Thomas Rietzschel / 10.12.2018 / 15:00 / 22 / Seite ausdrucken

Merkels großer Bohei um Merkel

Viele waren zu Tränen gerührt, als Angela Merkel am vergangenen Freitag zum letzten Mal als Anführerin bei einem Parteitag der CDU auftrat. „Danke Chefin“ stand auf den Plakaten, die von Mitgliedern der Frauen-Union hoch gehalten wurden. Die Berichterstatter übten sich nachher in ehrfürchtiger Zurückhaltung. Die Süddeutsche Zeitung beispielsweise, zollte der großen Vorsitzenden Respekt, weil sie es vermieden habe, „den Saal mit Pathos zu begeistern“. „Eine Analyse mit feinen Botschaften“ sei ihre nur 34 Minuten lange Rede gewesen.

Ich habe davon nichts mitbekommen, statt dessen, von Phoenix live übertragen, eine Rede gehört, in der sich Angela Merkel als die Retterin der CDU feierte. Rückblickend auf das Jahr 2000, sagte sie, damals habe die „CDU am Boden“ gelegen. In dieser „Schicksalsstunde“, als sie die Führung übernahm, hätten sich die politischen Gegner bereits „die Hände gerieben“, gehofft, dass sich die Partei von der „Spendenaffäre niemals erholen würde“. Die CDU habe „politisch, moralisch und nicht zuletzt finanziell vor dem Aus“ gestanden, während sie heute wieder festen Boden unter den Füßen spüre.

Kein Wort darüber, dass die Partei seinerzeit zusammen mit der CSU trotz allem noch Zustimmungswerte von mehr als 35 Prozent erreichte, indes die christliche Koalition 2017, bei der letzten Bundestagswahl, froh sein musste, mit 32,9 Prozent das rettende Ufer zu erreichen. Doch von derart kleinlichen Rechenexempeln wollte sich MM, Mutti Merkel, die gute Laune beim Vortrag ihrer Erfolgsbilanz nicht verderben lassen. Auf dem Programm stand, was sie angeblich nicht wollte, „der große Bohei um sie“.

Was vom Eigenlob übrig bleibt

Da aber Eigenlob bekanntlich einen ziemlichen üblen Geruch hinterlässt, muss es zum Auftakt des CDU-Parteitags in der Hamburger Messehalle mächtig gestunken haben. Geradezu benebelt wirkten die Teilnehmer von dieser dicken Luft. Noch einmal gebärdeten sie sich wie die tanzenden Derwische. Standig Ovations, bis es der Bejubelten selbst zu viel wurde. Verzückte Gesichter, wohin die Kamera schwenkte, der Taumel einer entrückten Masse.

Scheiden tut weh - erst recht, wenn man sich daran gewöhnt hat, an der Hand genommen zu werden und ansonsten still vor sich hinzudämmern. Wer der CDU angehört, musste jahrelang nichts sagen, weil er nichts mehr zu sagen hatte. Es genügte, die Klappe zu halten, um von der Partei versorgt zu werden. Seit Merkel das Gültige vorgab, hatte die Stunde der Feiglinge und Hofschranzen geschlagen. Sonderlinge, die sich wie Wolfgang Bosbach oder Vera Lengsfeld damit nicht abfinden wollten, hatten ihr Päckchen zu tragen. Die Mehrheit kehrte ihnen den Rücken; in der Kuhwärme der Partei durften sie sich nicht länger geborgen fühlen.

Indem sie mit strenger Hand durchgriff, hat Angela Merkel die Mehrheit der Parteisoldaten von Volker Bouffier bis zum letzten Hinterbänkler nicht nur entmündigt, sondern sie zugleich vor dem peinlichen Eingeständnis eigener Mutlosigkeit bewahrt. Konnten sich die Hasenfüße, die Heulsusen und die Schwanzeinkneifer doch allemal sagen, dass ohnehin nichts gegen den Willen der „mächtigsten Frau der Welt“ auszurichten sei.

Hasenfüße, Heulsusen und Schwanzeinkneifer

Aufgemuckt wurde hinter vorgehaltener Hand. Was darüber hinaus ging, galt als „parteischädigend“. So hatte es die Vorsitzende mit der Muttermilch ihrer kommunistischen Erziehung eingesogen. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, hieß es in der DDR. Sicher, auch frühere Kanzler, Konrad Adenauer und Helmut Kohl vor allem, sind mit ihren innerparteilichen Kritikern nicht eben zimperlich umgesprungen. Doch erst unter Angela Merkel ist die Katzbuckelei als Kultur der Partei aufgeblüht. Ihre Mitglieder gewöhnten sich an das süße Leben in der Sonne einer majestätisch ausgeübten Macht.

Ja, der jetzt abgetretenen Vorsitzenden ist es gelungen, die Christlich Demokratische Union Deutschlands 18 Jahre lang pro forma am Leben zu erhalten. Das ist unbestreitbar, auch wenn die Partei unterdessen tatsächlich am Boden liegt, inhaltlich so ausgezehrt ist, wie das in der „Schicksalsstunde“ des Jahres 2000, nach der Wahl Angela Merkels zur Vorsitzenden, niemand für möglich gehalten hätte. Der große Coup.

Das Personal, das mutig und Willens genug wäre, nun wieder für eine Umkehr zu sorgen, ist bisher nicht hervorgetreten. Auf dem Parteitag in Hamburg dominierten nach wie vor die Claqueure der autokratischen Herrschaft. Ob sie sich fortan im Schatten von Annegret Kramp-Karrenbauer ebenso abducken werden wie in dem ihrer Vorgängerin, bleibt abzuwarten. Überraschend wäre es nicht.

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Leserpost

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Dietrich Herrmann / 10.12.2018

Denn sie wissen nicht, was sie tun… Dieser CDU-Parteitag war einer der Irren. Da wird Merkel mit stehenden Ovationen bejubelt und beweihräuchert für ihre Zeit als Parteivorsitzende, und zwar genau diejenige Person, die die Partei heruntergewirtschaftet, gespalten und bald bis in den Abgrund geführt hat. Und genau diese Spaltung und diesen Niedergang zu bekämpfen schwingt sich eine Marionette Merkels in einer “kämpferischen” Rede auf - und wird dafür ebenso gefeiert. Ist das nicht irre? Sind da nicht Psychopaten am Werk, sind diese Genossen nicht irgendwie geistig gestört? Merkt das Volk nicht, wie hirnrissig das alles ist?

Gudrun Meyer / 10.12.2018

Nicht nur die Union, die ganze polit. Klasse versagt seit langem, wo sie nur kann. Merkel setzte sich 2010 über die Finanzhoheit des Bundestages hinweg- null Reaktion. Merkel zog den AKW-Stecker ´raus, kurz nachdem sie die weitere Laufzeit bewilligt hatte - null Reaktion. Merkel erzwang das Offenhalten der Grenzen für eine zuströmende Völkerwanderung - null Reaktion. Und als in Sachen Migrationspakt der Bundestag über eine Bürgerpetition gegen diesen Pakt sprach, grölte die Integrativgrüne Filiz Polat, die Petition sei “antisemitisch” und die Sache war erledigt, obwohl der Verwurf erlesen absurd war. Vermutlich hätten Merkel und die vergrünisierte Union bei den Bundestagswahlen noch viel mehr Stimmen verloren, wenn nicht die anderen Parteien genauso versagt hätten wie CDU und CDU. Inzwischen haben alle diese Politheinis und -Henrietten die Unterzeichnung des Migrationspaktes (in dem es dauernd “verpflichtet sich” heißt, dessen Unverbindlichkeit aber der Grund gewesen sein soll, nach Marrakesch zur Unterschrift zu fliegen) auch deshalb beschlossen, weil sie sich so richtig mutig gegen die Finsterlinge von der AfD stellen “mussten”, die gegen den Pakt waren, na, und was die AFD nicht will, muss ja guuut sein. Also beschließt man das, was die AfD verhindern will und wenn es ein absehbarer Bürgerkrieg ist, dann beschließt man halt den Bürgerkrieg. Wichtig ist nicht, ob D in ein paar Jahren sozial zusammenbricht, sondern ob die “demokratischen” Parteien heldenhaften Widerstand geleistet und immer das bewilligt haben, was die “Rechtspopulisten” aus egal welchen Gründen ablehnten.

Daniel Gildenhorn / 10.12.2018

Ich weiß immer noch nicht, ob die # eine Künstlerin, eine Klempnerin oder doch eine IT-Fachfrau ist. Aber das, was sie hier installiert hat, übertrifft alle Prognosen. Danach braucht man wirklich eine komplette Formatierung und einen neuen Kuratoren/Installateur mit einem sauberen Programm.

Karla Kuhn / 10.12.2018

“.... pro forma am Leben zu erhalten” trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn sie allerdings endlich völlig von der Bildfläche verschwunden ist, dann werden die “Aufräumarbeiten sicher nicht pro forma sein !!

Wulfrad Schmid / 10.12.2018

Merkel ist nicht nur die Zerstörerin der konservativ-liberalen CDU, sondern auch die Zerstörerin der freiheitlichen Demokratie, die unser Land bis vor anderthalb Jahrzehnten noch lebenswert machte. Merkel ist eine stramme Sozialistin, immer gewesen (auch zu DDR-Zeiten, denn niemand wird hoher FDJ-Funktionär, der nicht stramm auf Linie ist!) und immer geblieben. Sie hat sich die kruden Ideologien der Linken und Grünen zu eigen gemacht und diktatorisch, undemokratisch ihr Linie durchgeboxt. Feudalherrscher hatten wir zuletzt bis 1918 und Diktatur im Westen 1933 bis 1945, im Osten 1933 bis 1989. Merkel wird in die Geschichte eingehen als das schlimmste Unglück, das Deutschland seit 1945 geschehen ist. Merkel ist schlimmer als die DDR-Diktatur, die war offen und jeder wusste, was er sagen darf und was nicht. Heute weiß man nicht, was man morgen noch sagen darf und was nicht.  Merkel hat Deutschland (und damit ein funktionierendes Europa) zugrunde gerichtet. Und dem Feind (Islam) preisgegeben. Das ist Hoch- und Landesverrat. Diese Person gehört angeklagt, abgeurteilt und lebenslang weggesperrt (in Hohenschönhausen sind noch Zimmer frei, wie ich höre).

Gabriele Schulze / 10.12.2018

Ja eben. Da haben wir sie doch, die Haltungslosen, die gekrümmt Blockflöte üben! Leider sehr schön plastisch gezeichnet, Herr Rietzschel!

Dr.H.Böttger / 10.12.2018

“Das Personal, das mutig und Willens genug wäre, nun wieder für eine Umkehr zu sorgen, ist bisher nicht hervorgetreten. ” sagt der Autor T. Rietzschel sehr treffend. Hervorragendes Beispiel für braves Lakaientum ist de Maiziere, der frühere Innenminister. Hat als solcher von seiner Herrin drei schwere Fußtritte kassiert (Entbindung von Aufgaben durch Übertragung an Altmaier,  Ablösung durch Seehofer aus machiavellistischem Kalkül,  Verhöhnung zum Lohn seiner Feigheit: “der hätte (zur Grenzöffnung) nur Nein zu sagen brauchen”). Jetzt steht er als Klatschhase in hinteren Reihen und kann aus Dankbarkeit gar nicht aufhören zu klatschen. Lakaienseligkeit.

Constanze Rüttger / 10.12.2018

Vielleicht gab es ja Standig Ovations, weil die sich insgeheim alle freuen, dass die Raute (fast) weg ist. Die haben das nur als Respekt getarnt ;-)

Andreas Rühl / 10.12.2018

Merkel ist mir wurscht, aber ein kleiner Halbsatz aus dem Artikel weist auf etwas Richtiges hin: Die inhaltliche Leere, die Frau Merkel in der CDU hinterlässt. Die programmatische Wüste. Wer kann denn heute noch sagen, wofür diese Partei steht? Sie folgt damit der SPD in den Untergang, wenn nicht sehr bald eine Renaissance bürgerlicher Prinzipien (Leistung, Selbstveranwortung statt Umverteilung und Staatsfürsorge, um nur das Wichtigste zu nennen) Einkehr hält. Es sieht aber so aus, als wolle AKK die grünurbanen Wähler zur Union zurückholen, indem sie mit “Wertekonservativismus” (gemeint ist das “C”) und ein bisschen Law and Order (“innere Sicherheit”) die rotgrüne Merkel CDU übertüncht. Das erscheint mir als fataler Irrtum. Das wird nicht funktionieren. Damit wird sie den wirtschaftsliberalen Flügel abspalten und zugleich die bürgerlichen Pragmatiker. Dass es so weit kommen konnte, liegt natürlich an Merkels “entpolitisierter Politik”. Solange Merkel da war, fiel das dem einfachen bürgerlichen Wähler nicht auf. Dass bereits die Nachfolge zur Zerreißprobe wird, obwohl die Kandidaten programmatisch nicht weit voneinander entfernt waren, zeigt, dass die Strukturkrise weit tiefer reicht, als AKK denkt. Sie meint, sie könne verhindern, dass sich die Partei spaltet. Diese Partei ist aber bereits gespalten. Und - ich wage mal eine Prognose - AKK wird diesen Riss auch nicht mehr kitten können, nicht mal überkleistern.

Petra Wilhelmi / 10.12.2018

Übrigens, es lässt sich niemand entmündigen. Dazu gehören immer 2. Bei der CDU die Obergottheit und der rückgratlose Vasall, der schon vorher nie einen eigenen Gedanken gedacht hat. Gerade Frau Lengsfeld ist das beste Beispiel dafür, dass man nur eine bestimmte Gruppe von Menschen entmündigen kann, aber nie jemanden, der aufrecht geht, wie eben Frau Lengsfeld.

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