheerungen geschehen.   

Vorsicht vor einem zu simplen Lagebild

Schon frühzeitig ist auf die verheerenden Folgen hingewiesen worden, die eine pauschale Stilllegung der Gesellschaft bis zu einem „Sieg über das Virus“ haben kann. Thomas Straubhaar hat das schon am 17. März in einem Artikel in der Tageszeitung „Die Welt“ sehr sorgfältig erklärt und eine differenziertere Strategie vorgeschlagen, die den Schutz auf die am meisten gefährdeten Gruppen konzentriert. Sonst würden die Schäden in Wirtschaft und Gesellschaft unverhältnismäßig hoch. Dazu passt eine Feststellung von Christoph Lütke, Professor für Wirtschaftsethik an der TU München: „Das Problem ist, dass derzeit gar keine Abwägung von politischen und ökonomischen Argumenten mehr möglich ist. Es herrscht das Primat der Mediziner… Diese erzwungene Vollbremsung der Wirtschaft steht in keinem Verhältnis zum Nutzen der Schutzmaßnahmen.“ (FAZ vom 26.3.2020). Solche kritischen Überlegungen waren wohl auch der Grund, warum die Regierungen Großbritanniens, der USA und der Niederlande zunächst vor einem generellen „Shutdown“ zurückschreckten. Aber sie haben sich dann doch dazu entschlossen. Das macht die Erwägungen nicht falsch, aber es spricht dafür, verschiedene Phasen in der Auseinandersetzung mit der Corona-Epidemie zu unterscheiden. Es war wohl richtig, in einer ersten Phase eine generelle Verteidigungslinie zu suchen und eine entsprechend allgemeine Disziplin durchzusetzen. Doch umso mehr werden jetzt in einer zweiten Phase die kritischen Überlegungen wichtig.

Die Entscheidung über das Ende des Ausnahmezustands

Für die zweite Phase der Auseinandersetzung mit dem Corona-Virus gibt es eine Voraussetzung: Es muss entschieden werden, den Ausnahmezustand, der jetzt durch die drastischen Maßnahmen geschaffen worden ist, zu beenden. Das ist keine einfache Entscheidung, die sich von selbst „durch die Fakten“ ergibt. Denn der richtige Zeitpunkt für die Beendigung des Ausnahmezustands ist nicht identisch mit dem Zeitpunkt des Pandemie-Endes. Man kann mit der Beendigung nicht so lange warten, bis jegliches Risiko einer Ansteckung auf Null gesunken ist. Man muss ein gewisses Restrisiko akzeptieren. Es ist also eine Entscheidung, die politisch heikel ist. Denn man muss sehenden Auges und mit offenen Worten erklären, dass man bereit ist, neue Erkrankungen und wahrscheinlich auch noch Todesfälle in Kauf zu nehmen. Dass man bereit ist, sich dem öffentlichen Druck „böser Bilder“ auszusetzen und den Vorwurf auszuhalten, man sei schuld am Tod unschuldiger Menschen. Auf solche Entscheidungen sind die Regierenden unserer Zeit – sagen wir es vorsichtig – nicht gut vorbereitet.

Und doch ist eine solche „Aufhebung des Ausnahmezustands trotz Restrisiko“ kein Ausdruck von Rücksichtslosigkeit und Willkür. Diese Entscheidung ist ein Gebot der Vernunft und das Ergebnis einer erweiterten Abwägung. Sie ist nicht rücksichtslos, sondern berücksichtigt Dinge, die in der ersten Phase der Corona-Krise zu kurz kamen. Denn nun müssen auch die Zerstörungen in die Waagschale gelegt werden, die durch eine Fortsetzung des „Shutdown“ bei den Existenzen der Bürger und im gesellschaftlichen Leben bewirkt werden. Es geht um die Zerstörung von beruflichen Fähigkeiten und Betriebsanlagen. Es geht um Errungenschaften von Wirtschaft und Demokratie, für die Generationen gearbeitet und gestritten haben. Es geht um Existenzen, die das Lebenswerk von Menschen sind, und hinter denen ganze Biographien stehen. Wie töricht ist da die Vorstellung, nur die Medizin hätte mit dem „Schutz des Lebens“ zu tun – und sie allein wäre deshalb jetzt so etwas wie die Repräsentantin der höchsten Werte im Lande. 

Wo die gesundheitlich-medizinische Urteilskraft zu kurz greift

In der ersten Phase der Corona-Abwehr war die Aufmerksamkeit ganz auf das medizinische Problem konzentriert, wie man den Verlauf der Epidemie so strecken kann, dass er die Behandlungsmöglichkeiten des Gesundheitssystems nicht sprengt. Die Grafik, die man in den Medien unzählige Male zur Erläuterung der Lage gezeigt hat, zeigt einen „Berg“ von Erkrankungsfällen und eine waagerechte Linie mit der Kapazitätsgrenze des Gesundheitssystems. Die Aufgabe, so wurde bildhaft verdeutlicht, bestand darin, den „Berg“ so abzuflachen, dass er unter der „Linie“ bleibt. So weit, so gut. Aber zur Beschreibung der Situation in der zweiten Phase reicht dies Modell nicht aus. Denn in ihm kommen „Existenzen“, „gesellschaftliches Leben“, „Errungenschaften von Wirtschaft und Demokratie“ nicht vor. Doch jetzt müssen sie auftauchen – und zwar um so dringender, je länger der Ausnahmezustand dauert. Nun müssen, um im Modellbild zu bleiben, die Maßnahmen des Ausnahmezustands einer Linie unterworfen werden, die die Grenze des Erträglichen für Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie markiert. Diese Grenze kann nicht von den medizinischen Experten gezogen werden. Über sie muss politisch entschieden werden, von den freiheitlich-demokratischen Institutionen der Bundesrepublik, also letztlich von der Gesamtheit der Staatsbürger dieses Landes. So rückt in dieser Krise die Rolle des Souveräns wieder in den Fokus. 

Die Hauptsorge der Menschen hat sich verändert

Diese Grenze des wirtschaftlich-kulturell und menschlich-gesellschaftlich Verträglichen beschäftigt jetzt die Menschen immer mehr. Die Professorin Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach schreibt am 25. März in der FAZ: „Durch die rigorosen staatlichen Maßnahmen treten nach den gesundheitlichen nun die wirtschaftlichen Risiken immer mehr in den Vordergrund. In der ersten Märzhälfte machte sich knapp die Hälfte der Bevölkerung Sorgen über einen Einbruch der Wirtschaft. In den Tagen danach schnellte dieser Anteil auf annähernd 70 Prozent hoch.“

Man sollte den Menschen, die so denken, nicht vordergründige Geld- und Konsuminteressen unterstellen. Man sollte ihnen nicht vorhalten, „inhuman“ zu sein und „den Menschen“ nicht im Blick zu haben. Ein Mensch ist zum Beispiel Thomas Bergmann, ein Hotelier in Berlin, über dessen Probleme in einem Artikel im Wirtschaftsteil der FAZ vom 24. März berichtet wird. Es wird geschildert, wie er seiner Belegschaft die schlimmen Nachrichten überbringen musste: „Im Innenhof seines Büros hat er seiner Belegschaft erklärt, wie schlimm es um den Betrieb steht. In Einzelgesprächen hat er dann einem nach dem anderen gesagt, dass er vorerst in Kurzarbeit arbeiten muss und was das bedeutet. 60 bis 67 Prozent des Gehalts werden dann noch gezahlt, bei Reinigungskräften, Hausmeistern und Rezeptionisten bleibt da nicht viel übrig. ‚Da fließen dann schonmal die Tränen‘, sagt Bergmann.“ Wie viele solcher bitteren, traurigen Szenen, bei denen menschliche Existenzen kaputtgehen, gibt es in diesen Tagen. Das als gesunde Schrumpfung der Konsumgesellschaft zu bezeichnen, ist blanker Zynismus. 

Das Ausmaß des wirtschaftlichen Schadens

Clemens Fuest, der Präsident des IFO-Instituts, hat geschätzt, dass jeder Monat, den Deutschland im gegenwärtigen wirtschaftlichen Stillstand verharrt, zu einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zwischen 4 und 5 Prozent führt. Manfred Schäfers schreibt im Leitartikel der FAZ vom 24. März, nachdem die Bundesregierung einen Nachtragshaushalt mit Milliardenhilfen beschlossen hat: „Wenn die Wirtschaft zwei Monate lang teilweise stillsteht, entstehen Wohlstandsverluste zwischen 255 und 495 Milliarden Euro. Jede weitere Woche kostet zusätzlich 25 bis 57 Milliarden Euro. Die Bundesregierung versucht vieles von dem auszugleichen, was vorher privat erwirtschaftet wurde und nun wegfällt. Wie lange kann sie das in diesem Maße durchhalten?“

Schäfers hat recht, aber er verkennt noch den Ernst der Lage, wenn er schreibt, der Staat könne einstweilen vieles von dem ausgleichen, was die (private) Wirtschaft nicht liefern kann. Von wegen! Der Staat wird ja nicht auf einmal zum Produzenten, bloß weil er Geld auf den Tisch legt. Das zaubert keine Arbeitskräfte, Betriebe, Kunden, Geschäfte herbei. Der entscheidende Unterschied in dieser Krise ist nicht „staatlich oder privat“, sondern „geldwirtschaftlich oder realwirtschaftlich“. Realwirtschaftlich spielt die Zeitdauer auch eine viel wichtigere Rolle. Denn mit dem „Shutdown“ geht nicht nur der Güterausstoß zurück, sondern auch die Betriebsanlagen, das berufliche Können, die Kooperationserfahrung der Belegschaft, die gewachsenen Marktbeziehungen werden schwächer und gehen verloren. Dort, wo gerade noch aktive Standorte waren, entstehen dann „lost places“, wie wir sie in altindustriellen Regionen kennen. 

Wie man aus dem Notstand eine Tugend machen will

Die Milliarden-Programme, die jetzt allerorts aufgelegt werden, sichern nur das nackte Überleben in der Not, aber sie enthalten kein Element, das aus dieser Not herausführt. Sie sind also keine „Brücke zur Normalität“ – wie manche kreative Formulierung in diesen Tagen glauben machen will. Die Milliarden bringen die Betriebe der Normalität keinen Schritt näher, weil sie das Grundproblem gar nicht berühren: Arbeitskräfte und Kunden sind am Zugang zum Wirtschaftsprozess gehindert. Ganz physisch-praktisch. Es fehlt nicht an Geld, und das unterscheidet die gegenwärtige Krise grundsätzlich von der Schuldenkrise und von allen Konjunkturkrisen der vergangenen Jahre (Jahrzehnte), die größtenteils mit dem Patentmittel des billigen Geldes beantwortet wurden. Dies Mittel hilft jetzt nicht weiter. Die Blockade der Realwirtschaft muss aufgehoben werden. Das geht nur durch Aufhebung der Notstandsmaßnahmen, die in ersten Schritten schon sehr bald erfolgen müsste. Das gilt für das gesellschaftliche Leben insgesamt. Man hört vielfach die Behauptung, dass in der jetzigen Situation ein „ganz neuer sozialer Zusammenhalt“ entstehen würde. Das ist ein merkwürdiger „Zusammenhalt“, der dadurch entsteht, dass die Bürger daran gehindert werden, sich frei zu versammeln. Nicht weniger merkwürdig ist die Kampagne “Wir bleiben zu Hause“ in den Massenmedien, die den Eindruck erweckt, man sei dann „miteinander stark“. Dabei sind es doch die Massenmedien, die in dieser Situation einen ganz einseitigen Machtzuwachs erfahren. 

Es geht um grundlegende Rechte

Auch in rechtlicher Bewertung gibt es an der gegenwärtigen Situation nichts zu beschönigen. Die ehemalige Verfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff schreibt in der FAZ vom 24. März: „Im erreichten Ausmaß lässt sich das gesellschaftliche Leben nur für einen kurzen Zeitraum regulatorisch drosseln. Das steht unabhängig von jeder Verhältnismäßigkeitsüberlegung fest… die Vorstellung, man könne die Gesellschaft als Ganze weitgehend schließen, während der Staat solange wie nötig für das Nötigste sorgt, wäre wirklichkeitsfremd.“

Die Staatsrechtler Florian Meinel und Christoph Möllers haben (in der FAZ vom 20. März) darauf hingewiesen, dass das Grundgesetz den „Ausnahmezustand“ nur für den militärischen Notstand zulässt. Und sie schreiben, dass die größte Schwierigkeit hier „nicht darin besteht, ihn zu verhängen, sondern darin, ihn zu beenden“. Die Verfassung legt fest, dass der Verteidigungsfall unverzüglich für beendet zu erklären ist, „wenn die Voraussetzungen für seine Feststellung nicht mehr gegeben sind“. Diese Entscheidung müssen Bundestag, Bundesrat und Bundespräsident gemeinsam treffen. „Was, wenn sie es nicht tun?“ fragen die Autoren, und fügen hinzu: „Um wie viel mehr gilt dies für den Ausnahmezustand einer Pandemie“. Das liegt unter anderem daran, dass bei einer Pandemie „der Feind“ und ein Ende der „Kriegshandlungen“ nicht so eindeutig feststellbar sind. Hier geht es um eine blinde, unberechenbare Naturgewalt, die sich immer wieder neu formieren kann.

Im Teufelskreis der virologischen Schutzmaßnahmen

Der Staatsrechtler Hinnerk Wißmann hat in einem Beitrag mit dem Titel „Alle Macht dem Virus?“ (gleichfalls in der FAZ vom 20. März) das Exit-Problem auf den Punkt gebracht: „In einer nie dagewesenen Weise wird in Deutschland – und fast allen Staaten unseres Verfassungskreises – im Moment die Logik des maximal möglichen Infektionsschutzes befolgt. Dafür wird insbesondere die allgemeine Öffentlichkeit praktisch aufgehoben. Wenn aber die Regierungen den richtigen Zeitpunkt verpassen, diese Logik zu durchbrechen, ist der Ast abgesägt, auf dem wir (und zuallererst auch die Krankenversorgung) sitzen.“ Und er warnt davor, sich das Gesetz des Handelns von der Virologie vorschreiben zu lassen: „Was soll in vierzehn Tagen oder auch in fünf Wochen, nach den sehr langen Osterferien, aus virologischer Sicht anders sein? Wenn wir bis dahin durchkommen – können die Seuchenmediziner anderes sagen, als das bei dem gestiegenen Grundniveau an Infizierten die weitere Schließung der allgemeinen Gesellschaft geboten sei, weil die sonst anstehende Welle an Neuinfektionen nochmals schneller und brachialer ist?“          

Den Vorrang des medizinischen Imperativs beenden

Bei den extremen Notstandsregelungen in der ersten Phase der Corona-Auseinandersetzung standen gesundheitlich-medizinische Erwägungen im Vordergrund. Es herrschte gewissermaßen ein „medizinischer Imperativ“. Damit wurden andere grundlegende Errungenschaften unserer Zivilisation und unserer Verfassung verdrängt. So etwas kann nur eine eng begrenzte Ausnahme sein. Dass es eine Ausnahme bleibt und nicht zur neuen Normalität wird, muss jetzt sichergestellt werden. Der Weg zur Beendigung des Ausnahmezustandes muss jetzt klargestellt werden. Dabei kann man eins schon sicher sagen: Diese Beendigung wird nur möglich sein, wenn der Vorrang gesundheitlich-medizinischer Dinge überwunden wird. Sie müssen wieder mit anderen Notwendigkeiten und Rechtsgütern abwägbar werden. Ein Ende des „shutdown“ wird sich niemals von allein aus den Infektionszahlen ergeben, sondern nur aus einer Gesamtschau auf die Lage des Landes, zu der das wirtschaftliche, kulturelle und politische Leben ganz wesentlich gehört.

Eine schwierige Entscheidung, die nur politisch zu treffen ist

Das (schrittweise) Ende der Notstandsregelungen muss aktiv politisch gesetzt werden. Es ist nicht nur ein Verwaltungsakt, der sich eindeutig von bestimmten Zahlen ableiten lässt. Denn es handelt sich um eine Entscheidung, die so oder so Opfer kosten wird. Deshalb ist es wichtig, sich schon jetzt auf die Dilemma-Situation vorzubereiten, in die viele Länder bald geraten können: Die Situation, in der es medizinisch noch keinen definitiven Sieg über das Virus gibt, aber wo ein Land gesellschaftlich, wirtschaftlich und kulturell am Rande des Ruins steht. Dann muss es Einschränkungen beim medizinischen Rettungsgebot geben. Genau auf eine solche Möglichkeit, die man wahrlich nicht wünschen kann, und die doch nicht unwahrscheinlich ist, müssen sich moderne, demokratische Länder vorbereiten – gedanklich und materiell.

In der vergangenen Woche hat sich die Stimmlage in etlichen Kommentaren und Leitartikeln sichtlich geändert. Unterstützte man gerade noch vorbehaltlos die Notstandsregelungen, ist jetzt von schwierigen Entscheidungen die Rede. Berthold Kohler weist in seinem Leitartikel in der FAZ vom 25.3.20 darauf hin, dass die Entscheidung für ein Ende des „Shutdown“ den Regierenden schwerer fallen wird „als das Öffnen der finanziellen Schleusen“. Gerald Braunberger schreibt im Wirtschaftsteil der gleichen FAZ-Ausgabe: „Die Aufgabe ist nicht trivial: Werden die Einschränkungen zu früh aufgehoben, ist eine neue Welle von Infektionen durch das Virus nicht ausgeschlossen. Andererseits wird es kaum möglich sein, das Land bis zur Verbreitung eines Impfstoffs lahmzulegen.“

In dieser Situation hat die Bundeskanzlerin in einer Videobotschaft verkündet, dass jetzt nicht der Zeitpunkt sei, über eine Rücknahme von Restriktionen zu sprechen. Sie hat wirklich das Wort „sprechen“ gewählt. Hätte sie nur abgelehnt, jetzt schon eine Entscheidung zu treffen, wäre es noch vertretbar gewesen. Aber der Versuch, sogar das vorbereitende Gespräch zu verhindern, ist ein ganz schlechtes Signal. Eine Denk-Quarantäne ist das Letzte, was Staat und Gesellschaft jetzt gebrauchen.

Dies ist der dritte und letzte Teil einer mehrteiligen Artikelfolge

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 2 finden Sie hier.

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Leserpost

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Gert Köppe / 13.04.2020

Über Merkels Führungsstil soll nicht nachgedacht und schon gar nicht gesprochen werden. Der ist ALTERNATIVLOS, Basta! Jeglicher Zweifel ist nicht hilfreich und daher unverzeihlich. Und…...........................wer hört diesen “Sprechblasenautomaten” eigentlich noch länger als einen Sekundenbruchteil zu? Das ist doch schon akustische Körperverletzung.

Christoph Kaiser / 13.04.2020

Ist es vorstellbar, dass noch jemand die “Würde des Amtes” derart implodieren lassen kann?

Norbert Brausse / 13.04.2020

Nicht sprechen dürfen bedeutet, dass sie die Bürger nicht ernst nehmen will. Aber hier hat sie ausnahmsweise einmal recht. Wie viele Bürger wollen denn oder haben überhaupt etwas zu sagen? Die große Mehrheit folgt doch dem Herdentrieb, wie die Umfragezahlen mehr als bestätigen. Und Besserung ist nicht in Sicht, dass zeigt doch die mehrheitliche Zustimmung zu ihrer alternativlosen Politik. Die einzige Gefahr für sie besteht darin, dass Deutschland geschwächter im Vergleich zu anderen Ländern aus der Krise hervorgeht, denn zu deren Überwindung gibt es kein Geheimrezept.

Helmut Topolski / 13.04.2020

@ Herr Loewe ” das deutsche Volk ist grenzenlos dumm ” ich hoffe sie meinen die Autoren und Kommentatoren hier nicht

Andreas Mertens / 13.04.2020

Nicht nützlich ... perspektivlos ... nicht die Zeit darüber zu reden ...  Was kommt als nächstes? Opfer mussten gebracht werden?

R. Kuth / 13.04.2020

Merkel’s Sprechverbot? Na klar, über Peinlichkeiten möchte man nicht reden! Keinen Plan, keine Vorbereitung, keinen Vorrat an medizinischem Material, aber wir sperren erst mal alle ein - nur das Virus ist, verdammt nochmal, immer noch da draußen. Auch in 3 Wochen, 3 Monaten und 3 Jahren. Genau wie Kopfläuse, Kanalratten und Kakalaken. Frau Merkel, wie geht es weiter? Weiß sie sowieso nicht, wie immer. Wie kann man so jemanden als Politikerin gut finden? Ich bin darüber fassungslos, seit Jahren.

Wolfgang Fischer / 13.04.2020

In Dresden war zu erleben, was die Merkelpolizei mit Abstand haltenden Vorlesern des Grundgesetzes auf dem Neumarkt treibt. Die werden bedrängt, denen rückt man auf die Pelle. Die ganze Diskussion um Corona soll führen wer will, es gibt nichts mehr zu sagen.

Johannes Schuster / 13.04.2020

@Richard Loewe: Wenn ich eine kommunikative Ethik als Konvention abbilde, was unterscheidet die Einigkeit im Konsens -operativ- von einer ausdrücklichen Abmachung (Verschwörung) ? Das Problem mit dem Begriff “Verschwörungstheorie” ist, daß man mit ihm auch den bloßen Konsens ausblendet, der aber ausreicht eine Gemeinsamkeit in der Handlung zu repräsentieren. Die Vorstellung einer Planung durch einen Zirkel Jesuiten in der Krypta ist Comic. Wenn sich aber drei Jesuiten beim Essen im Gespräch einig werden morgen in den Puff zu gehen, dann ist das ein Agreement. Und in diesem Rahmen von Agreements bewegt sich Corona, sonst würde eine Partei ja ausscheren - tut aber keine. Es gibt eine Konvention, und diese heißt “Gleichschaltung”. Die Vorstellung der Briten von Junker- Verschwörungen im dritten Reich war ähnlicher Unfug, der das unerklärliche Phänomen greifbarer machen sollte, daß sich die Deutschen schlicht auf einem Nenner gefühlt - abstrakt einig waren. Und solch eine Einigkeit kann man abstrakt auch in anderen Dingen erzielen, wenn man genug angepasste relotierende Journalisten hat, die sich alle gerne vom Führer gearschtätschelt fühlen wollen. Dann kommt noch die Interdependenz dazu, die Wertbestätigung, der Narzissmus des Jünglings mit der Feder und schon ist die Suppe fertig, die aussieht, als hätte sie einen Regisseur - hat sie aber nicht, es sei denn man erachtet den Konsens als Überwesen und Teil - Ich. In gewissem Maß kann man das mit Jane Elliotts Experiment nachweisen, diese Super - und Suprapersönlichkeit in Konventionen. Wer die “Verschwörung” im ungesprochenen Konsens noch plastischer erleben will dem empfehle ich den Streifen “Triumph des Willens”.  Man braucht am Ende der Kettenreaktion nicht mehr nach dem ersten Neutron zu fragen, denn kein Neutron (ne - uter) hat einen Willen über seine Funktion hinaus. Das ist das Problem mit einer Masse - im Fach ausgefüllter Halb - Ichs.

Paul Eickhoff / 13.04.2020

Ich bin nicht besorgt, sondern entsetzt und wütend, mit welcher Selbstverständlichkeit jetzt den „Älteren“ ihr Grundrecht auf Freiheit und Selbstgestaltung ihres Lebens auf lange Zeit -oder für immer?- genommen werden soll. Wer gibt dieser Regierung und der EU das Recht zu solch einem unglaublichen Eingriff. Die Äußerungen von Frau Von Der Leyen „dass der Notfall noch viele Monate andauern wird, und betont, dass die Isolation für ältere Menschen bis Weihnachten andauern könnte“ sind an Selbstherrlichkeit kaum zu überbieten. Es geht offensichtlich nicht darum, „Ältere“ durch Beratung und Begleitung in einer vorsichtigen Lebensweise zu unterstützen und als Mitbürger an der Gemeinschaft teilnehmen zu lassen, sondern sie wie Kleinkinder auf unbestimmte Zeit in einen Laufstall zu sperren, und das aus „Sorge um unsere geliebten Alten“. Bemerkt niemand dieser Gottgleichen mehr die Schlangen der Diktatur, die hier schon freudig züngeln, wenn das Leben zum Spielsand rechtsfreier Experimente degradiert wird. Ich bin nach dem Krieg geboren, aber genau solch eine Freiheits- und Menschen-Verachtung habe ich schaudernd mit den Nazis verbunden.  Lese ich diese Tendenzen, die ja auch schon von Journalisten „angedacht“ werden, frage ich mich in diesem Europa ernsthaft, wo solche „Fürsorge“ endet und wann der Gedanke aufkommt, auch die Rentenkosten gleich mit zu regeln. Denn eines ist klar: einen älteren Menschen seinem sozialen Umfeld, seinen Freuden, seinen Bedürfnissen und seiner Perspektive auf einen erfreulichen Lebensabend durch langanhaltenden Hausarrest zu entreißen, wird für viele von uns auch ein Todesurteil sein.

A. Ostrovsky / 13.04.2020

Nur Hirntote tun sich dieses Geschwafel noch an. Ich ertrage das nicht mehr. Es ist für mich ohne jede Bedeutung, was diese Frau sagt. Es erreicht mich nicht.

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